"Die Welt schaut auf uns"

...betont Forschungsministerin Johanna Wanka mit Blick auf die deutsche Vorreiterrolle in Sachen Energiewende. Auch deshalb sollen bis 2025 insgesamt 400 Millionen Euro in ein neues Energieforschungsprogramm fließen: die Kopernikus-Projekte.

"Die Energiewende geht uns alle an, deswegen müssen auch alle an ihr arbeiten." © BMBF/Hans-Joachim Rickel

neue energie: 400 Millionen Euro sollen bis 2025 in die Kopernikus-Projekte zur Energiewende-Forschung fließen. Wie ist es zu diesem Förderprogramm gekommen, welche Akteure sind eingebunden, welche Ziele werden verfolgt und wie werden sie konkret umgesetzt?

Johanna Wanka: Die Kopernikus-Projekte sind das Ergebnis eines umfassenden Dialoges mit Vertretern aus Wirtschaft,  Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Ländern und Kommunen. Wir haben mehr als 90 Institutionen und Organisationen aus allen gesellschaftlichen Bereichen befragt, was die aus ihrer Sicht wichtigsten Forschungsfelder für die Energiewende sind. Das Ergebnis sind vier große Themen. Erstens: Wie können wir überschüssigen Strom speichern? Zweitens: Wie kann ein Stromnetz flexibel und dezentral funktionieren und an eine unregelmäßige Stromversorgung angepasst werden? Drittens: Welche Technologien müssen wir entwickeln, um die Industrieprozesse an die neue Energieversorgung anzupassen? Viertens: Wie müssen Strom, Gas und Wärme zusammenspielen, damit Haushalte und Industrie immer versorgt sind? Diese Themen haben schnell deutlich gemacht, dass wir in der Forschung ein völlig neues Format der Kooperation brauchen, vor allem aber einen längeren Atem. Deswegen verfolgen wir mit den Kopernikus-Projekten bewusst eine langfristige Förderung von bis zu zehn Jahren, in die alle relevanten Akteure zu dem Themengebiet eingebunden sind. So können Wissenslücken geschlossen werden und Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in die Anwendung kommen. Die Kopernikus-Projekte sind aber mehr als klassische  Forschungsprojekte. Denn auch die Gesellschaft wird über diesen langen Zeitraum in die Forschung eingebunden. Damit schaffen wir bis 2025 die Grundlagen für einen Umbau des Energiesystems, der von den Bürgern und Bürgerinnen mitgetragen wird.

ne: Wie werden die 400 Millionen Euro auf- gebracht? Wird es bei der Förderung anderer Forschungsprojekte Kürzungen geben? Wie wird die Industrie an den ja sehr an- wendungsbezogenen  Forschungsprojekten finanziell beteiligt?

Wanka: Wir stellen für die erste Förderphase bis 2018 bis zu 120 Millionen Euro bereit. Bis 2025 sollen weitere 280 Millionen Euro hinzukommen. Mein Ministerium fördert daneben eine ganze Bandbreite von Initiativen, die alle unverändert bestehen bleiben. Die Materialforschung, die Elektromobilität oder die neue Förderinitiative zur „Zukunftsstadt“, in der die Energieversorgung der Stadt ein wichtiges Thema ist. Die Kopernikus-Projekte sind Teil unserer Maß- nahmen zum Umbau des Energiesystems, in die die Erkenntnisse aus anderen Initiativen einfließen werden.

Der Wirtschaft kommt dabei eine besondere Rolle zu. Unsere Förderung ist auch als ein Angebot an die deutsche Wirtschaft zu verstehen. Wir erwarten, dass sich die Wirtschaft mit steigenden Finanzbeiträgen in die Kopernikus-Projekte einbringt, und über Kopernikus ihre Forschung zur Energiewende forciert. Spätestens mit Einstieg in die zweite Förderphase hat die Industrie finanzielle Eigenbeiträge einzubringen. Mit Übergang in die dritte Förderphase, wenn es um die großskalige Anwendung in Pilot- und Demonstrationsvorhaben geht, wird eine überwiegende finanzielle Bildung erwartet.

ne: Die Energiewende hat in den 70er, 80er Jahren begonnen, über ihre planvolle Entwicklung wird seit Langem gestritten. Den oft geforderten Masterplan für die Energie- wende hat es indes nie gegeben. Sollen die Kopernikus-Projekte diese Leerstelle auf- füllen? Kommt die Initiative dann aber nicht zu spät, um noch eine Steuerungsfunktion – etwa beim sehr langfristig angelegten Netzausbau – entfalten zu können?

Wanka: Welchen Masterplan Sie für die Umwandlung des Energiesystems auch auf- stellen wollen, Sie müssten ihn doch ständig anpassen. Wenn man ein so komplexes und alle Gesellschaftsteile betreffendes Versorgungssystem grundlegend umgestalten möchte, dann geht das nur Stück für Stück. Die entscheidende Rolle dabei muss die Forschung spielen, die die Grundlagen für neue Technologien und Konzepte legt.

Seit den 70er Jahren werden Energieforschungsprogramme aufgelegt, in denen die Ziele der Forschungsförderung für die nächsten Jahre festgehalten werden. Diese entwickeln sich ständig weiter. Das derzeit laufende Programm legt beispielsweise besonderes Gewicht auf den Übergang zu einer nachhaltigen Energieversorgung. Die Kopernikus-Projekte erfüllen nicht die Funktion eines Masterplans, sie bauen vielmehr auf den Erkenntnissen der Energieforschungsprogramme auf.

Der Zeitpunkt für die Kopernikus-Initiative ist genau richtig. Wir brauchen gerade jetzt Forschungsanstrengungen, die für die Zeit ab 2025 bis 2030 Lösungen bereitstellen. In vielen Bereichen wissen wir noch nicht, was auf uns zukommt. Forschung hilft hier, auf verschiedene Szenarien der Energieversorgung besser vorbereitet zu sein. Und vergessen Sie nicht: Innerhalb der Kopernikus-Projekte können wir nachregeln, um aktuellen Entwicklungen Rechnung zu tragen. Damit sind uns Steuerungsmöglichkeiten gegeben und wir werden nur die Wege einschlagen, die echte Fortschritte versprechen.

ne: Sie sprechen davon, dass die Energie- wende ein großer Exporterfolg werden kann. Genau dies war in den vergangenen Jahren bereits der Fall, die heimische Windbranche ist zum Teil schon heute nur noch aufgrund einer Exportquote von circa 80 Prozent überlebensfähig. Wissenschaftler gehen jetzt sogar davon aus - auch in der großen Beschäftigungsstudie des BWMi - dass sich die Exporte rückläufig entwickeln und der Jobmotor Energiewende ins Stocken kommt. Wie ist Ihre zitierte Aussage vor diesem Hintergrund zu verstehen?

Wanka: Alle großen Volkswirtschaften haben auf die eine oder andere Art den Umbau ihrer Energiesysteme beschlossen. Die Energieversorgung muss weltweit klimafreundlicher werden, dies ist inzwischen auch bei den großen Schwellenländern Brasilien, Indien und China angekommen. Heute kommen weltweit 15 Prozent der gesamten Umwelttechnik-Exporte aus Deutschland. Unser Land nimmt durch die Energiewende eine internationale Vorbildfunktion ein – die Welt schaut auf uns.

Sobald sich die Kopernikus-Innovationen auf dem deutschen Markt durchsetzen, eröffnen sich darüber auch internationale Marktchancen. So verbessern wir die Exportfähigkeit der Energiewende „Made in Germany“. Wir schaffen Arbeitsplätze und unterstützen Deutschland auf dem Weg zum Innovationsführer im Bereich der nachhaltigen Energieversorgung. Die Bundesregierung analysiert regelmäßig die volkswirtschaftlichen Effekte der Energiewende wie etwa Beschäftigung, Investitionen oder Import- und Exportzahlen. Der Trend ist eindeutig positiv.

ne: Ist auch gewährleistet, dass die Ergebnisse der Kopernikus-Projekte zur Grundlage politischen Handelns werden? Führende Forscher fordern seit Langem, dass die Energiewende-Gesetzgebung sich stärker an wissenschaftlicher Erkenntnis orientiert – stattdessen hat das BMWi die sogenannte Leitstudie nicht fortgesetzt...

Wanka: Der Wert von Forschung und Innovation für den Erfolg der Energiewende kann nicht hoch genug eingeschätzt wer- den. Nur mit erfolgreichen Referenzprojekten können wir in unserem Land zeigen, was alles möglich ist und funktioniert. Wir müssen die Energiewende auch als Lernprozess verstehen. Das bedeutet auch, dass Projektideen scheitern oder wir erkennen müssen, dass sie nicht durchsetzbar sind. Die Energiewende muss permanent wissenschaftlich begleitet werden, um Veränderungsprozesse frühzeitig aufnehmen zu können und falls notwendig auch umzusteuern.

Die Wissenschaft erarbeitet Handlungsoptionen zur Energiewende. Es geht also nicht um Empfehlungen, die einen bestimmten Vorschlag in den Mittelpunkt rücken. Es geht vielmehr um das Aufzeigen sämtlicher Optionen sowie die Beschreibung, mit welchen Konsequenzen zu rechnen ist, wenn man sich für das eine oder andere Vorgehen entscheidet. Die politisch-parlamentarische Arbeit wird nur dann der Komplexität der Energiewende gerecht werden, wenn sie mit der Wissenschaft rückgekoppelt wird. Nur so können wir glaubhafte Forschungs- und Energiepolitik machen.

ne: Sie haben für die Zukunft insbesondere im Rahmen der Kopernikus-Projekte eine bessere Zusammenarbeit mit dem BMWi angekündigt. Wie wird das konkret aussehen und mit welcher Zielsetzung?

Wanka: Das BMWi ist von Beginn an in die Entwicklung der Kopernikus-Projekte und die Themenabstimmung eingebunden. Wir beginnen nun in der ersten Phase mit der stärker grundlagenorientierten Forschung. Damit legen wir die Basis für die zweite, mehr anwendungsorientierte Forschung, die für die Wirtschaft interessanter ist. Minister Gabriel hat mir sein Interesse an den Kopernikus- Projekten mitgeteilt. Wenn die Kopernikus- Projekte erfolgreich angelaufen sind, wer- den diese aus meiner Sicht ein wesentlicher Bestandteil eines neuen Energieforschungsprogramms sein.

ne: Vertreter der Zivilgesellschaft sollen „in besonderem Maße“ eingebunden werden, um die Interessen von Bürgern abzubilden. Wie wird diese Beteiligung umgesetzt und was bedeutet das für die Projekte konkret?

Wanka: Wir können unser Energiesystem nicht umbauen, wenn die Menschen nicht davon überzeugt sind. Das heißt, wir müssen nicht nur die technische Machbarkeit beweisen, sondern ein Gemeinschaftsprojekt daraus machen. Die Energiewende geht uns alle an, deswegen müssen auch alle an ihr arbeiten.

Wir haben daher vorgesehen, dass beispielsweise  Umweltverbände,  Bürgervereine oder Interessensvertretungen Partner in den Kopernikus-Projekten sein müssen. Denken Sie beispielsweise an den Netzausbau. Da hat die Auseinandersetzung mit den Anliegen der Bürger bereits dazu geführt, dass die neuen Stromautobahnen zwischen Nord und Süd künftig vorrangig als Erdkabel statt über Freileitungen geführt werden. Das ist nicht die einfachste Lösung – aber die, die von allen mitgetragen wird. Die Einbindung der Zivilgesellschaft ist daher ein zentrales Kriterium im Begutachtungsprozess der Kopernikus-Projekte.

ne: Der ehemalige Grünen-Abgeordnete des Deutschen Bundestags, Hans-Josef Fell, kritisiert, dass im Rahmen der Kopernikus-Projekte auch die „Rolle von flexibel betriebenen konventionellen Kraftwerken“ betrachtet werden soll. Zudem befürchtet er den „weitgehenden Ausschluss des innovativen Mittelstands und der Start-ups“. Was sagen Sie dazu?

Wanka: Im Zeitplan der Bundesregierung werden die erneuerbaren Energien bis 2025 etwa 40 Prozent der Stromerzeugung über- nehmen, und 55 bis 60 Prozent im Jahr 2035. Die konventionellen Kraftwerke werden dann noch Teil unserer Energieversorgung sein. Wir wollen beispielsweise Technologien entwickeln, damit industrielle Prozesse an die unregelmäßige Stromversorgung durch Wind und Sonne angepasst werden können. Die Kopernikus-Projekte laufen 2025 aus, die entwickelten Innovationen müssen also möglichst reibungslos in das dann vorhandene Energiesystem integriert werden können, um erfolgreich zu sein. Daher müssen in den Projekten alle wichtigen Komponenten des Energiesystems mit- berücksichtigt werden, auch die konventionellen Kraftwerke.

Was den angeblichen Ausschluss des Mittelstandes anbelangt: Mit dem Kopernikus- Ansatz wollen wir die Innovationskraft in Deutschland für die Energiewende bündeln. Wie soll uns das ohne die Dynamik und Spezialisierungsfähigkeit der kleineren Unter- nehmen gelingen? Die Einbindung von kleinen und mittelständischen Unternehmen in die Kopernikus-Projekte ist ein Qualitätskriterium für das Auswahlverfahren, das zu Recht im Bekanntmachungstext festgehalten wurde. Von „Ausschluss“ kann keine Rede sein.