Extremisten stilisieren sich als Opfer

Mit Falschmeldungen versuchen Extremisten, Meinungen im Internet zu lenken. So wollen sie ihre Ansichten als Mehrheitsmeinung darstellen. Jugendliche müssen daher lernen, solche Strategien zu entlarven, sagt Extremismusforscher Martin Kahl.

Immer häufiger versuchen Extremisten in Sozialen Medien, sich als Opfer von Unterdrückung darzustellen. Ihr Ziel: Jugendliche sollen auf die Seite der vermeintlichen Opfer wechseln.

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bmbf.de: Herr Kahl, im BMBF-Verbundprojekt „Propaganda, Mobilisierung und Radikalisierung zur Gewalt in der virtuellen und realen Welt“ (PANDORA) untersuchen Sie Parallelen zwischen rechtsextremer und islamistischer Mobilisierung in den sozialen Medien. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sind besonders wichtig?

Martin Kahl: Eine der zentralen Erkenntnisse unserer Forschung ist, dass im rechtsextremen und islamistischen Spektrum eine Anpassung an die Bedingungen moderner Mediengesellschaften stattgefunden hat. In den sozialen Medien agitieren die Gruppierungen nicht nur politisch, sondern versuchen auch, einen Lebensstil zu vermitteln, der durch jugendliches Auftreten geprägt ist. Beide Spektren sind sehr versiert im Umgang mit den Möglichkeiten, die sich online bieten – etwa indem sie ihre Botschaften in spielerische, ironische oder humoristische Form bringen und so darauf bauen können, dass diese rasch weiterverbreitet werden. Diese Botschaften werden so zu Selbstläufern und tragen zusammen mit gemeinsamen Slogans, Hashtags etc. dazu bei, temporäre Gemeinschaften zu schaffen, die ihre politischen Botschaften transportieren.

Sicherheitsforscher Professor Martin Kahl analysiert Diskurse von Extremisten in Sozialen Medien. © IFSH

Gibt es auch inhaltliche Übereinstimmungen bei den Botschaften?

Ja, Vertreter beider Seiten betonen immer wieder, dass die Identität und die Kultur der eigenen Gruppe in Gefahr sei und mit allen Mitteln verteidigt werden müsse. Beide stellen sich als Opfer von Verboten oder der Unterdrückung ihrer Meinungen durch den politischen Mainstream und die Medien dar. Diese Opferrolle versuchen sie zu nutzen, um Gleichgesinnte oder potenzielle Anhänger zu mobilisieren.

Welche Faktoren begünstigen Radikalisierungsprozesse?

Die sozialen Medien bieten für solche Selbstinszenierungen, Identitätsbildungen und Bedrohungsphantasien aufgrund ihrer Funktionsweisen eine besonders geeignete Plattform. So versuchen extremistische Gruppen Nutzerinnen und Nutzer zu lenken, indem sie die algorithmische Steuerung von Nachrichten und Verlinkungen zu ihnen genehmen Webseiten durch manipulative Techniken beeinflussen. Dazu gehören das Anlegen von Falsch- und Mehrfachaccounts, Kampagnen, durch die Kommentarspalten in Online-Medien geflutet werden oder die Verwendung von Bots, die automatisiert Botschaften verbreiten. Dadurch wird der Eindruck hervorgerufen, dass bestimmte Meinungen weiter verbreitet sind als dies tatsächlich der Fall ist.

Extremisten sind also „Kommunikationsprofis“?

Sie wissen meist ganz genau, wie man Massendynamiken online entfaltet, die politischen Einfluss ausüben. Alles in allem ist es ihr Ziel, über die sozialen Medien eine große Öffentlichkeit zu simulieren, um den Anschein zu erwecken, dass die „besseren“ Argumente – also ihre eigenen – stärkeren Zulauf gewinnen und sich letztendlich durchsetzen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Extreme Meinungen wie die einer „Umvolkung“ erscheinen in manchen Kreisen als „normal“, weil sie ja offenbar weit verbreitet sind. Mehr noch: Sie stellen es als Notwendigkeit dar, sowohl gegen bestimmte gesellschaftliche Minderheiten als auch politische Repräsentanten handeln zu müssen. Hier sehen wir einen zentralen Ansatzpunkt für die Radikalisierung hin zur Gewalt.

Wie wirken die „Online-Welt“ und die „reale Welt“ dabei zusammen?

Wir sehen, dass Angebote zur Beteiligung auf der Straße und in den sozialen Medien von Rechtsextremem und Islamisten mit den Lebenswelten vor allem junger Menschen stark verbunden werden. Dies geschieht etwa dadurch, dass bewusst Probleme von Heranwachsenden thematisiert werden und eine jugendkulturelle Sprache verwendet wird. Aktionen wie Demonstrationen, die symbolische Besetzung bestimmter Orte oder Unterschriftenkampagnen und Flugblattverteilungen auf der Straße werden im Nachgang auf Videokanälen weiterverwertet oder über verschiedene Plattformen und Messenger koordiniert und organisiert. Diese Verbindung zwischen sogenannter realer und Online-Welt wird immer wichtiger. Das heißt auch: die lang aufrecht erhaltene Unterscheidung zwischen diesen Welten verliert zunehmend an Trennschärfe. So sind Rechtsextremismus oder Islamismus im heutigen Kontext ohne die Möglichkeiten, die das Internet bietet, kaum mehr denkbar.

Plattformen wie Youtube, Instagram, Twitch oder TikTok sind aus dem gesellschaftlichen Alltag heute nicht mehr wegzudenken, Jugendliche verbringen dort in der Regel besonders viel Zeit. Wie können sie für die Wirkmechanismen von Propaganda auf diesen oder ähnlichen Kanälen sensibilisiert werden?

Tatsächlich sollen besonders junge Menschen in den Glauben versetzt werden, Teil einer großen Bewegung zu sein, die den Lauf der Geschichte ändern kann – mit wenigen Klicks oder einer symbolischen Aktion am eigenen Computer. Aufrufe zu solchen Aktionen schließen an gängige Nutzungsweisen sozialer Medien durch Jugendliche an. Jugendliche müssen deshalb in die Lage versetzt werden, solche und andere Strategien gleich zu durchschauen. Die entsprechenden Fähigkeiten könnten z.B. im Schulunterricht vermittelt werden. Andererseits gilt es, die betreibenden Unternehmen in die Verantwortung zu nehmen, extremistische Inhalte eindeutig kenntlich zu machen oder sie ganz von ihren Plattformen zu verbannen.

Welche weiteren Erkenntnisse für die Prävention konnten Sie aus dem Vergleich zwischen rechtsextremen und islamistischen Diskursen bereits gewinnen?

Unsere Forschung hat gezeigt, wie wichtig es ist, zunächst die kommunikativen Strategien extremistischer Akteure zu durchschauen. Nur so können wir verstehen, wie sie ihre Botschaften strukturieren und wie diese dann zusammen mit den Funktionsmechanismen der sozialen Medien Wirkung entfalten können. Durch die algorithmisierte Verbreitung von Nachrichten, wie sie die Social Media-Plattformen vornehmen, werden gerade solche Informationen priorisiert und damit sichtbarer, die durch ein breites, aktives Unterstützungsnetzwerk geteilt, kommentiert und geliket werden. Benötigt werden sowohl mehr Medien- und Digitalkompetenz bei den Nutzerinnen und Nutzern als auch digitale Zivilcourage in Form von Gegenrede. Weiterhin müssen auch Verstärkereffekte etwa durch Algorithmen oder metrische Manipulation, wie sie beispielsweise durch Bots oder gefälschte Nutzerprofile vorgenommen werden, durch die Plattformbetreiber unterbunden werden.

Welche Antworten kann eine pluralistische Gesellschaft auf Bedürfnisse nach einer radikalen Vereinfachung geben?

Dazu reicht es sicher nicht aus, immer wieder zu betonen, dass die Dinge heutzutage kompliziert sind. Wie bereits gesagt: Ein erster Schritt kann darin bestehen, Vereinfachungsstrategien zu entlarven und zu hinterfragen. Dazu gehört insbesondere auch zu zeigen, wie extreme Gruppen über die Konstruktion exklusiver Identitäten versuchen, dem Antipluralismus Vorschub zu leisten, wenn z.B. bestimmte Gruppen der Bevölkerung als nicht dazugehörig erklärt und ihnen grundlegende Rechte verweigert werden sollen.