Eröffnung des BMBF-Kongresses Produktionsforschung 2016

Rede des Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Georg Schütte, in Berlin

Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung
Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Professor Neugebauer,
sehr geehrter Herr Professor Russwurm,
sehr geehrter Herr Professor Spath,
sehr geehrter Herr Professor Schuh,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

Ich begrüße Sie ganz herzlich zum Kongress des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zur Produktionsforschung hier im Berlin Congress Center. Ich freue mich über die zahlreichen Teilnehmer, dies zeigt das große Interesse an dieser überaus spannenden und wichtigen Thematik.

Sie – Fachleute aus Wirtschaft, Wissenschaft und Fachverbänden – diskutieren heute und morgen aktuelle Trends rund um die Produktion in Deutschland. Im Mittelpunkt dieses Kongresses stehen die Ergebnisse der Produktionsforschung aus dem BMBF-Programm "Forschung für die Produktion, Dienstleistung und Arbeit von morgen", welches im Jahr 2014 auch in Ihrer Anwesenheit, Herr Prof. Neugebauer, veröffentlicht wurde. Wir haben die heutige Veranstaltung unter das Motto "Produzieren im digitalen Zeitalter" gestellt. Und ich denke, wir haben sehr gute Gründe dafür!

Lassen Sie mich zunächst auf die grundsätzliche Bedeutung der Innovation auf die Wirtschaftsleistung in Deutschland abheben. Nach aktuellen Daten des Stifterverbandes haben die Unternehmen in Deutschland im Jahr 2014 insgesamt 57 Milliarden Euro ausgegeben, um zu forschen und neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Das sind 6,4 Prozent mehr als noch ein Jahr zuvor. Rechnet man die Ausgaben der öffentlichen Hand hinzu, betrugen die Gesamtausgaben für Forschung und Entwicklung ungefähr 84 Milliarden Euro oder 2,87 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Damit kommen wir unserem Drei-Prozent-Ziel der Bundesregierung immer näher. Der seit Jahren anhaltende Wachstumstrend wird seitens der Bundesregierung unvermindert unterstützt. Aber ich will ganz deutlich herausstellen: bei diesem neuen Rekord hat das verarbeitende Gewerbe den größten Beitrag geliefert!

Die Zahlen beweisen es, Deutschland ist im internationalen Vergleich sehr gut aufgestellt. So ist etwa der Beitrag des Exports von Medium- und Hightech-Gütern zur Handelsbilanz mit 9,2 Prozent in keinem anderen EU-Land so groß wie in Deutschland – der EU-Durchschnitt liegt bei gerade einmal 1,3 Prozent. Deutschland ist ein Magnet für Talente aus aller Welt: 2014 waren rund 41.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausländischer Herkunft an deutschen Hochschulen beschäftigt. Das ist ein Anstieg von über 65 Prozent gegenüber 2006. Noch nie kamen so viele Studierende aus dem Ausland nach Deutschland wie heute. Und schließlich: In Deutschland sind weniger Jugendliche arbeitslos als in jedem anderen Land der EU. Gleichzeitig haben wir so viel Arbeit wie noch nie, wie die 43 Millionen Erwerbstätigen beweisen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

es sind die Innovationen, die der Schlüssel sind zu Wachstum, Beschäftigung, Wohlstand und Lebensqualität. Ob die Erfindung von Dübel oder Dieselmotor in der Vergangenheit oder die Entwicklung von Produkten zur nachhaltigen Mobilität, digitalen Produktion oder von smarten Dienstleistungen heute: Große und kleine Innovationen verändern die Welt zum Wohl der Menschen. Wir setzen dabei auf einen erweiterten Innovationsbegriff, der nicht nur technologische, sondern auch soziale Innovationen umfasst und beziehen die Gesellschaft als zentralen Akteur ein.

Diese Erfolge sind nicht vom Himmel gefallen. Der Bund hat viel dafür getan. Bildungs- und Forschungspolitik stehen seit 2005 in Deutschland ganz oben auf der politischen Agenda. Der BMBF-Haushalt wächst stabil – auf 16,4 Milliarden Euro in diesem Jahr. Das ist ein Plus von über 7 Prozent gegenüber 2015.

Die produzierenden Unternehmen in Deutschland leisten einen maßgeblichen Beitrag dazu, dass Deutschland einen führenden Platz unter den Industrienationen innehat. Die Statistiken sprechen für sich: Das verarbeitende Gewerbe erwirtschaftet knapp ein Viertel der deutschen Bruttowertschöpfung und sorgt für jeden fünften Arbeitsplatz – 2015 waren dies rund 8 Millionen Beschäftigte. Das hat uns in den letzten Jahren sehr geholfen, besser als manch anderer Wirtschaftsstandort durch die Finanzkrise und ihre Folgen zu kommen.

Deutschland ist ein rohstoffarmes Land, dessen Wohlstand auf der Wertschöpfung in der Produktion und dem Export von Produkten beruht. Es ist deshalb darauf angewiesen, innovativere Produkte und Produktionsausrüstungen als andere anzubieten. Durch Innovationen schaffen produzierende Unternehmen die Basis für Arbeitsplätze und Wohlstand in der Zukunft. Wir können uns jedoch auf dem Erreichten nicht ausruhen. Es sind künftig verstärkte Anstrengungen in Forschung und Entwicklung notwendig, um die Anforderungen der Märkte und der Kunden schneller, besser und nachhaltiger erfüllen zu können als der internationale Wettbewerb.

Innovative Produkte verbunden mit unternehmensnahen Dienstleistungen, Produktionsausrüstungen und Produktionsverfahren einerseits und Technologie­führerschaft andererseits machen das Erfolgsrezept aus. Aufgrund dieser großen Bedeutung der Produktion für die Beschäftigung und Zukunft des Landes, ist die Produktion der Zukunft eine tragende Säule der neuen Hightech-Strategie der Bundesregierung.

Bereits 2006 haben wir mit der Hightech-Strategie der Bundesregierung einen zentralen Anker für die deutsche Innovationspolitik gesetzt. Mit der neuen Strategie haben wir 2014 ein neues, erweitertes Innovationsverständnis in Deutschland etabliert und auf sechs Zukunftsthemen priorisiert: Mit „Digitalisierung“, „Nachhaltiges Wirtschaften und Energie“, „Innovative Arbeitswelt“, „Gesundes Leben“, „Mobilität“ und „Zivile Sicherheit“ gehen wir zentrale Aufgaben an.

Auch für die fortschrittliche Produktion haben wir mit der Hightech-Strategie Weichen gestellt. Drei zentrale Maßnahmen, mit der wir die Produktion stärken, möchte ich hier nennen:

  • erstens, die Unterstützung von kleinen und mittleren Unternehmen mit unserem neuen Mittelstandskonzept,
  • zweitens, unser neues Forschungsprogramm zur „Zukunft der Arbeit“ im Hinblick auf die Auswirkungen durch den Einsatz neuer Technologien und
  • drittens, die gezielte Innovationsförderung in Produktion und Dienstleistung.

Der Industriesektor wird in Deutschland von global agierenden Unternehmen vorangetrieben – von den bekannten Automobilherstellern oder Großunternehmen wie BASF, Bosch oder Siemens – um nur einige herauszugreifen. Einen hohen Stellenwert für Wachstum und Beschäftigung haben jedoch insbesondere die kleinen und mittleren Unternehmen, die über 90 Prozent der produzierenden Betriebe in Deutschland ausmachen. Die traditionellen Stärken des Mittelstands – Flexibilität und Innovationskraft – machen ihn zu einem wichtigen Fundament der deutschen Industrie. Vor allem in den technologieorientierten Branchen des verarbeitenden Gewerbes leisten KMU einen wichtigen Beitrag zur Produktion in Deutschland. Es sind die oft namentlich weniger bekannten, aber in Zahl und Umsatz sehr starken Weltmarktführer, welche die innovative Entwicklung prägen – beinahe jeder zweite der rund 2.700 „heimlichen Weltmarktführer“ oder „Hidden Champions“ kommt aus Deutschland!

Wir sehen jedoch durchaus die Problematik, dass derzeitige Entwicklungstrends gerade die kleineren Unternehmen vor schwer lösbare Herausforderungen stellen. Etwa wenn wir zum Beispiel erkennen, dass nur rund 9 Prozent der Unternehmen bis 250 Beschäftigte Projekte zur Digitalisierung durchführen oder planen.

Ich bin aber überzeugt, dass der Mittelstand noch stärker werden kann, wenn er auf Fortschritt setzt! Ich habe daher Anfang dieses Jahres ein Zehn-Punkte-Programm mit der Überschrift „Vorfahrt für den Mittelstand“ aufgelegt. Lassen Sie mich die vier großen Handlungsfelder benennen, die wir mit den zehn Punkten adressieren:

1.     Mehr Beteiligung von KMU in den dynamischen Schlüsselbereichen der deutschen und internationalen Wirtschaft – insbesondere in den Bereichen Digitalisierung, Gesundes Leben und Nachhaltiges Wirtschaften. Dies bedeutet für uns, die thematischen Ausschreibungen in den Fachprogrammen am Bedarf des Mittelstandes zu orientieren, wie etwa unsere Initiative „Industrie 4.0“. Wir werden außerdem die Nutzung bestehender Referenzanlagen durch KMU als „Testumgebungen“ für eigene Industrie-4.0-Anwendungen fördern. Ergebnistransfer in die Wirtschaft, insbesondere zu KMU, wird auch die Aufgabe des neuen Innovationslabors „Hybride Dienstleistung in der Logistik“ sein, das in Kürze in Dortmund startet. Und wir werden unsere bewährte Förderinitiative KMU-innovativ thematisch, finanziell und – wo es sinnvoll ist – auf größere Mittelständler ausweiten.

2.     Wir wollen es den KMU erleichtern, die richtigen Partner zu finden. Dies sind je nach Branche und Situation: Großunternehmen, andere Mittelständler, Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen oder regionale und internationale Akteure. Dafür werden wir beispielsweise in 50 Innovationsforen ab Herbst 2016 deutschlandweit KMU mit anderen Akteuren zusammenbringen. Wir fördern und begleiten die Organisation, Durchführung und Auswertung solcher Innovationsdialoge und ermöglichen damit die Partnervernetzung.

3.     Wir wollen für die passenden Fachkräfte für KMU sorgen – sei es durch Nachwuchsförderung, insbesondere in technischen Berufen, sei es durch Fortbildung im Betrieb. Die „Werbung“ für MINT-Qualifikationen im akademischen und schulischen Bereich läuft schon sehr erfolgreich – das hat uns zuletzt die OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ bescheinigt. Für KMU ist aber gerade auch die berufliche Bildung wichtig. Wir starten nun ein Sonderprogramm „Digitalisierung“ der überbetrieblichen Bildungsstätten (ÜBS) und Kompetenzzentren, um diese besser für dieses Thema auszustatten und Netzwerke geeigneter Kompetenzzentren zur Förderung der Digitalisierung in der beruflichen Bildung zu unterstützen. Und letztlich:

4.     Wir werden den KMU den Zugang zu unseren Förderangeboten erleichtern – gerade für jene Unternehmen, die noch keine Profis im Fördergeschäft sind.

Mit der Umsetzung dieses Zehn-Punkte-Programms wollen wir die Innovationsfähigkeit der kleinen und mittleren Unternehmen weiter stärken und diese für wesentliche Herausforderungen der Zukunft fit machen. Im Jahr 2017 soll damit ein neuer Höchststand bei deren Förderung erreicht werden.

Zu meinem zweiten Punkt, der Zukunft der Arbeit. Die digitale Transformation verändert Arbeitsprozesse, fordert mehr Flexibilität und neue Qualifikationen von den Beschäftigten. Prognostiziert wird, dass gerade die einfachen oder ungelernten Berufe ersetzt und dafür neue kreative wie qualifizierte Berufsfelder erschlossen werden. Mit den Ländern, Verbänden, Kammern und Bildungseinrichtungen arbeiten wir intensiv daran, sowohl die Ausbildungen und Weiterbildungen als auch die akademische Bildung an die neuen Anforderungen anzupassen.

Die Umwälzungen, die neue Produktionstechnologien und Produktionsmethoden mit sich bringen, werden in den Medien oft mit negativen Auswirkungen auf die Arbeitswelt verbunden und schaffen es zu entsprechenden Schlagzeilen. Es ist Aufgabe nicht nur der Politik, solche Bedenken aufzugreifen und eine adäquate Antwort zu finden.

Was unser Land auszeichnet, ist nicht nur seine Innovationsfähigkeit, sondern auch die Sozialpartnerschaft und der soziale Zusammenhalt. Zwei Drittel aller Beschäftigten in Deutschland erfahren bereits heute an ihrem Arbeitsplatz die Auswirkungen des digitalen Wandels. Die Digitalisierung in Produktion und produktionsnahen Dienstleistungen verändert die Arbeitswelt! In der neuen Art der Gestaltung von Wertschöpfung verschwinden die Grenzen zwischen Produkt und Dienstleistung, zwischen Produzenten und Konsumenten. Die Wertschöpfung vollzieht sich in neuen Strukturen und fordert von den Menschen neue Kompetenzen. Flexible Arbeitsgestaltung, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, neue Berufsbilder und Entwicklungsmöglichkeiten sind die positiven Aussichten auf die Arbeit von morgen. Die Gefahr der Selbstausbeutung, immer neue Anforderungen an Kompetenzen, die Entwertung des Gelernten und vor allem der Verlust von Arbeitsplätzen sind die düsteren Aussichten auf die zukünftige Arbeitswelt.

Entscheidend für uns ist, auch im digitalen Zeitalter die bewährten Grundsätze für gute Arbeit zu erhalten! Wie schaffen wir dies?

Wir wollen Gestaltungsoptionen für die Arbeit von morgen finden und sicherstellen, dass technologische und soziale Innovationen gleichermaßen vorangebracht werden. Dazu haben wir Anfang des Jahres das neue Forschungsprogramm „Zukunft der Arbeit“ gestartet.

Mit unserem neuen Programm sollen neue Modelle der Qualifizierung, der Gesundheitsprävention, der Arbeitsgestaltung und Arbeitsorganisation in und mit Unternehmen entwickelt und pilothaft in die betriebliche Praxis überführt werden. Im Programm haben wir dazu neun Handlungsfelder beschrieben. Diese reichen von der neuen Arbeitsorganisation über die Unterstützung von innovativen Geschäftsmodellen, der Gestaltung neuer Formen der Mensch-Technik-Interaktion, dem Erwerb neuer Kompetenzen und dem kontinuierlichen Erlernen neuer Kenntnisse bis hin zur Förderung des Gesundheits- und des Nachhaltigkeitsgedankens in der Arbeit.

Anfang dieses Monats (Juni 2016) haben wir dazu das Kompetenzzentrum „Future Work Lab“ auf den Weg gebracht. Dieses wird ein Innovationslabor für Arbeit, Mensch und Technik am Standort Stuttgart werden. Es soll als interaktives Schaufenster und Ideenzentrum für die zukunftsfähige und menschzentrierte Arbeitsgestaltung in Produktion und produktionsnahen Bereichen sowie in Forschung und Entwicklung fungieren.

Auf der Grundlage unseres Programms „Zukunft der Arbeit“ planen wir darüber hinaus eine Förderrichtlinie mit dem Ziel, neue Werkzeuge und Modelle der Arbeitsgestaltung und -organisation in und mit den Unternehmen zu entwickeln. Die Bekanntmachung wird inhaltlich breit angelegt sein und sich schwerpunktmäßig an den deutschen Mittelstand richten. Für den Erfolg der Förderung wird entscheidend sein, dass die Vorhaben konkrete Gestaltungsmöglichkeiten exemplarisch darstellen und branchenübergreifend nutzbar machen. Wir wollen Lösungen für die Arbeitswelt von morgen, die zum Standard werden können.

Ich komme zu meinem dritten Punkt, der gezielten Innovationsförderung in Produktion und Dienstleistung.

Unternehmensbezogene Dienstleistungen sind ein zentraler Bestandteil der Wertschöpfungsaktivitäten, deren Bedeutung noch zunimmt. Gerade der Beitrag der Dienstleistungen zum Mehrwert eines fertigen Produkts ist in vielen Fällen ausschlaggebend für die Attraktivität des Erzeugnisses am Markt. Unternehmerische Kunden fordern deshalb zunehmend integrierte Problemlösungen. Konzepte, die die Integration von Produkt und Dienstleistung bei Entwicklung, Erstellung und Vermarktung unterstützen, können wertvolle Beiträge zur Verbesserung der Wettbewerbsposition der produzierenden Industrie leisten.

Die deutsche Wirtschaft ist mittelständisch geprägt. Eine Vielzahl hoch spezialisierter und in ihren Kernkompetenzen zur Leistungsspitze zählende KMU agieren sehr erfolgreich am Markt. Wenn zukünftig aber immer kundenspezifischere Systemlösungen nachgefragt werden, müssen Netzwerke die Integration von Kernkompetenzen ermöglichen. Gelingt dies, ohne dass KMU auf „angestammte“ Wettbewerbsvorteile wie Flexibilität, Geschwindigkeit und Kundennähe verzichten, lässt sich eine höhere Wertschöpfung erzielen als bisher.

Allerdings ohne unsere, oft weltweit technologisch führenden Unternehmen könnten erfolgreiche Netzwerke erst gar nicht zustande kommen. Als Beispiel möchte ich hier über ein Konsortium aus rund 20 Herstellern mobiler Arbeitsmaschinen mit ihren Zulieferern sowie fünf Hochschulinstituten berichten, die in dem von meinem Haus geförderten Verbundprojekt TEAM die Energieeinsparung und die Schadstoffverminderung bei mobilen Arbeitsmaschinen angegangen sind. Nach drei Jahren gemeinsamer Forschungsarbeit konnte die Gruppe berichten, dass mit Hilfe innovativer Antriebslösungen für einen 24-Tonnen-Radlader eine Kraftstoffeinsparung von etwa 20 bis 30 Prozent gegenüber den heutigen Antriebslösungen erreichbar ist. Deutsche Unternehmen verschaffen sich so mit „netzwerken“ Wettbewerbsvorteile durch Lösungen zur Ressourceneffizienz.

Eine wesentliche Aufgabe der Forschungspolitik besteht darin, risikoreiche Projekte, deren wirtschaftlicher Nutzen nicht ohne weiteres kalkulierbar ist, im vorwettbewerblichen Umfeld zu stimulieren und so Chancen zu erschließen. Dies geschieht beispielsweise durch Ideenwettbewerbe oder durch das Setzen gesellschaftsrelevanter Themen. Ein weiterer positiver Effekt richtig verstandener Forschungspolitik: Durch vorwettbewerbliche Entwicklungen lässt sich maßgeblicher Einfluss auf Standardisierung und Normung gewinnen - in Zeiten der Globalisierung ein wichtiger Wettbewerbsvorteil.

Ein Beispiel für die erfolgreiche Lösung von Forschungsfragen in strategischen Verbünden ist der Spitzencluster it’s OWL. Übergeordnetes Ziel des Clusters ist die Spitzenposition auf dem Gebiet Intelligente Technische Systeme im globalen Wettbewerb. Im Zeitraum 2012 bis 2017 werden in 48 Verbünden mit einem Gesamtvolumen von fast 100 Millionen Euro – davon 45 Millionen Euro Bundes-Förderung – Aufgaben zu neuen Produkt- und Produktionsinnovationen mit Hilfe intelligenter technischer Systeme bearbeitet und auch für den Transfer der Innovation in die Betriebe gesorgt. Der Cluster mit seinen 239 Mitgliedern hat sich eine bundesweit hohe Reputation auf dem Gebiet Industrie 4.0 erworben. Auf dem Kongress werden Sie morgen dazu Näheres erfahren und sich in der Ausstellung sogar selbst ein Bild machen können.

Ein weiteres Instrument, mit dem wir strategische Partnerschaften fördern, sind die Forschungscampi. ARENA2036 in Stuttgart und die Open Hybrid LabFactory in Braunschweig sind die beiden Standorte wo Wissenschaft und Automobilindustrie an der Materialentwicklung und Produktionstechnik für den wirtschaftlichen und multifunktionalen Leichtbau forschen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

das Beeindruckende an Ihrem Arbeitsgebiet – der Produktion – ist die vorherrschende Themenvielfalt. Obwohl alle Welt derzeit vor allem von Industrie 4.0 und der Digitalisierung der industriellen Produktion spricht, stellt Ihre Disziplin doch den Schlüssel dar zur Transformation unserer heutigen in eine bessere, nachhaltigere Welt. „Ressourceneffizienz“, „Elektromobilität“, „Fertigungstechnologien der Zukunft“, „Produktionsausrüstungen“, „Leichtbau“ und „Montage“ sind nur einige Schlagworte, die am heutigen Tag von Ihnen diskutiert werden. Dabei sind viele von Ihnen nicht nur in den nationalen Projekten engagiert, sondern auch in den EU-Forschungsprogrammen von Horizont 2020, den ERA-NETs, den Eureka-Aktivitäten und zukünftig vielleicht auch in einer neuen „Knowledge and Innovation Community“ der EU-Kommission. Dieses unterstreicht die zunehmende Bedeutung einer Zusammenarbeit in europäischen Wertschöpfungsnetzwerken.

Vor fünf Jahren (2011) haben wir ein Zukunftsprojekt auf den Weg gebracht, das inzwischen unter dem Begriff Industrie 4.0 in aller Munde ist. Gleich im ersten Jahr startete das Bundesforschungsministerium seine erste Fördermaßnahme: „Intelligente Vernetzung in der Produktion – Ein Beitrag zum Zukunftsprojekt Industrie 4.0“. Die Maßnahme richtete sich an Pioniere, an Unternehmen, die sich mit ihren Produkten als Ausrüster für Industrie 4.0-Anwendungen an die Spitze einer technischen und wirtschaftlichen Entwicklung stellen wollten. Gerade der deutsche Mittelstand engagierte sich in diesen Pilotprojekten. In weiteren, jetzt verstärkt anwendungsbezogenen Forschungsprojekten zeigen wir zwischenzeitlich vor Ort, wie Industrie 4.0-Lösungen „auf dem Hallenboden ankommen“, das heißt in die Praxis umgesetzt werden können. KMU werden durch dieses Programm auf dem Weg zu Industrie 4.0 mitgenommen und motiviert. Wir geben den KMU die Möglichkeit, ihre Ideen zu testen. Dafür gibt es in Deutschland bereits 20 realitätsnahe Experimentierumfelder – zumeist in Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Wir haben das Potenzial für Deutschland als Produktionsstandort mit einem starken Maschinen-, Anlagen- und Automobilbau frühzeitig erkannt. Die Digitalisierung der Industrie eröffnet allein für Deutschland bis 2025 ein zusätzliches kumuliertes Wertschöpfungspotenzial von 425 Milliarden Euro. Es werden Produktivitätssteigerungen von bis zu 30 Prozent, eine jährliche Effizienzsteigerung von 3,3 Prozent und Kostensenkungen von jährlich 2,6 Prozent vorhergesagt. Davon besonders profitieren werden in den nächsten fünf Jahren die Automobilindustrie, der Maschinenbau, die Prozessindustrie, die Elektronikindustrie  und die IKT-Branche! Und das BMBF investiert in diese Entwicklung: Seit 2011 haben wir bereits rund 400 Millionen Euro in Projekte zu Industrie 4.0 investiert. Und wir wollen diesen Weg fortsetzen, zum einen mit dem bereits erwähnten Kompetenzzentrum „Hybride Dienstleistung“, das logistische Dienste für eine vernetzte Wirtschaft fortentwickeln wird. Im Weiteren werden wir eine neue Förderbekanntmachung zu Industrie 4.0 entwickeln, die noch 2016 veröffentlicht werden wird.

Im digitalen Zeitalter spielen moderne Produktions­technologien eine wichtige Rolle, weil von ihnen neue Impulse für die Wirtschaft ausgehen. Bei der Additiven Fertigung – einer Technologie mit unbestreitbar hohem Potenzial – hat das BMBF in diesem Jahr einen ersten Schwerpunkt mit der Auswahl von 22 Verbund-Vorhaben und einer Förderung von rund 41 Millionen Euro gesetzt. Einen neuen Schwerpunkt wollen wir dieses Jahr noch in der Medizintechnik setzen. Denn gerade im Medizinbereich sind innovative Produktionstechnologien und Produktions­ausrüstungen notwendig – auch weil individuelle Produkte immer wichtiger werden und hierfür die Unternehmen mithilfe der Wissenschaft Lösungen zum Wohle des Patienten entwickeln müssen.

Meine verehrten Damen und Herren,

die digitale Transformation ist nicht nur ein ökonomisches Thema – es betrifft die Gesellschaft als Ganzes. Damit möglichst viele von der Digitalisierung profitieren können, unterstützen wir kleine wie große Unternehmen und Forschungsinstitute in ihrem Innovationsbestreben. Mit gezielten Maßnahmen sorgen wir dafür, dass neue Ideen ihren Weg nehmen können – vom Labor in das Unternehmen, und von dort auf den Markt. Dabei haben wir auch die Bedingungen der Arbeitsplätze von morgen im Blick. Die Herausforderung – die Wirtschaft und Forschung gemeinsam bewältigen müssen – wird sein, nicht nur technologische sondern auch soziale Innovationen voranzubringen. Ich denke, wenn wir den Menschen nicht aus dem Blick verlieren hat Europa, hat Deutschland eine gute Voraussetzung und vielleicht auch ein Alleinstellungsmerkmal, den bevorstehenden Wandel erfolgreich zu meistern.

Wir haben heute die Chance, diesen Wandel zu Wohlstand im digitalen Zeitalter durch Produktion und Wertschöpfung in Deutschland nach unseren Vorstellungen und Werten zu gestalten. Lassen Sie uns die Chancen, die sich daraus ergeben, gemeinsam und mutig nutzen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen aufschlussreiche Kongresstage, spannende Diskussionen, viele neue Kontakte und vor allem neue Erkenntnisse und Ideen für Ihre weiteren Arbeiten!

Vielen Dank.