„Die Infrastruktur der Hochschulen ist heute zum Teil moderner als in den alten Bundesländern“

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka  über wissenschaftliche Leuchttürme zwischen Rostock und Suhl, ausländische Spitzenforscher und über die Tugenden der Deutschen. Ein Interview mit „Wirtschaft und Markt“ vom 13. Juli 2016

Bundesministerin Johanna Wanka © BMBF/Hans-Joachim Rickel

W+M: Frau Bundesministerin, wie ist es aktuell um die Wissenschaft in Deutschland bestellt?

Johanna Wanka: Ja, woran misst man das? Wenn man sich anschaut, wie uns andere einschätzen, dann können wir uns freuen. Bei den Innovationsrankings in Europa sind wir stets unter den ersten drei Ländern. Das Weltwirtschaftsforum hat sich 140 Staaten angeschaut und da ist Deutschland auf Platz vier. Ein Land mit nur einem Prozent der Weltbevölkerung auf Rang vier der Industrienationen, das kann sich sehen lassen. Übrigens, nach China sind wir das zweitstärkste Land, was den Export von Hightechgütern betrifft. Bei den Patentanmeldungen pro einer Million Einwohner sind wir doppelt so gut wie die USA. In der Quintessenz ist der Stellenwert von Forschung und Innovation in Deutschland sehr gut. Wir merken das auch am absolut verstärkten Interesse von ausländischen Studierenden und Wissenschaftlern. Nach den USA und Großbritannien sind wir das drittbeliebteste Studienland der Welt.

W+M: Wie steht es um die Forschungslandschaft in den neuen Bundesländern und Berlin?

Johanna Wanka: Wenn man sich die Forschungslandschaft anschaut, dann ist es immer eine Kombination aus der Forschung, die die Wirtschaft finanziert, und der staatlich finanzierten Forschung an Universitäten, Hochschulen und den vielen außeruniversitären Instituten. In den neuen Bundesländern hatten wir nach 1990 eine starke Veränderung der Wissenschafts- und Forschungslandschaft. Doch bis heute haben wir die Situation, dass der Großteil der Forschung öffentlich finanziert ist. Nur ein Drittel wird durch die Wirtschaft bezahlt. In den alten Bundesländern ist das umgekehrt. Deswegen brauchen wir in den neuen Bundesländern nach wie vor eine anders geartete Forschungsförderung. Das ist keine Nachhilfe, sondern ein Reagieren auf die immer noch veränderte Struktur in den neuen Ländern.

Inzwischen haben die Innovationsausgaben der Unternehmen in den neuen Bundesländern die 10-Milliarden-Euro-Marke überschritten, da ist also auch eine Entwicklung. Aktuell gibt es 94.000 Vollzeitarbeitsplätze in Wissenschaft und Forschung, davon sind 59.000 Arbeitsplätze im öffentlichen Sektor.

Allerdings haben wir bereits festgestellt, dass die Drittmitteleinwerbung pro Professor in den neuen Ländern durchschnittlich höher ist als in den alten Bundesländern. Das ist ein Indiz dafür, dass sich die Wirtschaft hierzulande zunehmend an der Forschung beteiligt.

W+M: Welche wissenschaftlichen Leuchttürme zwischen Rostock und Suhl würden Sie an diese Stelle nennen?

Johanna Wanka: Was uns sehr begeistert, ist Wendelstein in Greifswald, wo jetzt das erste Plasma in einem Fusionsexperiment des Typs "Stellarator" erzeugt werden konnte. Das ist ein Meilenstein in der Grundlagenforschung. Dann haben wir das hohe Interesse an einem Studium in den neuen Bundesländern, beispielsweise in Dresden, wo die Universität bei der Exzellenzinitiative erfolgreich war. Oder wenn ich sehe, was wir für Exzellenzcluster in Chemnitz eingeworben haben oder Graduiertenkollegs. Auch die Geisteswissenschaften sind gerade in den neuen Bundesländern an ganz vielen Stellen präsent. OncoRay in Dresden ist ein Beispiel für Spitzenforschung in der Radioonkologie, wo ein Verfahren zur punktgenauen Bestrahlung von Tumoren entwickelt wurde. Wir haben Silicon Valley als Cluster in Mitteldeutschland oder das Mikroelektronik-Cluster in der Dresdner Region. All das sind Leuchttürme in den neuen Ländern.

W+M: Seit rund 10 Jahren gibt es die Exzellenzinitiative zur Förderung von Spitzenforschung, in die bislang knapp fünf Milliarden Euro geflossen sind. Inwieweit haben davon auch Wissenschaftseinrichtungen in den neuen Ländern profitiert?

Johanna Wanka: Etliche Einrichtungen haben davon profitiert. Wir haben Exzellenzcluster, Graduiertenschulen und wir haben mit der TU Dresden sowie der Humboldt-Universität und der Freien Universität in Berlin insgesamt drei Exzellenzuniversitäten.

W+M: Spitzenforschung erfordert Spitzenpersonal. Ist Deutschland im internationalen Wettbewerb um die klügsten Köpfe konkurrenzfähig?

Johanna Wanka: Wir sind konkurrenzfähiger geworden, ganz anders, als noch zum Ende der 90er Jahre, als wir unter einem regelrechten Braindrain litten. Heute haben wir das Renommee als Studienland, wo gern studiert und promoviert wird. Was die Wirtschaft noch nicht ausreichend geschafft hat, ist, dass möglichst viele Absolventen nach Beendigung ihres Studiums zumindest für einige Jahre in unsere Unternehmen gehen. Das klappt in den USA bislang besser.

Es gelingt uns zunehmend, Spitzenforscher nach Deutschland zu holen. Dafür haben wir Instrumente geschaffen, zum Beispiel die Alexander-von-Humboldt-Professur. Da gibt es pro Professur für Geisteswissenschaften drei Millionen Euro und für Naturwissenschaften fünf Millionen Euro, die wir für Forschung und Arbeiten geben, mit der Option, eventuell zu bleiben.

Wenn Spitzenforscher zu uns kommen, schätzen sie an Deutschland zum einen die hohe Verlässlichkeit, was die Priorität von Wissenschaft und Forschung betrifft, aber auch die vielen zu erforschenden Schätze, die sich in den Sammlungen und Archiven der Universitäten befinden. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Tugenden der Deutschen – Ihre Sammlerleidenschaft und die seit jeher betriebene präzise Archivierung – in Kombination mit den neuen Forschungsmöglichkeiten machen unser Land für ausländische Forscher besonders attraktiv.

W+M: Neben der gerade genannten Exzellenzinitiative fördert Ihr Haus auch gezielt kleine Hochschulen und Fachhochschulen. Wie funktioniert das konkret?

Johanna Wanka: Erst Mitte Mai haben Bund und Länder das Programm „Innovative Hochschule“ beschlossen. Über dieses Programm können auch kleinere Hochschulen und Fachhochschulen, die gut im Transfer und der angewandten Forschung sind und die in ihre Regionen in Bezug auf Fachkräfte und Innovation ausstrahlen, gefördert werden. Wir geben dafür in den nächsten Jahren 500 Millionen Euro aus.

Außerdem läuft bereits ein Programm, das darauf abzielt,  zehn der forschungsstärksten Fachhochschulen der Republik zu fördern. Das ist eine Unterstützung, die stärker auf Anwendungsorientierung setzt. Ziel ist es, dass die Fachhochschulen in ihren Regionen noch mehr zu Innovationszentren werden, nicht nur bei technischen Entwicklungen, sondern auch für betriebswirtschaftliche und soziale Fragen.

W+M: Seit drei Jahren sind Sie Bundesministerin für Bildung und Forschung. Davor haben Sie die Wissenschaftsressorts in Brandenburg und Niedersachsen geführt. Vor dem Hintergrund dieser umfassenden Erfahrungen – gibt es heute noch Unterschiede in der Hochschullandschaft der alten und neuen Bundesländer?

Johanna Wanka: Kaum. In den Hochschulen hatten wir in den neuen Bundesländern ja einen Neuaufbau, auch beim Personal. Das ergab eine gute Durchmischung von Forschern aus den alten Ländern mit denen aus den neuen Bundesländern. Wir haben in den neuen Ländern stark profitiert von zahlreichen Aufbauprogrammen. Daher ist die Infrastruktur in der Hochschullandschaft der neuen Bundesländer zum Teil moderner als in den alten Bundesländern. In den Hochschulen gibt es diese Ost-West-Thematik heute eigentlich nicht mehr.

W+M: In Ostdeutschland ist die Wirtschaft durch einen zumeist kleinteiligen Mittelstand geprägt. Es gibt kaum Konzerne und große Unternehmen. Kleine Unternehmen haben jedoch kaum eigene Kapazitäten für Forschung und Entwicklung. Was tut Ihr Ministerium, um Mittelstand und Forschung enger zusammenzubringen?

Johanna Wanka: Seit Mitte der 90er Jahre gibt es zahlreiche Programme. Wir haben aber insgesamt die Situation in Deutschland, dass die kleinen und mittleren Unternehmen noch nicht genug an den vorhandenen Forschungsmitteln partizipieren. Die Förderung des Bundes ist zwar über die Jahre gewachsen, die Innovationskraft der kleinen und kleinsten Unternehmen ist jedoch konstant geblieben und hat sich mitunter sogar abgeschwächt. Das war für uns der Anstoß für das Programm „Vorfahrt für den Mittelstand“, das wir im Januar 2016 gestartet haben. Mit ganz konkreten Änderungen in der Förderkulisse in unserem Haus. Zum Beispiel muss jetzt ein Unternehmen nicht gleich einen kompletten Antrag auf Forschungsförderung stellen, der möglicherweise sehr aufwendig ist. Es genügt zunächst, nur eine Skizze einzureichen. Dann bekommt das Unternehmen eine Einschätzung, ob es sich lohnt, einen Antrag zu stellen oder ob es von vornherein wenig Aussicht auf Erfolg gibt. Wir wollen damit auch die Unternehmen noch zielgerichteter mit den Fachhochschulen zusammenbringen und so nach wie vor bestehende Berührungsängste abbauen.

W+M: Sie engagieren sich dafür, jungen Flüchtlingen mit Bleibeperspektive und den entsprechenden akademischen Voraussetzungen ein Studium in Deutschland zu ermöglichen. Wie ist da der Stand der Dinge?

Johanna Wanka: Vorrangig ist zunächst, die studierfähigen jungen Flüchtlinge auf ein Studium vorzubereiten. Sie müssen, selbst wenn sie das Abitur haben, in der Regel erst auf Studierniveau geführt werden, auch was die deutsche Sprache betrifft. Das geschieht in den Hochschulen durch die Studienkollegs. Wenn sie dann in die Hochschulen kommen, brauchen sie eine intensivere Betreuung. Für diese Maßnahmen haben  wir unkompliziert Geld zugesagt und die Umsetzung läuft. Unser Ansatz ist: Keine Absenkung des Niveaus, sondern aktive Hilfestellung beim Einstieg in die Hochschulausbildung.

W+M: Als langjährige Wissenschaftlerin und Wissenschaftspolitikerin gehört es zweifellos zu Ihrem Tagwerk, sich mit Zukunftsfragen und Visionen zu befassen. Daher unsere Frage: Wo werden die neuen Bundesländer in punkto Forschung, Bildung und Fachkräftesicherung im Jahr 2030 stehen? Wagen Sie eine Prognose?

Johanna Wanka: Ich lehne solche Kaffeesatzleserei eigentlich ab. Aber 15 Jahre sind ja noch halbwegs überschaubar. Ich hoffe, dass es uns gelingt, unsere Wettbewerbsfähigkeit zu halten und vielleicht noch zu steigern. Das erfordert große Anstrengungen im Bildungsbereich, aber auch im Transferbereich und bei der Fachkräfteausbildung sowie bei der Integration von Flüchtlingen mit Bleibeperspektive in den Arbeitsmarkt. Bezogen konkret auf die neuen Bundesländer hoffe ich sehr, dass die exzellente Forschungsinfrastruktur vor allem auch von vielen Unternehmen genutzt wird, um noch mehr Forschungspersonal in diese Region zu holen. Also aus der Chance, die wir jetzt dort haben, auch wirklich einen Erfolg zu machen.

W+M: Welche persönlichen Pläne haben Sie für die Zeit nach der Bundestagswahl 2017?

Johanna Wanka: Wir arbeiten konzentriert und nächstes Jahr ist die Wahl und da kämpfen wir natürlich dafür, dass es ein gutes Ergebnis gibt. Und dann werden wir sehen, wie  es weitergeht.

Interview: Karsten Hintzmann und Frank Nehring