Luther als bildungspolitisches Vorbild

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über das Bildungsverständnis des Reformators, die Kunst des Buchdrucks und den Zugang zu Schule und Hochschule. Ein Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Bundesministerin Wanka: Über Luthers Wille, verstanden zu werden © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Als Doktor der Theologie hat Luther an der Universität von Wittenberg Studenten unterrichtet. Wie steht es um seinen konkreten Einfluss auf die Bildung des einfachen Volkes?

Johanna Wanka: Luther wollte, dass das Wort Gottes verstanden wird – von allen. Das war für ihn der Weg zur Rettung der Seele. Deswegen hat er die Bibel ins Deutsche übersetzt. Nicht nur diese Bibelübersetzung, auch seine Predigten und Reformschriften wurden vielfach nachgedruckt. Oft als Flugblätter, die in der Auseinandersetzung mit dem Papst und der katholischen Kirche reißenden Absatz fanden. Er war das, was man heute einen Bestseller-Autor nennen würde. Davon profitierten nicht zuletzt die Buchdrucker, ob in Wittenberg oder in Nürnberg. Im Übrigen, ihm war es wirklich wichtig, dass die Kinder, Jungen und Mädchen, Lesen und Schreiben lernten. Man darf ihn also auch mit Fug und Recht als einen der Väter der „Volksbildung“ im besten Sinne betrachten.

Welche dieser Errungenschaften sind heute noch wichtig?

Ohne die Kunst des Buchdrucks, die Johannes Gutenberg 1450 erfand, wäre Luther kaum als Reformator so erfolgreich gewesen. So aber fanden nicht nur seine Thesen Verbreitung, sondern auch das Deutsch, so wie es damals in Mitteldeutschland gesprochen und geschrieben wurde. Das Buch ist bis heute das zentrale Medium, um Wissen und kulturelle Werte weiterzugeben und zu vermitteln. Eine gemeinsame Sprache ist dafür der Schlüssel. Das, was die Italiener Dante Alighieri mit der „Göttlichen Komödie“ verdanken, einen einheitlichen Sprachraum, verdanken wir Luther mit seiner Bibelübersetzung.

Wie hat die Reformation die Bildungs- und Wissenschaftslandschaft in Deutschland grundsätzlich verändert?

Vor Luther war Bildung vor allem eine Sache des Adels und der Kirche. Der ehemalige Augustinermönch Luther begründete in seiner damals wahrlich revolutionären Ehe mit der ehemaligen Nonne Katharina von Bora, die aus Torgau, wo ich zur Schule gegangen bin, stammte, und dort auch begraben ist, ein völlig neues Familienbild. Der evangelische Pastorenhaushalt, belesen, kultiviert, musikalisch gebildet, wurde zum Rollenvorbild für die bürgerliche Familie und Ehe. Ein ganz entscheidender Schritt hin zu einer Wissensgesellschaft, die sich nicht an Standesunterschieden festmachte. Es ist kein Zufall, dass etwa im 19. Jahrhundert katholische Gegenden oft rückständiger waren als evangelisch geprägte. Zum Glück hat sich das ja längst geändert.

Gibt es Einflüsse, die für Sie in der heutigen Bildungs- und Hochschulpolitik von Bedeutung sind?

Für Luther ging es letztlich um den richtigen Weg zu Gott. Bildung war für ihn vor allem von theologischer Bedeutung. Das ist heute natürlich anders. Der Zugang zu Schulen und Hochschulen ist seit langem eine Voraussetzung für jeden, seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, sich in die Gesellschaft einzubringen und teilzuhaben. Aber die Neugier, der Wunsch und das Ringen um Erkenntnis, das alles ist immer noch wichtig, wenn Schule und Hochschule uns weiterbringen sollen.

Inwiefern ist der Reformator für Sie ein – bildungspolitisches - Vorbild?

Sie werden vielleicht lachen, aber er hat dem Volk aufs Maul geschaut. Viele Sprachwendungen, die wir bis heute verwenden, etwa wie „Perlen vor die Säue werfen“, stammen von Luther. Seine Sprachgewalt und sein Wille, nicht nur von einer Elite sondern von allen verstanden zu werden, sollten jedem Lehrer, jedem Professor und natürlich jedem Politiker ein Vorbild sein. Wer wie ich jahrelang selbst Studenten unterrichtet hat, weiß, wie wichtig Verständlichkeit ist, um dieser Aufgabe wirklich gerecht zu werden.

Das Interview führte Sarah Bautz. Erschienen am 29.10.2015