"Ein DAAD-Stipendium ist ein großes Privileg"

Bei der DAAD-Festveranstaltung mit Präsidentenwechsel hat Bundesbildungsministerin Anja Karliczek die Bedeutung von Auslandsaufenthalten betont. "Die Stipendiaten sind Botschafter unserer demokratischen Werte, unserer Verfassung", sagte sie.

Portrait Anja Karliczek
Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung. © BMBF/Laurence Chaperon

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek (MdB), anlässlich der DAAD-Festveranstaltung zum Präsidentenwechsel am 12. Februar 2020 in der BBAW, Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Lieber Herr Bundesminister Maas,

sehr geehrte Frau Professor Wintermantel,

sehr geehrter Herr Professor Mukherjee,

meine sehr verehrten Damen und Herren.

Von Alexander von Humboldt stammt der schöne Satz: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die der Leute, die die Welt nicht angeschaut haben.“

Der DAAD arbeitet jeden Tag dafür, dass sich noch mehr Menschen die Welt anschauen. Das können deutsche Studierende oder Forschende sein. Sie entdecken im Ausland eine neue Perspektive auf die Welt.

Sie behaupten sich in einer fremden Umgebung, in einer anderen Sprache. Doris Aschenbrenner ist so eine junge deutsche Forscherin. Mit dem DAAD ist sie an die Technische Universität Delft gekommen.

Dort arbeitet sie heute als Assistenzprofessorin für Robotik. Sie motiviert ihre Studierenden, auch ins Ausland zu gehen: „Weil man einfach mal rauskommen muss aus seiner Komfortzone.“

Und damit bringt sie auf den Punkt, was die größte Austauschorganisation der Welt jeden Tag schafft. Sie motiviert die klügsten Köpfe unseres Planeten mal rauszukommen.

Das sind junge Leute, die sich bewegen. Die über ihren Horizont hinausdenken und Verantwortung übernehmen. Und genau solche Leute brauchen wir. Sie sind es, die innovativ sind.

Denn unsere Innovationskraft ist die Grundlage für unsere Wirtschaftskraft.

  • Deutschland ist nach wie vor das innovativste Land der Welt.
  • Wir sind eine der stärksten Forschungsnationen der Welt.
  • Noch nie wurde in unserem Land so viel geforscht und entwickelt wie heute!

Deutschland ist Innovationsland. Heute mehr als jemals zuvor. Innovationen, Forschung und Entwicklung zu stärken – das ist mir persönlich ein Anliegen. Das ist unsere Art, dieses Land am Puls der Zeit zu halten.

Und mit wem könnten wir das besser, als mit denen, die die Welt gesehen haben und die fremde Kulturen wie ihre Westentasche kennen. Ein DAAD-Stipendium ist ein großes Privileg. Eine Auszeichnung.

Auf der anderen Seite trägt jede Stipendiatin und jeder Stipendiat große Verantwortung. Die Stipendiaten sind Botschafter unserer demokratischen Werte, unserer Verfassung. Auf der anderen Seite kommen junge Menschen aus aller Welt zu uns. Sie lernen das deutsche Wissenschaftssystem und unser Leben hier kennen und schätzen.

Wie Ibrahim Omar, der aus Damaskus geflohen ist. Sein Medizinstudium musste er nach nur einem Monat wegen des Bürgerkriegs abbrechen. Als er hier ankam; sprach er kein Wort Deutsch. Doch das lernte er schnell. Mit Hilfe des DAAD konnte er sich auf sein Studium vorbereiten.

Frau Aschenbrenner und Herr Omar sind nur zwei von vielen Erfolgsgeschichten. Alle diese jungen Menschen haben eines gemeinsam: Ihren Pioniergeist. Denn wo die Komfortzone endet, da wartet das Leben.

Auch Sie haben die Welt angeschaut, liebe Frau Wintermantel. Sie sind viel gereist, um weltweit Brücken zu bauen. Zwischen den Ländern und zwischen den Menschen. Sie sind Kommunikationspsychologin. Deshalb stand die Kommunikation bei Ihnen stets im Mittelpunkt. Sie haben die besondere Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Besonders wichtig war für Sie Selbstwirksamkeit. Sie wollten, dass jeder unmittelbar spürt, dass er mit der eigenen Arbeit etwas ändern kann. Sie haben immer sachorientiert diskutiert und überzeugend für Ihre Sache gestritten. Dafür schätzen wir Sie!

Sie waren im Dauereinsatz für die Modernisierung unserer Hochschulen. Besonders Bologna lag Ihnen am Herzen. Die Internationalisierung war auch schon bei der Hochschulrektorenkonferenz Ihr Thema.

Die HRK ist unter Ihrer Führung wieder in ruhigeres Fahrwasser gekommen. Seit 2012, als Sie beim DAAD anfingen, ist viel passiert:

  • Großbritannien hat sich für den Brexit entschieden,
  • die Skeptiker gegenüber der Wissenschaft sind lauter geworden,
  • die Wissenschaftsfreiheit wird, zum Teil sogar in Europa, angegriffen, 
  • immer mehr Menschen rufen nach nationalen Lösungen und einfachen Antworten.

Gerade für die Wissenschaft ist aber der Austausch und die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Ländern so wichtig. Denken Sie an die Weltklimaforschung. Nur weil die Forscher so eng zusammengearbeitet und einen gemeinsamen Bericht veröffentlicht haben, konnten ihre Ergebnisse politische Relevanz entfalten.

Wir antworten denen, die Forschungsergebnisse in Frage stellen, mit Fakten. Wir suchen den Dialog. Und wir machen uns stark für die, die aufgrund ihrer Arbeit unter Druck stehen. Wir stehen an ihrer Seite.

Wenn die Freiheit der Forschung und der Presse eingeschränkt wird, wenn Menschen sich nicht mehr frei äußern dürfen - dann unterstützen wir sie. Wir merken in unseren Kooperationen, dass sich etwas verändert. Wir spüren unsere Verantwortung als Deutsche gerade dann, wenn bedrohte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei uns Zuflucht suchen.

Wir werden die Wissenschaftsfreiheit zu schützen – wenn nötig, auch darum kämpfen. Die Wissenschaftsfreiheit ist uns allen Verpflichtung – als wertvolles Gut mit Verfassungsrang. Mit der Wissenschaftsfreiheit sichern wir langfristig unsere Demokratie. Und damit die Zukunft unseres Landes.

Für das BMBF ist der DAAD dafür von herausragender Bedeutung. Auch um die Integration von Flüchtlingen haben Sie, liebe Frau Wintermantel, und der DAAD sich große Verdienste erworben. Sie haben in kurzer Zeit ein Flüchtlingsprogramm erfolgreich auf den Weg gebracht.

Das war wichtig für die Integrationspolitik der Bundesregierung. Für die Lehrerausbildung haben Sie das Programm „Lehramt International“ gestartet. Es bereitet angehende Lehrerinnen und Lehrer auf ihre Arbeit in einer globalisierten Welt und in internationalen Klassenzimmern vor.

Aber nicht nur die Lehrer bereiten wir auf diese globalisierte Welt vor. Wir exportieren auch unsere hervorragende Hochschulbildung. Dank des DAAD gehört die transnationale Bildung inzwischen zum Profil der deutschen Hochschulen.

Sie zeigt, wie exzellent die Hochschulbildung „Made in Germany“ ist. Gerade wurde der neue Campus der Deutsch-Türkischen Universität von unserer Kanzlerin und dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan eröffnet.

Wofür steht diese Universität? Sie steht für einen sachlichen Austausch zwischen unseren Ländern, der auf Wissen basiert. Auch wenn es viel Geschick braucht, um diesen Austausch im Lot zu behalten.

Frau Wintermantel und Herr Mukherjee, Sie beide haben die Erfahrung und das Fingerspitzengefühl, das für diese Arbeit nötig ist.

Lieber Herr Mukherjee, ich freue mich deshalb, dass die Wahl zum neuen DAAD-Präsidenten auf Sie gefallen ist. Es zeigt Aufbruch und Kontinuität in einem – sie gehen diesen Weg weiter, aber setzen schon jetzt Ihre eigenen Akzente.

In einem Interview haben Sie kürzlich gesagt: „Der DAAD ist für mich das Auswärtige Amt der deutschen Wissenschaft.“ Und wie die Bundesregierung ihre Botschafter hat, so haben Sie Ihre Leute in den 55 Außenstellen des DAAD in der Welt.

Die spüren sehr früh und sehr genau, was sich vor Ort verändert. Wie Antennen. Und diese ganz feinen Antennen, die haben Sie auch selbst. Ihre Eltern sind Anfang der sechziger Jahre aus Kalkutta nach Deutschland gekommen.

Sie sind 2009 der jüngste Präsident einer staatlichen Universität geworden. Nun stehen Sie auch für einen Generationenwechsel beim DAAD. Auf Sie warten wichtige Aufgaben:

Unsere Universitäten müssen

  • attraktiv bleiben für Studierende aus der ganzen Welt.
  • Und sie müssen mit der Digitalisierung Schritt halten.

Schon heute gehört der Studienstandort Deutschland zu den weltweit attraktivsten Zielen für mobile Studierende. Aber das deutsche Hochschulsystem braucht unbedingt ein digitales Upgrade.

Aber Sie machen sich nicht nur stark für die Digitalisierung und unseren Nachwuchs. Sie kämpfen auch für das, was Ihnen wichtig ist. 

Sie setzen sich ein,

  • wenn die Freiheit der Wissenschaft bedroht wird,
  • und wenn Nationalstaaten sich abschotten.

„Dann müssen wir in die Arena einsteigen und kämpfen.“ Das haben Sie, lieber Herr Mukherjee kürzlich so gesagt. Und ich sehe das ganz genauso.

Frau Wintermantel, ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Engagement und Ihren Einsatz.

Und wünsche Ihnen, Herr Mukherjee, viel Erfolg!