"Die Wedellrobben zeigen: Das Ökosystem verändert sich"

Der Biowissenschaftler Horst Bornemann über Weihnachten im ewigen Eis, die Tauchtiefe südlicher Seeelefanten und darüber, wie der Klimawandel das Verhalten der Tiere verändert . Ein Interview mit bmbf.de

Tauchen immer tiefer, weil die Meerestemperatur steigt: Weddellrobbe mit Messgerät und Satellitensender © C. Oosthuizen (MRI)

bmbf.de: Herr Bornemann, Sie forschen mit Weddellrobben im antarktischen Eismeer. Was machen Sie genau?

Wir haben Weddellrobben mit Satellitensendern ausgestattet, weil wir herausfinden möchten, wo sich die Tiere aufhalten, um Nahrung zu finden und wie tief sie dazu tauchen müssen. Wir dokumentieren dabei auch die Eigenschaften des Ozeans, zum Beispiel wie hoch der Salzgehalt ist und welche Temperatur das Wasser hat. Bei Untersuchungen kleinerer Gebiete lassen wir die Robben teilweise auch mit Unterwasserkameras tauchen. Die Minikameras dokumentieren Tauchverhalten und Nahrungsaufnahme quasi aus der Perspektive der Robben. Das steht im Mittelpunkt unserer bevorstehenden Forschungsmission im Drescher-Inlet an der Ostküste des Weddellmeeres.

Horst Bornemann feiert das Weihnachtsfest im Drescher Eiscamp. © Alfred-Wegener-Institut/Markus Eser

Horst Bornemann: Was kann man daraus ableiten?

Die Gebiete, in denen sich die Tiere wiederholt und über längere Zeit aufhalten, sind nahrungsökologisch von besonderer Relevanz. Wir können auf diese Weise sogenannte biologische Hotspots ausfindig machen, also Meeresgebiete, in denen besonders viele Vögel und Meeressäuger leben. Mithilfe der Routen, die wir über die Satellitensender aufzeichnen, können wir herausfinden, wie sich das marine Ökosystem verändert. Bisher wissen wir nicht, ob solche Hotspots stabil sind, sich verlagern oder irgendwann sogar versiegen.

Was haben Sie mithilfe der Robben bereits herausgefunden?

Die Robbenforschung konnte in den vergangenen Jahren viele Erkenntnisse gewinnen, welche die Bedeutung des Meereises als Lebensraum für die Tiere unterstreichen. Besonders spektakulär war der Nachweis eines Zusammenhangs zwischen Wassertemperatur und Tauchtiefe südlicher Seeelefanten, den unsere Kooperationspartner vom Mammal Research Institute an der Universität von Pretoria auf der Grundlage unserer gemeinsam über mehrere Jahre erhobenen Daten darstellen konnten. Unsere Kollegen konnten mit Hilfe der Daten zeigen, dass die Robben einhergehend mit einem allmählichen Anstieg der Meerestemperatur in tiefere Wasserschichten tauchen müssen. Mit diesem Ergebnis ließ sich erstmals eine Verhaltensänderung eines Meeressäugers im Kontext des Klimawandels belegen.

Warum ist es so wichtig, dass Ihre Forschung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt wird?

Die Forschung in der Antarktis ist extrem aufwändig und langwierig. Viele Fragen, die sich auf den Klimawandel beziehen, beispielsweise zur Stabilität oder Dynamik biologischer Hotspots oder zum Biodiversitätswandel lassen sich nur sinnvoll auf Zeitachsen von mehreren Dekaden und in internationaler Kooperation untersuchen. Um den wissenschaftlichen Erfolg auf internationalem Niveau zu gewährleisten, ist eine hervorragende logistische Infrastruktur, wie sie das Alfred-Wegener-Institut besitzt, unabdingbar. Wenn das Bundesforschungsministerium nicht substantiell in die Polar- und Meeresforschung investieren würde, könnten wir uns nicht an der Suche nach Antworten auf Fragen beteiligen, wie sich Umweltveränderungen in den Polargebieten auswirken.

Werden Sie Weihnachten im ewigen Eis verbringen?

Ja, meine Kollegen Richard Steinmetz, Nils Owsianowski, Dominik Nachtsheim und ich werden das Weihnachtsfest und einen weiteren Monat zu viert im Drescher Eiscamp verbringen und während dieser Zeit gemeinsam an Weddellrobben arbeiten und ein ferngesteuertes Unterwasserfahrzeug zum Einsatz bringen - unter diesen Umständen eine große Herausforderung. Von unseren logistischen Basen, der Neumayer-Station III und der Polarstern, werden wir dann einige hundert Kilometer entfernt sein. In einer solchen Situation wird man sich des Ausnahmezustandes menschlichen Lebens in der Antarktis sehr bewusst. Dass wir dies überhaupt wagen können, verdanken wir der perfekten Unterstützung unserer Kolleginnen und Kollegen aus der Logistik des Alfred-Wegener-Instituts. Ohne ihren Einsatz ginge es nicht. Ihnen gilt unser besonderer Dank.