Die neue Hightech-Strategie – Erfolgsmodell für Deutschlands Zukunft

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, anlässlich der 3. Clusterkonferenz am 30. Juni 2015 in Berlin

Johanna Wanka auf der 3. Clusterkonferenz in Berlin
Johanna Wanka auf der 3. Clusterkonferenz in Berlin © Hans-Christian Plambeck

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren!

Die chinesische Regierung hat jüngst eine Innovationsstrategie verabschiedet, mit der sich das Land zur führenden innovativen Industriemacht mausern will. Die Amerikaner legen in der Digitalisierung ein hohes Tempo vor. Angesichts dieser Ambitionen muss Deutschland den Innovationskurs mit seinen erfolgreichen Clustern weiter halten. Und wir müssen die digitale Revolution aktiv gestalten.

Mit der neuen Hightech-Strategie haben wir eine umfassende Innovationsstrategie vorgelegt. Darin wurde das Gute, das sich seit 2006 bewährt hat, erhalten, es wurde aber auch auf die internationalen Entwicklungen der vergangenen Jahre reagiert. Mit dem Zukunftsprojekt „Industrie 4.0“ haben wir frühzeitig auf die Digitalisierung gesetzt und sind zum Ideengeber geworden. Dabei adressieren wir alle Akteure in der Innovationskette: Die kreative Gründerszene, kleine, mittelständische und große Unternehmen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und auch die Bürgergesellschaft. Die Spitzencluster als Flaggschiffe der Hightech-Strategie sind bestens geeignet, um alle Akteure im Innovationsgeschehen miteinander zu vernetzen.

I.

Immer wieder ist zu hören, Deutschland sei zwar Meister im inkrementellen Verbessern bestehender Technologien, habe aber noch Potenzial bei der Umsetzung von Sprunginnovationen aus der Grundlagenforschung. Eine amerikanische Untersuchung hat kürzlich bestätigt, dass die Deutschen es immer wieder schafften, in Bereichen, in denen sie sehr gut seien, sich zu erneuern und an der Spitze der Welt zu stehen, dass sie es aber immer noch nicht richtig auf der grünen Wiese packen. Wir sind sehr stark daran interessiert, dass wir aus der breiten Grundlagenforschung, die in Deutschland richtig gut aufgestellt ist, zu Sprunginnovationen gelangen. An dieser Stelle setzen die Spitzencluster an. Sie bündeln die Kompetenzen einer Region und bieten damit hervorragende Voraussetzungen für die Umsetzung bahnbrechender Forschungsergebnisse, weil sie Wirtschaft und Wissenschaft klug miteinander verbinden.

Nehmen wir den Spitzencluster MAI Carbon im Städtedreieck München-Augsburg-Ingolstadt: Bildungs- und Forschungseinrichtungen aus den Werkstoffwissenschaften, der Strukturmechanik und Prozesstechnologie haben sich mit Unternehmen aus der Luft- und Raumfahrt, der Chemie sowie dem Automobil-, Maschinen- und Anlagenbau zusammengeschlossen. Die Partner wollen carbonfaserverstärkte Kunststoffe zur Serienproduktion bringen. Das ermöglicht massive Energie- und Ressourceneinsparungen, was gerade für die Umsetzung der Elektromobilität wichtig ist. MAI Carbon etabliert damit die Region als europäisches Kompetenzzentrum für Faserverbundwerkstoffe und rechnet mit bis zu 5.000 neuen Arbeitsplätzen.

Weil dafür die Fachkräfte fehlen, hat der Spitzencluster eine Bildungsoffensive gestartet: Von Angeboten für Kinder, über Konzepte zum forschenden Lernen in den Schulen und die Ausbildung zur IHK-Fachkraft bis hin zum neuen Bachelorstudiengang „Faserverbund-technologie“ und Promotionen an Partnerhochschulen. Das Beispiel zeigt: In den Spitzenclustern wird an alles gedacht!

Aber woher wissen wir, dass wir die „richtigen“, also zukunftsfähigen Cluster fördern? Den Spitzencluster-Wettbewerb selbst haben wir frühzeitig durch das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung evaluieren lassen. Und auch die Expertenkommission Forschung und Innovation hat sich mit unserer Clusterpolitik auseinandergesetzt.

Diese umfassende Evaluierung hat Folgendes ergeben: Nachhaltigen Erfolg haben die Cluster, die

- bereits vor der Förderung eine kritische Masse an Technologie- und Innovationspotenzial aufweisen,
- Technologien adressieren, die kurz vor dem Durchbruch stehen, und
- über ein durchsetzungsfähiges Clustermanagement mit herausragenden Führungspersönlichkeiten verfügen.

Staatliche Top-Down-Ansätze, also die Schaffung von Technologiestandorten aus dem Nichts, sind demnach nicht nachhaltig. Das führungsstarke Clustermanagement und die hochkompetenten Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft machen einen starken Cluster zu einem Spitzencluster!

Wie die europaweite Patentanalyse des RWI aufzeigt, haben wir tatsächlich die innovativsten Cluster gefunden. In der Mikrosystemtechnik sind der Spitzencluster MicroTEC Südwest, in der Logistik der EffizienzCluster LogistikRuhr und in der Elektromobilität der Spitzencluster Elektromobilität Südwest Technologieführer.

Bei Biotech-Pharma und Medizintechnik gehören alle vier Gesundheits-Spitzencluster zu den europäischen Top 5: Der Cluster für Individualisierte Immunintervention Ci3 aus der Rhein-Main-Region, Medical Valley aus der Region Nürnberg sowie die Biotech-Cluster m4 aus München und BioRN aus dem Rhein-Neckar-Gebiet.

Und unsere Cluster sind keine Eintagsfliegen: Die ersten fünf Spitzencluster arbeiten seit zwei Jahren auch ohne Förderung intensiv weiter. Das war der Anspruch. Es sollte keine Dauerförderung etabliert werden. Vielmehr sollten die Cluster in die Lage versetzt werden, national aber auch auf europäischer Ebene erfolgreich Mittel einzuwerben. Bis 2017 werden die Unternehmen zusätzlich zu unserer Förderung von 600 Millionen Euro nochmal den gleichen Betrag mobilisieren. Das heißt, bei den 15 Clustern geht es um mindestens 1,2 Milliarden Euro plus viele andere Investitionen.

Das ist gut angelegtes Geld. Die Spitzencluster sind nämlich auch Keimzellen für innovative europäische Netzwerke. BioRN zum Beispiel ist zusammen mit den anderen Gesundheits-Spitzenclustern maßgeblich an der Wissens- und Innovationsgemeinschaft „Gesundes Leben und aktives Altern“ des Europäischen Instituts für Technologie beteiligt. Das Vorhaben wird mit einem Volumen von mehr als zwei Milliarden Euro eine der weltweit größten, öffentlich geförderten Initiativen im Bereich Gesundheit sein.

II.

Wir haben in Deutschland sehr gute Voraussetzungen, um mit den führenden Innovationszentren mitzuhalten. Mit dieser Dynamik wollen wir die internationale Vernetzung der erfolgreichsten Cluster vorantreiben.

Wir brauchen überregionale Vernetzung. Mit der neuen Maßnahme zur „Internationalisierung von Spitzenclustern, Zukunftsprojekten und vergleichbaren Netzwerken“ fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Entwicklung von Strategien zur Internationalisierung und die Umsetzung grenzüberschreitender Kooperationsprojekte. Dabei geht es uns insbesondere um die Beteiligung von KMU in den globalen Innovationsketten.

Wie entwickeln sich nun aber aus unseren erfolgreichen Clustern Innovationsregionen mit weltweiter Strahlkraft? Dazu ein Blick ins Silicon Valley. Dort erwirtschaften eine halbe Million Beschäftigte in 7.000 Firmen einen Umsatz von 180 Milliarden Euro jährlich. In der Rhein-Main-Neckar-Region mit dem Software-Cluster setzen 8.000 Firmen mit 80.000 Mitarbeitern 42 Milliarden Euro um. Nur ein Sechstel der Mitarbeiter erwirtschaftet immerhin ein Viertel des Umsatzes des Silicon Valley.

Die Rhein-Main-Neckar-Region ist in Europa im Bereich Software führend und auch die Weltspitze ist nicht so weit weg. Aber haben Sie das gewusst?

Deshalb stellt sich die Frage, wie wir die Strahlkraft unserer Innovationsregionen noch erhöhen können. Ich habe in letzter Zeit öfter wichtige Wirtschaftsmanager aus Deutschland getroffen, die in den USA waren und dort über das Thema Industrie 4.0 diskutierten. Sie haben dort gesehen, wo Deutschland besser ist und ein gestärktes Selbstbewusstsein für den Standort entwickeln kann. Und deswegen ist es auch wichtig, dass wir solche Erfolge wie den eben genannten Software-Cluster in der Rhein-Main-Neckar-Region auch bekannt machen.

Es fällt auf, dass die Zentren international erfolgreicher Cluster oft renommierte Hochschulen sind. Und hier sehe ich noch ein immenses Potenzial. Die Exzellenzinitiative zur Förderung der Spitzenforschung war ein erfolgreicher Anfang und genau wie der Spitzencluster-Wettbewerb ein Paradigmenwechsel in der deutschen Forschungspolitik. Beide Wettbewerbe waren themenoffen und exzellenzorientiert.

Die Bundesregierung wird sich daher weiterhin dafür engagieren, dass die Hochschulen gestärkt werden. Das ist eine der Zielstellungen gerade in dieser Legislaturperiode und wir wollen auch eine enge Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft, von Hochschulen und Wirtschaft, von außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Wirtschaft. Das ist unsere Stärke. Das können wir gut. Es ist immer noch Luft nach oben, aber deswegen werden wir verstärkt Hochschulen dabei unterstützen, sich strategisch zu profilieren und neuartige Formen des Austauschs mit der Wirtschaft zu entwickeln.

Ich gebe mich keiner Illusion hin: Der Staat kann nur Kreativräume und Rahmenbedingungen zum Ausprobieren neuartiger Kooperationsformate schaffen. Die Akteure sind die Partner in den Spitzenclustern.

Und wir ermöglichen mit Formaten aus der Hightech-Strategie wie dem Spitzencluster-Wettbewerb oder der Förderinitiative „Forschungscampus – öffentlich-private Partnerschaft für Innovationen“ Kreativitätsräume.

Neben den Hochschulen entscheiden die außeruniversitären Forschungseinrichtungen mit über den Erfolg der Spitzencluster. Alle Forschungsorganisationen sind aufgerufen, ihren Selbstverpflichtungen aus dem Pakt für Forschung und Innovation nachzukommen und nachhaltige Partnerschaften mit der Wirtschaft zu etablieren.

Wir haben in unserer Wirtschaftsstruktur große Player, die man in Indien genauso kennt wie in den USA oder Kanada. Wir haben aber im Vergleich zu anderen Ländern – und in den neuen Bundesländern nochmal besonders stark – viele kleine und mittelständische Unternehmen (KMU). Auch für deren Innovationskraft müssen wir etwas tun. Bereits jetzt gibt die Bundesregierung unter dem Dach der Hightech-Strategie mehr als 1,4 Milliarden Euro pro Jahr für die Forschungs- und Innovationsförderung bei KMU aus. Das ist auch notwendig. Es gibt einige Indikatoren, die auf eine nachlassende Innovationskraft der KMU hinweisen, und deswegen brauchen wir noch mehr Dynamik in diesem Bereich. Es ist deshalb gut, dass bei den Spitzenclustern fast ein Drittel der Fördermittel an KMU fließt. Neben den mehr als 800 direkt beteiligten KMU profitiert eine vielfache Zahl als Mitwirkende von den Spitzenclustern.

Ein gutes Beispiel ist der Spitzencluster „it’s OWL“ in Ostwestfalen-Lippe, wo Industrie 4.0-Lösungen über spezielle Transferprojekte für KMU zugänglich gemacht werden.

Wir wollen über unsere herausragende Cluster- und Netzwerklandschaft noch mehr KMU für Forschung und Innovation gewinnen und sie auch noch besser in internationale Innovationsketten einbinden. Ein Weg sind außerdem Demonstrations- und Pilotanlagen, mit denen wir die exzellenten Ergebnisse unserer Forschungseinrichtungen und -programme für KMU greifbar machen und in die breite Anwendung bringen.

III.

Allein diese Ideen zeigen, dass wir die Hightech-Strategie gemeinsam mit anderen Ressorts zu einer ganzheitlichen Innovationsstrategie für Deutschland weiterentwickelt haben. Und wir haben mit dem Hightech-Forum ein Gremium geschaffen, in dem Wissenschaft, Wirtschaft, Bürgergesellschaft und Politik über Zukunftsstrategien diskutieren.

Ich freue mich über alle, die heute hier sind und die Interesse an den Spitzenclustern haben. Durch Ihre Kreativität, Ihre Offenheit für Neuerungen, Kooperationsfreude und Durchsetzungsfähigkeit werden die innovationsstarken Cluster und Netzwerke zum Erfolgsmodell für Deutschlands Zukunft! Lassen Sie uns diesen erfolgreich eingeschlagenen Weg gemeinsam fortsetzen.

Vielen Dank!