ECSEL in Deutschland

Ansprache des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Michael Meister, anlässlich des Kongresses in Dresden

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

sehr geehrter Herr Dr. Ploss,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

herzlich willkommen zum Kongress „ECSEL in Deutschland“!

Es ist mir eine Ehre und Freude zugleich, mit Ihnen heute hier in Dresden zu sein und unseren Kongress hier in Dresden gemeinsam mit Ihnen zu eröffnen.

Denn Forschung lebt erstens von der Innovation, die man anstrebt. Forschung lebt zweitens von der Kooperation, vom Ideenaustausch und von der Kooperation zwischen Spezialisten, die sich einem Thema mit jeweils ihre Erfahrungen und Kenntnisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln einbringen. Und schließlich ist es ein Erfolg, wenn dann das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile; wenn man gemeinsam etwas Neues hervorgebracht hat, das keinem alleine gelungen wäre.

In diesem Sinne möchten wir unseren Kongress „ECSEL in Deutschland“ verstehen. Wir möchten Ihre Kenntnisse der Elektronik, Ihre Blickwinkel aus den unterschiedlichen Unternehmen und Einrichtungen sowie Ihre Erfahrungen mit ECSEL zusammenbringen.

Gemeinsam sollten wir uns verständigen:

  1. Was hat ECSEL als die große europäische Mikroelektronik-Initiative bisher bewegt? Wo stehen wir?
  2. Welche Rolle soll diese Initiative in den nächsten Jahren haben? Wo wollen wir hin?
  3. Und schließlich: Auf welchem Weg wollen wir unser gemeinsames Ziel erreichen? Soll es im nächsten EU-Forschungsrahmenpro-gramm „Horizon Europe“ ab 2021 eine Nachfolge-Initiative geben, und was muss sie leisten?

Ich habe das Privileg, hier kurz meine Sicht zu schildern, und ich lade Sie gerne ein, sich mit Ihren Erfahrungen und Standpunkten in den Kongress einzubringen.

Derzeit passiert etwas in Europa, das noch vor fünf Jahren ein politischer Wunsch war; etwas, das vor etwa zehn Jahren, als Qimonda in die Insolvenz ging, kaum mehr realistisch erschien:

In Europa entstehen derzeit neue Chipfabriken. Bosch baut hier in Dresden eine komplett neue Fabrik, Infineon bei unseren Nachbarn in Villach, und auch Frankreich, Italien und Großbritannien planen Investitionen in neue Chip-Produktion – Sie alle kennen die Details besser als ich.

Das ist zugegebenermaßen noch nicht die Steigerung des europäischen Weltmarktanteils von 10 % auf 20 % bis 2020, die sich Europa vor fünf Jahren vorgenommen hatte. Aber diese Investitionen sind ein deutliches Zeichen für eine Trendwende. Gleich vorweg: Die Bundesregierung wird sich weiter für die Mikroelektronik engagieren; dafür, dass dieser Trend anhält!

Diese Trendwende, diese aktuellen Elektronik-Investitionen sind das sichtbarste Ergebnis von ECSEL und seinen Vorgänger-Initiativen.

Dieses Ergebnis bedurfte dreier Ansatzpunkte:

Erstens haben wir und Sie alle mit der Forschungsförderung in ECSEL Innovationen vorangetrieben – was die Elektronik-Produktion angeht, insbesondere in den Pilotlinien.

Zweitens ziehen in ECSEL-Mitgliedstaaten, Industrieverbände und EU-Kommission an einem Strang: Wir kooperieren und haben eine strategische Kohärenz erzeugt, die nicht selbstverständlich ist und nach der in anderen Feldern noch gesucht wird.

Und drittens konnten wir die ersten beiden Punkte kombinieren und das Mikroelektronik-IPCEI anbahnen – ein Investitionsprogramm, das es so in Europa noch nicht gegeben hat. Die Genehmigung der EU-Kommission steht allerdings noch aus; wir setzen darauf, dass die EU-Kommission sich dafür entscheiden wird, das IPCEI zu genehmigen und damit für High-Tech-Investitionen, die sonst nicht (oder nicht in dieser Höhe) in Europa zustande gekommen wären.

Auch die Bundesregierung setzt auf High-Tech und hat heute die „Hightech-Strategie 2025“ verabschiedet. Denn es sind Hightech-Produktion und Hightech-Arbeitsplätze, die unseren Wohlstand in Deutschland und Europa sichern. Spitzenforschung allein reicht dafür nicht aus; auf Invention muss Innovation folgen, muss der Transfer in die wirkliche Welt folgen.

Die ECSEL-Pilotlinien-Vorhaben sind dabei besonders wichtig. Denn sie sind darauf ausgerichtet, dass aus der Forschung heraus neue Produktionskapazitäten entstehen; darauf, dass Forschung in Produkte übersetzt wird und so beim Bürger ankommt.

Vom Mikroelektronik-IPCEI erwarten wir weiterhin, dass es nicht nur punktuelle Wirkung hat, sondern auf viele Branchen und Länder ausstrahlt. Die Mikroelektronik ist schließlich eine Schlüsseltechnologie der Digitalisierung, und die auf viele Wertschöpfungsketten und länderübergreifend wirkt.

Die Bemühungen um ein Mikroelektronik-IPCEI haben durchaus Vorbildfunktion für andere Gebiete. Beispiele sind Ideen für IPCEIs für die Elektromobilität, für eine europäische Batterie(zell)produktion oder zur Künstlichen Intelligenz als einem der spannendsten Innovationstreiber. In diesen Feldern müssen wir die vorhin erwähnte strategische Kohärenz aber erst noch herstellen. Auch daran arbeiten wir im Bundesforschungsministerium.

Im IPCEI, in ECSEL agiert Europa vereint für die Elektronik und ihre Anwendungen. Nur vereint können wir im globalen Wettbewerb gegen die Giganten in Ost und West bestehen, gegen Wettbewerber, die allesamt keine Glacéhandschuhe tragen. Hier zeigt sich, welche Wirkung Europa entfalten kann: Die aktuelle Stärke der deutschen Mikroelektronik, die Stärke des Standorts Dresden ist auch ein Erfolg der europäischen Zusammenarbeit!

Den Standort Deutschland stärkt auch eine weitere Zusammenarbeit – Herr Ministerpräsident Kretschmer, ich hoffe, Sie fühlen sich schon angesprochen: Mein Dank gilt dem Freistaat Sachsen! Ohne unsere Zusammenarbeit wären wir in der Elektronik nicht da, wo wir heute stehen. Die gemeinsame Förderung von Bund und Freistaat in ECSEL hat dafür gesorgt, dass mehr und bedeutsamere, insbesondere auch strategische Vorhaben zustande kommen. Der Standort Dresden profitiert besonders von ECSEL, und ECSEL profitiert besonders vom Standort. Ich würde mich sehr für Deutschland freuen, wenn Ihr Beispiel Vorbildwirkung für andere Bundesländer entfaltet – der Freistaat Thüringen ist seit diesem Jahr ebenfalls dabei, und wir als Bund stehen für weitere Partnerschaften bereit.

Ich freue mich, Herr Ploss, dass Ihr Unternehmen hier in Dresden ein neues Entwicklungszentrum für Chips und Künstliche Intelligenz (KI) aufbaut. Die Bundesregierung erarbeitet gerade ihre Strategie zur Künstlichen Intelligenz. Ich bin sicher, dass Elektronik und das Zusammenspiel von Hard- und Software viel Aufmerksamkeit erhalten werden.

Der Freistaat Sachsen beweist mit der ECSEL-Förderung, dass er nicht auf kurzfristigen, sondern auf langfristigen Erfolg setzt. Zwei Beispiele aus der ECSEL-Förderung zeigen, dass Forschung und Forschungsförderung manchmal schnelle Erfolge haben können – auch für Politiker, die in Legislaturperioden denken, sicher erfreulich –, aber eben doch oft einen langen Atem brauchen.

Besonders schnell ging es bei der Pilotlinie im Vorhaben ViDAP in Ulm. Diese konnte gleich zur Produktionslinie ausgebaut werden und hat 2017 unmittelbar nach Projektende für 100 neue Arbeitsplätze gesorgt, weitere sollen folgen.

Es kann aber auch schon mal zwei Jahrzehnte dauern, bis aus Forschung neue Produktion wird: Das gilt für die neuesten Lithographiegeräte für die Chipherstellung von ASML aus den Niederlanden mit Optiken von Zeiss. Jetzt setzen sie an, den Weltmarkt zu erobern; vor zwanzig Jahren starteten die ersten Forschungsvorhaben, auch hier auf europäischer Ebene.

Manches entwickelt sich wie erhofft geradlinig, Anderes entpuppt sich als langwierig und komplex. Dieses Risiko mitzutragen, auch mit langem Atem, und dadurch ein Mehr an Erfolgen und Wohlstand möglich zu machen, ist eine der Aufgaben der öffentlichen Forschungsförderung.

Schließlich legt ein drittes Beispiel hier aus Dresden nahe, dass das Ergebnis eines Forschungsvorhabens nicht immer eine technische Neuerung, eine Innovation sein muss, sondern eine neue Art der Zusammenarbeit, der Kooperation sein kann: Das Projekt ADMONT, in dem eine verteilte Pilotlinie aufgebaut wird, also verschiedene Arbeitsschritte an unterschiedlichen Orten stattfinden können.

Das, was die Projektpartner in diesem Vorhaben lernen, hat maßgeblichen Einfluss auf eine neue Größe in der deutschen Mikroelektronik: die Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland. In der Forschungsfabrik werden sich die beteiligten elf Fraunhofer- und zwei Leibniz-Institute gegenseitig ergänzen, neue Kooperationen quer durch ganz Deutschland möglich machen und Elektronik-Anwendern einen einfacheren Zugang zu den neuesten Technologien bieten. Auch hier ist der Standort Dresden mit seinen Forschungsinstituten ein besonderer Treiber der Entwicklung; auch hier profitiert der Standort besonders von neuen Kooperationen. Der Witz an der Forschungsfabrik ist aber, dass sie die neuesten Technologien an Unternehmen in ganz Deutschland bringen soll – Dresden wäre dann überall.

Zum Abschluss kehre ich noch kurz zur Zukunft zurück. Ich habe eingangs die Frage gestellt, auf welchem Weg wir unsere Ziele in der gemeinsamen europäischen Förderung der Mikroelektronik erreichen wollen, und angekündigt: Die Bundesregierung wird sich weiter für die Mikroelektronik einsetzen. Das gilt auch für ECSEL: Wir werben dafür, dass ECSEL im nächsten EU-Forschungsrahmenprogramm fortgesetzt wird. Ich hoffe, Herr Ministerpräsident, dass auch wir unsere Kooperation für das ECSEL der Zukunft fortsetzen. Wir haben schon mit Frankreich verabredet, uns gemeinsam für eine starke ECSEL-Nachfolgeinitiative einzusetzen.

Die wichtigste Nebensache dabei: Wir wollen die Fördermodalitäten wieder vereinfachen, so dass für Sie das Nebeneinander zweier Förderregularien, national plus EU, möglichst entfällt.

In der Hauptsache sollte die ECSEL-Nachfolge-Initiative einen deutlich sichtbaren strategischen Schwerpunkt haben: Die europäische Technologiesouveränität, die wir benötigen, damit der „European Way of Life“ nicht von den Werten und Geschäftsmodellen anderer Kontinente überrollt wird. Es geht bei der Technologiesouveränität nicht nur darum, dass wir wirtschaftlich bestehen. Es geht auch und vor allem um unsere Werte. Denn die Digitalisierung ist unaufhaltbar. Wir haben aber noch die Wahl: Lassen wir uns digitalisieren, von anderen Weltregionen, nach deren Vorstellungen und deren Bedingungen? Oder gestalten wir die Digitalisierung noch rechtzeitig nach unseren eigenen Werten und Vorstellungen? Europa hat hier kulturelle Vielfalt, gemeinsame Werte und Wohlstand zu verteidigen.

Dafür brauchen wir die Kontrolle über die Algorithmen wie über die Hardware. Dafür benötigen wir Fachwissen und Fachkräfte. Und dafür brauchen wir den europäischen Zusammenhalt.

Die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek, stellt in ihrer Forschungspolitik den Menschen in den Vordergrund. Wir sehen jetzt, dass ECSEL als große europäische Initiative wirkt; dass der Transfer von Forschungsergebnissen in neue Produkte und neue Produktion gelingt; dass Forschung beim Bürger ankommt.

Lassen Sie uns ECSEL weiterentwickeln, lassen Sie uns weiter kooperieren – zwischen Wirtschaft und Wissenschaft; zwischen EU, Bund und Freistaat – damit diese Wirkung anhält und sich verstärkt.

Vielen Dank, und anregende Diskussionen!