Eine Nation als Heimat – in ganz Europa zuhause

„Um mit den USA und China mithalten zu können, brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Europa“, sagt Bundesministerin Anja Karliczek bei der Konferenz „Europas Zukunft – Chancen und Risiken der Digitalisierung“ der Schwarzkopf Stiftung in Berlin.

Lieber Herr Schmitz-Schwarzkopf,

liebe Frau Scheeres,

liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Studierende,

sehr geehrte Damen und Herren,

Europa sei „ein Schutzschild unserer Völker gegen die neuen Trubel der Welt.“

Das hat Emmanuel Macron, der französische Staatspräsident, in der vergangenen Woche in Aachen gesagt, als er zusammen mit Angela Merkel den neuen deutsch-französischen Vertrag besiegelt hat.

Ein kluger, reflektierter Satz. Diesen Schutzschild schmieden wir auch bei Bildung und Forschung.

Mit dem Vertrag von Aachen vernetzen wir unsere Bildungs- und Forschungssysteme noch enger miteinander.

Vor allem junge Menschen werden davon profitieren.

Denn zwei Dinge brauchen wir vor allem, um den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen.

Wir müssen gemeinsam handeln.

Dafür brauchen wir Europa.

Und wir müssen uns gut vorbereiten.

Dafür brauchen wir Wissen.

Dafür brauchen wir Bildung, digitale Bildung.

Darüber möchte ich heute sprechen. Und ich bin froh, dass hier heute so viele junge Menschen im Raum sind. Sie alle werden Deutschland und Europa in der Zukunft gestalten! Sie sind das Gesicht Europas.

Digitalisierung und Forschung

Liegt die Zukunft Europas in Digitalisierung und Forschung?

Sie fragen die Bundesforschungsministerin. Meine Antwort ist einfach: Ja. Natürlich. Unbedingt.

Denn:

Die Digitalisierung führt dazu, dass unsere Welt immer mehr zusammenwächst.

Globalisierung und Digitalisierung sind so etwas wie Geschwister. Zusammen verändern sie unser Leben und Arbeiten grundlegend.

Und bieten eine Menge neuer Chancen.

Ein starkes Europa hilft uns, diese Chancen zu nutzen. Warum?

Ein Beispiel:

Stellen Sie sich ein Forscherteam in Frankreich vor.

Es verfolgt einen vielversprechenden Ansatz in der Krebsforschung. Aber es fehlen noch Teile im Puzzle. Die findet dann vielleicht ein polnisches Team. Und plötzlich ist der Durchbruch da für die Entwicklung einer neuen Krebstherapie.

Manchmal ist es auch einfach die Anzahl an Fällen, die Menge an Daten, die endlich zu neuen Erkenntnissen führt. Stichwort Künstliche Intelligenz. Künstliche Intelligenz ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie gefüttert wird. Je mehr Daten sie zur Verfügung hat, desto besser ihre Ergebnisse. Gerade auch in der Krebsforschung erhoffen wir uns davon echten Fortschritt. Auch hier setzen wir auf europäische und internationale Zusammenarbeit.

„Digitalisierung plus Europa“ ist eine Formel für Erfolg.

Deshalb war eine meiner ersten Amtshandlungen als Ministerin ein Besuch bei meiner französischen Amtskollegin. Zusammen mit ihr habe ich mir die Vorstellung der französischen KI-Strategie durch Emmanuel Macron angehört.

Denn gemeinsam mit Frankreich wollen wir führend bei der Künstlichen Intelligenz in Europa sein.

Gemeinsam werden wir ein deutsch-französisches Forschungsnetzwerk für KI aufbauen.

Um im digitalen Zeitalter Erfolg zu haben, muss die Europäische Union vernetzter werden. Sie muss zu einer echten Innovationsunion mutieren. Das gelingt nur, wenn wir unsere Forschungskompetenzen bündeln und ausbauen. Nur vernetzte Forschung und Entwicklung schaffen uns gute wirtschaftliche Perspektiven.

Gemeinsam stehen wir im weltweiten Wettbewerb.

Wir schauen dabei nicht mehr nur nach Westen.

Die Bundeskanzlerin sagt es immer kurz und prägnant: In China ist ein Riese erwacht.

Um mit den USA und China mithalten zu können, brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Europa.

Digitalisierung und Bildung

Und wir brauchen mehr Europäer, die in der digitalen Welt zuhause sind.

Wie schaffen wir das? Am besten, indem wir digitale Bildung überall verständlich machen.

Das beginnt in der Schule, geht in der Ausbildung, an der Hochschule, am Arbeitsplatz weiter und darf selbst im hohen Alter nicht fehlen.

Es ist die Aufgabe unseres Bildungssystems, die Menschen fit zu machen für den digitalen Wandel. Gleich nach meinem Amtsantritt habe ich mein Ministerium umstrukturiert: Jeder Bereich beschäftigt sich nun auch mit Digitalisierung.

Darum brauchen wir auch den Digitalpakt – und die entsprechende Grundgesetzänderung. Damit unsere Schüler von Anfang an lernen, kompetent mit digitalen Medien umzugehen.

So schaffen wir gute Grundlagen dafür, dass jeder Einzelne die Chancen nutzen kann, die die Digitalisierung bietet. 

Der Digitalpakt kommt auch den Berufsschulen zugute. Das ist wichtig. Vielen Menschen in unserem Land ist das gar nicht so klar. Gerade die Digitalisierung eröffnet für das praktische Lernen viele Möglichkeiten.

Wer zunächst mit einem virtuellen Schweißgerät geübt hat, kann später in der Werkstatt viel besser mit dem echten Schweißgerät umgehen. Übung macht den Meister, sagt man bei uns in Westfalen.

Auf die Arbeitswelt von morgen bereiten wir  junge Menschen am besten mit modernen Mitteln und Methoden vor. Praktische Fertigkeiten und theoretische Kenntnisse miteinander verbinden – dafür steht unsere duale Ausbildung. In einer Zeit, die sich so schnell wandelt und uns permanent neue Fähigkeiten abverlangt, ein unschätzbar wertvolles Ausbildungssystem!

Diese Flexibilität, junge Menschen auszubilden, hat Deutschland stark gemacht. Deshalb haben wir eine so geringe Jugendarbeitslosigkeit. Aktuell arbeiten wir deshalb an der Modernisierung dieses Erfolgssystems.

Das digitale Lernen hört aber mit der Ausbildung nicht auf.

Lebensbegleitende Weiterbildung muss für jeden selbstverständlich werden.

Das ist oft nicht bequem, aber das kann umso spannender sein, wenn man Lust daran hat, Neues zu lernen.

Durch den technologischen Fortschritt entstehen völlig neue Anwendungen:

Zum Beispiel inspizieren Dachdecker inzwischen Dächer mittels Drohnen.

Landwirte betreiben digitales Stallmanagement.

Oder, ganz neu: Seit August können sich junge Menschen bundesweit erstmals zum „Kaufmann und Kauffrau für E-Commerce“ ausbilden lassen.

Es hat noch nie eine Generation so viele und qualitativ so hochwertige Entwicklungschancen gehabt wie diese. Lassen sie uns diese Chancen nutzen und unseren Teil zum Wohlergehen unserer Gesellschaft beitragen.

III.

Hiermit komme ich zu meinem dritten, besonders wichtigen Punkt: Wenn es um die Zukunft geht, um Europa und die Digitalisierung, dann kommt es vor allem auf die jungen Menschen an.

Viele von Ihnen sehe ich hier im Raum. Auf Sie!

Sie, die jungen Frauen und Männer, sind die Zukunft Europas. Ihre Talente wollen wir stärken. Ihre Chancen vergrößern. Ob in der Wissenschaft, im kaufmännischen Bereich, dem Handwerk oder bei Dienstleistungen: Überall sind internationale Kompetenzen gefragt. Diese Talente unterstützen wir mit unseren europäischen und nationalen Förderprogrammen, den Marie-Skłodowska-Curie-Stipendien oder den ERC-Grants des Europäischen Forschungsrats.

Liebe Freunde der Schwarzkopf-Stiftung,

Wir sprechen in diesen Tagen viel über den zunehmenden Populismus und über das nationalistische Roll-Back. Lassen sie uns hier und heute mal über die vielen anderen sprechen. Über diejenigen, die wissen, dass wir unsere Probleme heute nicht mehr als ein einziges Land lösen können.

Denn auch das sind viele und gerade viele junge Leute.

Waren es in Großbritannien nicht gerade viele junge Leute, die gegen den Brexit waren?

Ich hoffe, dass das Brexit-Chaos auch etwas Gutes hat: dass noch mehr Menschen in Europa verstehen, wie wichtig die europäische Integration für sie selbst und die Zukunft ihrer Kinder ist. Das britische Durcheinander muss uns Mahnung sein.

Wir müssen Europa reformieren und voranbringen.

Vieles an und in Europa ist für die Jungen Alltag. Staus vor der Grenze nach Spanien, Geld wechseln, damit man in Paris sein Croissant bezahlen kann – das alles kennen sie gar nicht mehr.

Europa heißt für sie:

Heute in Marburg, morgen in Maastricht zu studieren.

Englisch oder auch Französisch zu sprechen, weil man schon ein paar Monate im anderen Land gelebt hat.

Während der Ausbildung italienische Luft schnuppern.

Erasmus Plus ist der Schlüssel dazu.

Vor mehr als 30 Jahren hat die EU das Programm ins Leben gerufen, damit junge Menschen die Idee Europa leben können.

In ungezählten Schüleraustauschen, Jugendbegegnungen, Auslandssemestern oder Auslandspraktika.

Jeder hier im Saal kann auch sie eine Chance nutzen. Greifen Sie zu!

Erasmus plus ist mehr als nur ein Austauschprogramm. Bei vielen Erasmus-Projekten geht es auch um digitale Bildung.

Zum Beispiel erarbeitet ein europäisches Team Schulungsmaterialien für den 3D-Druck.

Und Lehrer aus verschiedenen Ländern entwickeln gemeinsam Lerneinheiten für das Tablet – die sind dann bilingual und können in  Deutschland, Österreich, Finnland und Italien eingesetzt werden.

Und es ist prima, dass auch die  Schwarzkopf-Stiftung eine Förderung erhalten hat – für Sitzungen des Europäischen Jugendparlaments.

Europa wächst zusammen, wann immer Menschen sich begegnen. Dafür steht Erasmus Plus.

Eine tolle Möglichkeit sind Auslandspraktika, entweder während des Studiums oder als Teil einer Berufsausbildung. Gerade für Auszubildende und Berufsfachschüler sind sie eine Riesenchance, Arbeit in Frankreich, Griechenland oder Litauen kennenzulernen.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Auslandserfahrung sind aber auch ein Gewinn für jedes Unternehmen.

Unternehmen, die sich international ausrichten, brauchen solche Leute.

Sie brauchen Leute, die auch andere Techniken, Abläufe und Herangehensweisen kennengelernt haben.

Darum ist es gut und wichtig, wenn viele junge Menschen eine Nation als ihre Heimat betrachten, sich aber in ganz Europa zuhause fühlen.

Deutschland braucht verständnisvolle und weitsichtige Bürgerinnen und Bürger. Und Deutschland braucht leidenschaftliche Europäer.

Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle hat bei seiner großen Rede an die deutsche Jugend 1962 in Ludwigsburg gesagt (übrigens auf Deutsch):

„Ich beglückwünsche Sie, die Jugend von heute zu sein… Sie sollen danach streben, dass der Fortschritt ein gemeinsames Gut wird, so dass er zur Förderung des Schönen, des Gerechten, des Guten beiträgt.“

Möge der Geist seiner Worte auch uns einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen. Damit dieser Geist weiterlebt – in uns und durch uns. Er soll uns Ansporn sein. Tag für Tag aufs Neue.