Entscheider Dialog Plattform Industrie 4.0

Rede des Staatssekretärs im Bundesministerin für Bildung und Forschung, Georg Schütte, anlässlich der Hannover Messe Industrie in Hannover

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Bundesministerin Zypries,
Sehr geehrter Herr Kollege Machnig,
Sehr geehrter Herr Leukert,
Sehr geehrter Herr Professor Neugebauer,
sehr geehrte Mitwirkende und Gäste

Wenn sich die Leitung und ein großer Teil der Mitwirkenden der Plattform Industrie 4.0 auf der Hannover Messe den Stand der Arbeiten darstellen, ist das immer auch ein Grund, Bilanz zu ziehen.

Wir haben 2015 angefangen inmitten der veröffentlichten Meinung, Deutschland habe die Digitalisierung verschlafen.

2016 dann hieß es in Davos in den Äußerungen von Experten aus den USA und Asien, Deutschland könne IT – das Beispiel Industrie 4.0 sei ein Beleg dafür. Die Pressemeldungen schwankten dann zwischen „Science Fiction am Fließband“ [Die Welt 25.04.2016] zur Hannover Messe und einem Kommentar einer großen deutschen Tageszeitung mit dem Titel: „Gefährlicher Vorsprung“ zum IT-Gipfel [FAZ, 22.11.2016].

Wie lauten die Schlagzeilen zu Industrie 4.0 im Jahr 2017? Die Medien berichten sachlich und breit über Weiterbildungsangebote, Lernfabriken, die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine, von Geschäftsmodellen und Datenanalysen.

Es könnte also den Anschein haben, als wäre Industrie 4.0 zur Normalität geworden, zu einer Entwicklungsrichtung, an der eifrig gearbeitet wird, mit der aber keine unüberwindbaren Hindernisse verbunden werden.

Ist das ein Indiz dafür, dass wir – nachdem wir unseren Erfolg gefeiert haben - fertig sind mit der Arbeit der Plattform Industrie 4.0? Oder ist es ein Indiz, dass wir zu selbstsicher geworden sind?

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

eine Jahresbilanz der Plattform Industrie 4.0 muss für uns Anlass sein, zu fragen, wo wir stehen, wie weit wir sind und welche Schritte vor uns liegen.

Wo wir stehen, ist klar:

Die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und ihre Exportstärke beruht in hohem Maße auf exzellenten Produkten und effizienten Produktionsprozessen.

Deutschland hat den Anteil der produzierenden Industrie an der Wertschöpfung mit über 20 Prozent auf fast doppelt so hohem Niveau wie andere führende Wirtschaftsnationen erhalten. Im verarbeitenden Gewerbe wurden zugleich in den letzten 20 Jahren mehr Arbeitsplätze erhalten. Wettbewerbsfähigkeit und gesamtgesellschaftlicher Wohlstand gehen in Deutschland immer noch Hand in Hand. Dies wollen wir auch in Zukunft erhalten.

Was vor uns liegt, ist ebenso eindeutig:

Unsere Wirtschaft steht vor großen Veränderungen. Die Digitalisierung soll die Produktion in den Betrieben möglichst flexibel machen und Einzelprodukte – in „Losgröße 1“ – zu den Kosten einer Fließbandproduktion ermöglichen. Schon seit einigen Jahren wachsen die klassischen Sphären von Produktion und Dienstleistung zusammen. Die Grenzen zwischen Produzent und Konsument verschwimmen.

Was genau wollen wir erreichen?

Auch wenn zumeist von einer Individualisierung von Einzelprodukten die Rede ist, so hängt die Wettbewerbsfähigkeit des Produktionsstandortes Deutschland vom Zugewinn an Flexibilität in den Lieferketten ab - bei sinkenden Kosten. Industrie 4.0 macht es für die Hersteller einfacher, Probleme bei Zulieferern durch ein Umplanen der Produktion abzumildern. Zulieferer wiederum können deutlich einfacher kurzfristige, lukrative Aufträge in die laufende Produktion einschieben. Die unproduktiven Umbauten von Produktionsabläufen sollen dank Computerhilfe bei der Planung und Fertigung kürzer und nahezu reibungslos werden.

Erfolg als Produzent auf jeder Ebene der Wertschöpfungskette hat zukünftig, wer durch neue Produktionsabläufe ebenso schnell wie zuverlässig auf neue Anforderungen reagieren kann. Möglich wird dies durch die digitale Transformation der Produktion. Cyber-physische Systeme, additive Fertigung, künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen ermöglichen selbstoptimierende Produktionsprozesse und bieten große Chancen für eine wettbewerbsfähigere Produktion in Deutschland. Smarte Produkte und Dienste erlauben gänzlich neue Geschäftsmodelle, etwa die Kombination von Produkten oder Anlagen mit Dienstleistungen zu Leistungsbündeln, sogenannten „hybriden Produkten“. Diese Veränderungen stellen die Industrie vor große Herausforderungen. Andererseits ermöglichen sie weitere Potenziale für Produktivitätssteigerungen und neue Beschäftigung.

Erreichen wollen wir somit mehr Wettbewerbsfähigkeit, mehr Effizienz und mehr Beschäftigung.

Die ersten Schritte haben die Unternehmen bei uns heute im Blick. Wie aber sehen die nächsten Schritte aus?

Innerhalb der Branchen und zwischen KMU und Großunternehmen existieren verschiedene Einschätzungen zur Relevanz der Digitalisierung. Entscheidend ist, dass sich möglichst jedes Unternehmen in Deutschland mit den potentiellen Auswirkungen der Digitalisierung auf die eigenen Wertschöpfungsketten auseinandersetzt.

Trotz der umfassenden Wirkungen der Digitalisierung wäre es dabei jedoch ein Irrtum anzunehmen, dass Industrie 4.0 nur eine verschärfte Form der Automatisierung darstellt. Auch die modernste IT bleibt zu unflexibel für die Flexibilisierungserfordernisse von Industrie 4.0: Flexibilisierung setzt eine intelligente Integration von unterschiedlichsten Produktionsschritten voraus, keine automatische.

Industrie 4.0 als vierte industrielle Revolution macht vor eingefahren Abläufen nicht halt. Die Umsetzung von Industrie 4.0 in die Praxis wird oftmals grundlegend neue Formen von Produktionsabläufen mit sich bringen, die die Unternehmensorganisation umwälzen werden.

Wir erleben derzeit bei Industrie 4.0 den Weg von der Forschung in die Praxis der Betriebe. In der betrieblichen Praxis wird Industrie 4.0 Wirkungen entfalten, die wiederum von der Forschung begleitet werden müssen, um Erfahrungen zu teilen und Verbesserungen abzuleiten. Das ist das Ziel des Forschungsprogramms „Innovationen für die Produktion, Dienstleistung und Arbeit von morgen“. Dieses Programm wird bis 2020 mit einer Milliarde Euro finanziert. Die Anfang 2016 veröffentlichte Programmlinie „Zukunft der Arbeit“ konkretisiert dieses Programm und zielt darauf ab, technologische und soziale Innovation gleichermaßen voranzubringen, d.h. neue Modelle der Qualifizierung, der Gesundheitsprävention, der Arbeitsgestaltung und -organisation in und mit Unternehmen zu entwickeln und diese mittels pilothafter Umsetzungen in die betriebliche Praxis zu überführen.

Ein Startvorteil Deutschlands ist die Qualifikation seiner Facharbeiter. Sie bringen alle Voraussetzungen mit, neue Strategien für die wandelbare Produktion umzusetzen. Von den Belegschaften werden zusätzlich zum Fachwissen soziale Methodenkompetenzen benötigt, sowie Führung und Selbstmanagement. Was die Flexibilisierung behindert, sind starre Unternehmensabläufe. Deutlich mehr als die Belegschaften fordern Industrie 4.0 und Digitalisierung das Management heraus, denn beide motivieren weit stärker als heute ein selbstverantwortliches Handeln im Betrieb.

Industrie 4.0 ist auch im Mittelstand angekommen. Mittelständische Unternehmen besitzen hohe Kompetenz, die nötige Flexibilität und die Bereitschaft, die digitale Transformation zu gestalten. Viele wollen durch Forschung und Entwicklung bei Industrie 4.0 ganz vorn dabei sein. Mittelständische Unternehmer zeigen auch das breitere Verständnis für den Wandel, so das Ergebnis vergleichender Erhebungen der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech. Großunternehmen setzen danach bei der Qualifikation ihrer Mitarbeiter auf zusätzliche IT-Kompetenzen. Mittelständler dagegen wollen zwar auch bessere IT-Kompetenzen ihrer Mitarbeiter, setzen aber weit stärker auf mehr Kundenorientierung, soziale Kompetenz und mehr betriebswirtschaftliches, ganzheitliches Denken in der Belegschaft.

Für die berufliche Erstqualifikation und besonders für die Fortbildung hat das sehr klare Konsequenzen. In der beruflichen Bildung müssen nur mehr IT-Kenntnisse quer durch alle Branchen vermittelt werden – was die befragten Mittelständler äußern, ist aber weit mehr. Im Kern fordern gerade die Mittelständler, in die Fortbildung, aber auch in die Erstausbildung schon einen betriebswirtschaftlichen Rundumblick aufzunehmen, mehr Kundenorientierung und damit im Grunde genommen letztlich Inhalte, die eigentlich charakteristisch sind für eine Meisterausbildung.

Industrie 4.0 bedeutet die Aufwertung der beruflichen Bildung, weil Industrie 4.0 mehr Kompetenzen erfordert. Die Potentiale und Effizienzgewinne durch Industrie 4.0 lassen sich nur heben, wenn intelligente Technik und kompetente Fachkräfte in bestmöglicher Form zusammenwirken können.

Die Praktiker sehen also die nötigen Veränderungen mittlerweile klar vor sich. Damit hat sich Industrie 4.0 von einem zentralen Zukunftsprojekt der Hightech-Strategie der Bundesregierung weiterentwickelt und entfaltet mittlerweile national eine hohe Dynamik und weltweit Strahlkraft. Um die Umsetzung zu verbessern, ist die ressortübergreifende „Plattform Industrie 4.0“ gestartet, in der die Bundesregierung mit Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gewerkschaften an Lösungen arbeitet in den Bereichen Standardisierung und Normung, Sicherheit vernetzter Systeme, rechtliche Rahmenbedingungen, Forschung und Arbeitsgestaltung. Sie erarbeitet Handlungsempfehlungen und unterstützt deren Umsetzung. Die Plattform dient auch der Bündelung der internationalen Zusammenarbeit bei konkreten Vorhaben insbesondere mit den USA, China, Frankreich, Tschechien und anderen Ländern.

Der Weg aus der Forschung in die Praxis ist bei Industrie 4.0 in vollem Gange. Mit der breiten Anwendung entstehen neue Fragen und Forschungsaufgaben. Sichtbar ist die Verschiebung von der Technikentwicklung zu ganzheitlichen technisch-organisatorischen Fragestellungen, die bereits in geförderten Forschungsprojekten bearbeitet werden. Das ist der beste Weg um sicher zu gehen, die Chancen der Digitalisierung zum Wohle Aller zu nutzen.

In der Plattform Industrie 4.0 werden alle diese Fragen in den Arbeitsgruppen diskutiert. Die Plattform ist und bleibt dadurch ein Dreh- und Angelpunkt in der Weiterentwicklung von Industrie 4.0. In der Plattform Industrie 4.0 entstehen konstruktive Lösungsvorschläge. Sie helfen allen Interessierten, sich bei dem Umbau zu Industrie 4.0 und bei der Digitalisierung der Wirtschaft zu orientieren.

Mein Fazit zur Arbeit der Plattform Industrie 4.0 ist daher: Die Schwerpunkte der Arbeit in der Plattform haben sich merklich verändert und müssen sich den Veränderungen in der Anwendung weiter anpassen. Damit zeigt sich aber, dass die Plattform in ihrem Aufbau und ihrer Struktur nicht als Werbeaktion konzipiert war, die heute erfolgreich Arbeit einstellen kann. Stattdessen zeigt die Arbeit der Plattform die langfristig und flexibel ausgerichtete Herangehensweise, die auch in den nächsten Jahren dafür sorgen wird, dass Industrie 4.0 von der Forschung in die Praxis und dort in die Breite kommt.