Eröffnungsrede zur Fachtagung "Innovationspol Forschungscampus"

"Um im globalen Wettbewerb auch künftig vorn zu sein, müssen unsere exzellenten Forschungsergebnisse ihren Weg noch schneller in innovative Produkte, Prozesse und Dienstleistungen finden", sagt Staatssekretär Michael Meister.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Prof. Rietschel,

sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude, Sie heute im Namen der Bundesforschungsministerin zu begrüßen und die Tagung „Innovationpol Forschungscampus“ zu eröffnen.

Der russische Schachweltmeister Garri Kasparow hat es einmal auf den Punkt gebracht: „Neue Arten der Problemlösung finden wir nur, indem wir nach neuen Wegen suchen und den Mut haben, sie zu beschreiten.“

Auf der heutigen Tagung geht es dabei weniger um eine erfolgreiche Bauer-Springer-Eröffnung oder mutiges Rochieren, sondern um neue Wege in der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft. Diese beschreitet das BMBF seit gut fünf Jahren gemeinsam mit vielen der hier Anwesenden.

Mit der Förderinitiative „Forschungscampus“ wird seit 2013 an neun deutschen Standorten ein neuartiger Typ von langfristiger Forschungskooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft unter einem Dach erprobt. Im Gegensatz zur klassischen Förderung von Verbundprojekten, also themenbezogenen und zeitlich befristeten Kooperationen, oder der dauerhaften institutionellen Förderung einer Einrichtung, wird hier gemäß dem Motto „Industry on Campus“ ein anderer Ansatz verfolgt. Die Partner eines Forschungscampus – Hochschulen, Forschungseinrichtungen, große Unternehmen oder regionale KMU – schließen einen Pakt miteinander. Sie verpflichten sich zu einer intensiven und langjährigen Zusammenarbeit auf Augenhöhe und unter einem Dach. Dazu kommt auch ein finanzielles Engagement weit über die Förderung hinaus und klare Regelungen zum Umgang mit Schutzrechten.

Das BMBF unterstützt die Partner eines Forschungscampus bis zu fünfzehn Jahre bei der Umsetzung ihrer gemeinsamen Forschungsagenda. Die Seite der Wissenschaft bringt dabei den aktuellsten Stand der Forschung ein und die Wirtschaft steuert die Markt- und Anwendungsperspektive bei. Frühzeitig im Forschungsprozess lässt sich so der Grundstein für eine Innovation, für einen Markterfolg, legen.

Zu einem Markterfolg könnte zum Beispiel der kürzlich in einer klinischen Studie validierte Test zur Erkennung von Antibiotikaresistenzen aus Jena werden. Durch die Zusammenarbeit am Forschungscampus „InfectoGnostics“ konnte das innovative Verfahren schneller entwickelt und als Produkt auf den Markt gebracht werden. Der Test kann dabei helfen, Antibiotika-resistente Bakterien zu erkennen und deren weltweite Verbreitung einzudämmen.

Der hier in diesem Beispiel so bilderbuchartig praktizierte Transfer von Forschungsergebnissen in die Anwendung ist zentrales Element der Hightech-Strategie 2025 – „Forschung und Innovation für den Menschen“ der Bundesregierung und eine der Top-Prioritäten des Bundesforschungsministeriums in dieser Legislaturperiode. „Ist das denn in Deutschland notwendig?“ mag der eine oder andere vielleicht denken. Ich frage zurück: Wie sieht unsere Zukunftsperspektive aus?

Derzeit wächst das Wissen der Menschheit in noch nie zuvor dagewesenem Ausmaß. Wer weiß, ob Schachweltmeister-schaften nicht bald nur noch von Maschinen bestritten werden – Kasparow selbst wurde bereits 1997 von IBMs damaligen „Supercomputer“ Deep Blue besiegt.

Noch ist Deutschland einer der führenden Innovationsstandorte in Europa und darüber hinaus. „Made in Germany“ war lange eine unbestrittene Erfolgsgeschichte. Auf diesen Lorbeeren auszuruhen ist angesichts des stark zugespitzten globalen Wettbewerbs und einer sinkenden Innovationsorientierung deutscher Unternehmen nicht unser Ansinnen. Wir wollen entschlossenen Schrittes vorangehen und mutig neue Wege ausprobieren.

Um im globalen Wettbewerb auch künftig vorn zu sein, müssen unsere exzellenten Forschungsergebnisse ihren Weg noch schneller in innovative Produkte, Prozesse und Dienstleistungen finden. Wir brauchen mehr Unternehmen – gerade auch kleine und mittlere –, die in Forschung und Entwicklung investieren und mit innovativen Partnern in Netzwerken, Clustern oder Campusmodellen kooperieren.

Wir müssen die Potentiale der Digitalisierung in der Wissenschaft, in der Wirtschaft und in der Bildung für die Menschen nutzbar machen. Wir brauchen Forschung und Technologieentwicklung von exzellent ausgebildeten Akademikerinnen und Akademikern und Fachkräften. Und wir brauchen mehr Mut zum Risiko, um neue Lösungen für komplexe Herausforderungen zu finden.

Mit der Hightech-Strategie 2025 setzen wir deshalb ambitionierte Ziele. Zum einen finanziell: Bis 2025 wollen wir gemeinsam mit den Ländern und der Wirtschaft die Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöhen. Zum anderen inhaltlich: Wir wollen Wissen stärker zur Wirkung zu bringen!

Wir wollen in Deutschland den Aufbruch in eine offene Innovations- und Wagniskultur fördern, in der Unternehmen und Akteure aus Wissenschaft und Forschung gemeinsam mutigere und wettbewerbsstarke Lösungen entwickeln und Deutschland auf den Innovationsfeldern der Zukunft an der Weltspitze halten:

  • Dafür haben wir kürzlich im Kabinett die Gründung einer Agentur für Sprunginnovationen beschlossen,
  • dafür erarbeiten wir bis Ende des Jahres eine übergreifende Strategie zum Thema Künstliche Intelligenz,
  • dafür starten wir im nächsten Jahr eine neue und großangelegte Zukunftscluster-Initiative,
  • dafür fördern wir neue Formen der Zusammenarbeit in Experimentierräumen und Reallaboren
  • und dafür setzen wir uns für Open Science und einen höheren Anteil von Open Access-Publikationen in der Wissenschaft ein.

Mit erfolgreichen Neuverhandlungen des Pakts für Forschung und Innovation, des Hochschulpakts 2020 und des Qualitätspakts Lehre werden wir zudem grundlegend in die Zukunftsfähigkeit des deutschen Hochschul- und Forschungssystems investieren. Wir werden auch die Fachhochschulen stärken und dafür schon im Herbst mit den Ländern ein Programm zur Personalentwicklung an Fachhochschulen beschließen.

Meine Damen und Herren, für diesen umfassenden Aufbruch in eine neue Innovations- und Wagniskultur ist es uns auch wichtig, neue Wissensgeber aus der Gesellschaft – zum Beispiel Nutzerinnen und Anwender von Produkten – zu erreichen. Wir wollen sie effektiver in unsere Wissensnetzwerke integrieren.

Wir wollen sie motivieren, sich am Innovationsgeschehen zu beteiligen.

Ich halte gerade dies für besonders wichtig, denn: Bei immer mehr Menschen erodiert die Überzeugung, dass Wissenschaft, Forschung und Innovation effektive Antworten zu den drängenden Herausforderungen unserer Zeit geben können. Fortschritt wird von vielen nicht mehr als Chance wahrgenommen. Die aktuelle Berichterstattung um sogenannte „fake science“ – scheinwissenschaftliche Verlage und gekaufte, nicht korrekt begutachtete Fachpublikationen – befeuert dieses Misstrauen leider nur weiter.

Diese Entwicklung müssen wir alle sehr ernst nehmen. Deshalb appelliere ich an Sie: Setzen Sie ein weithin sichtbares Signal für die gesellschaftliche Relevanz von Wissenschaft. Tragen Sie dazu bei – mit zukunftsorientierten Forschungsfragen, mit kluger Wissenschaftskommunikation und mit offenen Türen –, dass der Nutzen von Forschung im Alltag der Menschen ankommt. Wir brauchen mehr Mut zur Zukunft!

Der Berliner Showroom zur Funktionsweise dezentraler Energienetze des Forschungscampus „Mobility2Grid“ oder die Ausstellung „Mission Energiewende – mit Gleichstrom in die Zukunft“ vom Forschungscampus „Flexible Elektrische Netze“ in Aachen sind dafür bereits gute Beispiele.

Ich sehe in solchen offenen Formaten große Chancen für die Wissenschaft: durch die Reflexion von Forschungsprozessen und Forschungsergebnissen mit Bürgerinnen und Bürgern, ebenso wie durch das Aufbringen neuer Forschungsfragen und Produktideen aus der Mitte der Gesellschaft.

Liebe Vertreterinnen und Vertreter der Forschungscampi, ich bin überzeugt, dass durch eine Kultur der Offenheit die Anziehungskraft Ihrer „Forschungsfabriken“ in der Region und darüber hinaus weiter zunehmen wird.

Die bisherige Entwicklung der Förderinitiative „Forschungscampus“ ist eine Erfolgsgeschichte, die auf der heutigen Tagung eindrucksvoll zwischenbilanziert wird: 231 Partner arbeiten an 9 Standorten zusammen, darunter 87 KMU.

Seit 2014 wurden von allen Partnern zusammen über 180 Millionen Euro zusätzlich zu den in der öffentlichen Förderung üblichen Eigenanteilen investiert – durch Mitgliedsbeiträge, durch zur Verfügung gestellte Laborinfrastruktur, durch weitere Projekte und durch Personal vor Ort. Dem steht eine BMBF-Förderung von bislang rund 60 Millionen Euro gegenüber.

Dieser Hebel ist bemerkenswert und zeugt davon, dass Ihre Zusammenarbeit von gegenseitigem Vertrauen und gemeinsamen Visionen geprägt ist – das ist keine Selbstverständlichkeit. Bewahren Sie sich dieses Miteinander!

Ich bin sicher, die Erfolgsgeschichte „Forschungscampus“ wird von Ihnen konsequent fortgeschrieben werden. In diesem Jahr hat bereits der erste Forschungscampus – „ARENA2036“ in Stuttgart – von der unabhängigen Jury grünes Licht für die nächsten 5 Jahre bekommen.

Ich habe mir heute Morgen schon einen sehr guten Eindruck von den Zukunftsvisionen aller 9 Forschungscampi machen können. Mein Tipp: Besuchen Sie auch die Posterausstellung in der Mittagspause und kommen Sie mit den dort anwesenden Vertretern und Vertreterinnen der Forschungscampi ins Gespräch. Es lohnt sich!

Die dort aufgezeigten Entwicklungsperspektiven, zum Beispiel  für das Krankenhaus der Zukunft aus Mannheim oder zur  Steuerung lebensnotwendiger Infrastrukturen mithilfe der Mathematik, haben größtes Innovationspotential.

Ihrem Mut und Ihrem Engagement gebührt unsere Anerkennung. Sie alle bestärken uns im BMBF darin, dass es richtig war, mit dem „Forschungscampus“ neue Wege in der Förderung der anwendungsorientierten Grundlagenforschung zu beschreiten.

Meine Damen und Herren, ich bin daher überzeugt: Wir brauchen mehr Forschungscampi in Deutschland!

Deshalb werden wir die Entwicklung unserer 9 Forschungscampi weiter mit Spannung und Interesse verfolgen. Ab Anfang 2019 werden wir eine externe Evaluation durchführen, die den Förderansatz „Forschungscampus“ analysiert und seine Wirkung im Vergleich zu anderen Initiativen des BMBF herausarbeitet. Damit werden wir eine exzellente Wissensbasis für einen Ausbau der Förderung haben.

Denjenigen unter Ihnen, die sich momentan auf die Zwischenbewertungen für eine zweite Förderphase vorbereiten, soll das ein Ansporn sein, die Marke „Forschungscampus“  weiter ehrgeizig mitzugestalten und hohe Qualitätsstandards zu prägen. Für die kommenden Jurybewertungen wünsche ich Ihnen viel Erfolg!

Ihnen allen wünsche ich heute noch einen facettenreichen Tag mit inspirierenden Gesprächen, zum Beispiel in den Sessions oder in der Posterausstellung. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Science Slams heute Nachmittag viel Erfolg und vor allem viel Spaß bei der Präsentation Ihrer Lösungswege für aktuelle Forschungsfragen!

Vielen Dank!

Die Rede wurde am 20.09.2018 auf der Fachtagung "Innovationspol Forschungscampus" in Berlin gehalten.