Digital Humanities Summit 2015

Grußwort der Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Cornelia Quennet-Thielen, am 3. März 2015 in Berlin

Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung
Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

1949 überzeugte der Theologe Roberto Busa den Vorstandsvorsitzenden von IBM, Thomas J. Watson, davon, ihn bei einer Mammutaufgabe zu unterstützen: Mit Hilfe der IBM-Lochkartentechnik wollte Busa das vollständige Werk von Thomas von Aquin indexieren. Daraus wurde eine jahrzehntelange Partnerschaft zwischen IBM und Busa. In den siebziger Jahren gab Busa den Index Thomisticus in 56 Bänden heraus. 1989 folgte eine Fassung auf CD-Rom, seit 2005 ist der Index direkt mit dem gesamten Korpus der Schriften verknüpft frei zugänglich im Netz.[1] Mit diesem Index wurde der Theologe Busa zum Godfather der Digital Humanities.

Was sagt uns diese faszinierende Geschichte?

Erstens: Die Geisteswissenschaften gehören zu den Vorreitern der Digitalisierung.

Zweitens: Ungewöhnliche Partnerschaften sind häufig ein Gewinn.

Drittens: Großprojekte brauchen einen langen Atem.

Seit 2005 ist der Korpus im Netz. Das belegt pars pro toto: Wir stehen nicht mehr ganz am Anfang, aber immer noch am Beginn einer Entwicklung. Digitale Technik durchdringt unsere Arbeit, unseren Alltag, die Wissenschaft. Was das für die Zukunft heißt, welche Möglichkeiten und Grenzen, welche Veränderungen das mit sich bringt, werden die nächsten Jahre weisen.

Das macht Veranstaltungen wie diese so spannend: Wo das bereits Etablierte auf das Neue trifft, wo ein ganzes Feld abgesteckt wird und Wissenschaftler ganz unterschiedlicher fachlicher Herkunft aufeinandertreffen.

Ich freue mich sehr, hier zu sein!

Sie alle treiben die Verwendung digitaler Techniken und die Arbeit mit großen Datenmengen für die geisteswissenschaftlichen Disziplinen voran: An den Hochschulen, den Bibliotheken, in den vom BMBF geförderten Projekten DARIAH und TextGrid oder mit eigenen Projekten. Sie machen den Digital Humanities Summit zu einem beeindruckenden Markt der Möglichkeiten.

Gesellschaftliche Umbrüche und technische Neuerungen fordern auch die Politik heraus. Alte Regelungen passen nicht mehr; Innovationen brauchen gute, neue Rahmenbedingungen; Erwartungshaltungen und Präferenzen verändern sich. Die Bundesregierung stellt sich dieser Herausforderung mit der Digitalen Agenda.

Damit wollen wir die Chancen der Digitalisierung nutzen. Wir wollen Deutschlands Rolle als innovative und leistungsstarke Volkswirtschaft in Europa und der Welt ausbauen. Und wir wollen zugleich die Risiken adressieren und die damit verbundenen Sorgen aufgreifen. Wir setzen uns für die Fortentwicklung des globalen Internets als offenem, als sicherem und als freiem Raum ein, der Meinungsvielfalt und Austausch schützt sowie Information und Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger an gesellschaftlichen Prozessen ermöglicht.

Bildung, Wissenschaft und Forschung sind ebenso wie Kultur und Medien zentrale Einsatzfelder neuer digitaler Technologien. Zugleich bietet die digitale Vernetzung neue Möglichkeiten der Öffentlichkeit und der Veröffentlichung. Die Politik unterstützt die Entwicklung und die Nutzung neuer Technologien und sie setzt den rechtlichen Rahmen.

Digitale Plattformen sind digitale Instrumente, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Sie entwickeln sich gerade in der Wissenschaft nicht von selbst. Sie sind teuer und versprechen geistigen, aber zunächst nur begrenzten monetären Gewinn. 

Das BMBF hat früh mit der Förderung der Digital Humanities und Forschungsinfrastrukturen begonnen. Den Anfang machte Textgrid 2005. Dann hat der Wissenschaftsrat – vom BMBF angeregt – mit seinen Empfehlungen aus dem Jahr 2011 wesentlich dazu beigetragen, Ressourcen zu mobilisieren und Initiativen zu ermutigen.[2]

Seit 2012 haben wir die Förderung der Digital Humanities und der entsprechenden Forschungsinfrastrukturen zu einem Schwerpunkt unseres Rahmenprogramms für die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften gemacht. Unsere bisherige und die laufende Förderung der Digital Humanities und ihrer Forschungsinfrastrukturen im Bereich der Geisteswissenschaften beläuft sich auf rund 60 Mio. €.[3] In den beiden europäischen Infrastrukturen der Geisteswissen­schaften – DARIAH und CLARIN – ist Deutschland ein sehr starker Partner.

Geld ist aber bekanntlich nicht alles. Wir brauchen zugleich Rahmenbedingungen, die den digitalen Möglichkeiten entsprechen. Open Access ist ein zentrales Stichwort. 2013 hat der Deutsche Bundestag auf unsere Initiative ein gesetzliches Recht auf Zweitveröffentlichung nach zwölf Monaten verabschiedet für Arbeiten, die mindestens zur Hälfte mit öffentlichen Mitteln gefördert werden. Das war der erste Baustein für die Förderung von Open Access in Deutschland. Ich bin überzeugt, dass Open Access zu einem besseren Informationsfluss in der Wissenschaft und zur besseren Sichtbarkeit von Forschungsergebnissen beitragen kann. So können wir die Innovationsfähigkeit unseres Landes stärken. Deshalb wird das BMBF eine Strategie für den unentgeltlichen, effektiven und dauerhaften Zugang zu öffentlich finanzierten, wissenschaftlichen Publikationen und zu Forschungsdaten vorlegen.

Wir wollen außerdem eine Bildungs- und Wissenschaftsschranke im Urheberrecht einführen. Damit soll das Urheberrecht nicht nur nutzerfreundlicher und transparenter, sondern auch bildungs- und forschungsfreundlicher werden.

Das BMBF ist nur ein Akteur im Feld der Digitalisierung und der Digital Humanities. Der Erfolg der digitalen Geisteswissenschaften hängt von vielen ab:

Von den Bundesländern, die digitale Innovationen in den Hochschulen wollen und unterstützen müssen.

Von den Hochschulen, die sich für die neuen Möglichkeiten öffnen müssen. Viele schreiben Digital-Humanities-Professuren und Mitarbeiterstellen aus. Das ist gut, reicht aber nicht aus: Bereits bestehende Strukturen müssen um digitale Möglichkeiten erweitert, in virtuelle Forschungsumgebungen eingebettet werden. Und es kommt nicht nur auf die fachliche, sondern auch auf die technische Vernetzung und auf eine gute Arbeitsteilung an: Mit anderen Hochschulen, den Ländern, anderen Staaten.

Der Erfolg der digitalen Geisteswissenschaften hängt davon ab, wie anschlussfähig die eHumanities an nicht- oder wenig digitale Forschung sind und wie sehr diese wiederum bereit ist, sich zu öffnen. Lange war der Entwickler- mit dem Nutzerkreis weitgehend identisch. Das ändert sich. Die Werkzeuge werden zunehmend auch für Non-Natives attraktiv. Und wissenschaftliche Leistungen sind das beste Argument, um auch Skeptiker für die digitalen Geisteswissenschaften zu gewinnen.

Der Erfolg hängt last but not least ganz wesentlich von der Bereitschaft der Wissenschaft ab, die Öffentlichkeit zu suchen.

Die Botschaft der digitalen an die eher analogen Geisteswissen­schaftler lautet meines Erachtens: Die neuen Techniken und Methoden entwerten die geisteswissenschaftliche Ausbildung und Arbeit keinesfalls. Vielmehr: Sie ergänzen sie. Sie ersetzen keine Rekonstruktion von Text und Kontext, keine Bildbeschreibung, keine Musikgeschichte, sie erleichtern sie. Bekannte geisteswissenschaftliche Fragen lassen sich vielfach besser bearbeiten und neue Fragen erstmals stellen. Und am Ende zählen bei aller Verfügbarkeit von Daten und Dokumenten nach wie vor intellektuelle Anstrengung, Vorstellungskraft und Urteilsvermögen.

Ein Beispiel dafür ist die Edition von Theodor Fontanes Notizbüchern der Fontane-Arbeitsstelle der Georg August-Universität Göttingen.

Diese Edition ermittelt, transkribiert, codiert, kommentiert und veröffentlicht erstmals alle Notizbuchniederschriften des Verfassers der Wanderungen durch die Mark Brandenburg, der Effi Briest, des Stechlin.

Sie nimmt die Dynamik von Schreib- und Produktionsprozessen in den Blick und macht sie sichtbar. Für die komplexen Aufgaben werden die Dienste und Werkzeuge von TextGrid[4] genutzt, angepasst und teilweise weiterentwickelt.

Hier wird deutlich: Digitalisierung und fachwissenschaftliche Expertise tragen gemeinsam dazu bei, einen lebendigen Eindruck von Fontanes allmählicher Verfertigung der Gedanken beim Schreiben[5] zu vermitteln, von seinem Netzwerk, seinen weitläufigen Interessen.

Ich darf hier den Wunsch an alle digital Arbeitenden anschließen, ihre Ergebnisse und Erkenntnisse noch besser zugänglich zu machen – und zwar nicht nur für Fachkollegen, sondern für die interessierte Öffentlichkeit, gerade für die Öffentlichkeit im Netz. Sie begegnet neuen Entwicklungen mit großer Neugier. Geben Sie interessierten Laien bessere Möglichkeiten, online konkret Einblick zu nehmen – und berücksichtigen Sie dabei, dass das am besten mit einer intuitiven Benutzerführung gelingt.

Das Londoner Projekt „Transcribe Bentham“ ist ein faszinierendes Beispiel für solch ein partizipatives, zugleich qualitätsgesichertes Verfahren. Schon auf der ersten Internetseite ist für jeden sichtbar, wie weit die Transkription aller Werke von Jeremy Bentham[6] fortgeschritten ist. Jeder kann virtuell eine der 169 Archivschachteln öffnen und sich für die Mitarbeit anmelden.[7]  Vielleicht kann das eine Anregung auch für Projekte in Deutschland sein, interessierte Laien nicht nur zu informieren, sondern teilhaben zu lassen.

Mein Ministerium wird sich nicht auf dem Erreichten ausruhen. Wir werden weiterhin unseren Teil dazu beitragen, dass die Digitalisierung der Geisteswissenschaften zu einer Erfolgsgeschichte wird.

Wir erwarten gespannt die Vorschläge, die der neu gegründete Rat für Informationsinfrastrukturen vorlegen wird. Er hat bereits entschieden, sich intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit zu befassen. Denn uns allen ist bewusst, dass sich das Potenzial virtueller Forschungsumgebungen und Forschungsinfrastrukturen nur dann voll entfalten lassen wird, wenn Infrastrukturen verstetigt und Daten dauerhaft gesichert werden. Nicht zuletzt dank TextGrid und DARIAH sind wir dabei auf einem guten Weg. Wir müssen ihn ausbauen und weitergehen.

„Das Staunen ist eine Sehnsucht nach Wissen“, hat Thomas von Aquin formuliert. Staunen wir über die neuen Möglichkeiten, freuen wir uns auf neue Darstellungsformen von Wissen und darauf aufbauende neue Erkenntnisse.

Vielen Dank.

 

[1] http://www.corpusthomisticum.org/

[2] Empfehlungen zu Forschungsinfrastrukturen in den Geistes- und Sozialwissenschaften.

[3] Enthält auch die nationale Förderung der in ESFRI aktiven deutschen Partner in DARIAH (10,5 Mio € über die Laufzeit von 5 Jahren) und CLARIN (14,7 Mio € über die Laufzeit von 5 Jahren) + die Beiträge, mit denen D an CLARIN ERIC (jährlich etwas mehr als 200T€ der o.g. Summe) und DARIAH ERIC (jährlich knapp 200T€ der o.g. Summe) beteiligt ist.

[4] BMBF-geförderte virtuelle Forschungsumgebung für Geistes- und Kulturwissenschaftler

[5] Anspielung auf Heinrich von Kleist: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden, 1805.

[6] Jeremy Bentham (* 15. Februar 1748 in Spitalfields, London; † 6. Juni 1832 ebenda) war ein englischer Jurist, Philosoph und Sozialreformer. Er gilt als Begründer des klassischen Utilitarismus.