„Die Zukunft ist mitten in der Hauptstadt“

Heute wurde das Futurium in Berlin eröffnet. Im Interview mit dem „Tagesspiegel“ spricht Bundesforschungsministerin Anja Karliczek über die Möglichkeiten, die Zukunft vorauszudenken und warum das neue Haus die Menschen faszinieren wird.

Beim "Fest der Zukünfte" wird das Futurium eröffnet. Mit dabei waren auch Bundesforschungsministerin Anja Karliczek und Kanzleramts-Chef Helge Braun. In der Ausstellung zeigten Geschäftsführerin Nicole Schneider und Direktor Stefan Brandt den Besuchern mögliche Zukünfte.

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Alexander Gerst im Gespräch mit Bundesforschungsministerin Anja Karliczek. © BMBF/Hans-Joachim Rickel
Was hält die Zukunft für uns bereit? Darüber sprechen Astronaut Alexander Gerst, Meeresforscherin Stefanie Arndt und Bundesforschungsministerin Anja Karliczek mit Moderatorin Angela Elis bei der Eröffnungsfeier. © BMBF/Hans-Joachim Rickel
Rundgang durch mögliche Zukünfte: Stefan Brandt (rechts, Direktor des Futurium) und Nicole Schneider (2.v.l., Geschäftsführerin des Futuriums) führen Minister Braun, Ministerin Karliczek, Stefanie Arndt und Alexander Gerst durch die Ausstellung. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Es ist der Tag der Visionen und der Vorausschau in Berlin: Im Regierungsviertel, in direkter Nachbarschaft zum Bundesministerium für Bildung und Forschung, wurde das Futurium eröffnet. Ein Haus der Zukunft gewissermaßen, in dem Besucherinnen und Besucher einen Ort zum Austausch über Zukunftsthemen finden. Fast gleichzeitig startete außerdem der sogenannte Foresight-Prozess, eine Art strategische Vorausschau. Unter anderem soll ein Gremium aus 17 Expertinnen und Experten einen analytischen Blick auf mögliche Zukunftstrends werfen und die Bundesregierung beraten.

Das Futurium liegt ganz in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs - und in direkter Nachbarschaft zum BMBF. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

„Wir müssen Visionen entwickeln, wie unsere Welt in der Zukunft aussehen soll. Wir müssen zeigen, welche Entwicklungen möglich sind und zugleich, wie man sie gestalten kann. Das muss eine Diskussion mit den Bürgerinnen und Bürgern sein. Wir müssen viel mehr gemeinsam darüber sprechen, was uns in zehn, 20 oder 30 Jahren erwartet und in welche Richtung wir die Entwicklung lenken wollen“, sagte Bundesministerin Anja Karliczek im Interview mit dem „Tagesspiegel“. Es gebe noch immer Skepsis gegenüber neuen Technologien, die daher käme, dass sich viele Menschen den konkreten Nutzen nicht direkt vorstellen könnten. „Wir brauchen mehr Lust auf Zukunft. Am Ende müssen die neuen Technologien natürlich zum Wohle der Menschheit eingesetzt werden“, so die Ministerin.

Gut für Touristen erreichbar

Dabei müssten natürlich auch die kritischen Seiten des Fortschritts angesprochen werden. Es gehe nicht um eine naive Technikgläubigkeit, so die Ministerin. Zu oft würde aber vergessen, dass der Fortschritt unser Leben verbessert hätte. „Im Futurium werden deshalb auch die Chancen des Fortschritts gezeigt. Es geht aber nicht darum, DIE eine Lösung für eine Herausforderung zu präsentieren. Die moderne Mobilität wird zum Beispiel oft vielfältig sein“, sagte Karliczek.

Bundesministerin Anja Karliczek, hier bei einem Besuch auf der Cebit 2018, möchte den Menschen die Angst vor der Zukunft nehmen. © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Das Futurium liegt direkt neben dem Berliner Hauptbahnhof und ist somit sehr gut auch für Tagestouristen erreichbar. Auch deshalb rechnet Karliczek mit vielen Besucherinnen und Besuchern. „Die Zukunft ist mitten in der Hauptstadt“, sagte sie.

Im Foresight-Prozess soll der Fokus direkt auf einer Reihe von Grundsatzfrage liegen: Werden sich die Werte in der Gesellschaft verändern? Wie steht es künftig um Familie und Partnerschaft? Welche neuen medizinischen Methoden sind künftig ethisch vertretbar? „Der Foresight-Prozess ist für uns als Ministerium wichtig, weil wir die Ergebnisse der Beratungen für unsere Planungen nutzen wollen. Wir wollen wissen: Wo gibt es Bereiche, in denen wir zum Beispiel unsere Forschung verstärken müssen?“, so die Ministerin.

Bei all diesen praktischen Ansätzen – es geht schließlich um eine direkt erlebbare Vision der Zukunft – soll die Grundlagenforschung nicht ins Hintertreffen geraten. Das sei kein Gegensatz, betont Karliczek. Aber: „Das ist so, als wenn man sehr viele Bäume für einen Wald pflanzt. Viele Bäume wird man erst nach Jahrzehnten nutzen können, wenn überhaupt. So ist es auch mit der Wissenschaft.“ Deutschland sei aber nicht so gut darin, Entwicklungen auch in Produkte umzusetzen. „Das können wir uns nicht mehr leisten. Wir müssen sehen, dass die Entwicklungen auch bei uns umgesetzt werden“, sagte Karliczek.

Nur neue Technologie sichert die Wirtschaft

Wer über die Forschung der Zukunft spricht, landet dabei automatisch auch bei Fragen der Ethik in der Medizin. Sollten also zum Beispiel die Rahmenbedingungen für das umstrittene Genome-Editing geschaffen werden? Die Ministerin sprach sich im Gespräch mit dem „Tagesspiegel“ dafür aus, Eingriffe in die menschliche Keimbahn weiterhin zu verbieten. „Im Bereich der Pflanzenzüchtung sollte man hingegen darüber diskutieren, inwieweit das bestehende EU-Recht risikoorientiert anzupassen ist. Der Bioökonomierat hat sich bereits ebenso wie die vielen Stimmen aus der europäischen Wissenschaft dafür ausgesprochen. Der Klimawandel und die Sicherung der Welternährung sind gute Gründe dafür“, sagte Karliczek. Im Bereich Pflanzen solle neu nachgedacht und das Gentechnikrecht angepasst werden.

Ein anderes großes Thema der Zukunft ist der Klimawandel. Karliczek betonte, dass das BMBF schon seit langem den Klimawandel zu einem Kernthema des Hauses gemacht habe. „Wenn wir nicht seit vielen Jahren diese Forschung vorangetrieben hätten, dann gäbe es zum Beispiel das heutige Wissen über den Klimawandel nicht in dieser Form“, so die Ministerin. Als Beispiel nannte sie das Projekt „Carbon2Chem“, in dem Hüttengas in chemischen Grundstoff umgewandelt wird.

Damit kann der CO2-Ausstoß eines Standortes um bis zu 70 Prozent verringert werden. „Ein Wahnsinnswert! Mit solchen Lösungen können wir CO2-intensive Industrien in Deutschland halten und gleichzeitig durch deren Export weltweit mehr CO2 einsparen, als in Deutschland überhaupt möglich wäre“, sagte Karliczek. Nur mit neuen Technologien könne ein Wirtschaften ohne den Ausstoß von CO2 ermöglicht werden.