Eröffnung der Bildungsketten-Konferenz „Jugendliche stärken – Übergänge schaffen – Zukunft gestalten“

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, in Berlin

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka und Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles bei der Bildungskettenkonferenz 2016
Bundesbildungsministerin Johanna Wanka und Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles bei der Bildungskettenkonferenz 2016 © Bildungsketten / Fotograf: Nils Krüger

Sehr geehrte Damen und Herren!

Wir haben gerade im Film gesehen, dass die Fragen „Worin bin ich gut?“, „Was sind meine Stärken?“, „Was sollte ich machen?“, „Sollte ich mich besser für den handwerklichen oder den sozialen Bereich entscheiden?“ nicht immer einfach zu beantworten sind. Und vor allen Dingen muss man diese Fragen eigentlich in einem sehr frühen Alter, mit 16, 17, 18 Jahren beantworten. Es gibt viele Entscheidungshilfen, zum Beispiel von unseren Bundesagenturen, wie etwa Flyer oder Informationsmöglichkeiten im Netz. Trotzdem glauben wir, dass das nicht reicht.

Was man wirklich braucht, ist individuelle Beratung und frühzeitige, präventive Beratung. Dieses Instrument bieten wir jungen Leuten an und damit wollen wir sie unterstützen. Bei der Entscheidung für einen Berufsweg, bei der manchmal auch Eltern und Großeltern als die klassischen Berater nicht weiterhelfen können, sollen die Potenzialanalysen jungen Menschen helfen. Die Potenzialanalysen sind eines der Angebote, die wir seit 2010 im Rahmen der Bildungsketten für junge Menschen in diesem Land haben. Wir konnten damit schon vielen jungen Menschen helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Wie komplex Entscheidungen sein können, will ich nur an einem Beispiel illustrieren. Ich war vor Jahren in Baruth, in Brandenburg. Da sind die größten Sägewerke Deutschlands. In diesem Sägewerk ist fast alles vollautomatisiert. Da sind lauter Computerarbeitsplätze. Das ist stärker automatisiert als die Produktionsketten bei VW in Wolfsburg, die ich kenne. Trotzdem bewerben sich gerade für diese Arbeitsplätze junge Menschen, die nicht unbedingt Informatik/Technikfreaks sind und nicht die entsprechende Leistung bringen können. Umgekehrt kommen diejenigen, die gerne in die Informatikrichtung gehen würden, gar nicht auf die Idee, sich hier zu bewerben.

Das ist nur ein Beispiel, um zu zeigen, dass die Entscheidung für einen Beruf keine triviale Entscheidung ist. Es gibt ja nicht nur die klassischen Berufe, die wir alle kennen, sondern es gibt viele, viele neue und in den bestehenden Berufen hat sich auch vieles verändert. Ich glaube, nur wenn man einen Beruf findet, der zu den eigenen Neigungen passt, der den eigenen Interessen nahe kommt, dann fühlt man sich darin gut und hat Lust, lange dort tätig zu sein, sich vielleicht auch weiter zu qualifizieren. Wir haben Umfragen gemacht, unter jungen Menschen, und diese Umfragen zeigen: Wer das Gefühl hat, dass der Job, den man ergriffen hat, seinen eigenen Qualifikationen und Interessen nahe kommt, der ist sehr viel zufriedener als andere Jugendliche.

Wir brauchen solche jungen Menschen, die motiviert sind, einen Beruf zu erlernen, und hier sind Bildungsketten etwas, was sie unterstützen kann und was wir vom Bundesbildungsministerium seit 2010 an einer ganzen Reihe von Handwerkskammern und anderen Stellen erprobt haben.

Nun ist es in Deutschland immer so, dass man, wenn man einigermaßen clever ist, Geld bekommen kann für ein Projekt. Das geht, bei der Vielzahl von Möglichkeiten der Unterstützung. Aber wenn ein Projekt gut ist, wenn etwas gut funktioniert, wie die Bildungsketten – und ich habe es mir vor Ort angesehen: Da waren die Ausbilder, die Eltern, die Jugendlichen immer sehr begeistert –, ist es trotzdem schwierig, es in die Fläche zu bringen. Wir haben das geschafft. Sage ich wir, meine ich Frau Nahles und mich, in dieser Legislatur, mit 1,3 Milliarden Euro. Seit 2010 haben wir 800.000 junge Menschen mit Potenzialanalysen erreicht.

Unser Ansatz ist, dass wir es, als eine reiche Kulturnation, schaffen müssen, allen jungen Menschen, gemessen an ihren Fähigkeiten und an ihren Talenten, eine geeignete Ausbildung oder ein Studium zu vermitteln, sie dabei zu unterstützen und zu beraten. Das gilt nicht nur unter dem Aspekt, dass wir Fachkräfte brauchen. Das ist ja immer der Grundtenor; das ist auch richtig und ist auch eine Herausforderung angesichts der demografischen Entwicklung. Aber es ist auch aus einem ganz anderen Grund sehr wichtig. Das sehen Sie an den Arbeitslosenzahlen, die wir im Moment in Deutschland haben, die momentan zwischen 5 und 6 Prozent liegen. Wenn Sie jetzt schauen: Wie viel Arbeitslosigkeit haben wir bei den Akademikern, bei den Meistern, bei den Technikern? – Dann ist das etwas zwischen 2 und 3 Prozent. Dagegen sind diejenigen, die keinen beruflichen Abschluss haben, zu rund 20 Prozent arbeitslos – und das in der aktuellen Beschäftigungssituation. Das heißt, wenn sich die Situation wieder verschlechtern sollte, sind sie in einer noch dramatischeren Lage. Deshalb ist es nicht nur eine volkswirtschaftliche Frage, sondern es ist auch für jeden einzelnen und das Lebensglück jedes einzelnen wichtig, dass er eine Qualifikation erwirbt.

Wir haben gerade den aktuellen OECD-Bericht vorgestellt, und der bescheinigt uns, dass der Übergang von Bildung in das Berufsleben in Deutschland so gut wie in fast keinem anderen Land funktioniert. Ich glaube, daran haben Sie alle, haben die Bildungsketten einen großen Anteil. Wir haben viel gemacht, um das zu erreichen. 2008 sind auf dem Bildungsgipfel der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten viele ehrgeizige Ziele formuliert worden, zum Beispiel die Zahl der Studienabbrecher zu halbieren. Das ist nicht ganz geschafft, aber die Zahl hat sich drastisch reduziert. Es war auch ein Ziel, die Zahl der jungen Menschen, die einen Berufsabschluss erwerben, zu erhöhen. Auch das ist gelungen. Trotzdem sind noch viele Anstrengungen nötig. Wenn ich sehe, dass im Moment laut einer Betriebsbefragung 44 Prozent der Betriebe über Erfahrungen berichten, Ausbildungsstellen nicht besetzen zu können, dann ist das eine dramatische Zahl und deswegen brauchen wir gemeinsames Agieren. Wir brauchen die Gemeinsamkeit, nicht nur zwischen zwei Ministerien, zwischen zwei Ministerinnen, sondern zwischen allen, die an diesem Prozess beteiligt sind. Das sind natürlich in sehr starkem Maße die Länder, aber eben auch die Bundesagentur für Arbeit und viele andere.

Wir haben einen neuen Weg eingeschlagen. Wir haben gesehen, dass es in den Ländern ganz viele Aktivitäten gibt, unterschiedlichster Art. Zum Beispiel ist Baden-Württemberg ein Land, das sich frühzeitig um das Thema „Individuelle Beratung“ gekümmert hat. Hamburg ist ein Land, das vor nicht allzu langer Zeit Jugendberufsagenturen als ein Modell vorgeschlagen hat. Ich habe alle Länder, Ministerkolleginnen sind es meistens, angeschrieben und angeboten, dass wir – „wir“, das heißt der Bund, Frau Nahles und ich – mit ihnen bilaterale Vereinbarungen schließen, in dessen Rahmen sie ihre Aktivitäten, die sie in ihrem Land machen und vorhaben, mit den Maßnahmen und Instrumenten des Bundes zu einem Gesamtkonzept kombinieren. Das kann für ein Bundesland ganz anders aussehen als für das Nachbarland. Das hängt mit der Tradition, den Bemühungen, den Vorstellungen in den Ländern zusammen.

Mir war es besonders wichtig, in die Initiative Bildungsketten die Berufsorientierung an den Gymnasien mit einzuschließen. Denn ich halte zwar die Klage „zu viele Studierende!“ für Unsinn, aber wir haben zu hohe Abbrecherquoten. Das heißt, wir haben viele junge Menschen, die in ein Studium gehen und dieses dann nicht erfolgreich bestehen. Deswegen ist es ganz wichtig, dass junge Menschen, die Abitur machen, auch eine Beratung erhalten und dass ein Studium kein Automatismus ist. Ich will das einmal an einem Beispiel illustrieren: Wenn jemand in der elften Klasse solch eine Beratung hat und sagt: „Ich will Elektrotechnik studieren!“, kann man ihm sofort sagen, wie groß die Chancen auf dem Arbeitsmarkt jetzt und in 10 und in 15 Jahren sind. Aber man kann ihm auch sagen: „Es gibt 40 Prozent Abbrecher in dem Studium und bei dem, was Du im Moment an Leistung bringst, ist die Chance, dass Du es nicht schaffst, sehr groß, aber wir haben in diesem Bereich mit Deinen Interessen andere Berufe“. Ich glaube, das ist sehr wichtig und das bringt auch etwas.

Ich freue mich, wir freuen uns, dass wir sieben Verträge mit Bundesländern bereits abgeschlossen haben und eventuell bis zum Jahresende – das ist eine optimistische Schätzung – noch drei abschließen könnten. Ich denke, das ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass, bei allen Diskussionen über Kooperationen und Kooperationsverbot, Bund und Länder, wenn sie wollen, sehr gut zusammenarbeiten können; im Interesse der jungen Menschen. Wir haben damit auch viel erreicht, zum Beispiel, dass mit der Bundesförderung an etwa 3.000 Schulen Berufseinstiegsbegleiter aktiv sind. 3.000 Schulen, das ist ungefähr die Hälfte aller Haupt- und Förderschulen, also wirklich eine Größenordnung. Außerdem haben wir jährlich 180.000 Schülerinnen und Schüler, die an Werkstatttagen des Berufsorientierungsprogramms teilnehmen.

Wichtig ist, dass wir uns insbesondere auch um Jugendliche mit Migrationshintergrund kümmern. Und die Analysen, die Bewertungen dieser Bildungsketten zeigen, dass wir mit Potenzialanalysen gerade diese Jugendlichen auch erreichen. Wir haben die Situation, dass ungefähr 56 Prozent aller einheimischen deutschen Schüler in die berufliche Ausbildung gehen, von denen mit Migrationshintergrund ist es inzwischen ein reichliches Drittel. Die Zahlen haben sich erhöht, aber sie sind immer noch zu niedrig.

Wir müssen uns als neue große Herausforderung zudem auch darum bemühen, dass die jungen Geflüchteten, die zu uns gekommen sind, nach Möglichkeit in eine qualifizierte Beschäftigung kommen. Dazu unternehmen wir unterschiedlichste Anstrengungen. Ich habe mir gerade vorletzte Woche in Baden-Württemberg angesehen, wie man Potenzialanalysen mit jungen Menschen macht, die noch riesige Probleme mit der deutschen Sprache haben. Das wird auch nicht auf Englisch gemacht, sondern sehr viel mit dem Computer und grafischen Elementen. Das ist sehr eindrucksvoll. Wenn sich das, was wir finanzieren, zum Beispiel gut bewährt, dann wäre das ein Modell, das man flächendeckend einführen könnte, um den jungen Menschen möglichst frühzeitig die Möglichkeit zur Selbsteinschätzung zu geben, aber auch Lehrern oder später Ausbildern die Einschätzung zu erleichtern.

Eine andere große Herausforderung ist die Digitalisierung und ich will hier nur einen Fakt erwähnen, den ich für sehr wichtig halte. Bei dem Angebot, das ich seitens des Bundes gemacht habe, dem Digitalpakt, sollen alle Schulen – wenn wir dann zur Bund-Länder-Vereinbarung kommen – beteiligt sein und das heißt: Auch die Berufsschulen. Ich glaube, das wäre besonders wichtig, um jungen Menschen die Chancen der Digitalisierung in den verschieden Berufsfeldern nahe zu bringen. Im Moment unterstützen wir die überbetrieblichen Ausbildungsstätten finanziell, damit sie im Bereich der Digitalisierung nachrüsten oder sich überhaupt ausrüsten können. Aber wir machen auch Angebote mit Blick auf die Kompetenzen der Ausbilder, insbesondere der betrieblichen Ausbilder. Das Thema Digitalisierung wird noch sehr viel in den Berufsbildern verändern und deswegen ist es wichtig, dass wir dort sehr nahe dran sind und dass wir das auch nutzen, um geeignete Berufe zu empfehlen und für junge Leute sichtbar zu machen.

Das, was wir hier machen, das ist für die Zukunft. Deshalb müssen wir es schaffen, dass die jungen Leute sich für eine Qualifikation entscheiden, dass sie sich richtig entscheiden, dass sie Entscheidungen treffen, die dann ein Leben lang tragen und von denen sie überzeugt sind, und dass sie das Rüstzeug dafür erhalten.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen bedanken, die über Jahre vor Ort umsetzen, was wir uns ausdenken oder anregen. Viele sind hier im Saal. Ohne Sie, ohne Ihr Engagement, wäre das alles nicht möglich. Und damit sind auch alle Mitglieder der Bund-Länder BA Begleitgruppe Bildungsketten, die fachlich die Bildungskettenverankerung in Bund und Ländern vorantreiben, gemeint. Aber auch großen Dank an die bundesweite aktive Servicestelle Bildungsketten, die vor sechs Jahren beim BIBB eingerichtet wurde und die die Initiativen auch sehr gut unterstützt und vorangebracht hat. Neben der Begleitung von Instrumenten wie Berufswahlpass, Berufseinstiegsbegleitung, Ehrenamtsinitiative VerA ist diese Servicestelle zuständig für Schulungen, Konferenzen und für die Öffentlichkeitsarbeit der Initiative Bildungsketten. Und deswegen Ihnen auch einen ganz herzlichen Dank und allen anderen, die heute hier sind.

Was uns, meine Kollegin Nahles und mich, besonders interessiert, ist, wie wir das Bestehende nun weiterentwickeln. Alle haben Erfahrungen, was gut funktioniert; dazu kommen die neuen Herausforderungen wie Digitalisierung, Flüchtlinge, Globalisierung oder Veränderungen durch Industrie 4.0. Wie richten wir uns darauf ein und welche Rolle spielt das beim Thema Bildungsketten? Das müssen wir überlegen. Deswegen sind Sie herzlich eingeladen, zu diskutieren und Ihre Erfahrungen einzubringen, damit wir bei einer Sache, die schon gut ist, noch besser werden.