"FAIR-Anlage wird weltweit einmalige Spitzenforschung ermöglichen"

Forschungsstaatssekretär Georg Schütte spricht am 6. Dezember 2015 im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über den Teilchenbeschleuniger FAIR.

Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung
Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung © Denzel, Jesco / BPA

FAZ: Herr Schütte, wie lange weiß man schon von den Schwierigkeiten bei Fair, der „Facility for Antiproton and Ion Research“?

Georg Schütte: Im Jahr 2014 wurde deutlich, dass sich das FAIR-Projekt verzögern würde,  und es standen erhebliche Mehrkosten im Raum. Darauf haben wir unmittelbar reagiert und eine Begutachtung des Fair-Projektes durch ein internationales Expertengremium eingeleitet. Dieses Gremium sollte die Frage  beantworten, ob Fair  seine weltweit wissenschaftliche Alleinstellung behalten wird, auch wenn es deutlich später fertig würde. Zudem wurden die Experten gebeten, Vorschläge zur Verbesserung der Projekt- und Managementstruktur zu machen.

FAZ: Was waren die Ergebnisse?

Schütte: Das Expertengremium hat klar die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit und Einmaligkeit von FAIR bescheinigt. Es kam zum eindeutigen Ergebnis, dass die FAIR-Anlage auch bei späterer Realisierung (zwischen 2022 und 2025) weltweit einmalige Spitzenforschung ermöglichen wird. Für eine erfolgreiche Realisierung hat die Expertengruppe Vorschläge für Veränderungen im Projektmanagement gemacht.

FAZ: Auch der Bundesrechnungshof Stellung genommen.

Schütte: Der Bundesrechnungshof hat sich kritisch zu der Verzögerung der Inbetriebnahme der FAIR-Anlage geäußert. Er führt dies insbesondere auf Abstimmungsschwierigkeiten zwischen den beiden Projektpartnern GSI GmbH (Anm. d. Red. GSI: Gesellschaft für Schwerionenforschung) und FAIR GmbH sowie das Fehlen eines funktionierenden Gesamtprojektmanagements zurück. Hier greifen inzwischen die von mir persönlich im vergangenen Jahr bereits veranlassten strukturellen Maßnahmen zur Effizienzsteigerung.

FAZ: Wie hat man nun bei Fair darauf reagiert?

Schütte: Die Empfehlungen der Expertengruppe zur Optimierung des Managements und der Projekt-organisation wurden im Jahresverlauf unmittelbar umgesetzt. Es wurden neue Organisationsstrukturen geschaffen. Dadurch und im weiteren Verfahren wird auch den Empfehlungen des Bundesrechnungshofes Rechnung getragen. Die Idee, nur einen General-Unternehmer mit der Realisierung des Gesamtprojekts zu beauftragen wurde aufgegeben.

FAZ: Was sind die konkreten Beschlüsse?

Schütte: Es  wurden Veränderungen im Projektmanagement veranlasst. In einem ersten Schritt haben wir auf Ebene der Geschäftsführung von GSI und FAIR eine gemeinsame Projektverantwortung zwischen Fair  und GSI verankert. Auf Frau Ursula Weyrich, die seit November 2014 administrative Geschäftsführerin für Fair und GSI ist, wurde im März 2015 die Gesamtprojektverantwortung für Fair  übertragen. Außerdem konnten wir Herrn Professor Karlheinz Langanke als Wissenschaftlichen Geschäftsführer von GSI ad interim gewinnen. Seit April gibt es einen gemeinsamen Projektleiter. Die Fair-Bauabteilung wird neu aufgestellt und sukzessive erweitert.

Weiterhin hat das FAIR-Management drei Expertenbeiräte eingesetzt (Strategie-Beratungsgruppe, Bau-Expertengruppe, Beraterkreis von Verwaltungs- und Managementexperten). Darüber hinaus wird Anfang 2016 ein neuer Technischer Geschäftsführer mit langjähriger Erfahrung im Großanlagenbau seine Tätigkeit aufnehmen.

FAZ: Wie hoch sind die zusätzlichen Kosten?

Schütte: Das neue Management hat im Auftrag der Fair Gesellschafter im Sommer dieses Jahres seine Einschätzung zu den Gesamtkosten des Fair-Projekts präsentiert und erläutert. Überzeugt von der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung der Anlage haben sich alle internationalen Partner darauf verständigt, den Bau von Fair  trotz der Mehrkosten von 235 Millionen Euro (Preisbasis 2005) wie geplant zu realisieren. In einer Sondersitzung der Gesellschafterversammlung von Fair Ende September wurde beschlossen, die Anlage stufenweise zu realisieren und die Mehrkosten gemeinsam zu finanzieren.

FAZ: Was sind die Gründe für die zusätzlichen Kosten?

Schütte: Die Gründe für die Mehrkosten sind vielfältig. Anders als bei einem standardisierten Gebäude ist die Fair-Anlage einmalig und technologisch hoch komplex. Seit den ursprünglichen Kostenschätzungen sind die Planungen weiter fortgeschritten und detailliert worden. Mit den Spezifizierungen gingen auch Anpassungen im Brandschutz und Strahlenschutz einher. 

FAZ: Gibt es einen Notfallplan, falls die Kosten weiter aus dem Ruder laufen?

Schütte: Die Gesellschafter haben eine klare Kostenobergrenze von 1,262 Milliarden Euro (Preisniveau 2005) festgelegt. Hinzu kommen die bereits zu Beginn der Maßnahme von Deutschland finanzierten standortbedingten Sonderkosten in Höhe von rund  95 Millionen Euro (Preisniveau 2005). Innerhalb dieses Finanzrahmens wird sich das Fair -Management bewegen. Die Realisierung des Projekts in zwei Stufen schafft eine zusätzliche Sicherheit.

FAZ: Warum hat man nicht schon viel früher die Notbremse gezogen? Hat man die technischen Herausforderungen unterschätzt, nicht zuletzt bei der GSI?

Schütte: Von Notbremse kann keine Rede sein. Wir haben unmittelbar reagiert als im Jahr 2014 deutlich wurde, dass sich das FAIR-Projekt verzögern würde und erhebliche Mehrkosten im Raum standen. Wir haben das Projekt gemeinsam bestätigt, das jetzt unter dem konsolidierten Management zügig umgesetzt werden kann.

FAZ: Wie haben die an Fair beteiligten acht Nationen reagiert?

Schütte: Seit dem Frühsommer 2015 habe ich  intensive Gespräche mit den Regierungen der acht Partnerländer geführt. Nach intensiven Verhandlungen einigten sich die Regierungen darauf, das Projekt in der im Jahr 2009 vereinbarten Version zu errichten. Alle Partnerländer erklärten sich bereit, in zwei Stufen (Stufe 1: 2016, Stufe 2: 2019) die Finanzierung der Mehrkosten sicherzustellen. Zugleich einigten sich die Partner auf die bereits genannte Kostenobergrenze   Außerdem verständigten sich die Fair-Partner darauf, im Jahr 2019 den Baufortschritt und die Einhaltung der Kostengrenze extern überprüfen zu lassen.

FAZ: Wie sicher kann der Steuerzahler sein, dass die zusätzlichen Kosten gut angelegtes Geld sind?

Schütte: Mit Fair  entsteht in Darmstadt eine neue und einzigartige Beschleunigeranlage. Die Anlage wird durch eine internationale Gemeinschaft von neun Nationen geplant, finanziert und realisiert. Rund 3000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt werden künftig an FAIR arbeiten. Sie werden herausragende Experimente durchführen, um wegweisende neue Erkenntnisse über den Aufbau der Materie und des Universums zu gewinnen. Die Fragen, die wir hoffen, eines Tages durch Fair klären zu können, sind faszinierend, zum Beispiel: Wie entstehen die chemischen Elemente in den Sternen, die eine Grundvoraussetzung für unser Leben sind?

Zur Beantwortung der wissenschaftlichen Fragen ist es notwendig, technologische Neuentwicklungen in vielen Bereichen voranzutreiben, zum Beispiel in der Informationstechnologie oder in der Supra-Leitungstechnik. Aber auch bei den Gebäuden müssen innovative technische Lösungen gefunden werden. Und natürlich wird Fair ein weltweiter Anziehungspunkt für junge Menschen sein, so dass in Darmstadt wissenschaftlich-technisch hochqualifizierte Nachwuchskräfte im internationalen Umfeld ausgebildet werden können.

FAZ: Fair sollte ursprünglich 2018 in Betrieb gehen. Wie sieht der derzeitige Zeitplan aus?

Schütte: In seiner Sitzung am 29. September 2015 hat das FAIR Council, die Gesellschafterversammlung von FAIR, zur Beschleunigung des Baustarts eine stufenweise Realisierung des FAIR-Projekts beschlossen. Die Inbetriebnahme eines Großteils der Anlage ist jetzt entsprechend dem Vorschlag des Managements für 2022 in der Planung. Der Vollbetrieb ist für das Jahr 2025 vorgesehen.

FAZ: Wie sicher ist, dass der neue Starttermin eingehalten werden kann?

Schütte: Nach der schwierigen Phase im Herbst 2014 sind nun die Rahmenbedingungen für die Zukunft von Fair  geschaffen und die notwendigen Entscheidungen für eine erfolgreiche Realisierung von FAIR getroffen. Die seit Jahresbeginn vom neuen Management eingeleiteten strukturellen und organisatorischen Maßnahmen greifen schon, auch wenn sie natürlich noch nicht abgeschlossen sind und auch nicht sein können. Alle internationalen Gesellschafter von Fair  haben Vertrauen in das neue Management am Standort und sind überzeugt, dass das Projekt nun gemäß der neuen Strategie erfolgreich in die Realisierungsphase überführt wird.

FAZ: Wann kann der erste Spatenstich erfolgen, der Grundstein gelegt werden?

Schütte: Die Investitionstätigkeiten sollen 2022 abgeschlossen sein, das heißt  ein Großteil der Anlage soll dann in Betrieb genommen werden. An diesem Zieldatum orientieren sich die Realisierungspläne. Das Projekt ist jetzt in der Umsetzungsphase. Eines Spatenstiches bedarf es deshalb nicht mehr.  Mit dem Hoch- und Tiefbau soll im Zeitraum ab Ende 2016 begonnen werden.

FAZ: Herr Schütte, wir bedanken uns für das  Gespräch.