BMBF schützt Vögel vor unsichtbarem Tod

Bis zu 100 Millionen Vögel sterben in Deutschland, weil sie ungebremst gegen Glasfassaden fliegen – pro Jahr! Das BMBF hat deshalb besondere Vorkehrungen an seinen Fenstern getroffen. Was jeder zu Hause tun kann, erklärt BUND-Expertin Förster.

Ein sogenannter "Geistervogel": Solche Adrücke entstehen, wenn große Vögel gegen Glasscheiben fliegen. Das Muster entsteht durch den Talg aus dem Gefieder. © Niko Eppner

Frau Förster, bei Vogelschlag denken die meisten Menschen wohl eher an Vögel, die in Flugzeugturbinen geraten. Warum ist das tödliche Fliegen gegen Glasscheiben so unbekannt?

Es stimmt, der Tod von Vögeln durch Flugzeugturbinen wie auch durch Windkraftanlagen ist schon lange in aller Munde. Dagegen wurde das Sterben von Vögeln an Glasscheiben eher ignoriert. Selbst vielen Menschen vom Fach war das Ausmaß dieses Problems lange Zeit nicht bekannt. Das ist schon merkwürdig, denn bereits Ende der 80er Jahre gab es dazu in den USA die ersten Studien. Trotzdem hat sich hierzulande niemand damit befasst. Wir wollen das mit unserem Projekt ändern.

Was machen Sie da genau?

Es geht vor allem um Aufklärung. Wir wollen den Menschen die Augen öffnen und ihnen erklären, was die Lösungen für das Problem sein können.

Judith Förster vom BUND untersucht, wie Glasflächen für Vögel sicherer gemacht werden können.
Judith Förster vom BUND untersucht, wie Glasflächen für Vögel sicherer gemacht werden können. © BUND/Förster

Wie groß ist denn das Problem? Wie viele Vögel sterben pro Jahr auf diese Weise?

Mindestens 18 Millionen – pro Jahr, und das nur in Deutschland! Untersuchungen aus den USA haben gezeigt, dass an jedem Wohnhaus im Schnitt ein bis zehn Vögel jährlich verenden. In Deutschland gibt es etwa 18 Millionen Wohnhäuser – so kommen wir auf diese Zahl, und das ist noch die kleinstmögliche. Darin sind die Verluste durch die riesigen Glasfassaden an Bürogebäuden noch nicht enthalten. Die Dunkelziffer dürfte extrem hoch sein. Laut Hochrechnungen könnten es bis zu 100 Millionen tote Vögel durch Glasunfälle sein.

Das ist eine unglaubliche Zahl! Warum hört man von diesem Problem so wenig?

Weil die Vögel ja nicht in Haufen vor den Glasfassaden liegenbleiben. Sie werden von Katzen oder Greifvögeln gefressen, oder fliegen noch benommen ins nächste Gebüsch. Außerdem werden an vielen großen Problemhäusern die Hausmeister aufgefordert, morgens als erstes die Vogelleichen wegzuräumen – das ist leider kein Witz!

Warum fliegen Vögel überhaupt gegen Scheiben?

Aus dem gleichen Grund, aus dem auch Menschen gegen Glastüren laufen: Weil sie das Glas nicht sehen! Vögel können ähnlich sehen wie wir. Das heißt, das Glas ist für sie transparent oder es spiegelt. Wenn es transparent ist und dahinter vielleicht noch Bäume oder der Himmel zu sehen sind, nehmen sie das Glas einfach nicht wahr. Wenn die Scheiben spiegeln, sieht es für die Vögel trotzdem so aus, als ginge es dahinter weiter. Sie fliegen ungebremst dagegen….

…und sterben meistens. Woran genau?

Es klingt hart, aber im Idealfall sind sie sofort durch den Aufprall tot, zum Beispiel durch einen Genickbruch. Viele liegen aber erst noch bewusstlos auf dem Boden und sterben erst später, zum Beispiel an einer Gehirnblutung. Die Knochen der Vögel sind hohl und brechen leicht. Viele Glasopfer erholen sich zwar vom ersten Schlag, können dann aber nicht mehr fliegen und werden zur leichten Beute für Katzen oder sie verhungern.

Wie sollte ich mich verhalten, wenn ich einen Vogel finde, der nach einem Glasunfall noch lebt?

Wenn es die Möglichkeit gibt: Einen Pappkarton holen und Löcher für die Luftzufuhr hineinstechen. Dann den Vogel hineinsetzen, sodass er im Dunkeln ist. Ganz wichtig: Kein Wasser und kein Futter geben! Die benommenen Tiere könnten sonst daran ersticken. Wenn sich der Vogel berappelt hat, können Sie ihn einfach wieder aussetzen. Wenn nicht, sollte man den Vogel zu einer sogenannten Päppelstation bringen. Die findet man ganz leicht im Internet, zum Beispiel auf den Seiten der Wildvogelhilfe.

Gibt es neben gläsernen Bürogebäuden noch andere Fallen für die Vögel?

Ja, zum Beispiel Wartehäuschen wie an Bushaltestellen. Die sind heute fast immer aus Glas, um Angsträume für die Fahrgäste zu vermeiden. Für die Vögel stehen diese Häuser aber meistens immer genau im Weg. Auch Wintergärten sind gefährlich, da sie mitten im Grünen stehen und ebenfalls gläsern sind.

Am Berliner Dienstsitz des BMBF verhindern spezielle Beschichtungen, dass Vögel gegen die großen Glasfronten fliegen. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Was kann ich als Hausbesitzer tun, um Vogelschlag an meinen Fenstern zu vermeiden?

Als erstes: nicht auf das Märchen mit den schwarzen Aufklebevögeln hereinfallen. Studien haben längst belegt, dass die gar nichts bringen. Die Vögel erkennen die Aufkleber nur als schwarzen Fleck und nicht, wie es eigentlich gedacht war, als Raubvogel, vor dem sie flüchten sollten. Es kommt häufig vor, dass die Vögel direkt neben den Aufklebern gegen die Scheiben fliegen.

Aber es gibt andere Möglichkeiten, zum Beispiel Folien mit sogenannten hochwirksamen Mustern. Diese wurden zuletzt sogar in einem Flugtunnel auf ihre Wirksamkeit getestet. Am besten wirken kleine Streifen oder Punkte. Die kann man als Folie auf die Scheiben kleben.

Warum macht das kaum jemand?

Vereinfacht gesagt, weil diese Maßnahmen – insbesondere die Klebefolien – leider etwas „unsexy“ sind. Die Muster müssen über die komplette Scheibe aufgetragen werden und nehmen natürlich einen kleinen Teil der Sicht. Leider ist noch keine vollkommen durchsichtige Folie erfunden worden, welche die Vögel trotzdem abhält. Wer es optisch etwas angenehmer haben möchte, kann auch auf Kordelvorhänge, Fliegengitter oder spezielle Fensterfarbe zurückgreifen. Damit kann man einfach auf die Scheiben malen. Vogelschutz und Kunst sind eine gute Kombination!

Das BMBF hat freiwillig große Teile seiner Glasflächen mit einem wirksamen Muster geschützt. Müssten solche Maßnahmen nicht sogar gesetzlich vorgeschrieben sein?

Es wäre sehr leicht etwas zu ändern und es gibt ja sogar schon Gesetze dafür. Davon wusste bis vor einigen Jahren aber kaum jemand, sodass sie einfach nicht eingehalten wurden. Inzwischen fordern viele Behörden Schutzmaßnahmen ein, wenn sie eine Baugenehmigung erteilen. Das sind normale Auflagen, wie sie aus anderen Bereichen des Naturschutzes längst bekannt sind. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass diese Auflagen in Zukunft noch viel stärker eingehalten werden.

Frau Förster, wir danken Ihnen für das Gespräch.