Digitalisierung: „Lebenslanges Lernen heißt hier die Devise“

„Wir benötigen in Deutschland eine Weiterbildungskultur, die Lust darauf macht, ein Leben lang zu lernen“, schreibt Bundesbildungsministerin Anja Karliczek im Magazin „der freie beruf“. Dabei sei Eigeninitiative gefragt.

Im Jahr 1967 infizierten sich weltweit 15 Millionen Menschen mit Pocken. Die Bilder von mit Pocken übersäten Menschen brannten sich in das Gedächtnis einer ganzen Generation ein. Zwölf Jahre später verkündete die Weltgesundheitsorganisation, die Pocken seien vollständig ausgerottet. Wirksame Gegenmaßnahmen auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse hatten dazu beigetragen, die Krankheit zu besiegen. Das zeigt uns: Wissen hilft!

Heute richten sich viele Hoffnungen in der Medizin auf die Nutzung großer Datensätze und der künstlichen Intelligenz. In der Patientenbehandlung und der medizinischen Forschung entstehen schon heute große Datenmengen. Diese gezielt zu Verknüpfen und zum Wohle der Patientinnen und Patienten zu nutzen, muss Ziel einer digitalisierten Gesundheitsversorgung und –forschung sein. Durch die Zusammenführung von medizinischen Daten wie Blutwerten, Röntgenaufnahmen und Befunden können Diagnoseverfahren verbessert werden. Auch die Sequenzierung kompletter Genome kann heute zur Diagnosestellung beitragen. Insgesamt werden so maßgeschneiderte Therapien ermöglicht, bei denen Patientinnen und Patienten stärker unter Berücksichtigung ihrer Individualität behandelt werden.

Wir als Bundesregierung arbeiten daran, unser Gesundheitssystem insgesamt durch den Einsatz moderner IT-Systeme transparenter und vor allem effizienter zu machen. Eine Grundlage dafür ist die  Medizininformatik-Initiative. Über die Grenzen von Institutionen und Standorten hinweg werden digitale Infrastrukturen geschaffen und innovative IT-Lösungen eingesetzt, um Daten und Wissen zwischen Gesundheitsforschung und –versorgung auszutauschen. Vernetzte Daten werden dabei zu einer Ressource, die Patientinnen und Patienten dauerhaft nutzt. Mir ist es besonders wichtig, dass die gewonnenen Erkenntnisse auch zur Umsetzung kommen – erst der Transfer ermöglicht es, dass wir alle von Innovationen profitieren. Das gilt auch über die Gesundheitsforschung hinaus.

Die Digitalisierung hat längst alle Lebensbereiche erfasst. Und so wie wir das Navi im Auto nicht mehr missen wollen, werden wir auch in der Arbeitswelt Veränderungen erleben, die uns vielfach das Leben leichter machen. Im aktuellen Wissenschaftsjahr „Arbeitswelten der Zukunft“ erforschen wir diese Trends. Ermüdende Routinearbeiten am Fließband werden weniger werden, der Mensch wird viel öfter sein kreatives Potenzial einsetzen können.

Die digitale Welt birgt aber natürlich auch Risiken, die wir nicht ausblenden dürfen. Deshalb erforschen wir in drei Instituten in Darmstadt, Karlsruhe und Saarbrücken Techniken, wie Privatleute aber natürlich auch öffentliche Einrichtungen und Unternehmen sich sicher im digitalen Raum bewegen können. Denn ohne das Vertrauen, dass ihre Daten sicher sind, werden die Bürger die neuen Möglichkeiten nur zögerlich ergreifen.

Entscheidend ist, dass jeder Einzelne fit wird für diese neue, digitale Welt. Das fängt natürlich in der Schule an. Damit Schule wirklich auf das Leben vorbereitet, müssen Schülerinnen und Schüler heute lernen, mit digitalen Medien eigenverantwortlich und selbstbestimmt umzugehen. Wir werden als Bund die Länder dabei unterstützen, die Schulbildung auf ein neues technisches Niveau zu heben und investieren deshalb insgesamt fünf Milliarden Euro in den Digitalpakt. Digitale Medien gehören an jede deutsche Schule. Sie sind eine Voraussetzung für eine gute moderne Bildung. Neue Lehrmethoden bieten neue Chancen, unsere Kinder individuell zu fördern. Damit der Digitalpakt ein Erfolg wird, müssen zu einer zeitgemäßen Infrastruktur jedoch qualifizierte Lehrkräfte, gute Bildungsangebote und verlässliche Wartung hinzukommen. Dafür sind die Länder verantwortlich. Darüber hinaus ist es mir wichtig, mehr Interesse für MINT-Themen zu wecken – denn dies  ist eine Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes. Das gilt nicht nur für Schülerinnen und Schüler, sondern auch für die Breite der Gesellschaft.

Nach der Schulzeit sind die Wege in das Berufsleben vielfältig. Jungen Menschen stehen in Deutschland alle Türen offen. Die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung liegt mir besonders am Herzen. Jeder junge Mensch soll die Chance haben, den für ihn passenden Weg frei wählen zu können. Da nicht jede Bildungsbiographie vorhersehbar und geradlinig verläuft, müssen die Bildungswege durchlässig sein. Darüber hinaus wollen wir eine neue Weiterbildungskultur etablieren. In der Berufswelt werden neue Fähigkeiten gebraucht – auch aufgrund des digitalen Wandels. Neue – auch Freie – Berufe entstehen. Wir möchten, dass die Menschen in Deutschland diesem Wandel mit Mut und Zuversicht entgegensehen. Dafür werden wir die berufliche Bildung nutzen und gute Entwicklungsmöglichkeiten schaffen.

Die tief greifende Veränderung, die die Digitalisierung bei Ausbildung und Beruf bewirkt, zeigt uns sehr deutlich: Wir müssen bereit sein, uns auf Neues einzustellen und dazu zu lernen. Lebenslanges Lernen heißt hier die Devise. Dabei ist Eigeninitiative gefragt. Wir benötigen in Deutschland eine Weiterbildungskultur, die Lust darauf macht, ein Leben lang zu lernen. Ebenso müssen sich Aus- und Weiterbildung so schnell weiterentwickeln wie die moderne Arbeitswelt.

Die Chancen neuer Technologien erkennen und neueste Forschungsergebnisse nutzen – das kann unser aller Leben verbessern.

Namensbeitrag von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek: Erschienen in "der freie beruf", dem Mitgliedermagazin des Bundesverbandes der Freien Berufe e. V. (BFB) - (Ausgabe 3/2018)