Ein Wörterbuch für Gebärdensprache

In den meisten Sprachen ist es selbstverständlich: Wer wissen möchte, was ein Wort bedeutet und wie es verwendet wird, schaut ins Wörterbuch. Bei Gebärdensprachen ging das bislang nur eingeschränkt. Ein vom BMBF gefördertes Projekt soll das ändern.

Bei den Aufnahmen sind über 550 Stunden Videomaterial entstanden.
Bei den Aufnahmen sind über 550 Stunden Videomaterial entstanden. © DLR

Die historische Entwicklung der sozialen Teilhabe gehörloser Menschen kann man in vielen Sprachen erzählen – und endlich auch in Gebärdensprache. Dank einem einzigartigen Forschungsprojekt, das im Akademienprogramm gefördert und im Auftrag der Akademie der Wissenschaften in Hamburg am Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser (IDGS) der Universität Hamburg umgesetzt wird, ist dies möglich. Es trägt den langen Namen „Entwicklung eines korpusbasierten elektronischen Wörterbuchs Deutsche Gebärdensprache – Deutsch“ oder kurz: DGS-Korpus.

Hier entsteht seit 2009 ein ganz besonderes Wörterbuch, das es so bisher nicht gab: zwischen 2010 und 2012 filmten gehörlose Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an 12 Orten 330 Gehörlose aus ganz Deutschland beim Kommunizieren in Deutscher Gebärdensprache. Dabei sind über 550 Stunden Videomaterial entstanden. Sie zeigen, wie diese Sprache verwendet wird. Mit diesen Aufnahmen wurde die Deutsche Gebärdensprache zum ersten Mal systematisch erfasst, u.a. auch lexikalische Varianten aus unterschiedlichen Regionen.

Es gibt bereits Material

Die komplexe wissenschaftliche Arbeit im Projekt, das noch bis 2023 läuft, ist Grundlagenforschung und besteht darin, diese Materialfülle auf dreierlei Weise aufzubereiten. Für den Gebrauch entsteht das videobasierte Wörterbuch. Hier finden die Nutzer zu einer einzelnen Gebärde nicht nur alle verfügbaren Informationen, sondern auch Beschreibungen ihrer Bedeutungen und Dialektvarianten. Das alles geschieht erstmalig auf der Grundlage der tatsächlichen Verwendung einer Gebärde im Kontext.

Unabhängig vom Wörterbuch stehen der Öffentlichkeit bereits auf meine-dgs.de etwa 50 Stunden ausgewähltes Videomaterial mit deutschen Untertiteln zur Verfügung, die Gehörlosigkeit und Gebärdensprache thematisieren und Aspekte des kulturellen Erbes der Gebärdensprachgemeinschaft dokumentieren. Hier finden sich zusätzlich auch Videosequenzen zu aktuellen Themen wie zum Beispiel 2019 zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls.

Die dritte Säule des Projekts ist das ebenfalls frei zugängliche Forschungsportal ling.meine-dgs.de, auf dem das Filmmaterial mit wissenschaftlichen Annotationen und Übersetzungen ins Englische für weitere Forschung zur Verfügung steht.

Anstoß für aktive Teilhabe

Auf vielfältige Weise befördert dieses wissenschaftliche Projekt neben der kulturellen Identität gehörloser Menschen auch ein Geschichtsbewusstsein, das Anstoß für eine aktive Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen geben kann. Dies beschränkt sich nicht nur auf die Chance, über die in Gebärdensprache erzählten Geschichten auch die wechselvolle Geschichte von sozialer Teilhabe zu erzählen. Hinzu kommt eine selbstverständlich barrierefreie Arbeit im Projekt, erklärt Annika Herrmann, Professorin am IDGS.

Die Gebärdensprachlinguistin leitet zusammen mit Thomas Hanke das DGS-Korpus-Projekt, in dem fast alle Beteiligten – zu denen auch eine große Zahl Studierender zählt, ohne die die Arbeit nicht leistbar wäre – auch in Gebärdensprache kommunizieren. „Soziale Teilhabe wird bei uns gelebt, denn ohne gehörlose Kolleginnen und Kollegen könnten wir das Projekt nicht durchführen.“

Entscheidend aber ist, dass das wissenschaftliche Projekt letztlich einer ganzen Sprachgemeinschaft endlich den Zugriff auf ihre eigene Ressource liefert und eine bisher nicht da gewesene Teilhabe ermöglicht – etwas, das sehr viele Sprachgemeinschaften schon längst können: die Erforschung der Grammatik und des Gebrauchs ihrer eigenen Sprache. Annika Herrmann macht das glücklich: „Unsere Gesellschaft versteht unter Teilhabe in der Regel die politischen und sozialen Aspekte, aber man kann das weiter fassen. Das Akademieprojekt bietet vergleichbare teilhabende Wissenschaft, also die Chance für eine Sprachgemeinschaft, auf Augenhöhe mit allen anderen in der Welt die eigene Kultur zu erforschen.“