"Erfolgreiche deutsch-griechische Jugendprojekte ausweiten"

Bundesministerin Johanna Wanka über deutsche Unterstützung für junge Menschen in Griechenland, duale Ausbildungsgänge im Tourismus und Lehrer an Schulen in Deutschland, die Zuwanderer fördern. Ein Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Interview mit Johanna Wanka
Interview mit Johanna Wanka © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Das Interview im Wortlaut

Neue Osnabrücker Zeitung: Vor sechs Jahren hat die Kanzlerin die „Bildungsrepublik Deutschland“ ausgerufen. Ist angesichts verrottender Schulen, Wirrwarr von Reformen und unterschiedlichen Konzepten der 16 Länder nur eine Worthülse geblieben?

Johanna Wanka: Wirrwarr? Verrottet? Da muss ich heftig widersprechen. In den letzten Jahren hat sich in der „Bildungsrepublik Deutschland“ sehr vieles zum Positiven verändert. Der Jahresetat des Bundesbildungsministeriums wurde seit 2005 verdoppelt auf 15 Milliarden Euro in diesem Jahr. Bis 2017 gibt es noch einmal einen Anstieg um 25 Prozent. Oder nehmen wir die Zahl der Schulabbrecher: 2008 Jahren lag diese Quote bei acht Prozent eines Jahrgangs, Ende 2012 lagen wir bei 5,9 Prozent. Gesunken ist gleichzeitig auch die Zahl der Jugendlichen ohne Berufsabschluss – von über 17 auf unter 15 Prozent. Es ist noch viel zu tun, aber wir machen Fortschritte.

Der Bund pumpt Bildungsmilliarden in die Länder – und mancher Ministerpräsident stopft damit je nach Bedarf andere Haushaltslöcher …

Ich ärgere mich sehr darüber. Der Bund hat komplett die Zahlung des Bafög übernommen, sodass Jahr für Jahr zusätzlich 1,2 Milliarden Euro dauerhaft in die Länder fließen. Das war verbunden mit der ganz klaren Selbstverpflichtung der Länder, die Bundesmittel in Hochschulen und Schulen zu investieren. Dort werden sie dringend gebraucht. Die Länder müssen sich den Studierenden und Schülern gegenüber verantworten, wenn sie die Gelder nicht sachgerecht verwenden. Es wird dann außerordentlich schwer, den Bundestag von weiterer Unterstützung der Länder zu überzeugen.

Halten Sie es für sachgerecht, wenn das Land Niedersachsen mit Bundesmitteln Kita-Kräfte finanziert?

Für den Kita-Ausbau gibt es eigene Bundesmittel. Deshalb sollte das Geld, das die Länder beim Bafög einsparen, in Hochschulen und Schulen fließen. Dass in Niedersachsen SPD und Grüne damit ihre Kita-Wahlversprechen einlösen, war nicht vereinbart.

Themenwechsel: Wenn mehr als 50 Prozent eines Jahrgangs Abitur machen, wird dieser Abschluss dann entwertet?

Das Abitur ist ein attraktiver Abschluss. Wer es schaffen kann, sollte die Möglichkeit haben, es zu machen. Aber es gilt dabei: Es kann nicht das Ziel sein, möglichst viele durchzuschleusen. Die Gymnasien müssen Standards halten.

Das Handwerk klagt über Nachwuchsmangel als Folge eines„Akademisierungswahns“ …

Ja, es gibt eine Lehrlingslücke vor allem in den neuen Bundesländern. Deshalb habe ich mir in dieser Wahlperiode zum Ziel gesetzt, die berufliche Bildung zu stärken und klarzumachen, dass es zu Abitur und Studium auch attraktive Alternativen gibt. In manchen Studiengängen geben fast die Hälfte der Studienanfänger auf – das muss nicht sein. Gemeinsam mit dem Handwerk sowie den Industrie- und Handelskammern habe ich ein Programm gestartet, mit dem Studienaussteiger über Alternativen in der Berufsausbildung beraten werden. Das ist ein Riesenerfolg, auch stellen die Betriebe Studienabbrecher gern ein. Sie freuen sich über diese qualifizierten jungen Leute.

Muss die Unterstützung junger Handwerker besser werden, die den Meister machen wollen?

Ja, ich will deutlich mehr tun, um angehende Meister zu fördern. Wie für Studenten werden die Sätze und Freibeträge um sieben Prozent angehoben, die Unterhaltsbeträge steigen damit von 697 auf 760 Euro im Monat. Darüber hinaus will ich das Meister-Bafög verbessern, es familienfreundlicher und leistungsgerechter machen. So soll zum Beispiel, wer einen erfolgreichen Abschluss macht, weniger zurückzahlen müssen. Geplant ist ein ganzes Bündel von Maßnahmen. Dafür werde ich noch im Sommer einen Gesetzentwurf vorlegen.

Sie haben für 500 Millionen Euro eine Qualitätsoffensive für die Lehrerbildung gestartet: Gibt es Defizite gibt – wo liegen die?

Erst vor Kurzem hat eine Studie des Instituts Allensbach gezeigt, dass 70 Prozent der Eltern großes Vertrauen zu den Lehrern ihrer Kinder haben. Ich setze mich sehr dafür ein, die Anerkennung des Lehrerberufes weiter zu stärken. Viele Pädagogen leisten einen immensen Beitrag zur Integration junger Zuwanderer. Aber ganz allgemein möchte ich die Arbeit der Schulen unterstützen und setze hier bei der Lehrerausbildung an. 19 Universitäten wurden in einer ersten Förderrunde ausgewählt, deren Konzepte für mehr Praxisbezug oder Digitalisierung ein Expertengremium überzeugte. Niedersachsen war mit zwei Konzepten in Osnabrück und Hannover erfolgreich. Bis 2023 wird das Projekt laufen, das die Lehrerbildung aktuellen Herausforderungen anpasst und damit noch attraktiver macht.

Haben die Streiks angestellter Lehrer gezeigt, dass es eben doch besser ist, Pädagogen zu verbeamten?

Natürlich sollte sich Wertschätzung von Lehrern auch in angemessener Besoldung niederschlagen. Wer im Wettbewerb mit den anderen die besten Lehrer gewinnen will, muss die besten Konditionen bieten. Aber ich mische mich nicht in Tarifverhandlungen der Länder ein.

Zum Schluss: Was tut Ihr Haus, um unter dramatischer Perspektivlosigkeit leidende griechische Jugendliche zu unterstützen?

In Athen ist 2013 ein neues Berufsbildungsgesetz verabschiedet worden, das den Reformwillen der Griechen eindrucksvoll unterstrichen hat. Mein Haus hat das Land unterstützt, passgenaue Reformen zu entwickeln. Mittlerweile läuft eine Reihe von deutsch-griechischen Programmen, so startete im September 2013 ein Pilotprojekt im Tourismusbereich. Das Ergebnis: Im Berufsschuljahr 2014/2015 haben in Athen und auf Kreta duale Ausbildungsgänge begonnen. Seit Oktober 2013 unterstützen wir die deutsch-griechischen Auslandshandelskammer bei der Ausbildung von Kfz-Mechatronikern oder Industriekaufleuten. Seit Januar 2014 investieren wir 10 Millionen Euro in 20 gemeinsame Projekte der Gesundheits- und Energieforschung, der Bioökonomie sowie der Informations- und Kommunikationstechnologien. Das zeigt doch: Die Bundesregierung unterstützt die jungen Menschen und die Zukunftschancen Griechenlands.

Haben Sie Kontakt zur neuen Regierung?

Seit den Neuwahlen in Griechenland sind die neuen Ansprechpartner in Forschung und Berufsbildung noch nicht bekannt. Die Abstimmung weiterer konkreter Schritte für die Zusammenarbeit steht deshalb aus. Ich kann nur sagen: Meine Hand ist ausgestreckt. Wir hatten einen guten Start und würden gern die erfolgreich
laufenden Projekte ausweiten.