"Europe 2030: United we stand"

Rede des Parl. Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Thomas Rachel, anlässlich der Veranstaltung der European Democrat Students (EDS) und des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) in der Akademie der KAS

Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung
Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Studentinnen und Studenten!

Die Europäische Union ist jung. – Nicht nur der Einigungsprozess. Auch die Bevölkerung. In der EU ist jeder Achte zwischen 15 und 24 Jahren alt. Diese jungen Menschen sind ganz besonders wichtig für die Zukunft der EU. Denn sie werden in Zukunft Weichen stellen und entscheiden, ob wir enger zusammenwachsen, ob wir durch mehr Kooperationen noch stärker voneinander profitieren.

Zu diesen jungen Menschen gehören auch Sie: Damit haben Sie eine große Verantwortung. Sie haben aber auch große Chancen, Ihre Interessen einzubringen und damit Europa zu gestalten.

Wir wissen, dass Bildung für die Bereitschaft junger Menschen, sich zu engagieren, ganz entscheidend ist. Bildung schließt auch ein, sich mit Politik und Gesellschaftsentwicklung zu beschäftigen.

Studien zeigen, dass sich Jugendliche, die ein geringes Bildungsniveau haben, weniger stark für Politik interessieren als Jugendliche mit einem höheren Bildungsniveau. Und die, die sich für Politik interessieren, informieren sich wiederum auch größtenteils aktiv und selbständig über politische Entwicklungen.

Mehr Bildung heißt mehr Neugierde, mehr Mitgestaltungswille, mehr Offenheit. Wenn wir Europa stärken wollen, dann müssen wir Bildung stärken. Indem wir uns dafür einsetzen, allen Bildungschancen zu geben, sorgen wir für eine aktive Gesellschaft der Zukunft vor.

Genau deshalb müssen wir Bildung in Europa stärken. Inzwischen gibt es eine europäische Bildungspolitik, die die Zusammenarbeit in ganz Europa fördert.

Das heißt nicht, dass alle Zuständigkeiten für Bildung und Kultur auf europäischer Ebene angesiedelt werden sollten. Gerade in diesen Politikfeldern sind regionale und lokale Kompetenzen zu beachten. So ist beispielsweise das Schulwesen wie Sie sicher wissen in Deutschland Ländersache.

Es geht vielmehr darum, dass Bildung und Kultur die tragenden Säulen einer europäischen Identität und die Voraussetzung zur Weiterentwicklung Europas sind.

Deshalb müssen wir dafür sorgen, möglichst allen Menschen in allen Ländern in Europa die für sie bestmöglichste Bildung zuteilwerden zu lassen.

Deutschland steht im europäischen Vergleich gut da. Ganz deutlich wurde das bei der jüngsten PISA-Studie.

Bei der letzten Erhebung lagen Schülerinnen und Schüler in Deutschland mit ihren Leistungen in allen Bereichen deutlich über dem OECD-Durchschnitt.

Wir müssen überlegen, wie wir voneinander lernen können, um die Bildungsmöglichkeiten überall in Europa zu stärken.

Unser duales System der Berufsausbildung in Deutschland ist dafür ein gutes Beispiel. Wir haben in Deutschland eine sehr geringe Jugendarbeitslosigkeit. In Deutschland sind nur 7 Prozent der Jugendlichen ohne Arbeit.

Dagegen liegt die Jugendarbeitslosigkeit in der EU im Schnitt bei rund 20 Prozent; in Spanien und Griechenland sogar bei fast 50 Prozent.

Unsere gute Quote in Deutschland wird auch auf unser duales Ausbildungssystem zurückgeführt. Wir können unser Ausbildungssystem als Beispiel nutzen, um anderen Ländern Anregungen zu geben, was sie vielleicht anders und was sie besser machen können, um die Jugendarbeitslosigkeit zu senken.

Und auch durch unser Wissenschaftssystem sorgen wir dafür, Bildung in Europa zu stärken. Denn es ist so attraktiv, dass viele junge Menschen zum Studium zu uns nach Deutschland kommen.

Deutschland ist nach Großbritannien, das ja einen enormen Sprachvorteil hat, inzwischen der beliebteste Studienort für Studierende aus Ländern des Europäischen Hochschulraums. Jeder neunte Studierende in Deutschland stammt inzwischen aus dem Ausland.

Die jungen Menschen, die zu uns kommen, bringen viele Kompetenzen mit, die sie in unsere Gesellschaft und später vielleicht auch in unseren Arbeitsmarkt einbringen können. Es ist erfreulich, dass auch viele sich vorstellen können, länger hier in Deutschland zu bleiben:

So planen 60 Prozent der Masterstudierenden aus dem Ausland, auch nach Ende ihres Studiums mindestens eine Zeitlang in Deutschland zu bleiben. Und deshalb wollen wir uns ihnen auch nicht verschließen.

Austausch muss aber in beide Richtungen funktionieren: Wir möchten deshalb ganz besonders auch junge Menschen in Deutschland ermutigen, für einige Zeit im Ausland Erfahrungen zu sammeln. „Wer die Welt bewegen will, sollte erst sich selbst bewegen“, sagte schon Sokrates.

Wer eine Zeit in einem anderen Land mit anderen kulturellen Gepflogenheiten und einem anderen Bildungssystem lebt, lernt viel über Kulturen und über Menschen. All das sind wichtige Erfahrungen, die die Persönlichkeit stärken. Neben allem Zugewinn an Fachwissen, ist auch das ein Verdienst von Bildung. Und es sorgt auch langfristig gesehen für Erfolg.

Eine Studie hat gezeigt, dass die Arbeitslosenquote ehemaliger Erasmus-Studenten fünf Jahre nach ihrem Studium um 23 Prozent niedriger ist als bei Studierenden ohne Auslandserfahrung. Fast jeder zehnte Erasmusstudierende hat nach einem Auslandspraktikum den Schritt in die Selbständigkeit gemacht.

Wir wollen deshalb möglichst vielen die Möglichkeit zu Auslandserfahrungen geben. Dafür gibt es das Bildungsprogramm „ERASMUS+“. Es ist 2014 gestartet und
fördert die Mobilität in den verschiedenen Bildungsfeldern.

Vorgängerprogramme gibt es schon seit 1987. Seitdem wurden rund 3,3 Millionen Studierende europaweit gefördert, darunter über eine halbe Millionen deutsche Studierende.

Allein im Hochschuljahr 2013/2014 haben mehr als 40.000 Studierende und Hochschulangehörige aus Deutschland eine Erasmus-Förderung erhalten. Rund 140.000 deutsche Studierende sind an einer Hochschule im Ausland eingeschrieben – dreimal mehr als zu Beginn der sogenannten Bologna-Reform.

Das sind hohe Zahlen und im internationalen Vergleich erweisen sich die deutschen Studierenden damit als sehr auslandsmobil.

Dabei ist der Bologna-Prozess von hoher Bedeutung. Die Förderung des Austausches von Studierenden und von Hochschulpersonal liefert einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung der nationalen Hochschulsysteme in Europa, zur Qualifizierung von Fachkräften für den Arbeitsmarkt sowie des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Die Bundesregierung unterstützt die Reform des deutschen Hochschulsystems mit zahlreichen Maßnahmen. Nennen möchte ich hier nur kurz

  • den "Hochschulpakt"  zur Schaffung zusätzlicher Studienplätze,
  • den "Qualitätspakt Lehre" zur Verbesserung der Qualität in Studium und Lehre,
  • den Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: Offene Hochschulen“ für mehr Durchlässigkeit,
  • Studienfinanzierungsinstrumente (Auslands-BAföG, Bildungskredit  und Stipendien ),
  • die Mobilitätsförderung über den Deutschen Akademischen Austauschdienst
  • sowie die Förderung des Projekts "nexus" der Hochschulrektorenkonferenz , das die Hochschulen bei der Umsetzung der Studienreform, unter anderem auch zur Verbesserung der Anerkennung von im Ausland erbrachten Studienleistungen, unterstützt.

Im Vergleich zu anderen Bologna-Staaten  ist die Bologna-Reform in Deutschland bereits weit fortgeschritten. Wir legen dabei Wert auf einen starken Dialog mit Osteuropa, die bessere Umsetzung der bereits verabredeten Reformen im Rahmen von Bologna, die Stärkung der Mobilität von Studierenden, Lehrenden, des administrativen Personals, der Lehramtsstudierenden und die Verbesserung der Qualität und deren Qualitätssicherung.

Deutschland wird seine guten Erfahrungen mit einem diversifizierten Hochschulsystem, einer holistischen Hochschulausbildung und Angeboten wie dualen Studiengängen mit unseren Partnern teilen.

Erfreulicherweise beteiligen sich inzwischen 48 Staaten an dem Bologna-Prozess – zuletzt ist Weißrussland dazugekommen. Durch den Europäischen Hochschulraum bieten sich auch für deutsche Hochschulen Chancen für interessante Kooperationen und vielfältige Studienmöglichkeiten für deutsche Studierende. Der Bologna Prozess bietet uns ein einmaliges Forum, Brücken zwischen unseren Staaten und Menschen unterschiedlichster Auffassungen zu bauen. Zusammen mit den konkreten Ergebnissen ist dies ein gutes Signal für Europa.

Der fachliche Wissenszuwachs und der Gewinn an persönlichen Erfahrungen durch einen Auslandsaufenthalt dienen aber nicht nur dem Einzelnen, sondern auch der ganzen Gesellschaft.

Bildung sei das Vermögen, Dinge vom Standpunkt eines anderen aus betrachten zu können, sagte der Philosoph Hegel einmal.

Mit anderen Worten heißt das: Die Begegnung mit anderen Menschen und Kulturen fördert Toleranz. Und Toleranz ist eine wichtige Grundlage für das Zusammenleben in allen Gesellschaften.

Toleranz ist vor allem mit Blick auf die Vielfalt in unserer Gesellschaft von hoher Bedeutung. Gerade aktuell sehen wir das ganz deutlich: Angesichts der vielen Menschen, die ihre Heimat verlassen und zu uns kommen, müssen wir unter Beweis stellen, dass wir Toleranz nicht nur fordern, sondern dass wir sie auch leben.

Menschen, die sich selber im Ausland zurechtfinden mussten, können annähernd nachvollziehen, mit welchen Herausforderungen die Menschen konfrontiert sind, die jetzt zu uns kommen.

Sie ahnen, was die Flüchtlinge brauchen und können hier vermittelnd wirken.

Aber auch die, die noch keine Auslandserfahrung haben, können helfen. Ich appelliere hier besonders auch an Sie als Vertreter der jüngeren Generation.

Fast ein Drittel der Flüchtlinge ist noch nicht einmal 18 Jahre alt. Etwa ein Viertel gehört der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen an. Viele von ihnen kennen ein Bildungssystem, wie wir es haben, nicht.

Helfen Sie diesen jungen Menschen, sich zurechtzufinden, erleichtern Sie ihnen den Zugang zu Bildung, nehmen Sie sie mit in Ihren Lernalltag.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Förderung dieser jungen Menschen langfristig ein Gewinn für unsere Gesellschaft sein wird. Viele der Flüchtlinge sind sehr motiviert und leistungsbereit.

Einige von Ihnen helfen ehrenamtlich sicher auch schon, den Flüchtlingen das Ankommen in unserer Gesellschaft zu erleichtern. Dafür danke ich Ihnen herzlich.

Auch die Politik ist sich sehr wohl ihrer Verantwortung bewusst, alles zu tun, um Flüchtlinge, die hier längerfristig bleiben werden, in unsere Gesellschaft zu integrieren.

Wir haben in den letzten Monaten viel initiiert, um besonders jungen Menschen durch Bildung Chancen zu eröffnen. Zum Beispiel setzen wir uns dafür ein, die Eingliederung von jungen Asylbewerbern in die berufliche Bildung zu erleichtern. Wir ermöglichen Flüchtlingen zudem den Zugang zum Studium und unterstützen die Hochschulen dabei.

Vor allem setzen wir uns aber dafür ein, den Flüchtlingen möglichst schnell Sprachkenntnisse zu vermitteln.

Wir wollen möglichst viele möglichst schnell erreichen und motivieren. Deshalb fördern wir das Programm „Einstieg Deutsch“ beim Deutschen Volkshochschulverband. Dort erhalten Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive die Möglichkeit, rasch Grundlagen in Sprachverstehen und Sprechfähigkeit zu erwerben. Dabei unterstützen wir unter anderem die Entwicklung einer App, die ihnen beim Deutsch lernen hilft und die sie als Lernmedium nutzen können.

Deutschland unternimmt enorme Anstrengungen, um die Integration von Flüchtlingen mit guter Bleibeperspektive zu meistern. Wir wissen aber auch, dass wir Herausforderungen wie die Flüchtlingsfrage als einzelnes Land nicht alleine meistern können. Wir brauchen hier ganz klar den europäischen Zusammenhalt. Globale Herausforderungen gemeinsam zu lösen: Das wird in Zukunft noch viel stärker der Auftrag Europas sein, der die Staaten zusammenschweißt.

Dass diese Sicht derzeit leider nicht von allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union geteilt wird, das macht die Lage nicht einfacher. Aus unserer Sicht gibt es aber derzeit keine Alternative zu einem gemeinsamen Handeln der EU.

Erfolg werden wir nur haben, wenn von allen Seiten die Bereitschaft zur Zusammenarbeit vorhanden ist. Sie alle können daran mitwirken, diese Bereitschaft zu stärken.

Ich möchte Sie dazu ermutigen: Eignen Sie sich Wissen zu europäischen Kontexten an. Sammeln Sie Erfahrungen in anderen Ländern. Und werden Sie so zu Botschaftern europäischer Offenheit und Toleranz und stärken Sie Europa.

Vielen Dank.