„Education, Participation, Integration – Erasmus+ and Refugees“

Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Thomas Rachel, in Essen, Zeche Zollverein

Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, während seiner Rede
Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, während seiner Rede © Jörg Heupel

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Fahle,
Sehr geehrte Frau Abbas,
sehr geehrter Herr Tietväinen,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Wir haben eine große humanitäre Aufgabe vor uns: Hunderttausende Menschen – vor allem junge Menschen – kommen nach Europa, fliehen vor Krieg und Verfolgung. An erster Stelle steht natürlich die Versorgung der Flüchtlinge mit dem notwendigsten: Verpflegung, Wohnraum und medizinische Betreuung. Gleichzeitig stehen wir vor der gewaltigen Herausforderung: Wie schaffen wir es, all die Menschen, die in Europa Zuflucht suchen, auch in Europa zu integrieren? Aus meiner Sicht gibt es auf diese Frage vor allem eine Antwort: Bildung. Bildung ist der Schlüssel zur Integration.

Daher freut es mich ganz außerordentlich, dass diese Konferenz des Erasmus+-Programms sich des Themas annimmt: „Education, Participation, Integration – Erasmus+ and Refugees“.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Vor dem Hintergrund der Entwicklungen in der Flüchtlingskrise ist Bildung wichtiger denn je!

Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge, die auf der Flucht vor Krieg und Gewalt in ihren Heimatländern derzeit nach Deutschland kommen, ist unter 25 Jahre alt – also in einem Alter, in dem sie eine Ausbildung benötigen.

  • Ohne Bildung oder Ausbildung bleibt der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt.
  • Ohne Ausbildung und Arbeit ist die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nur schwer möglich.
  • Ohne Ausbildung, Arbeit und Teilhabe wird Integration nicht gelingen.

Das heißt im Umkehrschluss: Integration ist nur möglich, wenn wir Flüchtlinge, die mit ganz unterschiedlichen Bildungsbiografien nach Deutschland und Europa kommen, mit einem breiten Bildungs- und Ausbildungsangebot willkommen heißen. Nur damit können diese jungen Menschen eine positive Zukunftsvision für sich entwickeln. Nur wenn wir Ihnen die Chance auf eine eigene Zukunftsvision ermöglichen, werden sie ihr eigenes Potenzial erkennen und nutzen können, um so persönlich wie auch wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat in den letzten Monaten viel initiiert, um insbesondere jungen Menschen durch Bildung diese Chancen zu eröffnen.

Dabei geht es ganz praktisch in einem ersten großen Maßnahmenpaket um den Erwerb der deutschen Sprache, das Anerkennen von Kompetenzen, das Erkennen von Potenzialen und die Integration in Ausbildung und Beruf. In einem zweiten Maßnahmenpaket ermöglichen wir Flüchtlingen zudem den Zugang zum Studium und unterstützen Hochschulen dabei.

Lassen Sie mich konkreter werden:

Unser erstes großes Maßnahmenpaket setzt auf bewährte Instrumente, die wir ausbauen werden. Wir setzen auf Integration durch Ausbildung: Erfolgreiche Instrumente wie die Berufsorientierung werden wir für die Integration für die Flüchtlinge nutzen.

Ziel der gemeinsamen Initiative „Wege in Ausbildung für Flüchtlinge“ des BMBF, der Bundesagentur für Arbeit und des Zentralverbands des Deutschen Handwerks ist es, junge, nicht mehr schulpflichtige Flüchtlinge durch Integrationskurs, allgemeine und vertiefte Berufsorientierung für die Einmündung in eine betriebliche Ausbildung im Handwerk fit zu machen.

Wir werden zudem das KAUSA-Netzwerk ausbauen und die interkulturelle Kompetenz von Ausbildern in Betrieben und Berufsschullehrkräften stärken.

Damit die Integration durch Ausbildung gelingen kann, ist es aber auch ganz wichtig, überhaupt die Kompetenzen, die jeder Einzelne mitbringt zu kennen und dann zu unterstützen. Dazu werden wir die Potenzialanalysen, mit deren Hilfe die Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei der Berufswahl unterstützt werden, auf die Bedürfnisse der jungen Flüchtlinge erweitern und anpassen. Auch das Anerkennungsgesetz trägt wesentlich dazu bei, die bereits erworbenen Qualifikationen der Flüchtlinge zu ermitteln, anzuerkennen und dann darauf aufzubauen.

Ganz klar muss den Flüchtlingen vor Ort geholfen werden. Und das bedeutet: in den Kommunen. Wir unterstützen die Kommunen bei der Stärkung des Bildungsmanagements vor Ort und wir bauen unser Programm „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ aus, um Angebote für junge Flüchtlinge machen zu können.

Und nicht zuletzt ist Sprachkompetenz ein entscheidender Erfolgsfaktor für das Gelingen der Integration. Vom Einkauf im Supermarkt bis zum Behördengang, ohne Deutschkenntnisse fällt es schwer den Alltag zu meistern. Erst recht der Schulbesuch oder die Ausbildung sind eine enorme sprachliche Herausforderung. Deutsch Lernen gehört zu wesentlichen Bausteinen, um in Deutschland „anzukommen“. Dazu bieten wir eine Lern-App zum Einstieg in die deutsche Sprache an. Aber auch eine Lern-App, die berufsbezogene Kompetenzen vermittelt steht den Flüchtlingen zur Verfügung. Aber eine Lern-App alleine macht niemanden zum Meister. In Kooperation von Lernbegleitern und Lehrkräften sollen Flüchtlinge die Möglichkeit erhalten, rasch Grundlagen in Sprachverstehen und Sprechfähigkeit zu erhalten. Dazu werden zahlreiche Ehrenamtliche zu Lernbegleitern ausgebildet.

Das ist ein ambitioniertes Paket. Wir werden in den nächsten Jahren 130 Mio. € zusätzlich dafür ausgeben. Und dieses gewaltige Paket stemmen wir natürlich nicht alleine. Wir haben hier viele Partner, die sich engagieren und vor Ort helfen. All jenen, möchte ich an dieser Stelle danke sagen.

Damit aber nicht genug. Mit einem zweiten Maßnahmenpaket adressieren wir diejenigen, die ein Studium aufnehmen möchten.

Obwohl die Bildungsbiografien bislang nicht systematisch erhoben wurden, schätzen wir, dass 30.000-50.000 Flüchtlinge grundsätzlich für ein Studium in Frage kommen. Für 2015 hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ermittelt, dass fast ein Drittel der Asylsuchenden im Alter über 20 Jahren zuvor eine Hochschule (13%) oder ein Gymnasium (18%) besucht hat. Von den syrischen Flüchtlingen waren sogar ein Viertel auf einer Hochschule und ein weiteres Viertel auf einem Gymnasium (je 25%). Viele Flüchtlinge bringen also Potenziale mit, die wir systematisch erschließen wollen.

Wer ein Studium aufnehmen möchte und dafür die entsprechenden Qualifikationen mitbringt, der soll auch einen entsprechenden Zugang zu den Hochschulen bekommen. Dafür unterstützen wir im BMBF die Hochschulen, weil sie für die Integration durch Bildung von großer Bedeutung sind. Auch deshalb, weil der internationale Austausch im Hochschulbereich bereits seit langem etabliert ist. Ausländische Studierende sind für deutsche Hochschulen nichts Neues. Sie haben mit ihnen bereits jahrelange Erfahrungen gesammelt. Auf diesem breiten Erfahrungsschatz können wir aufbauen. Und ich bin sicher, dass wir durch die Aufnahme und Integration der Flüchtlinge auch für unser System etwas dazu lernen. Aus diesem Grund unterstützen wir die Hochschulen durch die Erkennung der Potenziale und Kompetenzen, die sprachliche und fachliche Unterstützung bei Übergangsphasen ins Studium und der Integration an den Hochschulen – beispielsweise durch Studierendeninitiativen. Für diese Maßnahmen stellen wir national in diesem Jahr rund 27 Millionen Euro zur Verfügung, bis 2019 insgesamt rund 100 Millionen Euro.

Mit all diesen Maßnahmen verfolgen wir natürlich auch wichtige Integrationsziele. Unsere nationalen Maßnahmen sollen Inklusion, Diversität, Gleichberechtigung, die Gleichstellung der Geschlechter und Nicht-Diskriminierung vermitteln und befördern. Die Entwicklung von sozialen, zivilen und interkulturellen Kompetenzen soll vorangetrieben werden, um Diskriminierung, Rassismus und Gewalt zu bekämpfen. Denn sicher ist: Wenn Integration in Ausbildung, Arbeitsmarkt und Gesellschaft gelingt, profitieren alle davon.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Deutschland unternimmt enorme Anstrengungen, um die Integration von Flüchtlingen mit guter Bleibeperspektive zu meistern. Wir wissen aber auch, dass wir Herausforderungen wie die Flüchtlingsfrage als einzelnes Land nicht alleine meistern können. Wir brauchen hier ganz klar die europäische Zusammenarbeit. Globale Herausforderungen gemeinsam lösen: Das wird in Zukunft noch viel stärker der Auftrag Europas sein, der die Staaten zusammenschweißt.

Und wer, wenn nicht das EU-Bildungsprogramm Erasmus+, kann auf europäischer Ebene Impulse geben, für Teilhabe und Integration in Europa.

Kein anderes europäisches Bildungsprogramm kann den politischen Dialog sowie die Entwicklung konkreter bildungsbereichsübergreifender Projekte in 32 Ländern so fördern wie Erasmus+ und damit einen so wichtigen Beitrag zu den aktuellen Herausforderungen leisten. Hierfür stellt die Europäische Union bis 2020 rund 14,7 Milliarden Euro bereit.

Erasmus+ ist insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen in der Flüchtlingskrise die wichtigste Plattform für den europäischen Dialog im Bereich der allgemeinen Bildung, Ausbildung und Jugend. Das Programm und die darin enthaltenen Instrumente müssen wir geschickt nutzen, um

  • zuerst die Bedürfnisse der zumeist jungen Flüchtlinge, die nach Europa kommen zu analysieren,
  • die bereits existierenden Aktivitäten, Herangehensweisen und Lösungsvorschläge abzubilden und
  • die dann erkennbare Lücke mit handlungsorientierten Aktionen zu füllen, um den traumatisierten jungen Flüchtlingen eine Perspektive zu bieten.

Erasmus+ ist der perfekte Ort, um die bereits bestehenden Instrumente weiter zu entwickeln und damit auf eine höhere Ebene zu heben. Erasmus+ erlaubt den bildungsbereichsübergreifenden Dialog zwischen Pädagogen, Lehrkräften, Ausbildenden, Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeitern, den Stakeholdern der Wirtschaft sowie der Zivilgesellschaft, und das über die Grenzen von 32 europäischen Ländern hinweg. Welches andere Programm kann das von sich behaupten?

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

es gibt so viele gute Projekte in Erasmus+ und den Vorgängerprogrammen „Jugend in Aktion“ und „Programm für lebenslanges Lernen“, die bereits innovative Aktionen und Herangehensweisen entwickelt haben, um Migranten in unserer Gesellschaft zu unterstützen. Es wäre töricht, diese angesichts der aktuellen Herausforderungen nicht zu nutzen und – dann auch gemeinsam zu schauen, wo wir neue Ansätze brauchen, um Lücken zu schließen.

Ja, das ist eine große Aufgabe und ja, das wird auch die nationalen Bildungssysteme in Europa berühren und möglicherweise auf den Prüfstand stellen. Aber wir gewinnen damit auch die große Chance, dass unsere Bildungssysteme daran wachsen und sich weiterentwickeln.

Die europäische Ebene ist im Bereich der Bildung der Ort an dem wir noch viel voneinander lernen können. Diese Chancen sollten wir effektiv nutzen.

Die Entwicklungen in vielen europäischen Ländern zeigen uns, dass wir Europa in den letzten Jahren vielleicht an manchen Stellen zu selbstverständlich genommen haben und die positiven Aspekte der europäischen Union in den Hintergrund gerückt sind. Aber hier bei Erasmus+ zeigt sich ganz lebensnah und echt, wie Bildung und Europa einen Mehrwert für alle Ebenen entwickeln.

Der Philosoph Hegel sagt einmal: Bildung sei das Vermögen, Dinge vom Standpunkt eines Anderen aus betrachten zu können. Mit anderen Worten heißt das: Die Begegnung mit anderen Menschen und Kulturen fördert Toleranz. Und Toleranz ist eine wichtige Grundlage für das Zusammenleben in allen Gesellschaften. Toleranz ist vor allem mit Blick auf die Vielfalt in unserer Gesellschaft von hoher Bedeutung. Gerade aktuell sehen wir das ganz deutlich: Angesichts der vielen Menschen, die ihre Heimat verlassen und zu uns kommen, müssen wir unter Beweis stellen, dass wir Toleranz nicht nur fordern, sondern sie auch leben. Und hier haben Erasmus+ und all sein Vorgängerprogramme in der Vergangenheit bereits einen ganz entscheidenden Beitrag geleistet und werden auch in Zukunft unbezahlbares leisten. Denn wir wissen: Menschen, die sich selber im Ausland zurecht finden mussten, können besser nachvollziehen, mit welchen Herausforderungen die Menschen konfrontiert sind, die zu uns kommen. Erasmus+ befördert das interkulturelle Verständnis.

Und erst durch die europäische Förderung von interkulturellem Verständnis, konkreten und handlungsorientierte Projekten zur Weiterbildung und Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt, kann die enorme Herausforderung der Flüchtlingsintegration angegangen werden.

Diese Konferenz soll damit ein Startpunkt sein, um viele weitere, ergänzende Aktionen anzustoßen. Neben den übergreifenden Themen wie Anerkennung von Kompetenzen und Vermittlung von Sprachkenntnissen gibt es selbstverständlich eine Vielzahl an spezifischen Herausforderungen in den einzelnen Bereichen, die uns noch bevorstehen und angegangen werden müssen. Ich bin überzeugt, dass Erasmus+ mit all seinen Facetten, Akteuren und Erfahrungen gut aufgestellt ist, um zur Beantwortung der drängendsten Fragen zur Integration durch Bildung beizutragen.

Dafür wünsche ich uns und Ihnen viel Erfolg und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Vielen Dank!