Digitale Chancen auch für die Sprache nutzen

„Wörterbucharbeit kommt praktisch nie zu einem Ende. Noch während man am Buchstaben B arbeitet, könnte man schon den Buchstaben A korrigieren, ergänzen und aktualisieren“, sagt Staatssekretär Rachel zum neuen Zentrum für digitale Lexikographie.

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"Die Digitalisierung und das Internet müssen nicht das Ende der wissenschaftlichen Lexikographie bedeuten", sagte der Parlamentarische Staatssekretär Thomas Rachel (3.v.l.). © BMBF/Klaus Schindel

Eröffnungsrede des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung Thomas Rachel (MdB) anlässlich der Auftaktveranstaltung des Zentrums für digitale Lexikographie der deutschen Sprache am 29. Januar 2019 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Präsidenten, Herr Professor Grötschel und Herr Professor Gardt,

sehr geehrter Herr Staatssekretär Krach,

sehr geehrte Damen und Herren,

[…],

kaum ein Thema hat die Wissenschaft, Wirtschaft und Politik in diesem Jahrzehnt so beschäftigt wie die Digitalisierung. Mit enormer Wucht dringt sie in so viele Lebensbereiche, ruft einerseits Aufbruchstimmung, andererseits Skepsis hervor. Die Digitalisierung begeistert, sie polarisiert, sie stellt vieles auf den Kopf.

Das hat auch die starke Tradition der deutschen Wörterbücher erfahren müssen. Wer früher wissen wollte, wie ein Wort geschrieben oder benutzt wird, der Griff ins Bücherregal und schaute beispielsweise im Duden nach. Der Duden war eine Instanz der deutschen Sprache. Wurde ein neues Wort aufgenommen, konnte diese Entscheidung die Feuilletons füllen und die Gemüter erhitzen.

Wie anders sieht das heute aus: Man zückt das Smartphone, binnen Sekunden findet man eine Fülle von Angeboten. Die Frage, warum ein Wort aufgeführt wird, stellt sich nicht mehr, sondern eher die Frage, warum ein Wort nicht aufgeführt wird – ist man mittlerweile doch gewöhnt, im Internet alles zu finden und vieles vermeintlich ohne Gegenleistung.

Die zahlreichen, kostenlosen Nachschlagemöglichkeiten im Internet sind selbst für die großen Wörterbuchverlage zum Problem geworden. So wurde z.B. das andere große deutsche Wörterbuch neben dem Duden, der Wahrig, 2014 eingestellt.

Ich denke, vielen Menschen ist klar: Wissenschaftliche Verlässlichkeit kann man von solchen Angeboten nicht erwarten. Aber Sprache ist eine mächtige Lenkerin, die Denken, Empfinden und Wertvorstellungen prägen kann. Mit der Sprache können sich auch Sichtweisen verschieben - in einem positiven Sinn genau wie in einem negativen Sinn. Ein wissenschaftlich fundierter Umgang mit unserer Sprache stellt in meinen Augen deshalb ein gesamtgesellschaftliches Anliegen mit zukunftsweisender Verantwortung dar.

Die Digitalisierung und das Internet müssen nicht das Ende der wissenschaftlichen Lexikographie bedeuten. Sie bedeuten eine grundlegende Veränderung, und diese Veränderung sehe ich durchaus positiv.

Wörterbucharbeit kommt praktisch nie zu einem Ende. Noch während man am Buchstaben B arbeitet, könnte man schon den Buchstaben A korrigieren, ergänzen und aktualisieren. Bei den Erscheinungszyklen gedruckter Ausgaben war das nicht möglich. Ein digitales Wörterbuch aber kann man jederzeit korrigieren, ergänzen und aktualisieren. Für die Lexikographie stellt dies eine großartige Chance dar.

Die Akademien, die über Jahrzehnte an großen Wörterbuchprojekten gearbeitet haben, sehen diese Chance. Und sie möchten sie mit dem Zentrum für digitale Lexikographie nutzen. Mit dem Zentrum für digitale Lexikographie wird die lange und erfolgreiche Tradition der deutschen Wörterbucharbeit in das digitale Zeitalter überführt.

Aus Sicht des BMBF ist dies nicht nur der Bedeutung des Deutschen als einer Kultursprache angemessen, es ist auch ein notwendiger Schritt, um die internationale Anschluss- und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Lexikographie, Germanistik, Sprachwissenschaft und weiterer benachbarter Fächer zu erhalten und auszubauen. Das BMBF unterstützt den Aufbau des Zentrums für digitale Lexikographie deshalb mit einer zunächst fünfjährigen Projektförderung in Höhe von fast 11 Mio. Euro. Bei erfolgreicher Evaluierung können drei weitere Jahre mit 6 Mio. Euro folgen.

Je weiter das Digitale um sich greift, umso offenkundiger wird, dass es eben nicht kostenlos zu haben ist, sondern ganz eigene Kosten damit verbunden sind. Server müssen nicht nur angeschafft, sondern auch unterhalten werden. Elektronische Bearbeitungswerkzeuge müssen nicht nur entwickelt, sondern auch unterhalten werden. Es müssen Personen und Tätigkeiten dauerhaft finanziert werden, wenn Pilotprojekte längst abgeschlossen sind.

Die Politik hat dies mittlerweile erkannt. Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern hat deshalb die NFDI – die Nationale Forschungsdateninfrastruktur auf den Weg gebracht. Die NFDI soll eine koordinierte, vernetzte Informationsinfrastruktur werden, die ein übergreifendes Forschungsdatenmanagement und die Steigerung der Effizienz des gesamten Wissenschaftssystems verfolgt. Dazu soll sie ein verlässliches und nachhaltiges Dienste-Angebot schaffen, welches übergreifende und fachspezifische Bedarfe des Forschungsdatenmanagements in Deutschland abdeckt. Dies hat die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz Ende vergangenen Jahres beschlossen. Ein von der DFG organisierter Wettbewerb wird jetzt geeignete Konsortien identifizieren, um langfristige Strukturen aufzubauen.

Die Möglichkeiten der BMBF-Projektförderung sind zeitlich begrenzt. Sie kann nur den Aufbau von Strukturen anstoßen - die Verstetigung muss anders erreicht werden.

Das BMBF hat mit dieser Art der Strukturbildung in den vergangenen Jahren gute Erfolge erzielt, weil die Verstetigung frühzeitig mitgeplant wurde. Beispiele dafür sind die eHumanities-Zentren für die digitalen Geisteswissenschaften wie das „Kölner Zentrum Analyse und Archivierung audiovisueller Daten“ oder das „Zentrum Musik – Edition – Medien“ an der Universität Paderborn. Aufgabe dieser Zentren ist es, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern elektronische Ressourcen, Werkzeuge und Methodenkenntnisse für ihren individuellen Forschungsprozess zur Verfügung zu stellen. Diese eHumanities-Zentren werden dauerhaft bestehen, auch wenn die Projektförderung ausläuft.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich hatte es gerade schon angesprochen: Aus Sicht des BMBF ist das Zentrum für digitale Lexikographie eine wichtige Einrichtung, um die internationale Anschluss- und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Lexikographie, Germanistik, Sprachwissenschaft und weiterer benachbarter Fächer zu erhalten und auszubauen.

So komplex das Spannungsfeld von Selbstzweck und Nutzen von Wissenschaft ist, wird sich das Zentrum für digitale Lexikographie genau wie die Angebote der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur daran messen lassen müssen, wie sehr es genutzt wird. Meine Hoffnung ist es deshalb, dass Sie alle dazu beitragen, dass es ein nützliches Zentrum wird. Sie können dazu beitragen, indem Sie Nutzerinnen und Nutzer werden, aber auch indem Sie sich an den Veranstaltungen, den Workshops und der Weiterentwicklung des Zentrums beteiligen. Der heutige Tag ist dafür der Auftakt.

Ich wünsche dem Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache viel Erfolg und uns allen heute einen interessanten Nachmittag.