Eröffnung des Deutsch-Türkischen Wissenschaftsjahres

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Prof. Dr. Johanna Wanka, am 23. Januar 2014 in Berlin

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Es gilt das gesprochene Wort!

Anrede

Bei den internationalen Wissenschaftsjahren, die bisher von Deutschland jeweils mit einem Partnerland durchgeführt wurden, konnte man immer eines ganz besonders feststellen: Das Wissenschaftsjahr ist ein hervorragendes Instrument, um die Beziehung zum jeweiligen Partnerland zu intensivieren, neue Kooperationen anzuregen und neue Akzente zu setzen.

Ich freue mich sehr, dass wir heute das Deutsch-Türkische Wissenschaftsjahr gemeinsam mit Ihnen, verehrte Gäste aus der Türkei, eröffnen können.

Offizielle Wissenschaftsbeziehungen zwischen der Türkei und Deutschland gibt es seit dreißig Jahren, wir haben also ein Jubiläum. Die Kontakte zwischen Deutschland und der Türkei reichen jedoch zurück bis in die Zeit des Osmanischen Reichs. Eine Reihe von Wissenschaftlern haben in der Türkei ihre Lebensbasis gefunden, als sie während der Nazidiktatur Deutschland verlassen mussten und von der Türkei als Gastland aufgenommen wurden. Das Wissenschaftsjahr bietet auch Anlass, daran zu erinnern. Viele Kontakte sind gewachsen und es gibt viele langjährige Verbindungen. Wir wollen also diese Zusammenarbeit würdigen. In diesem Jahr wollen wir die Brücke zwischen unseren Ländern festigen.

In Deutschland haben Bildung, Wissenschaft und Forschung Priorität. Das gilt nicht nur, wenn es um Finanzen, sondern auch wenn es um politische Entscheidungen geht. Wir wissen, dass wir nur über Wissenschaft und Forschung globale Probleme lösen können. Mit der Energiewende in Deutschland haben wir uns viel vorgenommen. Für die Umsetzung brauchen wir wissenschaftliche Erkenntnisse. Das gilt aber nicht nur für die Energieversorgung, sondern auch für viele andere Themen, wie zum Beispiel Ernährung, Klimawandel, Gesundheit und Alter.

Deutschland ist die viertstärkste Industrienation der Welt. Wir sind ein kleines Land – 1,2 Prozent der Weltbevölkerung leben bei uns –, aber wir sind die viertstärkste Industrienation. Diese Industriestärke verpflichtet uns. Wir haben eine große Verantwortung für Fortschritt und Entwicklung in der Welt und wollen deshalb die internationale Zusammenarbeit in besonderem Maße pflegen und ausbauen.

Die Türkei ist ein starker Partner, denn in diesem Land hat in den vergangenen Jahren eine sehr rasante wirtschaftliche Entwicklung stattgefunden. Wir haben uns im Rahmen der Europäischen Union vorgenommen, im Jahr 2020 in den Ländern drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung auszugeben. Deutschland hat es im Jahr 2012 erstmals geschafft. Wir haben viele europäische Staaten, die noch ein ganzes Stück von diesem Ziel entfernt sind. Auch die Türkei hat sich vorgenommen, in den nächsten Jahren drei Prozent zu erreichen. Das ist ein ehrgeiziges Ziel, insbesondere wenn man bedenkt, dass in der Türkei derzeit knapp ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Wissenschaft und Forschung ausgegeben wird – in den letzten Jahren war man von 0,2 Prozent auf ein Prozent gekommen. Es gab also in der Türkei eine ganz intensive Entwicklung in Wissenschaft und Forschung, und auch die Zahl der Universitäten sowie der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler steigt.

Die Chancen, die aus diesen Entwicklungen resultieren, wollen wir gemeinsam nutzen. Gemeinsam heißt: Sowohl von deutscher als auch von türkischer Seite wollen wir diese Erfolge unterstützen. In Deutschland leben fast drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln. Die Vermittlerfunktion und die Talente dieser Menschen, die in zwei Kulturen zu Hause und oft zweisprachig sind, wissen wir sehr zu schätzen. Wir freuen uns, dass mehr als 40 deutsche und türkische Partnerorganisationen dieses Wissenschaftsjahr tragen. Das zeigt auch, was unsere Hochschulen und Forschungsinstitute bisher erreicht haben.

Für das Wissenschaftsjahr mit der Türkei ist uns auch besonders wichtig, die Wirtschaft miteinzubeziehen. Die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Forschung mit größeren und kleineren Unternehmen, wie es in Deutschland vielfach erfolgreich praktiziert wird, hat in der Türkei besonderes Interesse geweckt. Auch der Anwendungsbezug, den wir in der Ausbildung aber auch in der Forschung in vielfältiger Weise in Deutschland haben, wird dort mit besonderem Interesse registriert.

Viel verspreche ich mir dabei auch von der Türkisch-Deutschen Universität. Diese Universität hat nach intensiver Vorbereitung im vergangenen Herbst ihren Lehrbetrieb aufgenommen. Es gibt fünf Fakultäten und mittlerweile rund 130 Studierende. Wir wollen in diesem Wissenschaftsjahr die Türkisch-Deutsche Universität offiziell eröffnen und sehen jetzt schon ein großes Interesse. Ich bin sicher: Die Absolventen dieser Universität werden sowohl in der Türkei als auch in Deutschland gebraucht.

Unsere beiden Regierungen fördern darüber hinaus die sogenannten 2+2-Projekte, in denen mindestens ein Unternehmen und ein akademischer Partner in Deutschland und in der Türkei zusammenarbeiten. Da das sehr erfolgreich ist, ist bereits die zweite Runde dieser Ausschreibung geplant. Von diesen Projekten profitieren beide Länder, aber auch vom deutsch-türkischen Forschungszentrum für Informations- und Kommunikationstechnologie mit den Standorten in Istanbul und in Berlin.

Johann Wolfgang von Goethe sagte einmal: „Es ist nicht genug zu wissen, man muss es auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen, man muss es auch tun.“ Und deshalb ist es unser Ziel, gemeinsam zu forschen, gemeinsam Forschungsergebnisse umzusetzen, gemeinsam dafür zu sorgen, dass die junge Generation gute Bildungschancen hat. Dafür braucht man zukunftsfähige Netzwerke. Und das ist nur möglich mit der Unterstützung unserer Institutionen in Deutschland und in der Türkei. Denn so ein Wissenschaftsjahr lebt von den Projekten und Ideen der Menschen.

Wir brauchen viele Ideen und deshalb haben wir einen Ideen-Wettbewerb ausgerufen. Wir unterstützen vor allem öffentlichkeitswirksame Projekte in den drei wichtigen Themenbereichen des Wissenschaftsjahres: Das sind erstens die Schlüsseltechnologien, zu denen zum Beispiel, Mobilität, Transport und die Produktionstechnologie gehören; das ist zweitens das Thema des globalen Wandels mit Klimaschutz, Energieversorgung und Ressourceneffizienz; und drittens der demografische Wandel, insbesondere in geistes- und sozialwissenschaftlicher Hinsicht. Die erste Runde der Ausschreibung dieses Ideen-Wettbewerbs ist abgeschlossen. Wir haben über 60 Projekte und sind alle gespannt auf die Workshops, Tagungen und Veranstaltungen. Damit wollen wir gerade auch bei den jungen Menschen das Interesse an der Türkei beziehungsweise an Deutschland erhöhen. Deshalb freue ich mich, dass die deutsche Hochschulrektorenkonferenz in diesem Wissenschaftsjahr an deutschen Hochschulen die Türkei-Wochen ins Leben gerufen hat. Sie richten sich besonders an Studierende, an junge Wissenschaftler, aber auch an die Öffentlichkeit insgesamt.

Mit diesem Wissenschaftsjahr wollen wir die bestehenden Kooperationen fortsetzen, aber auch Strahlkraft über das Wissenschaftsjahr hinaus entwickeln, damit wir in Zukunft eine gezielte starke Zusammenarbeit zwischen deutschen und türkischen Wissenschaftlern und auch der Wirtschaft haben.

Ich danke allen, die das Wissenschaftsjahr mit großem Engagement gestalten: dem Deutschen Akademischen Austauschdienst, der Fraunhofer-Gesellschaft, der RWTH Aachen, der Leopoldina sowie den German Institutes of Technology (TU9). Ebenso danke ich den vielen Projektpartnern.

Ein Wissenschaftsjahr richtet sich besonders an Wissenschaftler, aber auch an die gesamte Öffentlichkeit. Und wer kennt schon die Zahlen? Drei Millionen Menschen mit türkischem Hintergrund leben in Deutschland, rund 5.500 deutsche Firmen sind in der Türkei tätig, es gibt 850 Kooperationen zwischen deutschen und türkischen Wissenschaftseinrichtungen. Das wird sonst gar nicht wahrgenommen. Deswegen ist es auch überaus wichtig, dass in einem solchen Wissenschaftsjahr die interessierte Öffentlichkeit und insbesondere die jungen Menschen davon erfahren. In diesem Sinne wünsche ich uns und vor allem den Teilnehmerinnen und Teilnehmern dieses Wissenschaftsjahres alles Gute und viele neue und inspirierende Kontakte.

Vielen Dank.