"Ein Signal der Anerkennung"

Zwei Jahre Avicenna-Studienwerk: Bülent Ucar, Vorstandsvorsitzender und Islamwissenschaftler, über die Erfolgsgeschichte des Studienwerks, Weltoffenheit und das große Engagement für Flüchtlinge. Ein Interview mit bmbf.de.

Bülent Ucar
Bülent Ucar © privat

bmbf.de: Herr Ucar, was ist das Avicenna-Studienwerk?

Bülent Ucar: Das Avicenna-Studienwerk ist das jüngste der staatlich anerkannten und durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Begabtenförderungswerke in Deutschland. Wir unterstützen leistungsstarke und gesellschaftlich engagierte muslimische Studierende und Promovierende aller Fachrichtungen finanziell und begleiten sie mit besonderen ideellen Förderprogrammen. Diese ideellen Förderprogramme bilden das Herzstück unserer Arbeit und sind für die Persönlichkeitsentwicklung unserer Stipendiatinnen und Stipendiaten ganz besonders wichtig.

Warum ist es wichtig mit dem Avicenna-Studienwerk neben dem evangelischen, dem katholischen und dem jüdischen ein weiteres konfessionelles Begabtenförderungswerk zu haben?

Die Etablierung eines muslimischen Begabtenförderungswerks ist ein Signal der Anerkennung und ein wichtiger Schritt hin zur Gleichbehandlung. Die Pluralität in unserer Gesellschaft soll sich auch in den unterschiedlichen Begabtenförderungswerken widerspiegeln. Mit dem Avicenna-Studienwerk gibt es nun auch ein muslimisch geprägtes Begabtenförderungswerk. Unsere Stipendiatinnen und Stipendiaten sind für uns als angehende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, als Bürgerinnen und Bürger glaubwürdige Boten und Vertreter eines weltoffenen toleranten Islamverständnisses.

Das Avicenna-Studienwerk hat sowohl für den ersten als auch für den zweiten Jahrgang weitaus mehr Bewerbungen erhalten als erwartet. Was können Sie über die Avicenna-Stipendiatinnen und Stipendiaten sagen? 

In der Tat waren wir auch dieses Jahr beeindruckt von der Anzahl der Bewerbungen. Unser Studienwerk sowie unser Förderprogramm genießt zunehmend großes Interesse bei muslimischen Abiturienten, Studierenden und Promovierenden. Dies haben wir unter anderem auch unseren Stipendiatinnen und Stipendiaten zu verdanken, die fleißig innerhalb ihrer Regionalgruppen regelmäßig Informationsveranstaltungen an Universitäten, Fachhochschulen oder in sozialen Einrichtungen durchführen und damit unseren Bekanntheitsgrad steigern. Aber auch in der muslimischen Community Deutschlands genießt unser Studienwerk höchstes Ansehen. Das sieht man daran, dass die muslimischen Gemeinden aktiv für unser Stipendienprogramm werben. Das überwältigende Interesse hat uns schließlich auch dazu bewegt, zwei Bewerbungsphasen im Jahr einzuführen. Die Bewerbungsfristen sind jeweils der 1. Oktober und der 1. April.

Was müssen die Studierenden mitbringen, um ein Stipendium des Studienwerks zu erhalten?

Von den Bewerberinnen und Bewerbern erwarten wir neben überdurchschnittlichen akademischen Leistungen auch ehrenamtliches Engagement sowie eine begründete Motivation, um von einem muslimischen Begabtenförderungswerk gefördert zu werden. Bei der Vergabe der Stipendien berücksichtigen wir die sozio-ökonomischen und biografischen Hintergründe der Bewerberinnen und Bewerber. Denn natürlich wissen wir auch, dass es Erstakademiker unter Umständen schwerer haben können als Bewerberinnen und Bewerber, deren Eltern selbst studiert haben. Auf solche Faktoren achten wir bei unserer Auswahl.

Derzeit gibt es deutschlandweit 145 Stipendiatinnen und Stipendiaten. Bei einer Verteilung von 82 Frauen und 63 Männer überwiegt der Anteil der Frauen gegenüber dem der Männer. Medizin ist besonders beliebt. Darauf folgen die Human- und Geisteswissenschaften, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Natur- und Ingenieurwissenschaften.

Was sind Ihre Ziele für die nächsten Jahre?

In diesem Jahr haben wir 80 Stipendiatinnen und Stipendiaten aufgenommen. Nächstes Jahr möchten wir weitere 120 aus ganz Deutschland dazu gewinnen. 2018 planen wir insgesamt 500 Studierende und Promovierende im Pool unseres Stipendienprogramms zu haben. Daneben arbeiten wir mit Hochdruck an der Ausgestaltung unseres ideellen Förderprogramms mit mehr als einem Dutzend Veranstaltungen, die über das gesamte Jahr verteilt sind und die drei Themencluster Glaube, Wissenschaft und Gesellschaft abdecken werden. Demnächst werden wir unter anderem auch unser Mentoring- sowie Alumni-Programm aufbauen.

Gibt es dazu schon konkrete Ansätze? 

Durch das neue Projekt „Unsere Zukunft. Mit Dir!“ werden wir den Schwerpunkt des stipendiatischen Engagements auf die Flüchtlingsarbeit legen. Mit den zusätzlichen Mitteln des Bundesbildungsministeriums werden wir die Möglichkeit haben, Stipendiatinnen und Stipendiaten bundesweit zu Flüchtlingslotsen auszubilden, sodass sie in ihren jeweiligen Regionalgruppen Aktivitäten durchführen können, die den Flüchtlingen zu Gute kommen werden. Wir freuen uns sehr über diese Chance und danken dem Bundesministerium für Bildung und Forschung ganz herzlich.

Das Avicenna-Studienwerk ist eines von 13 Begabtenförderungswerken in Deutschland und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie der Stiftung Mercator gefördert. Es ist neben dem evangelischen Studienwerk Villigst, dem katholischen Cusanuswerk und dem jüdischen Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk das vierte konfessionelle Begabtenförderungswerk.