"Die Staaten lernen voneinander"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über die berufliche Bildung in Europa und aktuell drängende Bildungsfragen. Ein Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 8. Dezember 2015.

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview © BMBF/ Hans-Joachim Rickel

FAZ: Frau Wanka, die Jugendarbeitslosigkeit beträgt in einigen europäischen Ländern fast 50 Prozent, während sie in Deutschland vergleichsweise gering ist. Der Erfolg des deutschen Modells wird immer wieder auf die duale Berufsausbildung zurückgeführt. Welche europäischen Länder haben das Modell übernommen?

Johanna Wanka: Kein Land „übernimmt“ das duale Modell vollständig. Das ist auch gar nicht möglich. Wenn man sich in Erinnerung ruft, auf welch lange Tradition die duale Ausbildung in Deutschland zurückblickt, wird deutlich, dass sich ein solch komplexes System der geteilten Verantwortung zwischen staatlichen und privaten Akteuren über einen langen Zeitraum entwickeln muss. Aber Fakt ist: Viele Länder in Europa nehmen sich das duale Ausbildungssystem zur Orientierung, um Reformen des eigenen Berufsbildungssystems in die Wege zu leiten. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass das duale Ausbildungssystem für einen besonders guten Übergang von der Ausbildung in den Beruf sorgt. Das bescheinigt uns inzwischen auch die OECD.

FAZ: Wie sehen Berufsbildungssysteme in anderen europäischen Ländern aus?

Wanka: Die Berufsbildungssysteme in Europa sind so vielfältig wie es auch die europäischen Länder sind. Das duale Modell ist in Europa allerdings eher die Ausnahme: Deutschland, Österreich und die Schweiz haben starke duale Traditionen. Auch in den Niederlanden und Dänemark beispielsweise existieren duale Ausbildungsmöglichkeiten. Die meisten Länder aber sind von schulischen Ausbildungssystemen geprägt.

FAZ: Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es?

Wanka: Der entscheidende Unterschied liegt sicher in der Rolle der Unternehmen als Ausbildungspartner, die mit dem Auszubildenden im dualen System einen Ausbildungsvertrag schließen. Sie zahlen nicht nur eine Ausbildungsvergütung, sondern übernehmen auch Verantwortung für den erfolgreichen Abschluss der Ausbildung. Diese Verantwortung fehlt in einem verschulten System. Eine Gemeinsamkeit, die wir beispielsweise mit vielen Partnerländern teilen, ist die Herausforderung, die Berufsbildung bei jungen Menschen, Eltern und Unternehmen als gleichwertige Karrierealternative zum Studium zu etablieren.

FAZ: Der Bildungsaustausch unter jungen Akademikern wird durch das Erasmus-Programm gefördert. Gerade gab es eine Neuauflage des Programms. Was hat sich verändert?

Wanka: Erasmus+ bietet mit Programmmitteln von insgesamt 14,8 Milliarden Euro vor allem ein deutlich gesteigertes Budget. Es unterstützt aber nicht nur Akademiker: Auch Schüler, Jugendliche, Auszubildende und Lehrpersonal können für einen Lernaufenthalt oder Freiwilligendienst ins Ausland gehen. Das, was im Studium nahezu selbstverständlich ist – nämlich einen Teil des Studiums im Ausland zu absolvieren, das ist in der Berufsbildung noch die Ausnahme. Das wollen wir ändern und die Zahl der Auslandsaufenthalte in der Berufsausbildung deutlich erhöhen: Bis zum Jahr 2020 wollen wir den Anteil Auszubildender, die ins Ausland gehen, auf zehn Prozent steigern. Um das zu schaffen, brauchen wir Erasmus+.

FAZ: Seit 2002 gibt es die EU-Bildungszusammenarbeit auf freiwilliger Basis. Wie zufrieden sind Sie mit dem aktuellen Stand?

Wanka: Es hat sich viel bewegt in der europäischen Bildungspolitik. Nehmen Sie nur das verstärkte Bewusstsein für die Bedeutung einer arbeitsmarkorientierten, dualen Berufsausbildung in allen Mitgliedsstaaten. Durch die „Education and Training 2020-Strategie“ haben sich die europäischen Bildungsminister auf gemeinsame Ziele in allen Bildungsbereichen geeinigt, auch um die Qualität der Bildung zu verbessern und an neue Anforderungen des Arbeitsmarktes anzupassen. Die Staaten lernen voneinander, sie überprüfen ihre eigenen Anstrengungen und sie richten ihren Blick verstärkt auf europäische und globale Herausforderungen.

FAZ: Herausforderungen, wie zum Beispiel der Zustrom von jungen Flüchtlingen? Wie stehen die Chancen, diese jungen Menschen in den europäischen Arbeitsmarkt zu integrieren?

Wanka: In ganz Deutschland werden bereits vielfältige Maßnahmen umgesetzt. Wir selbst sind zum Beispiel aktiv mit den bundesweit etablierten KAUSA-Servicestellen oder bei der Förderung des berufsbezogenen Sprachenerwerbs für Flüchtlinge. Auch auf europäischer Ebene ist inzwischen das Thema Integration von Flüchtlingen in Bildungs- und Arbeitsmarktmaßnahmen auf die Tagesordnung gerückt. Die Mitgliedsstaaten können und müssen hier voneinander lernen. Die Europäische Kommission spielt dabei eine wichtige Vermittlerrolle.

FAZ: Welche europäischen Bildungsfragen drängen aus Ihrer Sicht besonders? Und wie erfolgreich werden diese schon angegangen?

Wanka: Es gibt hier zahlreiche laufende Aktivitäten, zum Beispiel um die berufliche Bildung aufzuwerten. Im nächsten Jahr werden wir uns mit der sogenannten „Skills Agenda“ beschäftigen. Das bedeutet: Welche Kompetenzen und Fähigkeiten müssen in der beruflichen und Hochschulausbildung angesichts einer sich stark wandelnden Arbeits- und Lebenswelt vermittelt werden? Das ist ein hoch aktuelles Thema, und wir werden hier sicherlich Anregungen geben, aber auch von anderen Ländern etwas lernen können. Zwei neue Bildungsfragen sind hinzugekommen: Das ist zum einen die Frage nach der Rolle der Bildung im Kampf gegen Radikalisierung und Intoleranz, die nach den Anschlägen in Paris oder Kopenhagen auch auf EU-Ebene verstärkt diskutiert wird. Zum anderen die Bedeutung von Bildung, um Flüchtlinge in unsere Gesellschaften zu integrieren.

Das Interview führte Julia Hoscislawski.