Eröffnung des Kongresses „Gute Ganztagsschulen ermöglichen – der Beitrag des BMBF zur Qualitätsentwicklung von Ganztagsschulen von 2004 bis 2015“

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Johanna Wanka in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren!

Hegel hat einmal gesagt: „Der Mensch ist, was er als Mensch sein soll, erst durch Bildung.“ Dieser Satz hat auch 200 Jahre später nichts an Aktualität verloren. Wir sind uns des absoluten Wertes von Bildung bewusst. Und wir bemühen uns, deutlich zu machen, wie entscheidend Bildung ist. Bildung entscheidet über die Zukunft unseres Landes.

Bei Bildung geht es natürlich auch um Wissensvermittlung, aber vor allem geht es um Persönlichkeitsentwicklung und Wertvorstellungen. Heute ist es noch entscheidender als vielleicht vor 30 Jahren, dass sich Kinder und Jugendliche Urteilsvermögen aneignen können. Sie brauchen Urteilsvermögen, um mit neuen Themen, wie der Digitalisierung, zurechtzukommen. Ohne ein solches Urteilsvermögen können junge Menschen schwer Verantwortungsbewusstsein entwickeln. Wir brauchen aber junge Menschen, die bereit sind, sich einzubringen, die aktiv sind, die Lust haben, nicht nur zu arbeiten, sondern auch zum sozialen Fortschritt beizutragen.

Es liegt in der Verantwortung der ganzen Gesellschaft und auch der Politik, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Kindern sozialen Halt geben, ihnen Anerkennung verschaffen, die Talente fördern und die ermöglichen, dass sie auch mit Freude durchs Leben gehen können.

Ganztagsschulen, um die es heute und morgen bei diesem Kongress geht, sind eine Möglichkeit, um diese Rahmenbedingungen zu realisieren. Wir wollen bei diesem Kongress elf Jahre erfolgreiche Arbeit resümieren. Und wir werden das Ganztags-Begleitprogramm „Ganztägig bilden. Ideen für mehr!“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) abschließen.

Der Anspruch an unser Bildungssystem muss sein, Bildungsgerechtigkeit zu gewährleisten. Bildung ist ein Wert an sich und ganz entscheidend für das persönliche Lebensglück. Wir müssen dafür sorgen, dass alle unabhängig von ihren Voraussetzungen Chancen auf Bildung erhalten. Deshalb müssen wir individuell fördern und deshalb erhalten wir Bildungsgerechtigkeit nicht, wenn wir alle Menschen gleich machen. Damit junge Menschen ihre individuellen Begabungen entfalten können, damit sie einen Schulabschluss schaffen, brauchen wir eine sehr frühzeitige, durchgängige und individuelle Förderung. Und wir brauchen Begleitung für die Kinder, die unter schwierigen familiären Bedingungen aufwachsen oder die neu in unser Bildungssystem kommen. Dafür zu werben und sich zu engagieren, dass die Kinder aus Flüchtlingsfamilien hier in Deutschland gute Chancen erhalten, gehört auch zur Bildungsgerechtigkeit. Das ist für uns eine neue, große Herausforderung.

Die Ganztagsschulen können helfen, diese Herausforderung zu meistern. Sie sind exzellente Orte für individuelle Förderung. Mit unserer Förderpolitik haben wir vonseiten des Bundes ein stabiles Fundament gelegt, auf dem die Ganztagsschulen auch in Zukunft aufbauen können.

Vier Milliarden Euro haben wir dafür als Investitionsmittel bereitgestellt und es war eine enorme Kraftanstrengung – nicht nur für die Geldgeber, sondern auch bei der Umstellung vor Ort. Aber die Kraftanstrengung hat sich gelohnt.

Wir haben einen Mentalitätswandel erlebt. Früher gab es viele Vorbehalte gegenüber Ganztagsschulen. Heute wird nicht mehr diskutiert, ob solche Angebote notwendig sind. Sondern es wird über Qualität und Angebote diskutiert. 70 bis 80 Prozent der Eltern in Deutschland wünschen sich Ganztagsschulen.

Die Ganztagsschulen haben sehr differenzierte Angebote entwickelt. Ich nenne nur einige Beispiele: In Sachsen hat die Goethe-Oberschule in Wilthen im Landkreis Bautzen ein Nachmittagsprogramm organisiert, das für diejenigen Schülerinnen und Schüler, die lange Fahrzeiten haben, in der Umgebung ansonsten nicht erreichbar wäre. Solche Angebote tragen auch ein Stück weit zur Gerechtigkeit zwischen Stadt und Land bei. Denn zum Beispiel in Berlin sind ähnliche Freizeitangebote leicht mit der Straßenbahn erreichbar. Beispiele wie die Goethe-Oberschule werden an Bedeutung gewinnen, weil wir ländliche Räume und die Problematik weiter Entfernungen auch in anderen Bundesländern haben.

Das Pirckheimer-Gymnasium in Nürnberg kooperiert mit der Akademie für Schultheater und Theaterpädagogik und bietet Theaterklassen an. Theaterspielen heißt, auf Menschen zuzugehen, sich zu öffnen. Deswegen sind Theaterklassen eine Möglichkeit, das eigene Selbstbewusstsein zu stärken. Und ein drittes Beispiel: An der Wolfram-von-Eschenbach-Schule in Wiesbaden wird viel für den Übergang zwischen Schule und Beruf getan. Das ist ein weites Feld, das die Lehrer nicht allein abdecken können. Da braucht man auch weitere professionelle Angebote, wie wir sie zum Beispiel mit den Bildungsketten haben. Sie sind für Kinder und Jugendliche wichtig, denn sie können helfen, damit Jugendliche die richtige Berufswahl treffen und diese Entscheidung dann auch umsetzen.

Das sind nur wenige Beispiele, die zeigen, wie unterschiedlich die Angebote der Ganztagsschulen sein können. Ganztag ist nicht gleich Ganztag und Ganztag ist auch kein Allheilmittel.

Entscheidend ist, was in der Ganztagsschule geschieht und wie das Angebot ist. Und wichtig ist, den tatsächlichen Handlungsbedarf zu erkennen und zu wissen, was man machen sollte.

Als wir mit diesem Investitionsprogramm begannen, fehlte fundiertes Wissen dazu. Und weil man Wissen braucht, hat der Bund die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ gestartet. Die StEG ist eine der größten Bildungsstudien, die es in Deutschland je gab. Wir brauchen diese belastbaren Erkenntnisse der Begleitforschung. Sie sind wichtig für die, die professionell arbeiten, aber auch für die Eltern. Den Eltern gibt die Begleitforschung zum Beispiel Orientierung, welche Erwartungen sie haben können.

Die Ganztagsschulen bringen viele neue Situationen mit sich: Zum Beispiel gibt es Kinder, die in der Schule leistungsschwach sind und deshalb vielleicht nicht so viel Anerkennung bekommen. Sie können aber dafür im Sportclub oder Kunstverein zu den Besten gehören und durch ihren Erfolg dort selbstbewusster werden. Nun hatten einige Sorge, dass es für diese Kinder negative Auswirkungen haben könnte, wenn sie ihre Freizeitaktivitäten nachmittags in der Schulumgebung, in der sie ansonsten wenig Wertschätzung erhalten, ausüben sollen.

Um Gewissheit bei solchen Unsicherheiten zu finden und Kindern gegebenenfalls helfen zu können, brauchen wir die Forschung. Einige wenige Ergebnisse aus den wissenschaftlichen Untersuchungen, die schon gelaufen sind, möchte ich herausgreifen:

Schülerinnen und Schüler profitieren am meisten, wenn sie regelmäßig die Ganztagsangebote nutzen und nicht nur sporadisch. Und Kinder haben den Ganztag wesentlich besser bewertet, wenn sie ihn freiwillig gewählt haben. Das war für sie ganz entscheidend. Wer in der Grundschule gute Erfahrungen mit dem Ganztag gemacht hat, der nutzt die Angebote dann auch in den späteren Schulphasen.

Bei Bildungsstudien ist der Transfer ganz besonders wichtig. Denn wenn die Erkenntnisse die Schulleiter und die Lehrer nicht erreichen, haben sie geringen Nutzen. Deswegen sind die Schulleitungsveranstaltungen in den Ländern überaus wichtig. Hier wurde die Begleitforschung durch die Servicestellen und die Stiftung transferiert. Und inzwischen sind wir in Europa und darüber hinaus das Land mit der au

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

sgeprägtesten Forschung zum Thema Ganztagsschule.

Ganztagsschulen sind heute selbstverständlich in der deutschen Bildungslandschaft. Dazu nur einige Zahlen: Fast 60 Prozent der Schulen bis zur Sekundarstufe I haben heute Ganztagsangebote, 2002 waren es gerade einmal 16 Prozent. Von den derzeit rund 17.000 Ganztagsschulen haben über die Hälfte von den Bundesmitteln profitiert. Bei Schulwettbewerben in Deutschland sind Ganztagsschulen unter den Gewinnern. Wir haben bei den Ganztagsschulen mittlerweile auch ein internationales Netzwerk, durch das wir von den Erfahrungswerten anderer Staaten profitieren können. Und durch die vielen Partner aus dem Sport- und Kulturbereich wurde die Einbindung der Schule in das soziale Umfeld gestärkt. Weit über diejenigen hinaus, die ihre Kinder in die Schule bringen, haben wir Netzwerke, Verbindungen und auch Verständnis für Probleme oder Sorgen der Schulen.

Die Bedingungen in den einzelnen Bundesländern sind sehr unterschiedlich. Deshalb finde ich die Entscheidung für die 16 regionalen Serviceagenturen, die Vernetzung untereinander und die Professionalisierung dieser Agenturen sehr gut. Dass die Serviceagenturen so gut funktionieren, ist für die positive Entwicklung der Ganztagsschulen ganz entscheidend. Deshalb danke ich der Stiftung und all jenen, die in den Serviceagenturen gearbeitet haben oder noch arbeiten.

Der Bund hat das Geld dafür zur Verfügung gestellt. Jetzt müssen die Länder entscheiden, ob das die Struktur ist, die sie noch brauchen. Oder haben sich die Ganztagsschulen so etabliert, dass diese Struktur nicht mehr nötig ist? An diesem Punkt stehen die Länder heute. Die Entscheidungen werden sehr unterschiedlich sein. Das ist legitim, weil auch die Bedingungen sehr unterschiedlich sind.

Das Forschungsprogramm setzen wir fort. Es wird in keiner Weise reduziert. Denn es kommen immer neue Fragen aufs Tapet. Wir erwarten, dass wir mit StEG neben der bundesweiten Bestandsaufnahme vor allem in die Inhalte gehen. Wir wollen herausfinden, wie wir die Ganztagsschule noch besser als bisher nutzen können, um Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern.

Die Bildungsgerechtigkeit war vor elf Jahren ein wichtiger Grund für das Ganztagsschulprogramm. Bildungsgerechtigkeit muss auch der Kern der Weiterentwicklung der Ganztagsschulen sein. Ganztagsschulen müssen sich weiterhin ganz besonders dafür einsetzen, die Lebenschancen aller jungen Menschen – derer, die begabt sind, daran arbeiten wir gerade besonders mit der KMK, aber auch derer, die Unterstützung brauchen – zu verbessern.

Die Ganztagsschulen werden auch der Integration der Flüchtlinge dienlich sein. Die Hälfte der Flüchtlinge ist jünger als 25 Jahre. Der Anteil derer, die noch keine 18 Jahre alt sind, ist besonders groß. Sie sind auf die Schulen angewiesen. Die Ganztagsschulen sind da eine Chance.

Ich möchte mich bei allen bedanken, die zur Entwicklung in den letzten Jahren beigetragen haben und sich mit Leidenschaft für die Realisierung der Ganztagsschule Tag für Tag einsetzen. Sie tragen dazu bei, junge Menschen für ihren Lebensweg fit zu machen – und fit heißt nicht in erster Linie beruflicher Erfolg, sondern fit heißt, sich behaupten zu können und die Chance zu haben, glücklich zu werden.

Ich hoffe, dass Sie alle von dieser Tagung etwas für sich mitnehmen. Vielleicht gibt es auch Ideen, die man weitertragen kann. Das Wichtigste ist, dass wir uns gemeinsam für Kinder und Jugendliche engagieren. Vonseiten des Bundes kann ich sagen, dass wir an dieser Stelle an Ihrer Seite bleiben.

Vielen Dank.