"Eine Milliarde bewirkt etwas"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über die Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, Strukturwandel durch Tenure-Track-Professuren und mehr Sicherheit für junge Wissenschaftler. Ein Interview mit "Der Zeit" vom 3. Dezember 2015.

Bundesministerin Johanna Wanka im Interview © BMBF/Hans-Joachim Rickel

DIE ZEIT: Frau Wanka, laut unserer Umfrage überlegen 81 Prozent der jungen Wissenschaftler, aus der Wissenschaft auszusteigen. Was sagt das über den Zustand des Wissenschaftssystems?

Johanna Wanka: Dass jemand wissenschaftlicher Mitarbeiter ist, sich qualifiziert und danach als Jurist in eine Kanzlei geht oder zu einem Autobauer in die Forschungsabteilung – das ist gut so. Es ist klar, dass nicht alle der jungen Leute im Wissenschaftssystem eine Stelle finden können. Wenn sie aber gingen, weil die Bedingungen in der Wissenschaft zu schlecht sind, wäre das bedenklich.

ZEIT: Genau das tun viele. Jeder Dritte führt zu unsichere Perspektiven an, auch wegen der schlechten Vereinbarkeit von Beruf und Familie überlegen 20 Prozent, auszusteigen.

Wanka: Ja, es gibt einen Leidensdruck. Der erste Vertrag von über 80 Prozent der jungen Wissenschaftler läuft kürzer als ein Jahr. Das ist nicht zu rechtfertigen. Deshalb novellieren wir das Wissenschaftszeitvertragsgesetz.

ZEIT: Auch die Gesetzesnovellierung sieht keine Mindestvertragslaufzeiten vor. Warum?

Wanka: Eine Mindestlaufzeit macht unflexibel. Wenn jemand nach drei Jahren für seine Promotion noch ein halbes Jahr braucht, könnte er dann keinen Vertrag mehr bekommen. In der Novelle gibt es aber kein Schlupfloch: Die Hochschulen werden künftig genau begründen müssen, wenn jemand kurzfristig angestellt werden soll.

ZEIT: Die Novellierung allein wird nicht reichen, die Unsicherheiten zu beseitigen. Die Entscheidung, ob man eine Professur bekommt oder nicht, fällt in der Regel erst mit Anfang 40.

Wanka: Um das zu ändern, baue ich auf das System der Tenure-Track-Professur. Damit bekommen junge Wissenschaftler frühzeitig Sicherheit und die Gewissheit, im Anschluss eine Professur zu haben, wenn sie die Anforderungen erfüllen. Eigentlich ist Ihre Umfrage hier hilfreich: Wir werden sie mit als Begründung für das nehmen, was wir für den wissenschaftlichen Nachwuchs ändern wollen.

ZEIT: Ihr Plan ist, über zehn Jahre mit jährlich 100 Millionen Euro Tenure-Track-Stellen zu schaffen. Wann geht es los?

Wanka: Aktuell befinden wir uns in Verhandlungen mit den Ländern. Wir haben die Länder gebeten, Vorschläge für die Umsetzung zu machen, die innerhalb des Kreises der Bundesländer akzeptiert werden – und dann kann man darüber reden. Klar ist, dass die Länder die Tenure-Track-Professuren dauerhaft verstetigen müssen.

ZEIT: Bis wann ist Klarheit zu erwarten?

Wanka: Wir haben das nächste Frühjahr angepeilt.

ZEIT: Bislang heißt es, mit dem Geld vom Bund sollen 1000 Stellen finanziert werden. Stimmt das?

Wanka: Es sollen auf jeden Fall mehr sein. Wenn wir nur ein paar hundert Tenure-Track-Professuren schaffen, wird das in den USA, Kanada oder England nicht wahrgenommen.

ZEIT: Soll das so laufen wie bei den Bafög-Mitteln – Sie geben den Bundesländern Geld und die können es dann ausgeben? Damit haben Sie keine guten Erfahrungen gemacht.

Wanka: Grundsätzlich ist die Finanzierung von Personal ureigenste Aufgabe der Länder. Es wird nun keine Blankoschecks geben, das ist klar: Das Geld soll in zusätzliche Tenure-Track-Professuren fließen. Deshalb wird es bei der Ausschreibung des Programms ein wettbewerbliches Verfahren geben. Mit einer Milliarde Euro können wir etwas bewirken. Wir wollen mit den zusätzlichen Tenure-Track-Professuren einen Strukturwandel schaffen.

ZEIT: Es könnte auch so laufen: In zehn Jahren läuft das Programm aus, aber die Strukturen sind dieselben geblieben.

Wanka: Davon gehe ich nicht aus. Die Universitäten, die sich um die Fördergelder bewerben, werden belegen müssen, dass sie die Karrierewege für junge Wissenschaftler verbessern. Ich setze auf Wettbewerb. Wenn der Tenure-Track die Hochschulen leistungsfähiger macht, wird er sich durchsetzen.

Die Fragen stellten Anant Agarwala, Manuel J. Hartung und Martin Spiewak