"Ehrgeizige Ziele für eine nachhaltige Welt bis 2030"

Bundesforschungsministerin Karliczek hat bei der Eröffnung des 15. FONA-Forums zu mehr Anstrengungen für den Artenschutz aufgerufen. "Ökologie und Ökonomie sind keine Gegensätze. Sie sind die Kernelemente unserer wirtschaftlichen Zukunft", sagt sie.

Bundesministerin Anja Karliczek eröffnet die Konferenz.
Bundesministerin Anja Karliczek eröffnet die Konferenz. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) anlässlich des 15. BMBF-Forums für Nachhaltigkeit (FONA Forum) am 13. Mai 2019 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,

sehr geehrter Herr Professor Messner,

meine sehr verehrten Damen und Herren!

Der Klimawandel hat uns längst erreicht. Das sehen wir nicht nur, wenn in der Antarktis gigantische Eisgebirge einstürzen. Das spüren wir auch hier bei uns. Spätestens im vergangenen Sommer mit der langen Hitze- und Dürreperiode haben wir eine Ahnung davon bekommen, wie Klimawandel das Leben auch in unseren Breitengraden verändern wird. Und die jungen Menschen in Europa erinnern uns jeden Freitag daran.

Wie schützen wir unsere Schöpfung? – Um diese Frage geht es auf dieser Konferenz.

Wir haben ehrgeizige Ziele für eine nachhaltige Welt bis 2030. Wir haben das Pariser Klimaschutzabkommen unterschrieben, weil wir es ernst meinen. Wir haben den Klimaschutzplan der Bundesregierung ins Leben gerufen, weil wir es ernst meinen.

Die ökologischen Herausforderungen sind weltweit größer als je zuvor. Die globalen Treibhausgasemissionen steigen weiter. Die Artenvielfalt schwindet rapide. Der Bericht des Weltbiodiversitätsrats ist ein klares Signal an die Menschheit: Wir müssen umdenken. Wir müssen die Artenvielfalt schützen.

Dafür brauchen wir ein echtes Verständnis der Zusammenhänge. Ursache und Wirkung müssen klar sein. Mittels weiterer Forschung werden wir die noch bestehenden Wissenslücken schließen. Wir brauchen Lösungswege. Lösungswege, die praktische Umsetzung ermöglichen.

Auch das Ziel des Klimaschutzplanes der Bundesregierung ist gerade für die Arbeitsbereiche meines Hauses ein relevanter Antriebsfaktor. Wir wollen bis 2050 weitestgehend treibhausgasneutral leben und wirtschaften. Und zwar ohne unsere Wirtschaftskraft und den sozialen Frieden in unserem Land zu gefährden. Um das zu erreichen, müssen wir neue Märkte und Wertschöpfungsketten entwickeln, damit hochwertige neue Arbeitsplätze entstehen.

Wie das geht, zeigt das Beispiel Kohle: Mit dem Programm „Wandel durch Innovation in Regionen“ fördern wir die Entwicklung neuer Technologien und digitaler Anwendungen in den Kohleregionen und anderen strukturschwachen Gegenden. Dafür investiert das BMBF 200 Millionen Euro. Zusätzlich investieren wir mit einem Sofortprogramm mehr als 70 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung in den Kohleregionen.

Wir wollen gerade den Regionen, die aktuell einen Strukturwandel zu bewältigen haben, Instrumente an die Hand geben. Aus dem Agrarland Bayern ist heute ein Hightechland geworden. Das muss unser Ziel in den Strukturwandelregionen sein. Es geht darum, wie wir künftig leben und wirtschaften.

Wir wollen Industrieland bleiben. Wir wollen mobil bleiben – im Kleinen wie im Großen. Wir brauchen eine sichere Energieversorgung. Hier ist intelligente Steuerung gefragt. Wir brauchen Strategien, die Anreize setzen, in Neues zu investieren. Die nicht nur den ökologischen Anforderungen, sondern auch den wirtschaftlichen und sozialen Folgen gerecht werden.

Diese Aufgabe ist nur lösbar, wenn wir viele Fragen bedenken. Und immer wieder steht deshalb vor allen großen politischen Entscheidungen solide, langjährige Forschung. Forschung, die wir fördern. Wissenschaftler des Potsdam Institut für Klimafolgenforschung haben ein Konzept für eine CO2 Preisreform vorgelegt. Es enthält gute Ideen.

Wir wollen, dass CO2 einen Preis hat. Einen Preis, der die Kosten für unsere Gesellschaft widerspiegelt. Marktbetonte Ansätze wie der Emissionshandel sind deshalb der richtige Weg, um die ganze Innovationskraft unserer Wissenschaft und Wirtschaft für den Klimaschutz zu mobilisieren.

Mut und Kreativität sind gefragt. Keine Denkverbote, sondern lebensnahe Lösungen. Eins ist dabei klar: Pendler können nicht aufs Fahrrad umsteigen. Unternehmer können nicht von heute auf morgen ihre Produktionsbedingungen ändern.

Wir brauchen  Steuerungsinstrumente, die den ordnungspolitischen Grundsätzen unserer Marktwirtschaft entsprechen.

Steuerungsinstrumente:

  • die das Klima schützen,
  • die den Standort nicht gefährden,
  • die Arbeitsplätze von morgen schaffen,
  • die den sozialen Frieden sichern.

Ökologie und Ökonomie sind keine Gegensätze. Sie sind die Kernelemente unserer wirtschaftlichen Zukunft. Die Umweltwirtschaft in Deutschland macht bereits heute sechs Prozent unserer Industrieproduktion aus. Wir sind der zweitgrößte Exporteur von Umweltschutzgütern weltweit. Das sind Arbeitsplätze mit Zukunftsperspektive.

Und wir können noch viel mehr erreichen. Letztes Jahr habe ich das Carbon2Chem-Technikum bei ThyssenKrupp in Duisburg eingeweiht. Dort wird zum ersten Mal unter Industriebedingungen CO2-haltiges Hüttengas in Methanol umgewandelt. So wird aus dem Treibhausgas, das unser Klima zerstört, ein wertvoller Rohstoff. Das sind keine Laborversuche mehr, sondern konkrete Anwendung.

Forschung und Innovation „made in Germany“ liefern uns die grundlegenden Erkenntnisse, um die Herausforderungen zu verstehen und angehen zu können. Ohne die Arbeit der unzähligen – auch deutschen – Klimaforscher, wäre etwa das Pariser Abkommen nie möglich gewesen.

Forschung und Innovation liefern aber auch die nötigen technologischen und sozialen Innovationen, um die Herausforderungen zu meistern. Sie erweitern die Handlungsräume der Gesellschaft und schaffen Entscheidungsgrundlagen für die Politik.

Der Mega-Trend Digitalisierung muss und kann dabei helfen, die Mega-Aufgabe Nachhaltigkeit zu meistern. Deshalb richte ich die Forschungspolitik strategisch neu aus: Digitalisierung und Nachhaltigkeit müssen zwei Seiten einer Medaille werden.

Ein Beispiel: Um die Energiewende zu schaffen, bauen wir die Erneuerbaren Energien weiter aus. Deshalb fördern wir die Kopernikus-Projekte zur Energiewende. In einem dieser Projekte erforschen Wissenschaftler gemeinsam mit Industrieunternehmen und Zivilgesellschaft, wie das Energiesystem der Zukunft aussehen kann. Die Digitalisierung hilft ihnen dabei:

  • Welches Stromnetz brauchen wir?
  • Wo sind neue Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen notwendig?
  • Wie können wir Strom- und Wärmenetz koppeln?

Mithilfe von Daten aus der Energiewirtschaft können diese Fragen beantwortet werden. Leistungsstarke Speicher und intelligente digitale Lösungen helfen dabei, die Stromversorgung jederzeit sicherzustellen und dabei die Kosten niedrig zu halten.

Natürlich sorgt Digitalisierung nicht von allein für mehr Nachhaltigkeit. Aber wir können mit ihr die Entwicklung zum Nutzen der Menschen gestalten. Die Vorträge von Herrn Professor Messner und Frau Perlich heute werden dazu wichtige Denkanstöße geben.

Mit Verantwortungsbewusstsein und Zuversicht können wir die ökologischen Herausforderungen meistern. Das gilt auch für die Herausforderungen im Bereich der Artenvielfalt.

Die biologische Vielfalt nimmt überall auf der Welt besorgniserregend rapide ab:

  • Seit 1970 sind Tierbestände weltweit um
    ca. 60% gesunken.
  • In Deutschland gelten unter den einheimischen Arten etwa ein Viertel der Pflanzen und  mehr als die Hälfte der Lebensräume als gefährdet.
  • Über ein Drittel der Tiere sind bedroht.

Es ist Zeit zu handeln.

Der Weltbiodiversitätsrat hat vor einer Woche den globalen Bericht zum Zustand der Natur veröffentlicht. Ein Dokument, das uns die Aufgabe nochmals vor Augen führt. Denn die Artenvielfalt ist die Grundlage unserer Landwirtschaft und Ernährung: Wildbienen und andere Insekten bestäuben Kultur- und Wildpflanzen.

Die Schöpfung ist ein Kreislauf, der uns allen ein Leben überhaupt erst ermöglicht. Deshalb müssen wir die Zusammenhänge der Veränderungen in der Biodiversität besser verstehen, um effiziente Lösungen zum Erhalt der Artenvielfalt aufzeigen zu können. Wir brauchen dieses Wissen, um richtig reagieren zu können.

Wir stellen uns dieser zentralen Herausforderung mit einer strategischen und langfristig angelegten Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt. Im Juni werden wir eine erste Förderbekanntmachung veröffentlichen. Damit wollen wir den Stellenwert von biologischer Vielfalt auf allen gesellschaftlichen Ebenen steigern. Beispiel Unternehmen: Es geht darum, dass sie ihre gesamte Wertschöpfungskette analysieren, um festzustellen, wo die Artenvielfalt betroffen ist. Und dann Maßnahmen ergreifen, um die Artenvielfalt zu schützen.

Auch für die Biodiversität gilt: Wir müssen Wege finden, ihren Wert sichtbar zu machen. Die Forschungsinitiative wird auch wesentliche Beiträge zum Aktionsprogramm Insektenschutz und zum wissenschaftlichen Monitoringzentrum leisten.

Auch bei dieser Initiative nutzen wir die Chancen der Digitalisierung. Zum Beispiel bei der Erfassung biologischer Vielfalt. Damit machen wir Artenveränderungen sichtbar und transparent – so wie auf dem Bild auf der Rückwand hinter mir sinnbildlich dargestellt. Mit unserem 200 Millionen Euro schweren Investment in den kommenden 5 Jahren für die Forschungsinitiative stellen wir damit einen wesentlichen Akteur dar.

Dabei ist uns besonders wichtig, dass die Forschung im Dialog mit der Gesellschaft steht. Und dass die Erkenntnisse in den Kommunen, in der Landwirtschaft und in den Unternehmen genutzt werden können. Wir sind auf Ihre Impulse und Rückmeldungen dazu in den vielen Workshops morgen gespannt.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die Schöpfung wahren – das ist eine umfassende Aufgabe. Wir haben deswegen ein Auge auf:

  • die Dekarbonisierung der Industrie

und die Energiewende,

  • die Klimaforschung,
  • die Mobilität und die Städte und Regionen von morgen,
  • die Ressourceneffizienz,
  • saubere Flüsse, Küsten und Ozeane,
  • die Bioökonomie

und viele weitere Themen. Sie alle werden im neuen Forschungsrahmenprogramm FONA eine Rolle spielen. Heute geben wir den Startschuss dazu.

Seit 2005 haben wir über fünf Milliarden Euro in die Forschung für Nachhaltige Entwicklung investiert. Wir haben die bisherigen Rahmenprogramme FONA 1 bis 3 evaluieren lassen. Wichtig ist uns zu wissen, ob unsere Programme wirken. Die Ergebnisse waren sehr gut, aber es gibt natürlich nichts, wo wir nicht noch besser werden könnten.

Wie also wollen wir FONA noch besser machen?

  • Wir wollen uns möglichst konkrete Ziele setzen, was erreicht werden soll.
  • Wir werden die Möglichkeiten der Digitalisierung konsequent nutzen.
  • Wir wollen beim Transfer noch besser werden und noch weiter gehen. Hin zu den Menschen, rein in die Kommunen, auch in die kommerzielle Anwendung.
  • Wir wollen noch effektiver europäisch und international zusammenarbeiten. Wir werden unsere Förderung so ausrichten, dass sie sich mit der europäischen Förderung optimal ergänzt.
  • Und wir wollen Sie dazu motivieren und Sie dabei unterstützen, Ihre Forschungsergebnisse noch besser und breiter zu kommunizieren.

Auch in der Bildung werden wir unsere Erkenntnisse und damit den Forschritt stärker verankern. Mit dem Nationalen Aktionsplan „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ versetzen wir Menschen jeden Alters in die Lage, nachhaltig zu denken und zu handeln. Der Nationale Aktionsplan hat konkrete Ziele und Vorschläge, wie Kompetenzen für nachhaltiges Handeln in Schulen, Kitas oder in Sportvereinen vermittelt werden können – etwa durch Aus- und Weiterbildung der Pädagogen oder Anpassung der Lehr- und Bildungspläne. Nur so werden wir langfristige Entwicklungen und besseres Verständnis für Zusammenhänge, wie sie für eine nachhaltige Entwicklung nötig sind, wieder verankern.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir sprechen hier nicht von abstrakten Dingen. Es geht um nichts weniger als den Erhalt unserer Lebensgrundlagen, den Erhalt der Schöpfung. Sie alle leisten dafür wesentliche Beiträge, für die Menschen in unserem Land und, ohne allzu viel Übertreibung kann man das sagen, für die Menschheit. Es geht darum, ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt zusammen zu denken und zusammen zu erreichen.

Wir gehen dabei voran. Mit Forschung und Innovation für Nachhaltigkeit. Mit Digitalisierung für Nachhaltigkeit. Und mit Bildung für Nachhaltigkeit.

Ich lade Sie herzlich ein, uns heute und morgen und in den nächsten Monaten Ihre Ideen und Impulse mitzugeben. Das Rahmenprogramm FONA soll ein wesentlicher Beitrag sein, diese großen Aufgaben zu bewältigen.