Digital Future Science Match

Rede des Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung Christian Luft

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Turner,
sehr geehrter Herr Prof. Meinel,
sehr geehrter Prof. Schütte,
sehr geehrte Damen und Herren!
 

Grüße von Ministerin Karliczek.

Lassen Sie mich mit zwei Wissenschaftlern beginnen, die sich schon früh mit dem Leitthema dieser Konferenz, Künstliche Intelligenz, auseinandergesetzt haben:

Für Joseph Weizenbaum war, Zitat, die „künstliche(n) Intelligenz (…) die Kernfrage der gesamten Computerentwicklung, über die viel Unsinniges geschrieben wird: Menschliche Erfahrung ist nicht übertragbar. Menschen können lernen. Das heißt: Neues schöpfen. Nicht aber Computer. Die können lediglich Strukturen und Daten nach vorgegebenen Mustern erweitern oder verdichten.“

Ganz anders sah es Stephen Hawking: „Anders als unser Intellekt verdoppeln Computer ihre Leistung alle 18 Monate. Daher ist die Gefahr real, dass sie Intelligenz entwickeln und die Welt übernehmen.“

Die Bandbreite zwischen diesen beiden Aussagen ist groß. Sie spiegelt sich in den unterschiedlichen Reaktion der Menschen auf das Stichwort KI wider:

Die einen verbinden mit KI große Erwartungen. Die anderen die größten Befürchtungen.

Die einen halten die Diskussionen für einen Hype. Die anderen finden, dass die Bundesregierung mit den im Rahmen der KI-Strategie vorgesehenen 3 Mrd. Euro viel zu wenig tut.

Einen gewissen Zwiespalt kenne ich auch von mir selbst, wenn ich an die ganz konkreten Einsatzmöglichkeiten von Künstlicher Intelligenz denke:

Immer wieder bin ich von den Möglichkeiten dieser Technologie fasziniert. Etwa beim auto-nomen Fahren: Viele menschliche Fehler wie Ablenkung, Fehler beim Abbiegen oder Wenden, missachtete Vorfahrt oder falsche Geschwindigkeit lassen sich vermeiden. Und damit auch viele Unfälle.

Faszinierend finde ich auch anschauliche Beispiele wie etwa die intelligente Aufzugswartung. Dabei werden Daten über Türbewegungen, Fahrten oder Innenrufe erfasst und an eine Cloud übermittelt. Dort werden sie von Algorithmen ausgewertet und die Lebensdauer der einzelnen Komponenten wird berechnet. Das System erkennt Strukturen, trifft Entscheidungen. Die Daten kommen von Aufzügen weltweit.

Auf der Hannover Messe Anfang April konnte man deutlich sehen: Immer mehr Unternehmen kombinieren ihr Wissen über ihre Produkte und Fertigungsverfahren mit KI. Dadurch tragen sie zu besseren Produkten und einem verbesserten Angebot bei.

Aber auch ich bin nicht frei von Zweifeln, was die Künstliche Intelligenz betrifft: Etwa, wenn KI bei der Personalauswahl eingesetzt wird und es auf dieser Basis zu ungerechten Entscheidungen kommt.

Oder wenn Gesichtserkennung mit KI, die bei der Verbrechensbekämpfung helfen kann, Teil einer zu weit gehenden Überwachung zu werden droht.

Künstliche Intelligenz bietet viele Chancen. Wir müssen aber wachsam sein und fehlerhafte Ansätze der Technologie frühzeitig erkennen. Nur so können wir Lösungen für die Beherrschbarkeit der Risiken gleich mitentwickeln.

Dafür brauchen wir gute Forschung und Wissenschaft auf der einen Seite – dafür stehen vielen von Ihnen hier in diesem Saal.

Zugleich ist die Politik in der Pflicht, den Rahmen für den Einsatz und den Umgang mit KI zu setzen.

Die entscheidende Frage lautet: Wie machen wir KI zum Erfolg und zum Nutzen für die Menschen?

Um mehr solcher Technologien zu entwickeln, brauchen wir die Forschung zu KI. Wissenschaft und Forschung sind entscheidend,

  • wenn wir im internationalen Wettbewerb mithalten wollen,
  • und wenn wir mit KI unser Leben besser und einfacher machen wollen.

Wie das am besten gelingt, darüber müssen wir reden. Denn es gibt Chancen und Risiken.

Selbst das Beispiel eines möglichen Rettungseinsatzes mit Unterstützung von KI zeigt: Trotz des ersichtlichen Mehrwerts ergeben sich Fragen:

Wie handeln Roboter in Dilemma-Situationen?

Welchen Verletzten retten sie zuerst?

Wer haftet, falls selbstlernende Roboter Schäden verursachen?

Die Meinungen gehen beim Thema KI oft weit auseinander:
Die einen sehen vor allem die Potenziale der KI. Andere schauen eher mit Skepsis oder Unsicherheit auf die neuen Entwicklungen.

Was wir brauchen, ist ein differenzierter Blick, einen Blick, der sich sachlich mit KI auseinandersetzt.

Denn eines ist klar: Es liegt in unserer Hand, wie und wo wir KI einsetzen.

Maschinen funktionieren so, wie Experten sie programmieren. Sie werden dort angewendet, wo Menschen sie zur Anwendung bringen wollen.

Wir entscheiden, mit welchen Daten wir Maschinen ausstatten; wir entscheiden, an welchen Orten sie uns entlasten.

Im Mittelpunkt unserer Überlegungen sollte dabei immer das Ziel stehen:

KI dient dem Menschen.

Um dieses Ziel zu erreichen, sind wir alle gefragt: Die Wissenschaft, die Wirtschaft, die Politik und jeder Einzelne.

Viele von Ihnen hier im Saal arbeiten mit daran, dass dies gelingt.

Die Politik ist in der Pflicht, den Rahmen für den Einsatz und den Umgang mit KI vorzugeben. Im Folgenden möchte ich kurz 6 Ansatzstellen nennen, an denen wir arbeiten:

1. Wir arbeiten daran, dass KI ganz konkret Menschen Mehrwert bringt. Und zwar bei den großen Herausforderungen unserer Zeit:

  • Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Energie,
  • Mobilität,
  • Stadt und Land,
  • Sicherheit, Wirtschaft und Arbeit 4.0
  • Gesundheit und Pflege.

Nehmen Sie das Beispiel Krebs.
Wir haben in diesem Jahr die Nationale Dekade gegen Krebs gestartet. Zehn Jahre bündeln wir unsere Kräfte, um Krebs besser zu verstehen, zu verhindern und zu heilen.
Dabei setzen wir auch auf Künstliche Intelligenz.
Sie bietet neue Chancen für individuell auf den Patienten zugeschnittene Therapien.
Diese Chance werden wir nutzen.

2. Der Weg zum Erfolg geht nur über Spitzenforschung.

Dafür brauchen wir die besten Strukturen und Forschungseinrichtungen.

Wir fördern die KI-Forschung seit vielen Jahren. Lange bevor KI in aller Munde war, haben wir damit angefangen.
Wir haben exzellentes Know-How im Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und in unseren Zentren in Berlin, München, Dortmund, Dresden und Tübingen.

Wir wollen deren Spitzenforscher noch enger mit Wirtschaft und Industrie verzahnen und vernetzen.
Einen elfköpfigen Beirat unter Vorsitz von Professor Matthias Kleiner, dem Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft, hat Ministerin Karliczek Ende März berufen.
Und wir werden unsere Kompetenzzentren mit europäischen Partnern verbinden, insbesondere mit dem französischen KI-Netzwerk. Denn die Entwicklung der KI können wir nur vernetzt denken: national, europäisch, international.

3. Ansatzpunkt: Wissenschaft lebt von Talenten, die mit Engagement forschen.

Deshalb fördern wir entlang der gesamten Bildungskette, zum Beispiel:

  • Mit dem DigitalPakt Schule. Damit Schüler lernen, sich selbstbestimmt in der digitalen Welt zu bewegen.
  • Mit unserem Dachprogramm Berufsbildung 4.0. Damit junge Menschen für ihre Arbeit der Zukunft optimal vorbereitet werden.  

Der internationale Wettbewerb um KI ist auch ein Wettbewerb um Talente.
Darum machen wir Deutschland attraktiv für Fachleute, KI-Entwicklerinnen und Entwickler, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt. Wir fördern neue KI-Professuren an den Hochschulen.

Unser Ziel ist es, wissenschaftliche Expertise langfristig am Standort Deutschland zu sichern. Wir haben dafür drei Ansätze:

  1. Um internationale Spitzenwissenschaftler für uns zu gewinnen, entwickeln wir ein Programm mit der Alexander von Humboldt-Stiftung. Es soll so schnell wie möglich starten.
  2. Wir wollen die Lehre an unseren Kompetenzzentren ausbauen.
  3. Wir wollen den Nachwuchs verstärkt fördern. Denn auch die nächste Generation von KI-Spezialisten soll in Deutschland zu Hause sein.

Stellschraube unserer Aktivitäten:

4. Wir arbeiten an einer KI mit Markenkern.

Dieser Markenkern sind unsere verfassungsrechtlichen Grundlagen.

Dazu gehören Menschenwürde, Selbstbestimmung und Privatheit.

Es gilt immer wieder unser stabiles Fundament ethischer und rechtlicher Grundsätze in den Blick zu rücken.

Nur so erreichen wir unsere Ziele, eine KI zum Nutzen des Einzelnen und der Gesellschaft zu zu entwickeln.

Wir sind nicht in den USA. Wir wollen uns nicht von rein unternehmerischen Interessen leiten lassen.

Wir sind auch nicht in China. Wir wollen auch nicht dem Staat unbegrenzte Kontroll- und Steuerungsmöglichkeiten einräumen.

Wir gehen unseren eigenen europäischen Weg der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz.
Geleitet von unseren Werten:
KI made in Europe.

5. Ansatzpunkt unserer Aktivitäten: Wir haben einen Blick für die großen Zusammenhänge. Keine sektorale Betrachtungsweise: Wertschöpfungskette betrachten.

KI ist nicht nur eine neue Technologie. Sie hat das Potenzial, unsere gesamte Gesellschaft zu verändern. Neue Geschäftsmodelle entstehen. Zum Beispiel nehmen Plattformen eine nie gekannte Rolle im Wirtschaftsgeschehen ein. Die Arbeitswelt verändert sich.

Es gilt deshalb, Künstliche Intelligenz und Digitalisierung im Kontext des technologischen und gesellschaftlichen Wandels zu sehen.

Auch deshalb haben wir mit der Digitalstrategie des BMBF „Digitale Zukunft. Lernen. Forschen. Wissen.“ unsere Grundüberzeugungen und Handlungsfelder im Bereich Bildung und Forschung gebündelt dargestellt und mit konkreten Initiativen unterlegt. Und schließlich unser 6. Ansatzpunkt für eine KI, die dem Menschen dient:

6. Dialog und Diskussion über KI sind entscheidend.

Viele begegnen dem Thema KI mit Unsicherheit. Viele wissen wenig über KI. Nicht nur in Deutschland. Es ist ein europäisches Phänomen: Laut einer Studie weiß knapp die Hälfte der europäischen Bevölkerung nicht, was ein Algorithmus ist.

Dies wollen wir ändern. Damit möglichst viele unsere digitale Gesellschaft mitgestalten.

Dafür nutzen wir auch das Wissenschaftsjahr mit dem Thema KI:

Was ist Künstliche Intelligenz?

Wie verändert sie unser Leben und Arbeiten?

Wie behalte ich die Kontrolle über KI?

Fragen, auf die das Wissenschaftsjahr Antworten sucht.

Wir zeigen, dass jeder Einzelne sich einbringen kann. Wir möchten motivieren und einladen, diese Chance aktiv wahrzunehmen.

Denn wenn möglichst viele sich einbringen, gelingt es, dass auch möglichst vielen die KI Nutzen bringt.

So können wir den Wandel sowohl technologisch, als auch gesellschaftlich, ökonomisch und politisch gestalten – auf der Basis unserer gemeinsamen Werte und mit Begeisterung für Innovationen.

Ich lade Sie alle ein, daran mitzuwirken. Die heutige Konferenz bietet eine gute Plattform: zum Vernetzen, für Diskurse und zum Austausch. Nutzen Sie diese Chance und gestalten Sie unsere Zukunft mit.