"Ein großer Gewinn für den Wissenschaftsstandort Deutschland"

Grußwort des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Michael Meister (MdB), anlässlich der Verleihung der Sofja Kovalevskaja-Preise der Alexander von Humboldt-Stiftung am 20. November 2019 in Berlin.

Parlamentarischer Staatssekretär Miachel Meister bei seiner Rede.
Parlamentarischer Staatssekretär Miachel Meister bei seiner Rede. © BMBF/Rickel

Sehr geehrter Herr Professor Pape,

sehr geehrter Dr. de Graaf,

verehrte Preisträgerinnen und Preisträger,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

Sofja Kovalevskaja, in deren Namen wir heute sieben außergewöhnliche Forschungstalente auszeichnen, steht für Spitzenleistungen unter schwersten Bedingungen. Die russische Mathematikerin Kovalevskaja hat in ihrer Zeit – der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – Großartiges geleistet, gegen viele Widerstände.

Als Neunzehnjährige reiste sie nach Heidelberg, um Mathematik und Naturwissenschaften zu studieren. Sie wurde von der Universität abgewiesen, weil sie eine Frau war. Doch mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit überredete sie die Universitätsverwaltung, ihr die Erlaubnis zur inoffiziellen Teilnahme an den Vorlesungen zu gewähren. Drei Semester später fand Sofja Kovalevskaja in Berlin einen Privatlehrer, der ihr Genie erkannte – Karl Weierstraß, den Meister der Analysis. 1874 wurde sie an der Universität Göttingen promoviert. Der Ruf ihres Lehrers und seine harte Schule brachten die Russin, als sie 39 Jahre alt war – als eine der ersten Frauen in Europa – auf einen Lehrstuhl in Stockholm.

Meine Damen und Herren,

wir sind heute zum Glück ein gutes Stück weiter als im 19. Jahrhundert. Doch ein erfolgreicher Karriereweg in der Wissenschaft verlangt jungen Talenten auch heute noch einiges ab. Eine weitsichtige Mentorin oder einen Mentor zu finden, dürfte auch heute noch sehr hilfreich für eine wissenschaftliche Karriere sein. Insbesondere dann, wenn sie oder er dabei von Beginn an die Entwicklung zu Selbständigkeit und Unabhängigkeit des forschenden Geistes fördert. Ganz sicher aber sind Hartnäckigkeit, Pioniergeist und Wagnisbereitschaft nach wie vor unverzichtbar. 

Verehrte Preisträgerinnen und Preisträger,

Sie haben bereits bewiesen, dass auch Sie diese Eigenschaften vereinen. Und ein Blick auf Ihre schon jetzt beeindruckenden akademischen Biographien macht deutlich: junge Spitzenforscherinnen und Spitzenforscher sind heute hoch mobil. Sie alle haben bereits Stationen in verschiedenen Ländern absolviert: von Frankreich, Italien oder den Niederladen, über die Schweiz oder die USA, bis hin zum Vereinigten Königreich, Österreich, Dänemark oder Japan. Mit Ihrer internationalen Erfahrung, Weltoffenheit und Einsatzbereitschaft sind Sie ein großer Gewinn für den Wissenschaftsstandort Deutschland.

Ich bin überzeugt: Von einer international vernetzten Wissenschaft profitiert die ganze Gesellschaft. Globalisierung, Klimawandel und Digitalisierung sind gemeinsame Herausforderungen, denen niemand im Alleingang wirksam begegnen kann. Engagierte, hochkompetente Talente, wie wir sie heute auszeichnen, können hier entscheidende Beiträge leisten. Unser aller Aufgabe ist es, Risiken zu minimieren und Chancen zu erkennen – Chancen für neue Arbeitsplätze und einen guten Lebensstandard, Chancen für eine bessere medizinische Versorgung, für wirksamen Klima- und Umweltschutz, für moderne Mobilität und vieles andere mehr.

Ohne internationale Zusammenarbeit und Vernetzung, ohne die Ideen weltgewandter Köpfe, die in der Lage sind, verschiedene Perspektiven zusammenzudenken und miteinander zu verbinden, sind innovative und tragfähige Lösungen kaum denkbar. Es kommt heute mehr denn je auf den freien und internationalen Diskurs der klügsten Köpfe, auf persönlichen Austausch über akademische Disziplinen, Nationen und Kulturen hinweg an.

Verehrte Preisträgerinnen und Preisträger,

ich freue mich sehr, dass der Sofja Kovalevskaja-Preis Sie nach Köln, Regensburg, Bochum, Konstanz, Essen, Münster und Heidelberg führen wird. Die Auswahl der Exzellenzuniversitäten vor wenigen Monaten – wie schon davor die der Exzellenzcluster – hat erneut das breite Netz an Exzellenz an Hochschulen gezeigt, das sich über Deutschland erstreckt: An vielen Orten leisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Außerordentliches in der Forschung, gestalten Zukunft und erfahren dafür weltweit Anerkennung und Beachtung.

Die Exzellenzinitiative hat seit 2006 eine enorme Dynamik in der deutschen Hochschullandschaft entfacht. Dabei kam in den geförderten Exzellenzclustern fast die Hälfte der Professorinnen und Professoren, ein Drittel der Nachwuchsgruppenleiterinnen und -leiter und jeder Fünfte Promovierende aus dem Ausland. Die neue Exzellenzstrategie führt diesen erfolgreichen Weg fort – und zwar dauerhaft.

Meine Damen und Herren,

für junge Forscherinnen und Forscher sind dauerhafte Perspektiven auch auf individueller Ebene ein zentrales Thema. In Deutschland liegt das durchschnittliche Berufungsalter auf eine Lebenszeitprofessur bei mehr als 40 Jahren. Das ist im Vergleich zu anderen Ländern relativ spät. Und es ist auch deshalb problematisch, weil die Zeit davor oftmals mit befristeter Beschäftigung und einer Reihe von Such- und Orientierungsphasen verbunden ist.

Wenn das deutsche Wissenschaftssystem für die besten Köpfe jeder Generation von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern attraktiv sein soll, müssen wir – damit meine ich nicht nur Bund und Länder, sondern auch die Hochschulen – Rahmenbedingungen schaffen, die wettbewerbsfähig sind. Die Einführung und Umsetzung der Tenure-Track-Professur ist eine gemeinsame Antwort darauf.

Kernelement der Tenure-Track-Professur in Deutschland ist, dass bereits bei der Erstberufung die spätere Lebenszeitprofessur zugesagt wird – unter der alleinigen Bedingung, dass die Tenure-Evaluation am Ende der fünf- bis sechsjährigen Bewährungsphase positiv ausfällt. Die Kriterien und Maßstäbe, nach denen evaluiert wird, sind von Beginn an klar und verbindlich festgelegt.

Die Zielgruppe dieses neuen Karrierewegs stimmt mit der des heutigen Preises weitgehend überein: Exzellent ausgebildete, ambitionierte und kreative junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der frühen Karrierephase. Für die Förderung von 1.000 Tenure-Track-Professuren stellt der Bund – verteilt auf zwei Bewilligungsrunden – bis zu 1 Milliarde Euro zur Verfügung. Die Länder haben sich verpflichtet, die 1.000 Tenure-Track-Professuren immer wieder neu auszuschreiben und sie langfristig zu erhalten. Zugleich werden die Länder die Zahl der unbefristeten Professuren um 1.000 erhöhen, um die Karrierechancen des wissenschaftlichen Nachwuchses insgesamt zu verbessern.

Vor einigen Wochen hat das Auswahlgremium 532 Professuren an 57 Hochschulen zur Förderung ausgewählt, nachdem 2017 bereits die ersten 468 Professuren vergeben worden sind. Insgesamt profitieren nun 75 Universitäten und gleichgestellte Hochschulen von dem Programm. Die bislang erfolgten Besetzungen zeigen dabei übrigens eine sehr erfreuliche Tendenz: Mehr als ein Viertel der Tenure-Track-Professorinnen und -Professoren war zuvor im Ausland tätig und bringt wertvolle internationale wissenschaftliche Erfahrung mit nach Deutschland. Unser Anspruch beim Tenure-Track-Programm ist struktureller Natur. Durch die Förderung von insgesamt 1.000 zusätzlichen Professuren wollen Bund und Länder einen Impuls für einen Kultur- und Personalstrukturwandel an den deutschen Universitäten geben. Und wir wollen die Tenure-Track-Professur als eigenständigen Karriereweg neben dem herkömmlichen Berufungsverfahren auf eine Professur dauerhaft etablieren.

Liebe Preisträgerinnen und Preisträger,

der heutige Abend gehört Ihnen. Ich wünsche Ihnen gutes Ankommen an Ihren neuen Wirkungsstätten und hoffe, dass der Sofja Kovalevskaja-Preis Ihnen die nötige Freiheit und das erforderliche Risikokapital bieten wird, um sich ganz Ihren innovativen Ideen widmen zu können.

Herzlichen Glückwunsch und herzlich willkommen!