Fest verankert in der Zukunft

Ökologisch wohnen mitten in der Natur – mit dem visionären autartec-Haus bleibt das kein Traum. Fünf Jahre lang hat ein interdisziplinäres Team an dem schwimmenden, sich selbst versorgenden Gebäude gearbeitet, das nun feierlich eingeweiht wurde.

Wo sich einst Kohlebagger ihren Weg durch die Lausitzer Landschaft bahnten, glitzern nun die Glas- und Photovoltaik-Elemente eines spektakulären schwimmenden Hauses in der Sonne. Das futuristische Gebäude ankert im Bergheider See, einem gefluteten ehemaligen Tagebau in der Lausitz. Gleich nebenan erhebt sich die gigantische, 500 Meter lange Förderbrücke, die zum Besucherbergwerk gehört. Das autartec-Haus soll künftig Strom, Wärme und Trinkwasser völlig eigenständig produzieren. Seine ungewöhnliche Form – drei ineinander geschobene, verdrehte Kuben – folgt der Funktion. Einer der Würfel ist mit Solarthermie-Platten bestückt, der zweite mit Solarzellen, die in die Fenster integriert sind, der dritte enthält Wassertechnik und Kühlung. Bauherr und federführend in der Entwicklung war das Dresdner Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme IVI; gefördert wurde das Projekt vom Bundesforschungsministerium im Rahmen des „Innovative regionale Wachstumskerne“-Programms.

Für die unkonventionelle Kühlung des Hauses haben Wissenschaftler des Fraunhofer IVI ein eigenes Wärmeaustauschsystem ohne Kühlmittel entwickelt. Es verbraucht im Jahr gerade einmal 34 Kilowattstunden Strom, während konventionelle Systeme 255 Kilowattstunden benötigen. Doch damit es nicht nur im Sommer kühl, sondern in der kalten Jahreszeit auch kuschelig warm ist, gibt es im Haus einen Kamin. Von außen wirkt er wie ein ganz normaler Einbaukamin, doch der Ofen ist mit einem Salzhydratspeicher verbunden, der die Wärme des verbrannten Holzes und der Sonnenenergie speichert. Bei Bedarf, zum Beispiel beim Duschen, erwärmt er damit das Wasser. Ausgetüftelt und gebaut hat den Speicher der autartec-Partner Gemeinnützige Forschungsgesellschaft für dezentrale Energiesysteme e.V. GEDES.

Weitere Energiespeicher verstecken sich platzsparend in den Wänden oder in der Wendeltreppe. Ihre hohlen Stufen bestehen aus dem Hightech-Material Carbonbeton und sparen Gewicht, Material und damit Ressourcen. Sie wurden von Ingenieuren der Technischen Universität Dresden entworfen und vom Firmenpartner Rupp-Beton in Thüringen hergestellt. Die aufwändige Wasseraufbereitung wiederum haben Ingenieure am Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme IKTS in Dresden entwickelt. Die völlig neue Technologie ist unabhängig von chemischen und biologischen Komponenten. Photokatalytisch aktive keramische Schäume verwandeln das anfallende Abwasser von Badewanne, Waschmaschine oder Geschirrspüler in sauberes Trinkwasser. Licht löst einen oxydativen Prozess aus, der biologische Verunreinigungen neutralisiert. Die Technik ist noch in der Testphase und soll perspektivisch in dem autarken Haus genutzt werden.

Von der Treppe über die Wände bis zum Dach – das Haus ist voll mit neuartiger, komplexer Technik, hinter der hohe Ingenieursleistungen stecken. Doch wie können künftige Bewohner damit umgehen? Beeinträchtigen die umweltfreundlichen Technologien die Wohnqualität? Innen ist davon nichts zu spüren. Das Haus ist hell und gemütlich, mit einmaligen Ausblicken auf sich sanft kräuselndes Wasser durch riesige Glasfronten. Die Technik ist gut versteckt. Nur ein Touchscreen zur Regelung der Haustechnik erinnert daran. Hinter dem übersichtlichen Display verbergen sich ausgeklügelte Algorithmen für ein Managementsystem, das die Energie- und Wärmeversorgung, die Wasseraufbereitung und ein Smart-Home-System miteinander verbindet. Die Software hat die Dresdner INNIUS DÖ GmbH entwickelt, einer der autartec-Unternehmenspartner.

Das außergewöhnliche Gebäude aufs Wasser zu bringen, war ein Kraftakt mit vielen Herausforderungen. Um die ausgeklügelte Haustechnik serienmäßig herstellen und im Alltag nutzen zu können, müssen die Wissenschaftler in den kommenden Jahren noch einige Tests durchführen. Doch schon jetzt haben sie viel erreicht. Das autartec-Haus am Bergheider See hat Zukunftstechnologien in die ehemalige Bergbauregion gebracht. Damit übernimmt es in doppelter Hinsicht eine Vorreiterrolle: für eine neue Generation umweltfreundlicher, autarker Häuser, die nicht nur auf dem Wasser, sondern auch an Land errichtet werden können – und für den Strukturwandel in der Lausitzer Bergbaufolgelandschaft.