"Eine Person muss das Netzwerk knüpfen"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über die Integration von Flüchtlingen durch Bildung und das Engagement der Kommunen. Ein Interview mit der Fachzeitschrift "Kommunalpolitische Blätter" vom 05. Mai 2016.

Kommunalpolitische Blätter: Sie wollen die Kommunen bei der Herkules-Aufgabe  Integration unterstützen. Wie sieht Ihr Plan genau aus?

Johanna Wanka: In den Kommunen gibt es viel Engagement für Flüchtlinge. Die Integration läuft vor Ort – und ob sie gelingt, entscheidet sich dort. Die Angebote zur Bildung und Integration müssen passgenau organisiert und aufeinander abgestimmt werden. Wir brauchen also eine Person, die an zentraler Stelle in der Kommunalverwaltung angesiedelt ist und den Überblick hat, Netzwerke knüpft und so die Voraussetzung schafft, dass die Angebote passgenau zu den Flüchtlingen kommen. Zur Organisation und Koordinierung von Bildungsangeboten für Flüchtlinge ermöglichen wir allen rund 400 Kreisen oder kreisfreien Städten seit Beginn 2016, solche Koordinatorinnen oder Koordinatoren zu finanzieren. Um wirksam zu sein muss diese Koordinierung allerdings eingebettet sein in breitere Aktivitäten von Bildungsmanagement auf kommunaler Ebene.

Gibt es bestimmte Voraussetzungen für eine Bewerbung, zum Beispiel die Größe der Städte und Kreise, Anzahl der Schulen?

Antragsberechtigt sind alle Kreise und kreisfreie Städte, die nicht bereits in „Lernen vor Ort“ gefördert wurden. Förderanträge können noch zum 1. Juni und 1. September 2016 eingereicht werden.

Wie muss ein eingereichtes Konzept aussehen?

Aus dem Konzept soll hervorgehen, auf welche Art die Ziele des kommunalen Vorhabens in die kommunalen Verwaltungsstrukturen eingebettet und umgesetzt werden sollen. Dabei ist insbesondere darzustellen, wie die Bündelung der lokalen Kräfte und das gemeinschaftliche Zusammenwirken aller Bildungsakteure und die Optimierung der kommunalen Koordinierung und der ressortübergreifenden Abstimmung der zuständigen Ämter und Einrichtungen innerhalb der Kommunalverwaltung erreicht werden soll.

Wie lange stellen Sie dann die Koordinatoren zur Verfügung?

Es wird zunächst eine zweijährige Projektphase geben.

In den Kreisen leben jede Menge nicht anerkannte Schutzsuchende – sollen alle mit in das Bildungsangebot einbezogen werden?

Bei dem Programm geht es darum, Bildungsakteure wie Volkshochschulen und Kindertagesstätten, Berufskammern und Jobcenter, Jugendhilfe und Schulamt und nicht zuletzt Ehrenamtliche zusammenzubringen. Dadurch haben sie den Überblick, welche Sprach- und Integrationskurse, Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen es vor Ort gibt und welche fehlen. Oder sie geben Impulse für Angebote der kulturellen Bildung und des interkulturellen Austauschs. Diese Vielfalt an Angeboten passgenau für die jeweilige Flüchtlingssituation nutzbar zu machen, das soll erreicht werden.

Koordination von allen beteiligten Stellen „alles unter einem Dach“ ist sicher ein sinnvoller Start für eine gelingende Integration, aber es fehlen vor allem ausführende Kräfte, also Übersetzer, Lehrer, Psychologen für traumatisierte Menschen und Betreuer für Kinder. Wie wollen Sie das Problem handeln?

Es gibt ganz viele Ansatzpunkte und egal auf welcher Ebene sind alle Akteure dabei, die Integrationsbemühungen voranzutreiben.

Passgenau organisieren – was heißt das?

Es geht darum, kommunale Koordinierungsstrukturen und -gremien aufzubauen und dabei bestehende Strukturen zu nutzen und zu erweitern. Alle Bildungsakteure innerhalb und außerhalb der Kommunalverwaltung sollen identifiziert und eingebunden werden. So wird Transparenz über vor Ort tätige Bildungsakteure sowie vorhandene Bildungsangebote hergestellt und die Voraussetzung geschaffen, um Entscheidungsinstanzen der Kommune zu beraten.

Gilt das nur für Kinder?

Nein, es geht um Bildungsangebote für alle Altersgruppen von Flüchtlingen.

Unter den Flüchtlingen gibt es viele Analphabeten - vor allem Erwachsene - wird es da auch Angebote geben?

Bereits die bisherigen Aktivitäten des BMBF haben auch immer einen Blick auf die Alphabetisierung von Migrantinnen und Migranten gerichtet. So wurden in den Förderschwerpunkten seit 2007 umfangreiche Materialien und Konzepte für diese Personengruppe entwickelt. Mit dem Projekt Alphabetisierung und Bildung in der Moschee (ABCami) fördert das BMBF aktuell ein Projekt, dass bundesweit vorrangig auf die Alphabetisierung von Menschen mit islamischer Religionszugehörigkeit abzielt. Vielfach wird bereits in den Integrationskursen das Lernportal www.ich-will-deutsch-lernen.de genutzt, das vom Deutschen Volkshochschulverband mit Mitteln des BMBF betrieben wird.

Was kann man für die ehrenamtlichen Helfer tun? Ohne die wäre alles zusammengebrochen.

Wichtig für die Integration und den Spracherwerb ist der zwischenmenschliche Austausch. Wir unterstützen daher alle Erstaufnahmeeinrichtungen, wenn sie mit Vorlesepaten und anderen Freiwilligen zusammen arbeiten wollen. Diese Ehrenamtlichen bekommen im Rahmen des BMBF-Programmes „Lesestart für Flüchtlingskinder“, professionellen Rat zur Vorbereitung auf ihre Vorlesetätigkeit speziell für Flüchtlingskinder. So können wir auch die vielen Freiwilligen, die sich ehrenamtlich und mit viel Engagement für Flüchtlinge und ihre Familien einsetzen, unterstützen. Kern des Programms ist ein speziell konzipiertes Lesestart-Set mit einem altersgerechten Buch für alle Flüchtlingskinder im Vorschulalter. Diese Sets stellen wir in den kommenden drei Jahren allen Erstaufnahmeeinrichtungen zur Verfügung. Alle Erstaufnahmeeinrichtungen erhalten zudem einmal pro Jahr eine Lese- und Medienbox für Flüchtlingskinder bis zu 12 Jahren, um auch ältere Geschwisterkinder miteinzubinden.

Das Gespräch führte Gaby Grabowski.