"Digitalisierung der Hochschulbildung hat einen gewaltigen Schub erfahren"

"Den Hochschulen ist es innerhalb weniger Wochen gelungen, ihre Lehrangebote weitgehend zu digitalisieren", sagt Ministerin Karliczek der Augsburger Allgemeine. "Das ist eine enorme Leistung der Hochschulen und zeigt, wie innovativ unser Land ist."

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung © BMBF/Laurence Chaperon

Das Interview ist am 15. Juni 2020 in der Augsburger Allgemeine erschienen. Die Fragen stellte Stefan Lange.

Frau Ministerin, in der Corona-Krise ist viel von Kita und Schulen zu hören, die Studierenden fühlen sich vernachlässigt.

Die Corona-Pandemie hat alle Bürgerinnen und Bürger in Deutschland getroffen. Ziel der Bundesregierung ist es, Härten für die Menschen in unserem Land abzufedern. Dies gilt natürlich auch für Studierende. Mir ist bewusst, dass es für viele unter ihnen eine schwere Zeit ist. Deshalb haben wir in kürzester Zeit Maßnahmen ergriffen, um Studierenden bestmöglich durch die Krise zu helfen. Das BAföG haben wir angepasst und mit der Überbrückungshilfe ein wirksames und unbürokratisches Sicherungsnetz für die betroffenen Studierenden gespannt.

Laut einer Erhebung des Deutschen Studierendenwerks gingen aber vor der Corona-Pandemie rund zwei Drittel der Studentinnen und Studenten einem Nebenjob nach, um das Studium zu finanzieren. Viele dieser Jobs hat das Virus gefressen. Die zinslosen KfW-Darlehen werden vielfach abgelehnt, weil sie später zurückgezahlt werden müssen. Muss die vom Bund aufgelegte Nothilfe aufgestockt werden oder reicht das Volumen von 100 Millionen Euro aus?

Wir haben für die betroffenen Studierenden ein umfassendes Paket geschnürt, um die pandemiebedingten Härten abzufedern. Die Überbrückungshilfe umfasst zwei Sicherungsnetze: den bewährten KfW-Studienkredit, der grundsätzlich jedem Studierenden – auch solchen aus dem Ausland, die bislang nicht auf diesen Kredit zugreifen konnten – in Not eine sichere und unbürokratische Unterstützung bietet. Wir haben ihn seit Mai bis Ende März 2021 zinslos gestellt. Viele Studierende haben dieses Angebot genutzt: Im Mai hat sich die Zahl der Anträge im Vergleich zum April mehr als vervierfacht. Darüber hinaus haben wir mit der Überbrückungshilfe über die Studierendenwerke ein zweites Sicherungsnetz geschaffen. Noch im Juni können die Betroffenen nicht rückzahlbare Zuschüsse von bis zu 500 Euro pro Monat über ein bundesweit einheitliches Online-Verfahren beantragen. Die Anträge werden dann vom jeweils vor Ort zuständigen Studenten- oder Studierendenwerk bearbeitet. Die Zuschüsse sollen alle Studierenden in unmittelbarer Not erreichen können, daher stehen sie allen Studierenden offen: aus dem In- und Ausland, unabhängig von Alter und Semesterzahl. Entscheidendes Kriterium ist die pandemiebedingte individuelle, akute Notlage.

Wie nehmen Sie die Lage an den Universitäten gerade wahr - vom Regelbetrieb auch in der universitären Forschung sind wir wohl noch ein gutes Stück entfernt?

Die Hochschulen sehen die pandemiebedingten Herausforderungen vielfach als eine Chance zur Weiterentwicklung. Das beeindruckt mich. So hat die Digitalisierung der Hochschulbildung in den zurückliegenden Wochen und Monaten einen gewaltigen Schub erfahren. Den Hochschulen ist es innerhalb weniger Wochen gelungen, ihre Lehrangebote weitgehend zu digitalisieren und damit das Sommersemester so gut wie möglich zu bewältigen. Eine aktuelle Sonderbefragung des Stifterverbandes hat ergeben, dass nach Schätzung der Hochschulen mehr als drei Viertel der Lehrveranstaltungen und knapp zwei Drittel der Prüfungen digital geleistet werden. Das ist eine enorme Leistung der Hochschulen und zeigt, wie innovativ unser Land ist. Geholfen hat den Hochschulen auch die erhebliche Unterstützung durch mein Ministerium in den zurückliegenden Jahren.

Die Universität Cambridge hat sich schon festgelegt und Klarheit über das Lehrprogramm geschaffen: Sie will sämtliche Vorlesungen im kommenden akademischen Jahr virtuell stattfinden lassen. Müssen sich deutsche Hochschulen auf ein ähnliches Szenario vorbereiten?

Das laufende Sommersemester ist ein besonderes Semester, mit besonderen Herausforderungen für alle Beteiligten: Studierende, Lehrende und die Hochschulverwaltungen. Der Schwung und die jetzt gesammelten Erfahrungen bei der Digitalisierung sollten für das kommende Wintersemester, das ja auch später beginnt, genutzt werden. Gleichzeitig sind Hochschulen Orte des persönlichen Austausches und der Begegnung. Das auch im Studium ganz wichtig. Wissenschaft lebt vom persönlichen Diskurs um das beste Argument. Vieles geht über Videoveranstaltungen, aber auch die haben ihre Grenzen. Wir müssen über gute Wiedereröffnungsszenarien der Hochschulen nachdenken. Ich denke, die Hochschulen werden einen Mix aus Präsenz- und Online-Betrieb anbieten – aber auch das ist abhängig von der Pandemie-Situation im Herbst.

Sie betonen auf der Homepage des Ministeriums die Bedeutung der Hochschulen als zentrale Impulsgeber für das Innovationsgeschehen in Deutschland. Die Hochschulen tragen entschieden zur Sicherung von Fortschritt und Wohlstand bei, heißt es. Im gerade verabschiedeten Konjunkturpaket werden die Hochschulen jedoch nicht erwähnt. Wie kommt’s, braucht dieser Bereich kein frisches Geld?

Wir haben erst im vergangenen Jahr gemeinsam mit den Ländern drei Wissenschaftspakte in Höhe von insgesamt 160 Milliarden Euro für die 2020er-Jahre beschlossen. Davon profitieren Hochschulen in erheblicher Weise – insbesondere in dem für mich wichtigen Bereich der Digitalisierung. Ab 2021 übernimmt der Bund künftig noch mehr und dauerhaft Verantwortung für ein starkes Hochschulsystem. Ich bin mir sicher, dass der von Bund und Ländern getragene Zukunftsvertrag „Studium und Lehre stärken“ die Qualität von Studium und Lehre an den Hochschulen flächendeckend verbessern wird. Allein dafür stellt mein Ministerium nun künftig jährlich rund zwei Milliarden Euro bereit, und zwar unbefristet. Von besseren Studienbedingungen werden fast drei Millionen Studierende in ganz Deutschland profitieren. Klar ist auch, dass die Corona-Pandemie für Wissenschaft und Forschung eine Herausforderung ist. Deshalb war es mir wichtig, dass vor wenigen Wochen durch die Förderung des Bundes in Höhe von 150 Millionen Euro der Startschuss für den Aufbau eines Forschungsnetzwerks der Universitätsmedizin in Deutschland gefallen ist. Damit wollen wir die Expertise und Erkenntnisse der deutschen Universitätskliniken zu COVID-19 systematisch bündeln. Das stärkt perspektivisch nicht nur die Unikliniken, sondern auch die Krankenhäuser im ganzen Land, die auf Grundlage neuester wissenschaftlicher Erkenntnis schnell, qualitätsgesichert und schlagkräftig agieren können.

Alles wäre vermutlich wieder viel einfacher, wenn es wirksame Medikamente oder einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 gäbe. Wie ist da der aktuelle Stand, können Sie vielleicht sogar schon einen ungefähren Zeitrahmen definieren?

Bei Medikamenten sind vordringlich die sogenannte Repurposing-Studien zu nennen, also Versuche, Medikamente, die gegen andere Krankheiten entwickelt wurden, gegen COVID-19 einzusetzen. Hier entfällt ein Großteil der aufwändigen klinischen Prüfung. Dazu gab es in den letzten Wochen ermutigende Nachrichten zu „Remdesivir“ und erhebliche Verwirrung zum Einsatz von „Hydroxychloroquin“. In allen Fällen müssen wir aber eine ausreichende Datenlage abwarten, um zu belastbaren Einschätzungen zu gelangen.  Ich hoffe, dass wir hier noch 2020 Gewissheit über den Nutzen haben können. Bei der Suche nach kausal – also direkt gegen SARS-CoV-2 – wirkenden Medikamenten werden wir einen längeren Atem haben müssen. Ich rechne hier nicht mit einem Erfolg innerhalb des nächsten Jahres.

Und wie sieht es bei der Suche nach einem Impfstoff aus?

Von über 120 laufenden Impfstoff-Entwicklungen befinden sich bereits zehn in der klinischen Prüfung. Einige Impfstoffentwickler sind sehr optimistisch, dass sie in absehbarer Zeit zu Ergebnissen kommen. Man muss aber berücksichtigen, dass Impfstoffentwicklungen Hochrisikoprojekte sind und nur ein kleiner Prozentsatz es wirklich bis zur Marktzulassung schafft. Umso wichtiger ist es, dass wir in ein großes Portfolio investieren, um die Chance auf einen wirksamen Impfstoff zu erhöhen. Das BMBF fördert daher über die internationale Impfstoffinitiative CEPI neun verschiedene Entwicklungsansätze von denen drei bereits in der klinischen Prüfung sind. Komplementär dazu wird das BMBF mit dem Sonderprogramm zur Beschleunigung der Impfstoffentwicklung – für das die Bundesregierung 750 Millionen Euro bereitgestellt hat – die Impfstoffentwicklung und Studiendurchführung in Deutschland erheblich intensivieren. Ich rechne daher damit, dass auch in Deutschland bald weitere Impfstoffe in die klinische Prüfung gelangen.