"Digitale Kompetenz ist eine Kulturtechnik"

Deutschland geht in die Bildungsoffensive: Bundesforschungsministerin Johanna Wanka über Berufsbildung 4.0, Digitalisierung der Hochschulbildung und den DigitalPakt#D. Ein Namensartikel im BFB-Magazin "der freie beruf" vom 17. Mai 2017.

Am 18. Januar habe ich auf dem Neujahrsempfang des Bundesverbandes der freien Berufe dazu aufgerufen, die vor uns liegenden Herausforderungen mit Zuversicht anzugehen. An dieser Sichtweise hat sich nichts geändert: Wir verzeichnen ein stabiles Wirtschaftswachstum und einen dynamischen Arbeitsmarkt. Unsere Finanzen sind solide und Deutschland ist ein hervorragender Innovationsstandort. Das Drei-Prozent-Ziel der Ausgaben für Forschung und Entwicklung ist erreicht.

Freiberufliche Arbeit hat in der deutschen Wirtschaft mittlerweile einen festen Platz. Sie durchdringt alle Branchen. 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden in Deutschland durch die rund fünf Millionen Erwerbstätige in freien Berufen erwirtschaftet. Es ist der drittstärkste Ausbildungsbereich. Und: In freien Berufen lernen die meisten Auszubildenden mit ausländischen Wurzeln. Zudem ist der Anteil von Frauen in dieser Berufsgruppe besonders hoch.

Wie auch in anderen Bereichen, ist in den freien Berufen der digitale Wandel das Zukunftsthema. Zum einen, weil viele von Ihnen selbst digitale Technologien oder damit verbundene Produkte und Dienstleistungen entwickeln. Zum anderen, weil gerade für die technischen, kreativen oder sozialen Tätigkeiten Innovationen in rasantem Tempo auf den Markt kommen.

Digitale Kompetenz ist im 21. Jahrhundert – ebenso wie Lesen, Schreiben und Rechnen – eine Kulturtechnik, die für ein selbstbestimmtes Leben, berufliches Wirken und gesellschaftliche Teilhabe unabdingbar ist. Es ist daher unsere gemeinsame Pflicht, sie den Menschen auch mit auf den Lebensweg zu geben.

Deshalb haben wir in Deutschland eine Bildungsoffensive gestartet, welche die gesamte Bildungskette von der frühkindlichen Bildung bis zur Weiterbildung im Beruf anspricht. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) setzt dabei auf folgende Schwerpunkte:

Berufliche Bildung

Unter der Überschrift „Berufsbildung 4.0“ haben wir vielfältige Aktivitäten und Programme gestartet, um die Berufliche Bildung zu modernisieren. Ein Beispiel dafür ist die Initiative

„Fachkräftequalifikation und Kompetenzen für die digitalisierte Arbeit von morgen“ von BMBF und Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

Gemeinsam mit Verbänden, Kammern und Gewerkschaften analysieren wir, welche neuen Qualifikationen und Kompetenzen im Arbeitsmarkt der Zukunft gefragt sein werden, damit rechtzeitig geeignete Möglichkeiten zur Aus- und Weiterbildung geschaffen werden können. Dazu gehören mehrere Ebenen, etwa die Infrastrukturausstattung von Einrichtungen der beruflichen Bildung, die Anpassung von Ausbildungsordnungen und Fortbildungsregelungen oder die Qualifizierung der Ausbilderinnen und Ausbilder.

Welche Auswirkungen hat die digitale Fertigung von Zahnersatz mit dem 3 D-Drucker; was ändert sich durch autonomes Fahren oder intelligente Gebäudetechnik und Energienetze  [„Smart Home“] für die Berufsausbildung einer Zahntechnikerin, eines Berufskraftfahrer oder für Heizungs- und Klimatechniker?

Mit diesen und anderen Fragen beschäftigen wir uns. Am Ende entstehen zahlreiche neue, digital gestützte Bildungslösungen und Ausbildungskonzepte, die junge Menschen in Deutschland für die Arbeitswelt von morgen qualifizieren.

Digitalisierung in der Hochschulbildung

Die Digitalisierung von Hochschulen hat weltweit Fahrt aufgenommen. Digitale Hochschullehre bedeutet längst nicht mehr nur Online-Anmeldung für Kurse und Herunterladen von Powerpoint-Folien. Digitale Hochschullehre kann viel mehr: Ob Lehrvideos, differenzierte Online Tests oder MOOCs – die Möglichkeiten sind beinahe grenzenlos. Vor allem die amerikanischen und asiatischen Hochschulen setzen immer stärker auf digitale Lern- und Lehrumgebungen.

Es ist aber nicht nur eine Frage von Qualitäts- und Effizienzsteigerungen in der Lehre selbst, sondern vor allem interessant für die Bewältigung neuer Herausforderungen, wie Internationalisierung oder die steigende Zahl von Studierenden. Für uns ist wichtig: Wir wollen eine klar strukturierte und verlässliche Unterstützung der Hochschulen im digitalen Zeitalter realisieren.

Bei allen Aktivitäten ist uns klar: Förderung kann nur da fruchtbar werden, wo sie dazu beiträgt, die strategische Weiterentwicklung der jeweiligen Organisation zu unterstützen. Wir erwarten daher von den Hochschulen, die sich an diesen Maßnahmen beteiligen, dass sie die Digitalisierung nicht nur als Herausforderung, sondern vor allem als Chance begreifen.

DigitalPakt#D

Berufliche Bildung und Hochschule sind klassische BMBF-Themenfelder. Die Schule ist es nicht. Die Schule liegt in der Zuständigkeit der Länder. Dennoch haben wir als Teil unserer

„Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ den Ländern angeboten, mit dem Bund einen Digitalpakt#D einzugehen. Ziel ist der Aufbau einer leistungsfähigen digitalen Lerninfrastruktur für allgemeinbildende und berufliche Schulen.

Beim Digitalpakt – wie ich ihn mir vorstelle – geht es um weit mehr als die Endgeräteausstattung der Schülerinnen und Schüler. Im Fokus stehen Infrastrukturen auf der Ebene der Schulträger, eventuell auch auf Landesebene. Deshalb besteht der DigitalPakt#D aus zwei Kernelementen:

Das BMBF fördert in Milliardenhöhe über fünf Jahre die digitale Ausstattung an Grundschulen, weiterführenden allgemeinbildenden Schulen und beruflichen Schulen. Im Gegenzug verpflichten sich die Länder, digitale Bildung zu realisieren – insbesondere durch die Umsetzung entsprechender pädagogischer Konzepte und die Umgestaltung der Lehreraus- und -fortbildung sowie die Sicherstellung von Wartung und Betrieb der digitalen Infrastruktur.

Unser Ziel ist ehrgeizig. Die Verhandlungen haben begonnen. Ich bin zuversichtlich, dass wir es in einer gemeinsamen Kraftanstrengung mit den Kultusministerinnen und –ministern der Länder erreichen werden.