Die Stunde der Erklärer

Die Wissenschaft regiert nicht, aber sie schafft Zugänge für politische Entscheidungen – speziell in der Krise. Deshalb braucht sie starke Stimmen, schreibt Bundesforschungsministerin Anja Karliczek in einem Gastbeitrag für die "FAZ".

Das neuartige Coronavirus verändert gerade die Welt. Die Wissenschaft ist jetzt gefragt wie selten zuvor. © Getty Images / narvikk

Gastbeitrag von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Erstveröffentlichung am 1. April 2020. Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

Die Mutter aller Wissensspiele „Stadt Land Fluss“ wird in diesen Tagen in vielen Familien wieder häufiger gespielt. Beim Feld „Beruf“ und beim Buchstaben V müssen wir momentan nicht mehr lange nachdenken: Virologe! Vor einigen Monaten wussten viele vermutlich nicht einmal, dass Virologie ein eigenes Fachgebiet ist. Heute kennen die meisten die Namen von führenden Virologen fast genauso gut wie die von Politikerinnen und Politikern oder Sportlerinnen und Sportlern. Wir verfolgen aufmerksam ihre Pressekonferenzen, wir hören Podcasts und lesen ausführliche Interviews. Wir interessieren uns für trockene Zahlen und für Kurvenentwicklungen. Man könnte auch sagen, unser Interesse für exponentiell steigende Kurven ist exponentiell gestiegen.

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung. © BMBF/Laurence Chaperon

Vor kurzem haben wir uns noch über die massive Erosion des Faktischen und um das Ignorieren von Expertenwissen gesorgt. Aber diese Pandemie lehrt uns: Wir sind auf die Wissenschaft angewiesen. Wir brauchen wissenschaftliche Expertise. Wir benötigen den Austausch über wissenschaftliche Erkenntnisse. Es ist die Stunde der Kommunikation über, aus und mit der Wissenschaft. Wissenschaftliche Erkenntnisse leiten die Politik und leiten uns wie selten zuvor. Die wissenschaftliche Erkenntnis ist das Fundament unseres Handelns in diesen Tagen.

Dabei macht uns die Wissenschaft nichts vor. Sie macht deutlich, dass ihre Erkenntnisse vorläufigen Charakter haben. Dass Berechnungen auf Annahmen beruhen, die sich ändern können. Mögliche Konflikte werden benannt, andere Meinungen zugelassen, ebenso das Herantasten und Justieren. Es werden Fragen beantwortet und vor allem: vorläufiges Wissen als solches ausgewiesen. Ohne Hast, sachlich und lösungsorientiert. Das ist beispielgebend. Auf Grundlage dieser Expertise richten wir unseren Alltag neu ein. Das fängt mit der Arbeit aus dem Homeoffice an und geht über den Umgang mit den alten Menschen in unserer Gesellschaft weiter. Auf Basis der Erkenntnisse der Wissenschaft erlassen die Bundesregierung, Länder und Kommunen bisher nie dagewesene Regeln.

Politische Beratung durch Wissenschaft war immer wichtig. Bestes Beispiel ist der Klimawandel. Aber dort geht es um Entscheidungen, die langfristig wirken. Heute ist der Einfluss von Wissenschaft unmittelbar spürbar. Dabei ist mir wichtig festzuhalten: Wissenschaft berät. Politik entscheidet. Die Analysen der momentanen Leitdisziplin Virologie sind dafür ein besonders wichtiger, aber bei weitem nicht einziger Aspekt der Entscheidungsgrundlage. Die Entscheidungen betreffen die ganze Gesellschaft. Wir wägen ab, welche Konsequenzen sie für die verschiedenen Menschen haben. Für junge und alte, für Menschen auf dem Land und in der Stadt, für Angestellte und Selbstständige, für Familien und Alleinstehende, für Ärzte und Pflegende. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft – die Grundlage für unseren Wohlstand – sind enorm. Menschen fürchten um ihre wirtschaftliche Existenz. Gerade jetzt müssen alle, die Verantwortung tragen, immer wieder überprüfen, ob sich Entscheidungen als richtig oder falsch erwiesen haben. Und dies muss gut erklärt und kommuniziert werden. Es ist nicht nur die Stunde der Wissenschaft. Es ist auch die Stunde der Politik. Es sind die Entscheidungen der Politik, die Bedingungen schaffen, damit alle möglichst gut die Krise überwinden können.

Die Gesellschaft ist in diesen Tagen nicht nur auf die Wissenschaft angewiesen, sondern auch auf Medien, die Ordnung in die Informationsflut bringen, die Sachverhalte überprüfen und einordnen. Denn in der Gerüchteküche der sozialen Medien werden Halbwahrheiten und Lügen zum Coronavirus schnell zu evidenten Wahrheiten hochgekocht. Ebenso gefährlich: Differenzierte Expertenaussagen werden zugunsten von knackigen Überschriften bis zur Unkenntlichkeit verkürzt. Schlagzeilentauglichkeit triumphiert hier über journalistische Sorgfaltspflicht. Das erschwert vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern den Schritt in die Öffentlichkeit.

Die Bedeutung von seriösem Journalismus erschließt sich in dieser Situation sicher dem einen oder anderen noch einmal neu. Gerade der Wissenschaftsjournalismus hatte in den vergangenen Jahren im immer härter werdenden Mediengeschäft einen immer schwierigeren Stand. Heute sehen wir, wie wichtig es ist, dass Fachjournalistinnen und -journalisten die Nachrichten aus der Wissenschaft für jeden verständlich machen.

Wir leben in Zeiten außerhalb der uns bekannten Normalität. Aber in diesem Ausnahmezustand rückt sich gleichzeitig einiges zurecht. Wir, die wir sonst die kurze Schlagzeile vorziehen und Botschaften in 280 Zeichen pressen, wir wollen mehr wissen. Wir nehmen uns die Zeit. Wir vertrauen auf die Wissenschaft, folgen den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und verschlingen die Beiträge der Wissenschaftsjournalistinnen und
-journalisten. Dieses Interesse sollten wir uns nach der Krise erhalten. 

Noch etwas ist mir wichtig: Wer als Forschender sein Wissen teilt, wer es der öffentlichen Sache zur Verfügung stellt, sollte davon auch im wissenschaftsinternen Reputationssystem profitieren können. Die Zeiten, in denen in Berufungskommissionen der Satz „Der Kandidat war schon einmal im Fernsehen!“ ein Malus war, sollten nunmehr endgültig zur Vergangenheit gehören. Es geht um differenzierte Aufklärung und einen intensiven Dialog mit der Gesellschaft. Genau dies meinen wir im Bundesforschungsministerium, wenn wir in unserem Grundsatzpapier zur Wissenschaftskommunikation von einem notwendigen Kulturwandel innerhalb des Wissenschaftssystems schreiben. Es geht nicht darum, der nächste Hanns Joachim Friedrichs zu werden. Es geht um gute Wissenschaft und darüber selbstverständlich reden zu können.

Wir werden die Wissenschaft auch dann brauchen, wenn es darum geht, den Weg zurück in die Normalität zu finden. Wann können welche Maßnahmen gelockert werden? Was müssen wir tun, um die Wirtschaft anzukurbeln? Wie können wir soziale Verwerfungen verhindern? Wie können wir aus dieser Krise lernen? Was bedeutet die Krise für unsere Innovationskraft? Wie kann sie unsere Gesellschaft stärker machen? Nicht nur Natur- und Lebenswissenschaftler, auch Wirtschafts- und Geisteswissenschaftler, Soziologen und Expertinnen und Experten anderer Disziplinen werden uns helfen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Wir sollten der Wissenschaftskommunikation und dem Wissenschaftsjournalismus auch in Zukunft die Bedeutung beimessen, die sie verdienen.

Wenn die Pandemie eingedämmt ist, wird wissenschaftliche Erkenntnis ihre Bedeutung für unser Leben nicht verlieren. Wir werden uns neuen globalen Herausforderungen zuwenden, die wir ohne die Unterstützung der Wissenschaft nicht werden meistern können. Deutschland hat eine herausragende Forschungslandschaft und exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Dafür bin ich dankbar. Wir brauchen ihre Stimmen. Jetzt und in Zukunft.