"Diese Tat ist ein Angriff auf die Werte unseres Landes"

Der gezielte Angriff auf Juden in Halle erschüttert Deutschland. "Wir brauchen eine intensive Auseinandersetzung, was der Nährboden für eine solche Tat ist", mahnt Ministerin Karliczek im Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung. © BMBF/Laurence Chaperon

Das Interview erschien am 12. Oktober 2019 in der Neuen Osnabrücker Zeitung. Die Fragen stellte Beate Tenfelde. 

Beate Tenfelde: Der gezielte Angriff auf Juden in Halle erschüttert Deutschland: Was können Sie als Bildungsministerin tun, damit sich eine solche Tat nicht wiederholt?

Diese Tat ist ein Angriff auf die Werte, ja die Identität unseres Landes. Als Bundesbildungsministerin wünsche ich mir, dass gerade nach dieser Tat in den Schulen noch einmal intensiv diskutiert wird, auf welchem geschichtlichen und geistigen Fundament unsere Gesellschaft steht. Das jüdische Leben zu schützen, leitet sich direkt daraus ab. Wir müssen alle gemeinsam der Opfer gedenken.

Müssen wir nicht tiefer gehen?

Wir brauchen eine intensive Auseinandersetzung, was der Nährboden für eine solche Tat ist. Das ist ja keine Einzeltat mehr. Wir müssen erkennen, dass sich Hass und Hetze in unserem Land mittlerweile nahezu ungehindert im Netz verbreiten – jedenfalls kommt es einem oft so vor. Wir müssen Toleranz und gegenseitigen Respekt als Basis des Zusammenlebens herausheben. Extremistische Gruppen versuchen, auch in die Jugendkultur einzudringen. Auch das muss in den Schulen thematisiert werden.

Die innerdeutsche Entfremdung zwischen Ost und West ist im 30. Jahr des Mauerfalls ein großes Thema. Sehen Sie sich als Bildungsministerin herausgefordert, damit in Schulen dafür Sensibilität entwickelt wird?

Wir Deutsche müssen mehr miteinander reden. Nach dem Mauerfall wollten alle die schnelle Einheit. Die Frage, ob wir uns in den Jahren der Teilung nicht stärker auseinander entwickelt haben, als wir glaubten, wurde in der Euphorie der ersten Einheitsjahre nicht gestellt. Unterschiedliche Ansichten verstärkten sich nach der Wende oft sogar, ohne dass das erst so richtig wahrgenommen wurde. Diese Entwicklung nicht richtig erkannt zu haben, ist ein Versäumnis.

Kann die Schule im Unterricht deutsch-deutsche Versäumnisse auffangen?

Vielleicht gehen wir die Sache einfach mal spielerisch an. Eine Idee wären mehr Schulpartnerschaften zwischen Ost und West. Vielleicht können darüber Projekte entstehen, wie die jungen Leute die deutsche Einheit sehen und wie aus deren Blickwinkel der Zusammenhalt in Deutschland verbessert werden kann. Das kann ja per Skype beginnen, aber sich in persönlichen Begegnungen fortsetzen. Ich bin sicher, dass unseren Lehrern und Schülern tolle Einheits-Projekte gelingen. Eines darf uns nicht kalt lassen: Dass sich Klischees über Ossis und Wessis verfestigen und wir den Zustand einfach laufen lassen, dass sich Teile von Ost und West nicht verstehen.

Die Zeichen stehen auf Konjunktureintrübung und Stellenabbau – dies zwingt Schlüsselindustrien zu neuen Geschäftsmodellen. Was muss hier eine Ministerin für Forschung und Bildung tun?

Die Innovationsgeschwindigkeit auf dieser Welt wird sich noch beschleunigen. Daher müssen dafür sorgen, dass die Erkenntnisse unserer sehr guten Forschung noch schneller in die Unternehmen kommen. Das ist ein Schlüssel, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Geredet wird darüber schon lange…

Ja, aber wir handeln. Wir gehen mit der Agentur für Sprunginnovationen ganz neue Wege. Die Fachhochschulen sind in ihren Regionen mittlerweile ein toller Transportweg von Wissenschafts-Knowhow in die Praxis. Wir haben Plattformen geschaffen, bei denen Wissenschaft und Wirtschaft zusammen sitzen – etwa beim Thema Künstliche Intelligenz, also KI.

Wenn ein Computer so programmiert wird, dass er relativ eigenständig Probleme bearbeiten kann, erscheint das manchen bedrohlich...

Neue Entwicklungen wurden stets auch als Bedrohung empfunden. Wir sollten aber positiv an die Entwicklung gehen: Die künstliche Intelligenz verbessert unser Leben. Die medizinische Diagnostik wird genauer werden. Technologien werden sich besser den Bedürfnissen von Mensch und Umwelt anpassen. KI wird viele Arbeiten erleichtern, die uns heute noch nerven – bei ganz banalen Dingen, wie etwa die Verarbeitung von Rechnungen. Der Mensch wird die Künstliche Intelligenz auch immer steuern. Und: Empathie und Kreativität haben allein Menschen. Denken, Fühlen, Ideen haben – das kann kein Computer.

Killt künstliche Intelligenz Jobs?

Die Arbeit wird uns nicht ausgehen. Im Gegenteil: Jeder Technologiesprung in den letzten 150 Jahren, von der Landwirtschaft zur Industrialisierung oder von der Petroleumlampe zur Elektrifizierung, hat zu mehr Arbeit geführt. So wird es auch im KI-Zeitalter sein. Roboter werden uns natürlich Arbeit abnehmen und statt Feuerwehrleuten in brennende Häuser gehen. Aber das Wichtigste: Wir müssen in Deutschland auch solche Roboter bauen und dies nicht anderen überlassen. Wir müssen bei KI vorn sein, auch der Mittelstand, den wir als Staat dabei unterstützen werden.

30 Prozent der Studierenden und 25 Prozent der Azubis brechen ihre erste Ausbildung ab. Was ist zu tun?

Nur kurz: nur die Hälfte der 25 Prozent Azubis steigt wirklich aus der dualen Ausbildung aus. Die anderen setzen die Ausbildung in einem anderen Betrieb oder in einer anderen Branche fort. Aber es stimmt: Jeder Ausbildungsabbruch ist auch ein Zeichen mangelnder Orientierung. In den letzten Jahren ist die Berufsorientierung schon viel besser geworden. Das Niveau müssen wir halten. Etwas anderes kann auch helfen: Wir sollten uns mehr darauf konzentrieren, die Talente der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Darauf zielt auch unser Programm „Leistung macht Schule“ ab. Auch schon in der Grundschule sollten Begabungen gezielt gefördert werden. Dabei darf nicht vergessen werden: Gerade Kinder probieren auch gern einiges aus.

Bekommen wir asiatische Verhältnisse, mit Nachhilfe schon in der Kita?

Nein, genau das will ich nicht. Ich möchte Kreativität und Eigeninitiative wecken, ich will keine Dressur.

Sie plädieren für „Exzellenz in der Bildung“. Wie soll das gehen, wenn in Grundschulen – und bald wohl auch in Gymnasien – im Schnellverfahren angelernte Quereinsteiger den Betrieb aufrechterhalten?

Fakt ist: In vielen Ländern herrscht Lehrermangel. Quereinsteiger helfen, den Unterricht abzusichern. Wir erreichen Exzellenz, wenn wir auch diese Lehrkräfte gut weiterbilden. Es sollten rasch entsprechende Weiterbildungsangebote geschaffen werden, in denen insbesondere Pädagogik und Didaktik vermittelt werden. Ich halte auch Modelle vorstellbar, in denen Weiterbildung und der Einsatz an den Schulen kombiniert werden.