„Ein herausragendes Ereignis unserer Geschichte“

Ein vom BMBF gefördertes Projekt untersucht, wie die Erinnerungen an den Wendeherbst die politischen Einstellungen noch heute beeinflussen. Einige Narrative müssen dabei wohl behutsam korrigiert werden, sagte Projektleiter Alexander Leistner.

Menschen feiern am Morgen des 10. November den Fall der Berliner Mauer. © Bundesregierung / Klaus Lehnartz

Herr Leistner, die Landtagswahl in Thüringen hat es gerade wieder gezeigt: Politik im Osten Deutschlands funktioniert anders als im Westen. Ist auch das ein Erbe des Jahres 1989?

Ja, natürlich. Die Menschen haben spezifische Erfahrungen gemacht, diese wirken bis heute nach. Genau das wollen wir ja erforschen: Wie wirken sich die Ereignisse des Wendeherbstes bis in die heutige Zeit aus? Wie wird diese Zeit erinnert? Darum geht es.

Ihr Vorhaben ist sehr umfangreich und vielschichtig. Können Sie in wenigen Sätzen erklären, was Sie genau machen?

Wir setzen in drei Teilprojekten eigene Akzente, auch wenn die Verzahnungen recht eng sind. Alles dreht sich um die Nachwirkungen und Deutungen von 1989. Wir stellen uns die Frage: Welche Tiefenprägungen gibt es bei den Menschen, die die Wende erlebt haben, bis heute? In unserem Teilprojekt steht das heutige Demokratieverständnis – und sein Bezug zu 1989 – im Fokus. Damit verbunden ist die Frage, ob Erscheinungen wie Pegida vielleicht neben anderen Faktoren unbeabsichtigt auch ein Resultat der politischen Bildung in den letzten 30 Jahren sein könnte.

Alexander Leistner von der Universität Leipzig untersucht, wie sich die Erfahrungen des Wendeherbstes noch heute im politischen Diskurs niederschlagen. © Alexander Leistner

Wie meinen Sie das?

Wir befassen uns im Projektverbund auch mit der pädagogischen Aufarbeitung von DDR, 1989 und Wendezeit – und zwar außerhalb von Schulen, also zum Beispiel in Museen oder an Gedenkstätten. Und da erinnert mich vieles an die Anfänge, Herausforderungen und Probleme der Aufarbeitung der NS-Diktatur. Auch diese pädagogischen Angebote waren zunächst getragen von zivilgesellschaftlichen Initiativen und haben sich nur allmählich und im Zuge intensiver Diskussionen professionalisiert.

Was stört Sie an der pädagogischen Aufarbeitung der DDR?

Man hatte vielleicht gehofft, dass, wenn man den Unrechtscharakter in den Vordergrund stellt, dadurch auch der Eigenwert von Demokratie an sich erkannt, geschätzt und gestärkt wird. Doch das hat nur bedingt funktioniert, wie wir jetzt sehen. Man hat sehr stark auf das Narrativ der „Selbstbefreiung eines unterdrückten Volkes“ gesetzt, es dominieren die Bilder der großen Straßendemonstrationen in der Erinnerung – während die Erinnerung an die Runden Tische und die Demokratisierungsversuche beispielsweise randständig geblieben ist.

Aber das stimmt ja auch, oder? Sie selbst sprechen in Ihrem Projekt vom Mauerfall als einem „charismatischen“ Ereignis. Was meinen Sie damit?

Es geht um die besondere Emotionalität. Die Beteiligten bekommen bis heute eine Gänsehaut, wenn sie an die Straßenproteste von damals denken. Die Bilder, die damals entstanden sind, prägen bis heute maßgeblich die Erinnerungskultur. Sie müssen sich vor Augen halten: 40 Jahre lang war die Straße in der DDR – jenseits von ritualisierten Paraden – ein politikbefreiter Raum. Jede Menschenansammlung, die größer war als eine Warteschlange, war verdächtig. Vor diesem Hintergrund war es unglaublich zu erleben, wie sich die Menschen den Raum zurückerobert haben und wie die Staatsmacht plötzlich zurückgewichen ist.

Bei Ihnen schwingt trotzdem so eine gewisse Skepsis mit. Überhöhen wir den Wendeherbst?

Nein, das würde ich nicht sagen. Er war natürlich ein herausragendes Ereignis unserer Geschichte. Die Frage ist aber: Welches Narrativ ist damit verbunden, und wie vermitteln wir das in der Bildungspraxis? Die Konzentration allein auf die Ereignisse als eine Erfolgs- und Heldengeschichte als legitime Erzählung hat andere Erinnerungen an den Rand gedrängt. Wir denken, man muss die Geschichte auch von anderen Perspektiven aus erzählen bzw. die Ereignisse des Herbst 1989 in eine "lange Geschichte der Wende" einbinden.

Wie kann das passieren?

Die historisch-politische Bildung birgt für die Vermittlung und Aushandlung dieser Art der Multiperspektivität und Offenheit gegenüber anderer Erinnerungen große Chancen und Möglichkeitsräume.  Wie diese Vermittlungsarbeit konkret aussehen kann, darüber wollen wir uns verstärkt auch mit den Pädagogen austauschen. Einen Anknüpfungspunkt bietet dabei das Teilprojekt, das sich mit populärer Geschichtskultur beschäftigt, also mit Geschichtsbildern in Romanen, Spielfilmen, Comics oder Popmusik. Hier finden sich sehr differenzierte, die Ambivalenzen der Zeit aufzeigende Darstellungen.

Wie hat sich denn das Demokratieverständnis aus Ihrer Sicht entwickelt?

Ich glaube, dass die Einführung der westlich geprägten Demokratie zu stark überlagert war von den wirtschaftlichen Folgeerscheinungen, welche die Menschen in vielen Fällen existenziell bedroht haben. Diese wirtschaftliche Schieflage hat verhindert, dass sich die Menschen schnell politische Anknüpfungspunkte geschaffen haben. Ich glaube, dass bisher zu wenig erforscht wurde, warum manchen Menschen bestimmte Erinnerungen besonders wichtig sind und wie diese prägen. Es muss ja einen Grund haben, warum Parolen wie „Wende 2.0“ oder ähnliches im Wahlkampf Erfolg haben.

Weil sie die Menschen an eine Situation erinnern, die sie schon kennen?

Wir müssen zumindest zur Kenntnis nehmen, dass es Menschen gibt, die der Auffassung sind, dass man die gesellschaftlichen Situationen damals und heute miteinander vergleichen kann – auch wenn ich das für unzutreffend halte. Es lohnt sich daher, abseits der bekannten Bilder die individuellen Bezugspunkte der Menschen in den Blick zu nehmen, um das besser verstehen zu können.

Gibt es eine Tendenz zur Verklärung der DDR?

Ich würde sagen, dass sich das gewandelt hat. Wir hatten früher eine eher rückwärtsgewandte Verharmlosung der SED-Diktatur, ein subjektives Schönschrumpfen in der Erinnerung und ein verständliches Beharren auf eigenen Lebensleistungen. Heute gibt es stärker eine Tendenz der Gleichsetzung zwischen der DDR und einer angeblichen Meinungs- und Gesinnungsdiktatur in unserer Gesellschaft, die gefährlich und historisch nicht haltbar ist.

Herr Leistner, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!