„Die Herzhose kann Leben retten“

Arterielle Verschlusskrankheiten sind die Hauptursache für Beinamputationen. Wissenschaftler Philipp Hillmeister hat eine Hose entwickelt, die den Blutfluss beschleunigt und so Amputationen, Herzinfarkte und Schlaganfälle verhindern soll. 

Herzhose
Dem Patienten werden dabei Manschetten um den Unter- und Oberschenkel und Gesäß gelegt. © Medizinische Hochschule Brandenburg

Bmbf.de: Herr Hillmeister, Sie haben im Projekt „AngioAccel“ die Herzhose erforscht und entwickelt – Was genau ist das?

Philipp Hillmeister: Ein einzigartiges Medizinprodukt zur Therapie von schweren Durchblutungsstörungen in den Beinen – der sogenannten peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, kurz pAVK. Bei Erkrankten müssen sehr häufig die Beine amputiert werden. Zudem ist das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erhöht. Die Herzhose kann das Risiko verringern: Sie kann Leben retten.

Wie kann eine Hose das schaffen?

Philipp Hillmeister
Dr. Philipp Hillmeister leitet das Projekt AngioAccel. © JACQUELINE STEINER

Die Ursache für die pAVK ist in über 90% der Fälle die Atherosklerose: Das ist eine Erkrankung, bei der Blutgefäße verkalken, wodurch die Durchblutung gestört wird. Betroffene leiden unter starken Beinschmerzen, sie ziehen sich zurück und bewegen sich immer weniger – das verschlimmert die Krankheit nur noch. Die Herzhose hilft, da sie den Blutfluss erhöht und Bewegung simuliert.

Können Sie das genauer erklären?

Wir wickeln den Patienten Manschetten um die Hüfte und die Oberschenkel. Diese ziehen sich rhythmisch im Takt des Herzens zusammen. Das beschleunigt den Fluss des Blutes durch die Beinarterien – und sie „denken“, der Patient treibe Sport, obwohl dieser bei der Therapie liegt.

Ermutigen Sie die Patienten dadurch nicht, sich noch weniger zu bewegen?

Im Gegenteil! Erkrankte bewegen sich aufgrund der starken Schmerzen zu wenig. Die Therapie aktiviert die Regenerationskraft der Arterien und stärkt das Herz-Kreislaufsystem. Dadurch werden die Schmerzen weniger, Patienten können wieder selbstständig trainieren und aktiver leben.

Das Bundesforschungsministerium hat Sie dabei unterstützt, Ihre Idee von der Forschung in die Anwendung zu bringen: Wie ist der aktuelle Stand?

Das Vorhaben AngioAccel wurde vor kurzem erfolgreich abgeschlossen. Auf der Basis der Ergebnisse zum Antepuls-Verfahren haben die Projektnehmer im März 2020 die Antepuls GmbH mit Firmensitz in Berlin gegründet. In Kooperation mit weiteren wissenschaftlichen und gewerblichen Akteuren soll das Verfahren jetzt einer breiten Patientengruppe zugänglich gemacht werden.

AngioAccel

Während der Forschungsphase hat das BMBF das AngioAccel-Projekt der Medizinischen Hochschule Brandenburg mit der Maßnahme „Validierung des technologischen und gesellschaftlichen Innovationspotenzials wissenschaftlicher Forschung – VIP+“ gefördert.