Erstes Deutsch-Israelisches Präsidenten- und Rektorenforum

Grußwort des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Thomas Rachel, in Berlin

Thomas Rachel, Parl. Staatssekretär, während seiner Rede
Thomas Rachel, Parl. Staatssekretär, während seiner Rede © F. Schweizer

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte Ihnen, der deutschen Hochschulrektorenkonferenz und der israelischen Association of University Heads „VERA“ für die Einladung zu dieser Veranstaltung und noch vielmehr für Ihre Initiative danken, im 50. Jubiläumsjahr der deutsch-israelischen Beziehungen erstmals ein gemeinsames Präsidenten- und Rektorenforum einzuberufen. Sie geben damit den Hochschulen im Rahmen dieses feierlichen Jahres den Rang, der ihnen als wichtige Träger der deutsch-israelischen Beziehungen in Bildung und Forschung gebührt.

Das deutsch-israelische Verhältnis ist, wie Sie alle wissen, in jeder Hinsicht ein besonderes. Der Völkermord des nationalsozialistischen Deutschlands an den europäischen Juden ist als einzigartiger Zivilisationsbruch in die Geschichte eingegangen. Die deutschen Hochschulen haben sich früh und ohne nennenswerte Gegenwehr in das System der nationalsozialistischen Gleichschaltung eingliedern lassen. Mit dem berüchtigten „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ begann schon im April 1933 die systematische Vertreibung und Verfolgung jüdischer Hochschullehrer; am 10. Mai 1933 wurden in der Mitte Berlins wie in vielen anderen Universitätsstädten die Bücher führender jüdisch-deutscher Intellektueller verbrannt. Aus den deutschen Volluniversitäten – spezialisierte Hochschulen nicht eingerechnet – vertrieben das nationalsozialistische Regime und seine Mittäter über 900 Hochschullehrer, also ein Fünftel des gesamten wissenschaftlichen Personals, aus ihrem Amt – die weitaus meisten von ihnen aufgrund ihrer jüdischen familiären Bindungen.

Sie emigrierten wie Theodor W. Adorno [Philosoph und Musikwissenschaftler, Frankfurt; USA], Hans Bethe [Physiker, Tübingen; USA, späterer Nobelpreisträger] oder Norbert Elias [Kulturwissenschaftler, U Frankfurt; UK]; sie wurden in Konzentrationslagern ermordet wie Max Herrmann [Theaterwissenschaftler, Berlin], Richard Werner [Krebsforscher, Heidelberg] und Agathe Lasch [Germanistin, Hamburg – erste Professorin der U Hamburg; erste Germanistik-Professorin deutschlandweit]; oder wurden in den Freitod getrieben wie Paul Fraenckel [Gerichtsmediziner, Berlin], Felix Hausdorff [Mathematiker, Bonn] und Felix Stern [Neurologe, Göttingen]. Wir blicken mit Scham auf die Preisgabe der intellektuellen Integrität, der Würde und der Mitmenschlichkeit an deutschen Universitäten in jener Zeit zurück.

Eine bruchlose Kontinuität konnte es nicht geben. Aber die Universitäten in Deutschland haben die Wirkungen und Folgen der NS-Herrschaft im jeweils eigenen Haus zum Gegenstand ihrer historischen Forschung gemacht. Die Reflexion der eigenen historischen Verantwortung ist heute ein integraler Bestandteil ihrer Zusammenarbeit mit Partnern in Israel.

Zugleich haben wir das historisch Verbindende wiedergewonnen, das in den hunderten von Jahren der Verwobenheit jüdischer und deutscher Geistes- und Kulturgeschichte liegt. Mehr als zwanzig renommierte Institute und Zentren in Deutschland beschäftigen sich speziell mit jüdischen Studien und deutsch-jüdischen Beziehungen. Ebenso haben in Israel die mitteleuropäischen Traditionen einen zentralen Platz in vergleichbaren Instituten. Zudem sind Europa- und Deutschland-Institute in Tel Aviv, Haifa, Jerusalem und Beer-Sheva aktiv.

Hierhin spannt sich der Bogen von den Pionierleistungen der Wissenschaft in Ihrem Land, die zu den Grundlagen des späteren Staates Israel erheblich beigetragen hat. 1912 wurde in Haifa das Technion gegründet, 1918 in Jerusalem die Hebräische Universität. Beide waren in ihren Ursprüngen mit der deutschen Wissenschaftskultur im Innersten verwandt.

Sie alle sind bestens mit der bahnbrechenden Rolle vertraut, die die Wissenschaften auch im Vorfeld der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen unseren Ländern gespielt hat. Seither hat die Kooperation zwischen Israel und Deutschland einen Umfang erreicht, der vor fünfzig Jahren unvorstellbar gewesen wäre.

Das Bundeministerium für Bildung und Forschung hat gemeinsam mit seinen Partnern, dem Forschungs- und dem Wirtschaftsministerium des Staates Israel Säulen der Kooperation aufgebaut, die deren Langfristigkeit und strategische Orientierung garantieren.

Hierzu gehören neben der interministeriellen Zusammenarbeit die

  • Minerva-Stiftung,
  • die Deutsch-Israelische Stiftung (GIF),
  • die von der DFG administrierte Deutsch-Israelische Projektkooperation und der
  • Stiftungsfonds Martin-Buber-Gesellschaft der Forschungsstipendiaten in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften.

Letzterer wird morgen hier in Berlin feierlich das Jubiläum mit einer öffentlichen Veranstaltung begehen, in deren Mittelpunkt der wissenschaftliche Nachwuchs stehen wird.

Die Hochschulen in unseren beiden Ländern nutzen diese großen Instrumente der Forschungsförderung regelmäßig, sei es im Rahmen institutioneller Kooperationen wie bei den Minerva-Zentren, sei es durch Individualstipendien zu Forschungsaufenthalten oder in der Projektkooperation. Auch die Leistungen der Mittlerorganisationen DAAD und Alexander von Humboldt-Stiftung oder von privaten Stiftungen wie z.B. Volkswagen kommen Lehrenden, Forschenden und Lernenden der Hochschulen zugute.

Wie lebendig unsere partnerschaftlichen Beziehungen sind, belegen die Kooperationen der Hochschulen selbst. Im Hochschulkompass der HRK haben wir gerade eine Zahl erreicht, die sehr gut zu unserem festlichen Jahr passt: Genau 100 deutsche Hochschulen sind mittlerweile an Kooperationen mit Partnern in Israel beteiligt. Die Zahl der Verträge liegt bei 177 (einschließlich der Partnerschaften mit israelischen Colleges). Dass Ihre sechs Mitgliedsuniversitäten in „VERA“, sehr geehrte Präsidenten, liebe Freunde und Kollegen aus Israel, allesamt an dieser Zusammenarbeit beteiligt sind, scheint uns inzwischen schon fast selbstverständlich – und verdient doch gerade deswegen besondere Würdigung.

Ich möchte ebenso ausdrücklich jedem von Ihnen, die Sie die deutschen Hochschulen repräsentieren, zu Ihren vielfältigen Israel-Initiativen gratulieren. Im Kalender des aktuellen Jubiläumsjahres haben die Universitäten zahlreiche Akzente gesetzt: mit fachlichen und festlichen Veranstaltungen, und mit neuen Strukturen.

So richtete die Ludwig-Maximilians-Universität München das erste Zentrum für Israel-Studien an einer deutschen Universität und die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz eine Israel-und-Nahost-Professur ein. Die Universitäten Potsdam und Tel Aviv schlossen ein umfangreiches Kooperationspaket ab, und die Carl-Albrechts-Universität Kiel zog als Gastgeber des israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin am 12. Mai, dem Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen, große Aufmerksamkeit auf sich.

Die Breite der heutigen Hochschulkooperationen zwischen Israel und Deutschland ist mit Blick auf die Geschichte eine im Wortsinne wunderbare Entwicklung. Unter anderen Gesichtspunkten scheint sie jedoch fast natürlich. Denn sie basiert darauf, dass sich Partner finden, die hervorragend zueinander passen.

Das eher kleine Land Israel gehört zu den forschungsstärksten Nationen weltweit; Ihre Forscherinnen und Forscher bestimmen den internationalen Forschungsdiskurs in vielen Disziplinen mit. Vier Nobelpreise, die Israel seit dem Jahr 2000 in den Naturwissenschaften gewinnen konnte, sprechen für sich. Zwei davon wurden zuvor von deutschen Stiftungen gefördert – Aaron Ciechanover durch die Deutsch-Israelische Projektkooperation und Dan Shechtmann durch die Deutsch-Israelische Stiftung; eine dritte, Ada Yonath, hatte jahrelang am Max-Planck-Institut für Molekulargenetik in Berlin und am DESY geforscht.

Wir in Deutschland bewundern zudem, wie sich die kleine Nation Israel eine weltweit geachtete Marke als „Start-Up-Nation“ aufgebaut hat. Pioniergeist, unternehmerisches Denken, exzellente legislative und finanzielle Rahmenbedingungen sowie ein Wissenschaftsmanagement auf Spitzenniveau bilden die perfekte Ergänzung zur Forschungsexzellenz in Israel.

Und daher ist Israel für uns einer der herausragenden Partner, wenn wir im Rahmen unserer Internationalisierungsstrategie mit den weltweit Besten kooperieren wollen; wenn wir gemeinsam mit internationalen Partnern Wissen in wirtschaftliche Entwicklung und Innovation übersetzen wollen; wenn wir uns der Lösung globaler Herausforderung widmen und auch, wenn wir in der Berufsbildung zusammenarbeiten.

Die Internationalisierung unserer Hochschulen ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten zur zentralen Querschnittsaufgabe der institutionellen Entwicklung geworden. Die HRK unterstützt die Hochschulen dabei mit großem Erfolg, nicht zuletzt durch ihr Audit zur Internationalisierung.

Lieber Herr Prof. Alt, lieber Herr Prof. Hippler, dass die Freie Universität Gastgeber dieses Forums ist, setzt das richtige Signal. Denn hier ist seit den achtziger Jahren eine strategische Partnerschaft mit der Hebrew University aufgebaut worden, die seit 2011 auch offiziell diesen Namen trägt. Um dem weiteren Programm nicht vorzugreifen, beschränke ich mich darauf, aus Ihren zahlreichen Kooperationsfeldern in Lehre, Lernen und Forschen nur das jüngste Juwel, die gemeinsame Doktorandenschule „Human Rights Under Pressure“ zu erwähnen.

Eine ähnlich stetige und intensive Zusammenarbeit haben die Jülich-Aachen Research Alliance – bestehend aus RWTH Aachen und Forschungszentrum Jülich – und das Technion in Haifa aufgebaut: Seit 1983 gestalten sie ihre „umbrella co-operation“.

Das heutige Forum ist Beleg dafür, dass Deutschlands und Israels Universitäten in Sachen Internationalisierung exzellente Partner sind. Freuen Sie sich darauf, sich im Laufe dieses Tages über weitere Beispiele guter Kooperationspraxis im Bereich der Doktoranden und Postdoktoranden auszutauschen. Dass der Schwerpunkt Ihrer Gespräche auf dem wissenschaftlichen Nachwuchs liegt, gibt mir die Gewissheit, dass die Hochschulen unserer Länder auch in Zukunft für eine intensive und exzellente Zusammenarbeit sorgen werden.

Bei Ihrem Treffen werden beide Seiten viel voneinander lernen. Ich wünsche Ihnen einen regen Austausch und viele Anregungen für künftige gemeinsame Aktivitäten.

Vielen Dank.