Die SONNE als Retterin in der Not

Eigentlich war das Forschungsschiff Sonne im Sommer 1988 für wissenschaftliche Arbeiten im Südchinesischen Meer unterwegs. Doch aus dem Auftrag wurde eine spektakuläre Seenotrettung. Jetzt trafen sich Meeresforscher, Besatzung und Gerettete wieder.

Im Sommer 1988 rettete das Forschungsschiff SONNE 159 vietnamesische Boatpeople aus Seenot.
Im Sommer 1988 rettete das Forschungsschiff SONNE 159 vietnamesische Boatpeople aus Seenot. © Dr. Gerd Schriever
Quynh Nhu Duong war damals sechs Jahre alt. Heute lebt sie in der Nähe von Frankfurt und ist Lehrerin an einer Gesamtschule in Raunheim.
Quynh Nhu Duong war damals sechs Jahre alt. Heute lebt sie in der Nähe von Frankfurt und ist Lehrerin an einer Gesamtschule in Raunheim. © Marie Heidenreich/Projektträger Jülich
30 Jahre nach der Rettung treffen sich Wissenschaftler, Besatzung und Gerettete wieder.
30 Jahre nach der Rettung treffen sich Wissenschaftler, Besatzung und Gerettete wieder. © Studio Redeker
Martin und Martin: Kapitän Kull mit dem nach ihm benannten Sohn von Dinh-Tan Vo, Martin Vo.
Martin und Martin: Kapitän Kull mit dem nach ihm benannten Sohn von Dinh-Tan Vo, Martin Vo. © Marie Heidenreich/Projektträger Jülich

Kapitän Martin Kull erinnert sich an den Moment, als er am 21. August 1988 das kleine Holzboot inmitten des Südchinesischen Meeres sah. Sein erster Impuls: „Vorsicht war geboten, hätten ja auch Piraten sein können.“ Darum näherte sich die SONNE dem Holzboot vorsichtig. Verblüfft beobachteten die rund 50 Besatzungsmitglieder und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie von dem kleinen Fischerboot ein Korb aus geflochtenem Bambus zu Wasser gelassen wurde und auf die SONNE zukam. Von den vier Vietnamesen im Bambuskorb paddelten zwei, während ein anderer Wasser schöpfte, damit der Korb nicht unterging. Schnell wurden die vier an Bord geholt. Einer der Vietnamesen erklärte, dass sich etwa 150 Menschen in dem viel zu kleinen Holzkutter befinden würden. Schon seit drei Tagen trieben sie ohne Treibstoff und mit nur noch wenig Wasser und Nahrung auf dem Meer. Während der Gerettete sprach, beobachtet Kapitän Kull, wie immer mehr Menschen auf das Deck des Kutters strömten. Ihm wird klar: Die Vietnamesen sind in Seenot. Er trifft die einzig mögliche Entscheidung: „Wir helfen. Denn Internationales Seerecht besagt: In Seenot befindlichen Schiffen muss geholfen werden.“ Auch wenn das die  lang geplanten Forschungsarbeiten beendete.

Zwei Stunden nach der ersten Sichtung befinden sich alle Flüchtlinge an Bord der SONNE. Kapitän Kull notiert ins Logbuch: „Um 13.40 Uhr beginnt in kontrollierter, ruhiger und vorsichtiger Weise die Übernahme der Flüchtlinge. Frauen und Kinder werden zuerst an Bord genommen. Der Schiffsarzt Dr. Schmidtmann kümmert sich sofort um die neu an Bord kommenden Flüchtlinge. Die zwei völlig entkräfteten Frauen, eine davon bewusstlos, werden sofort im Schiffshospital versorgt und bekommen Infusionslösungen am Tropf verabreicht.“

Die "alte" SONNE

Im Jahr 1988 war die SONNE das modernste deutsche Forschungsschiff. Es war von 1977 bis 2014 für die Meeresforschung im Pazifischen und Indischen Ozean im Einsatz. Bis heute schwärmen viele Wissenschaftler und Besatzungsmitglieder von dem zuverlässigen Schiff, das als argentinisches Forschungsschiff AUSTRAL weiterhin für die Wissenschaft im Einsatz ist. Auch ihre Nachfolgerin, die neue SONNE, ist seit 2014 als Hightech-Schiff auf den Weltmeeren im Einsatz – und weiterhin Botschafterin der deutschen Meeresforschung.

Aus Laboren und Gängen werden Schlafzimmer

Die Flüchtlinge werden gut versorgt. Besatzung und Wissenschaftler funktionieren Labore und Gänge zu Schlafzimmern um und spenden Kleidung und Zahnbürsten. „Die Küche sorgt für warme Teegetränke, die Stewards besorgen überzählige Decken“, schreibt der Kapitän in sein Logbuch. Die erste Mahlzeit besteht aus Reis mit Gemüse und Fleischeinlage.

Eine der Geflüchteten ist die damals 6-jährige Quynh Nhu Duong, genannt Nhu. Noch 30 Jahre nach der Flucht erinnert sich die junge Frau an die Köstlichkeiten an Bord: „Es gab grüne Äpfel und ich kannte keine Äpfel, weshalb ich meine Mutter fragte: Was ist denn das?“ Nachdem die Mutter ihr gut zugesprochen hatte, das exotische Obst zu probieren, nahm Nhu einen Bissen und war überwältigt: „Ich werde diesen Duft und diesen Geschmack niemals vergessen!“

Den Geretteten wird Asyl gewährt

Noch ist unklar, welches Ziel die SONNE ansteuern soll. Über Funk ist Kapitän Kull in Kontakt mit der Deutschen Botschaft auf den Philippinen. Auf diplomatischem Weg erwirkt Kull eine Zusage der Bundesregierung, den Geretteten Asyl zu gewähren. So nimmt die SONNE Kurs auf die philippinische Hauptstadt Manila. Nach einem Jahr in einem Flüchtlingslager auf den Philippinen wird den Geretteten Asyl in unterschiedlichen Ländern gewährt.

30 Jahre nach der Rettung treffen sich Wissenschaftler, Besatzung und Gerettete wieder. Gastgeber des Fests ist Dinh-Tan Vo, einer der Vietnamesen, der vor 30 Jahren von der SONNE aus dem Südchinesischen Meer geborgen wurde. Nhu ist froh, dass sie sich endlich persönlich bei Kapitän Kull und den anderen Rettern von der SONNE bedanken kann. Und sie ist stolz darauf, ihnen zu zeigen, was sie aus ihrem Leben gemacht hat. Heute lebt sie in der Nähe von Frankfurt und ist Lehrerin an einer Gesamtschule in Raunheim.

Meeresforschung damals und heute

Seit den 1980er Jahren hat sich in der Meeresforschung viel verändert. Während damals mit recht einfachen Methoden Proben genommen wurden, können Tauchroboter (ROV) heute auf den Meeresboden hinabtauchen und gezielt Gesteinsproben und kleine Meereslebewesen an Bord bringen. Der wissenschaftliche Fahrtleiter von damals, Hermann Kudraß, ist bis heute engagierter Meeresforscher. Er ist begeistert ob der enormen technischen Fortschritte: "Was haben wir damals für Zeit damit vertan, einen bestimmten Punkt im Meer wiederzufinden! Wenn mit dem Echolot eine heiße Quelle gefunden war, haben wir oft lange gesucht, um diese Stelle für eine Beprobung wiederzufinden." Heute kann mit modernster Satellitennavigation ein Punkt auf dem offenen Ozean zentimetergenau angesteuert werden. Die neue SONNE verfügt außerdem über eine Winde mit stahl-armiertem Kabel von zwölf Kilometer Länge – damit könnten die Forscherinnen und Forscher auch den Marianengraben untersuchen – mit einer Tiefe von rund 11.000 Metern die tiefste Stelle der Weltmeere.