"Ein Leuchtturm für die Forschungslandschaft"

Mehr als 40 Nobelpreisträger, über 500 Nachwuchsforschende aus etwa 80 Ländern: "So ziemlich die ganze Welt ist in diesen Tagen am Bodensee vertreten. Das ist großartig", sagt Ministerin Karliczek bei der 69. Lindauer Nobelpreisträgertagung.

Sehr geehrte Exzellenzen, sehr verehrte Gräfin Bernadotte, sehr verehrte Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger, liebe junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, meine sehr verehrten Damen und Herren,

als ich die Zahlen zu ihrem diesjährigen Treffen sah, war ich begeistert: Weit mehr als fünfhundert Nachwuchswissenschaftler sind dieses Jahr nach Lindau gekommen, und zwar aus sage und schreibe mehr als achtzig Ländern. So ziemlich die ganze Welt ist also in diesen Tagen am Bodensee vertreten. Das ist großartig. Und zeigt: Die jährlichen Nobelpreisträgertagungen sind wirklich etwas Besonderes. Sie sind ein internationales Forum der Begegnung, ein Forum, das in dieser Form einzigartig ist in der Welt. Hier werden nicht nur wichtige Brücken zwischen Nationen gebaut, hier entstehen Netzwerke auch über die Generationen hinweg. Wo sonst können sich junge Wissenschaftler und Studenten so direkt  mit Nobelpreisträgern austauschen? Wo sonst lassen sich so leicht Kontakte knüpfen? Mehr als 40 Nobelpreisträger sind dieses Jahr in Lindau – ein neuer Rekord.

Von Mensch zu Mensch, Auge in Auge schwierige Themen dieser Welt zu diskutieren – das ist es, was die Lindauer Tagung so besonders und so erfolgreich macht. Wir legen als Regierung dieses schönen Landes großen Wert darauf, immer wieder ein Signal zu setzen. Deshalb unterstützen wir die Lindauer Nobelpreisträgertagungen immer wieder – und immer wieder gern. Denn diese Tagung ist ein echter Leuchtturm für die Forschungs- und Wissenschaftslandschaft Deutschlands. Damit wird deutlich, dass uns Wissenschaft und Internationalisierung wichtig sind - und dass wir darauf setzen, zusammen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die gewaltigen Veränderungen auf unserem Planten bestmöglich zu gestalten.

Die Veränderungen sind groß und folgenreich, sodass wir dazu weltweite gemeinsame Kraftanstrengungen benötigen. Wenn die Perspektiven und Forschungserkenntnisse von Wissenschaftlern verschiedener Nationen zusammen kommen, lassen sich global wirkungsvolle Lösungen finden – davon bin ich fest überzeugt. Es ist eine große Ehre für mich, Sie im Namen der Bundesregierung begrüßen zu dürfen. Seien Sie alle herzlich willkommen.

Meine Damen und Herren,

in diesem Jahr feiern wir den 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt. Es ist mir wichtig, hier in diesem Rahmen an ihn zu erinnern. Wir können von ihm lernen.  Sein Leben begann 1769 in Berlin in Schloss Tegel. Aber seine Spuren sind global. Und sie reichen bis in die Gegenwart:

An den Küsten Chiles und Perus fließt der Humboldt-Strom. In Mexiko erstreckt sich die Sierra Humboldt. Berge, Seen und Städte sind nach ihm benannt, in Nordchina, Südafrika, Neuseeland und in der Antarktis. Humboldt hat nicht wie Kolumbus einen neuen Kontinent oder wie Newton physikalische Gesetze entdeckt. Sein Ruhm beruht wesentlich auf seiner Sicht der Welt, in der alles mit allem zusammenhängt. Er prägt bis heute unser Verständnis der Natur mit seinem Ausspruch „Alles ist Wechselwirkung“. Dieses Denken hat Humboldt in seinem wissenschaftlichen Arbeiten umgesetzt. Er lebte, reiste und korrespondierte global. Er beteiligte Hunderte Wissenschaftler am Zusammentragen von Informationen und Gedanken, und das ganz ohne E-Mail, Skype oder E-Plattformen.

Für uns heute nahezu unvorstellbar! Aber warum erzähle ich Ihnen das?

Weil solche Netzwerke von Forschenden auch heute die Lebensadern der Wissenschaft sind – über disziplinäre und nationale Grenzen hinweg. Weil uns Alexander von Humboldt wie nur wenige andere mahnt, unsere Schöpfung in ihrer Gesamtheit zu betrachten.

Globalisierung und Digitalisierung verändern unsere Art zu leben und zu arbeiten von Grunde auf. Sie beschleunigen sich gegenseitig. Und sie fordern uns alle, jedes Land, jedes System, jeden einzelnen Menschen. Im Zentrum steht dabei die Künstliche Intelligenz, der momentane Treiber der Innovation. Der nächste Schritt sind Quantentechnologien. Viele von Ihnen sind Physiker, Sie wissen, was das bedeutet.

Aber ein Thema ist es vor allem, das uns in diesen Tagen am Herzen liegt: der Klimawandel. Das Pariser Klimaschutzabkommen im Jahr 2015 war ein echter Durchbruch. Seine Grundlage: Forschungsergebnisse. Es ist und darf nicht umsonst so frenetisch gefeiert worden sein. Denn es ist ja wahr, dass die nächsten 10 Jahre entscheidend sind. Das schmelzende Eis in der Arktis zeigt uns, wie dramatisch die Entwicklung fortschreitet. Langfristig bedroht sie unser aller Lebensgrundlagen auf der Erde.

Genau deshalb muss es uns gelingen, diese Entwicklung abzumildern. Wir in Deutschland und in Europa tragen dafür eine besondere Verantwortung. Wir gehören zu denjenigen, die in der Lage sind, technologische Innovationen zum Schutz unseres Klimas voranzutreiben. Wir sind diejenigen, die in einem gereiften demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaftssystem leben. Wir haben damit die besten Voraussetzungen, viele Probleme gut durchdacht und technologisch beispielhaft anzugehen. Wir haben in Deutschland den Braunkohleausstieg beschlossen. Wir haben es geschafft, bei einer 47-prozentigen Steigerung unseres Bruttoinlandsproduktes seit 1990 unseren Primärenergieverbrauch um fast 10 Prozent zu senken. Diesen Weg müssen wir weitergehen.

Wir müssen alles dafür tun, unsere Art zu wirtschaften zu verändern. Dabei kann es kein Entweder-Oder geben. Entweder Klimaschutz oder Wirtschaftskraft. Ökonomie und Ökologie gehören zusammen. Und: Ökonomie und Ökologie brauchen Innovationen. Innovationen, die zu einer nachhaltigen Wirtschaft führen. Darum fördern wir die Wissenschaft in Deutschland auf vielfältige Weise. Wir wollen attraktiv sein für die klügsten Köpfe der Welt. Für internationale Spitzenforscher wollen wir ein inspirierendes Umfeld bieten. Unser Ziel ist es, dass Staat und Wirtschaft bis zum Jahr 2025 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung ausgeben.

Dabei ist klar: Gegen den Klimawandel müssen wir alle gemeinsam vorgehen, ein Staat allein kann da wenig ausrichten. Das Klima kennt keine Grenzen. Darum ist es gut, dass Klimaschutz ein Schwerpunkt im neuen EU-Forschungsprogramm Horizon Europe ist. Und darum ist wichtig, dass wir Partner auf der ganzen Welt haben, die unsere Ziele und Werte teilen. Dazu gehört auch Südafrika, das Gastland der diesjährigen Tagung in Lindau. Die rasante Urbanisierung, die wachsende Nachfrage nach Elektrizität und Energie und eben der Klimawandel fordern gerade die Menschen südlich des Mittelmeers heraus. Afrika ist dabei ein Kontinent mit großen Potenzialen. Bildung, Wissenschaft und Forschung sind die Voraussetzungen, um diese Potenziale auf allen Ebenen – individuell, gesellschaftlich und wirtschaftlich – zu heben.

Wir wollen Perspektiven in Afrika unterstützen, damit sich die Lebensqualität der Menschen durch nachhaltige Innovationen tatsächlich verbessert. Das ist uns nicht nur eine humanitäre Verpflichtung, sondern liegt auch in unserem europäischen Interesse. Südafrika ist dabei Vorreiter in vielen Wissenschaftsdisziplinen – von der Medizin über die Meeresforschung bis zur Radioastronomie. Die Hochschulen des Landes sind international wettbewerbsfähig und bieten  hervorragende Möglichkeiten. Gerade in Wissenschaft und Forschung ist Südafrika darum einer unserer stärksten Partner. Das gilt auch für den Bau des „MeerKAT“, des modernsten und empfindlichsten Radioteleskops der Welt. Es macht faszinierende Einblicke bis in das Herz der Milchstraße möglich.

Meine Damen und Herren,

die diesjährige Tagung ist der Physik gewidmet. Physikalische Grundlagenforschung hilft uns, unsere Welt und das Universum besser zu verstehen. Hier in Lindau sind gleich mehrere Laureaten anwesend, deren Entdeckungen in der Kosmologie, in der Laserphysik und der Erforschung von Gravitationswellen einen immensen Erkenntnisgewinn für die gesamte Menschheit erbracht haben. Von ihnen erhoffen wir weitere Entdeckungen in der Zukunft.

Gleichzeitig ist die physikalische Grundlagenforschung einer der wichtigsten Innovationsmotoren im Hier und jetzt. Nehmen wir das Beispiel Laserphysik: Die Laserpinzette revolutioniert die Medizin. Sie ermöglicht es, mit mikroskopischen Fingern Objekte wie Bakterien oder Viren zu greifen und zu untersuchen. Die Laserpinzette hilft schon heute unser Wissen im Kampf gegen den Krebs zu erweitern – und so aktiv Leben zu retten. Innovationen wie die Laserpinzette kommen den Menschen direkt zu gute. Sie zeigen: Wissenschaft trägt dazu bei, unser aller Leben zu verbessern.

Meine Damen und Herren,

gerade in diesen Zeiten, in denen Nationalismus und Populismus überall auf der Welt an Stärke gewinnen, brauchen wir eine kraftvolle, freie Wissenschaft. Das bedeutet: Austausch über alle Grenzen und Kulturen hinweg. Wissenschaft lebt von Kooperation, von Neugierde, von Offenheit für Neues und für den Anderen – immer mit dem Ziel, durch neue Erkenntnisse zu Fortschritt zu gelangen.

Entscheidend ist dabei ein Rahmen, der von Wissenschaftsfreiheit geprägt wird: Wissenschaftsfreiheit ist die Voraussetzung für Forschungsergebnisse, die Menschen überall auf der Welt und unserem ganzen Planeten zugutekommen. Denn nur sie ermöglicht es, sich nicht von Einzelinteressen leiten zu lassen, sondern von Herausforderungen, die uns alle angehen. Uns in Deutschland ist es wichtig, Forschenden einen solchen Rahmen für ihre Arbeit zu bieten. Deshalb passt auch die Science-Diplomacy, wie sie hier in Lindau praktiziert wird, so gut hierhin.

Dabei steht Lindau für eine Haltung, die die Welt mehr denn je braucht: In Lindau treffen sich Wissenschaftler, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind und die sich einmischen in Debatten und Diskussionen. Zum Beispiel haben Sie uns Politiker in der Mainauer Deklaration 2015 aufgefordert, sich dem Klimaschutz stärker zu verpflichten.  Wörtlich heißt es: „Wenn wir dem nicht entgegensteuern, wird die Erde schließlich nicht mehr in der Lage sein, den Bedürfnissen der Menschheit gerecht zu werden und unsere ständig zunehmende Nachfrage nach Nahrung, Wasser und Energie zu decken. Und dies wird zu einer umfassenden menschlichen Tragödie führen.“

Meine Damen und Herren,

das ist Lindau. Darum schätzen wir Lindau so sehr. Von hier gehen wichtige Impulse aus für die ganze Gesellschaft. In diesem Sinne wünsche ich einen guten Start der diesjährigen Tagung, inspirierende Gespräche und einen erfolgreichen Verlauf.