Eröffnung der Nationalen Bildungskonferenz Elektromobilität 2015

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, am 23. Februar 2015 in Berlin  

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren!

Die deutsche Automobilindustrie ist weltweit führend. Und sie ist zentral für unser Bruttoinlandsprodukt, für unsere Innovationskraft und somit für unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit. Es ist außerordentlich wichtig, dass wir diese starke Stellung auch in Zukunft haben. Deshalb ist auch das Thema „Elektrifiziertes Fahren“ für die Branche selbst, aber auch für die Lebensqualität und den Wohlstand in unserem Land zentral. Mit der Nationalen Plattform Elektromobilität ist ein besonderer innovationspolitischer Ansatz gewählt worden. Innovationen sollen von Beginn an mit professioneller Qualität in Produkte und Dienstleistungen einfließen. Und deswegen ist es wichtig, dass diese Plattform alle relevanten Akteure – Industrie, Sozialpartner, Gesetzgeber und Nutzer – in einem ganz frühen Stadium zusammenbringt.

Wir stehen bei der Elektromobilität in einem starken internationalen Wettbewerb. Die Elektromobilität ist ein überaus dynamisches Innovationsfeld. Und die Erfahrung zeigt, dass man gerade in solchen innovativen Branchen schnell den Anschluss verpassen kann. Damit das nicht geschieht, wollen wir bei dieser Nationalen Bildungskonferenz Elektromobilität über das bislang Erreichte, aber auch über Herausforderungen und Chancen sprechen. Dazu begrüße ich Sie alle sehr herzlich.

Ich möchte heute vier Punkte hervorheben.

Erstens: Mit unseren Fördermaßnahmen wollen wir Netzwerke aufbauen und stärken, die von der Grundlagenforschung bis zur Innovation reichen, die branchenübergreifende Zusammenarbeit ermöglichen und die qualifizierte Menschen in Wissenschaft und Technik verbinden. Die Netzwerke muss man nicht nur initiieren, man muss sie auch begleiten und entsprechend fördern.

Geht es um die Aufgaben in der Forschungsförderung und das Thema Elektromobilität, dann ist das Thema Batterie zentral. Um die Zahl der Batterieforscher zu erhöhen und den Transfer der Forschungsergebnisse in die industrielle Anwendung zu verbessern, haben wir vier regionale Kompetenzzentren zur Batterieforschung eingerichtet.

Ein weiteres großes Schwerpunktthema im Zusammenhang mit Elektromobilität ist die Energieforschung. Energie wird im Elektrofahrzeug immer knapp sein. Deshalb brauchen wir intelligente Elektronik. Mehr als 80 Prozent der Innovationen in der Fahrzeugindustrie basieren schon jetzt auf Elektronik. Für die Elektromobilität gilt das erst recht. Ein Beispiel ist ein Forschungsprojekt an der TU München. Dort wurde zusammen mit Industriepartnern das sehr effiziente und fahrdynamische Elektrofahrzeug „Visio.M“ entwickelt. Man muss sich etwas umstellen, zum Beispiel auf eine Automatikschaltung und darauf, dass das E-Auto so leise ist. Die Fahrt mit „Visio.M“ hat wirklich großen Spaß gemacht, es ist ein sehr schönes Erlebnis. Und das Schönste dabei waren die vielen jungen Leute, die Studentinnen und Studenten, die sich mit diesem Fahrzeug als konkretem Projekt befasst haben und auch in Zukunft weiter arbeiten werden. Das zeigt auch: Forschung hängt untrennbar mit Bildung zusammen.

Zweitens beschäftigen uns die bestehenden Ausbildungs- und Studiengänge. Wir stehen bei der Elektromobilität erst am Anfang der Entwicklung. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass wir noch keine festgefügten Berufsbilder haben. Wir sind aber auf dem richtigen Weg. Typisch für die Elektromobilisierung ist, dass sich verschiedene Branchen, die bisher keine systematischen Berührungspunkte hatten, annähern. Die Entwicklungen in der Fahrzeugproduktion, in der Stromversorgung und bei den Verkehrssystemen lassen Autoindustrie, Energieversorger und Telekommunikationsunternehmen zu Partnern werden.

Das müssen wir bei der Ausbildung und der Weiterqualifizierung berücksichtigen, um auch künftig Fachkräfte mit passender Qualifizierung zu haben. Das heißt, wir müssen Qualifizierungsprofile entwickeln, die bislang getrennte Berufsbilder verknüpfen. Wir müssen Kompetenzen integrieren, die ein Verständnis des Gesamtsystems vermitteln. Und wir müssen stets flexibel bleiben, um neue Herausforderungen aufgreifen zu können. Ich bin fest überzeugt, dass wir dazu in der Lage sind. Unser Berufsbildungssystem kann mit dynamischen Innovationsfeldern gut umgehen. Und deshalb müssen wir keine neuen Berufsbilder schaffen. In Deutschland hat es sich bewährt, bestehende Ausbildungen in den unterschiedlichsten Bereichen weiterzuentwickeln. Und das sieht auch die Arbeitsgemeinschaft Ausbildung und Qualifizierung der Nationalen Plattform Elektromobilität (NPE) so.

Ich möchte ein Beispiel nennen: Wir haben uns in der Bundesregierung im bewährten Verfahren gemeinsam mit dem Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK), der IG-Metall und mit Experten aus dem Handwerk und der Industrie verständigt und den Ausbildungsberuf zum Kfz-Mechatroniker im August 2013 neu geordnet. Neu sind die Schwerpunkte „System- und Hochvolttechnik“ und „Karosserietechnik“, was gerade wegen der Leichtbauwerkstoffe notwendig ist.

Wichtig ist, dass die Auszubildenden schon frühzeitig mit den praktischen Anforderungen der E-Mobilität zu tun bekommen. Die einzelnen Unternehmen sollen in der Ausbildungspraxis relevante Inhalte vermitteln. Dazu gehört auch die innerbetriebliche Vernetzung von Innovation und Ausbildung. Das ist ein stetiger Prozess.

In ihrem vierten Fortschrittsbericht zeigt die NPE die ersten Erfolge auf. Zum einen ist es gelungen, bei Ausbildungsberufen in den Bereichen Kraftfahrzeug, Zweirad und Elektro relevante Inhalte wirklich einzubeziehen oder neu zu ordnen. Darüber hinaus wurden für Studiengänge wie Fahrzeugtechnik, Maschinenbau, Elektro- und Informationstechnik spezielle Module zum Thema Elektromobilität erarbeitet. Entscheidend ist auch, dass die Entwicklung beruflicher Weiterbildungsangebote vorangehen muss. Das ist ein besonders wichtiges, aber auch ein nicht ganz einfaches Feld.

Drittens muss man bei der Elektromobilität immer die gesamte Bildungskette im Blick haben. Eine Umfrage hat ergeben, dass allein im Rahmen der BMBF-geförderten Projekte zur Elektromobilität jährlich mehr als 200 Abschlussarbeiten betreut werden. Das sind bis heute schon mehr als 600 Bachelor-, Master- und Doktorarbeiten, die alle wichtige Impulse geben können.

Aber das Studium kann nicht erst der Anfang sein. Wir brauchen schon früh Begeisterung für die MINT-Fächer: für Mathematik und Informatik, für die Naturwissenschaften und für Technik. Und das gilt auch für das Thema Elektromobilität. Beispielsweise sollen Mädchen und Jungen im Chemieunterricht mit Experimentier-Sets, die derzeit von der Pädagogischen Hochschule Freiburg weiterentwickelt werden, Batteriesysteme der Zukunft testen.

Beim Wettbewerb Solarmobil, den mein Ministerium gemeinsam mit dem VDE ausrichtet, sind manche Schülerinnen und Schüler sehr erstaunt, wie man mit sehr wenig Energie relativ flott einen selbstgebauten Solarflitzer betreiben kann.

Bei der Berufswahl hilft das mobile Schulungszentrum des Schaufensters Elektromobilität Baden-Württemberg weiter. Hier können sich Jugendliche die neuen Technologien anschauen und sich über Berufsbilder informieren. Mit solch einem Schulungszentren kann man viel erreichen und wirkliches Interesse bei den jungen Menschen wecken. Wichtig ist, dass wir eine große Breitenwirkung erzielen.

Wer sich für ein Studium entscheidet, hat vielfältige Möglichkeiten, zum Beispiel einen Bachelorstudiengang in „Elektrotechnik – Elektromobilität“ an der TU München, der TU Chemnitz oder hier an der TU Berlin zu beginnen. Ich danke Herrn Professor Thomsen und der TU Berlin für das große Engagement für die Elektromobilität. Die TU ist an 13 Kernprojekten des Schaufensters Berlin-Brandenburg beteiligt. Das ist eine große Leistung.

Gemeinsam mit der Fraunhofer-Gesellschaft haben wir 2009 etwas initiiert, womit wir Wissen vermitteln und Begeisterung wecken können: das „Drive E-Programm“. Da können exzellente Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler mit Experten aus Forschung und Industrie über die neuesten Entwicklungen diskutieren und an Exkursionen teilnehmen. Von diesem Programm haben mittlerweile 270 Studierende profitiert. Und das spricht sich herum. Wir haben inzwischen dreimal so viele Bewerberinnen und Bewerber für das DRIVE-E-Programm, wie ausgewählt werden können. Wichtig ist, dass viele Studierende begeistert werden, stärker in die Richtung E-Mobilität zu gehen.

Ein besonderes Augenmerk muss auf den gesamten Bereich der Weiterbildung gerichtet werden. Was die Weiterbildung betrifft, so sind wir in Deutschland im OECD Vergleich wesentlich besser geworden. Zwei Drittel aller Weiterbildungen laufen über die Unternehmen. Hier müssen wir überlegen, wie Firmen, aber auch Hochschulen und andere Einrichtungen das Thema Weiterbildung in ihre Projekte noch besser integrieren können.

Geht es um die akademische Weiterbildung, werden die Hochschulen durch die akademische Bildungsinitiative des Schaufensters Bayern-Sachsen mit Mustervorlesungen und Weiterbildungsmodulen für berufsbegleitende Studiengänge versorgt. Das ist sehr wichtig, denn der Kfz-Mechatroniker beispielsweise, der einen Hochschulabschluss erreichen will, kann das natürlich berufsbegleitend sehr viel besser, da das Angebot seinem Lebensumfeld angepasst ist.

In Niedersachsen entwickeln Volkswagen und Continental gemeinsam mit der TU Braunschweig, der Ostfalia Hochschule und der Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr neue, hochschuläquivalente Weiterbildungsmodule, Qualitätsstandards und Rahmenbedingungen. Dieses Beispiel sollte Schule machen und muss wirklich von der Industrie, die den größten Teil der Weiterbildung trägt, noch sehr viel stärker genutzt und aufgenommen werden.

Wir haben gemeinsam mit der Wirtschaft, den Ländern, den Schulen und Hochschulen ein Netz der Bildung und Weiterbildung rund um die Elektromobilität aufgebaut. Das ist eine wichtige Basis für die elektromobile Zukunft des Automobilstandortes Deutschland. Und um eine Bestandsaufnahme des Bildungsgeschehens in der beruflichen und in der akademischen Aus- und Weiterbildung zu bekommen, haben wir das „Netzwerk Qualifizierung Elektromobilität“ eingerichtet. Hier können sich die Bildungsakteure branchenübergreifend vernetzen. Dazu ist insbesondere heute und morgen bei dieser Tagung Gelegenheit.

Eine ganz wichtige Rolle spielen dabei auch die Bildungsprojekte in den Schaufenstern. Mein Ministerium fördert darin Vorhaben, in denen Praktiken und Vorgehensweisen bei der Aus- und Weiterbildung erprobt werden.

Und viertens ist zu betonen, dass wir auf die elektromobile Zukunft gut vorbereitet sind. Wir haben vieles erreicht und angeschoben. In der Ausbildung und Qualifizierung kann das BMBF die Anschubphase bald abschließen. Zahlreiche Maßnahmen haben die Bildungslandschaft so umgestaltet, dass sie Menschen in unserem Land im Bereich Elektromobilität hochqualifizieren kann.

Seit der letzten Bildungskonferenz E-Mobilität vor vier Jahren wurden über 18 Millionen Euro allein in den 14 Schaufenster-Projekten zu Bildungsthemen investiert. Knapp 30 Studiengänge mit Bezug zur Elektromobilität sind an 14 Hochschulen und Universitäten entstanden. Zusätzlich werden deutschlandweit über hundert Maßnahmen zur Weiterbildung im Umfeld der Elektromobilität angeboten.

Hinzu kommt, dass im Bereich der Elektromobilität manches noch gar nicht klar ist. Jetzt ein Auto zu produzieren und die jungen Menschen entsprechend auszubilden, damit sie es in den entsprechenden Autohäusern verkaufen, ist das eine. Wenn dann ein Gebrauchtwagenmarkt für die Elektromobilität entsteht und ganz viele Händler, die jetzt mit dem Thema Elektromobilität noch nichts zu tun haben, im Land die gebrauchten Autos verkaufen müssen, dann müssen auch sie auf diesem Feld geschult werden. Und deswegen sind alle gefordert, auch die, die jetzt noch nicht über Elektromobilität nachdenken.

Und ich kann Ihnen versichern: Wir werden Sie seitens des Bundesministeriums weiter unterstützen: ideell, aber auch mit Geld. Und wir werden insbesondere überbetriebliche Berufsbildungszentren fördern, die ja auch eine Möglichkeit der Weiterbildung bieten.

Wir sind bei der Elektromobilität alle zusammen auf einem guten Weg. Das Ziel, bis 2020 eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen zu haben, ist ambitioniert. Aber nur so entsteht wirkliche Dynamik. Ohne dieses Ziel stünden wir ganz anders da. Innovationen entstehen nicht auf die Schnelle. Sie sind das Ergebnis grundlegender Forschung von Menschen, die über die fachliche Tiefe hinaus ein Verständnis für das Gesamtsystem haben. Es gibt noch viel zu tun. Dafür sollen von dieser Konferenz wichtige Impulse ausgehen.

Vielen Dank.