Festakt 60 Jahre DESY

"Die Grundlagenforschung ist ein unabdingbares Fundament für Entwicklung und Fortschritt einer Gesellschaft", betonte Staatssekretär Wolf-Dieter Lukas im Rahmen des Festaktes anlässlich des 60. Geburtstages des DESY.

60 Jahre DESY
"60 Jahre DESY – es ist der runde Geburtstag einer der bedeutendsten Infrastrukturen Deutschlands und inzwischen auch weltweit", so Staatssekretär Wolf-Dieter Lukas. © DESY / Claudia Höhne

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Senatorin Fegebank,

sehr geehrter Herr Präsident Professor Wiestler,

sehr geehrter Herr Professor Dosch,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

60 Jahre DESY – das ist nicht nur ein runder Geburtstag eines Institutes. Es ist der runde Geburtstag einer der bedeutendsten Infrastrukturen Deutschlands und inzwischen auch weltweit. Forschung bei DESY war und ist extrem vielseitig. Hier suchen die Wissenschaftler nach den kleinsten Materiebausteinen der Welt, erforschen energiereiche Phänomene im Kosmos, entwickeln innovative Hightech-Werkstoffe und fahnden nach neuen Wirkmechanismen für künftige Medikamente.

Als eines der größten deutschen Forschungszentren hat DESY immer wieder Spitzenleistungen in der Grundlagenforschung bewiesen und ganz neue Denkansätze in die wissenschaftliche Debatte eingebracht.

Die Forschung bei DESY war und ist daher geprägt von bahnbrechenden Entdeckungen in der Teilchenphysik. Hier nenne ich die Entdeckung des Gluons, des Trägerteilchens der starken Wechselwirkung als einer der vier Grundkräfte der Natur im Jahre 1979.

Es folgte mit HERA in den 90er-Jahren die weltbeste Bestimmung der Struktur des Protons und damit des Verständnisses der starken Kraft. Mit den Experimenten an HERA wurde auch der erste experimentelle Schritt zur Vereinheitlichung der Grundkräfte gelegt, hier der elektromagnetischen und der schwachen Wechselwirkung zur elektroschwachen Wechselwirkung.

Ein ganz anderes Beispiel ist die die Entschlüsselung der Struktur des Ribosoms, der Eiweißfabrik in den Zellen. Dafür erhielt die israelische Professorin Ada Yonath 2009 zu einem Drittel den Chemie-Nobelpreis. Die entsprechenden Experimente mit Synchrotronlicht hatte sie von 1986 bis 2004 maßgeblich auf dem DESY-Campus durchgeführt.

Voraussetzung für diese Erfolge waren vor allem auch Ihre Leistungen in der Beschleunigertechnologie, die Sie weltweit geprägt haben. Die supraleitenden Beschleunigerstrecken, die Sie maßgeblich entwickelt haben, sind nun weltweit zum Standard geworden. Sie werden zum Beispiel beim Beschleuniger für XFEL eingesetzt. 

Fazit: DESY hat eine herausragende Bilanz vorzulegen! Die Erwartungen auch für die Zukunft der Grundlagenforschung bei DESY haben Sie damit hoch gelegt! Das Engagement von DESY bei XFEL, für den DESY den Beschleuniger betreibt, ist ein herausragendes Beispiel für die Hoffnungen auf weitere großartige Entdeckungen bei und im Umfeld von DESY.

Die Grundlagenforschung ist ein unabdingbares Fundament für Entwicklung und Fortschritt einer Gesellschaft.

Die Erkenntnisse der Wissenschaft verschieben die Grenzen des technisch Machbaren und ermöglichen dadurch langfristig auch technische Neuerungen, die zu Wachstum und Wohlstand beitragen. Damit schafft Grundlagenforschung die Basis für Technologien von morgen. So werden Teilchenbeschleuniger neben der Grundlagenforschung heute bereits in vielen Bereichen der Industrie eingesetzt – beispielsweise in der Halbleiterentwicklung oder auch in der Medizin.

Auch an Großgeräten wie dem Röntgenlaser XFEL oder dem Synchrotron Petra III entstehen die Ideen, die – oft Jahrzehnte später – in Produkte des täglichen Lebens einfließen, deren Herstellung in Deutschland wie in unseren Partnerstaaten Arbeitsplätze schafft und den Wohlstand mehrt.

Grundlagenforschung braucht einen langen Atem – das gilt für den einzelnen Forscher im Labor, das gilt aber auch für unsere Forschungspolitik, die die Rahmenbedingungen dafür schafft.

Die Ideen aus der Grundlagenforschung brauchen Zeit, um im Diskurs mit den Bedarfen aus der Anwendung reifen zu können. Für diese komplexen Prozesse muss eine kluge Forschungspolitik optimale Rahmenbedingungen schaffen.

An diesem Punkt setzt die deutsche Forschungspolitik an, wenn sie sicherstellt, dass Projekte aus der Grundlagenforschung verlässlich und nachhaltig gefördert werden. So wendet das Bundesministerium für Bildung und Forschung jährlich Mittel im dreistelligen Millionenbereich für den Bau internationaler Großgeräte auf , wie z.B. des European XFEL, der Europäische Spallationsneutronenquelle ESS, dem Ionenbeschleuniger FAIR oder dem Cherenkov Telescope Array (CTA).

Aber der Blick auf potenzielle Anwendungen der Grundlagenforschung erfordert nicht nur stabile Rahmenbedingungen, sondern auch interdisziplinäre Ansätze. Und wenn man sich hier auf dem Campus umschaut, sieht man auch, dass vielfältige Partner vertreten sind:

EMBL, HZG oder auch die MPG, um nur wenige Beispiele zu nennen. Ein zentraler Kooperationspartner ist natürlich auch der European XFEL, an dessen Entwicklung und Bau DESY einen maßgeblichen Anteil hatte und dessen Beschleuniger DESY betreibt!

Neben dieser sehr erfolgreichen Kooperation mit zahlreichen Partnern der Grundlagenforschung baut DESY zudem zielgerichtet Kooperationen mit der Industrie auf – und dies auf vielfältige Weise. So zum Beispiel mit dem 2014 gegründeten DESY-Start-up „Class 5 Photonics“, das auf dem DESY Campus Lasersysteme produziert und inzwischen erfolgreich in verschiedene Länder exportiert. Dieses Thema ist bei DESY im Management sehr hoch aufgehängt.

Durch die Schaffung eines CTO, eines Central Technology Officer, der direkt dem Direktorium berichtet, ist DESY auch hier ein Vorreiter.

Dabei steht die Frage im Mittelpunkt: wie können Ergebnisse der Grundlagenforschung eines Tages in Produkte umgesetzt werden? Produkte, die dann im Arbeitsalltag nicht mehr wegzudenken sind und zum Beispiel von unschätzbarem Wert im Medizinbereich sein können. Ich unterstütze das Engagement von DESY, die Grundlagenforschung stärker auch an die wirtschaftliche und gesellschaftliche Anwendung heranzubringen, ausdrücklich.

An dieser Stelle möchte ich das Projekt Athena positiv herausstellen. Das ist ein wissenschaftlich faszinierender Ansatz einer alternativen, sehr kompakten Beschleunigertechnologie. Wenn die technische Machbarkeit demonstriert ist, könnten zukünftig Beschleuniger möglich sein, die bis zu einem Faktor 1000 kürzere Beschleunigerstrecken zulassen.

Mit solchen kompakten Beschleunigern könnte man an ganz neue Einsatzgebiete denken, z.B. an Anwendungen in Kliniken zur Strahlentherapie. Oder an Einsatzgebiete für die Lithografie in der Halbleitertechnik.

Ich freue mich, dass es gelungen ist, mit Prof. Leemans einen weltweit anerkannten Spitzenforscher als Direktor am DESY zu gewinnen und aus den USA nach Europa zurückzuholen Das zeigt: mit DESY können wir in Deutschland weltweit um die besten Forscher und Forscherinnen konkurrieren!

Wenn Ihre Entwicklungen bei DESY zeigen, dass der Plasmabeschleuniger technisch möglich ist, wäre das eine wirkliche Sprunginnovation. Das sind genau die Ansätze, die Deutschland braucht, um Vorreiter in der in der Grundlagenforschung zu sein und gleichzeitig auch Perspektiven für die Anwendung zu öffnen.

Ein entscheidender Punkt ist der richtige Ansprechpartner, der die Bedürfnisse der Industrie kennt und entsprechende Angebote unterbreiten kann. Auch ein aktives Zugehen auf potentielle Partner gehört zum erfolgreichen Handeln dazu. Aber ebenso wichtig – wenn nicht gar wichtiger – ist die Unterstützung im eigenen Haus, wenn junge Mitarbeiter den Schritt zu einer Unternehmensgründung wagen wollen.

Um dies umzusetzen, bedarf es neben einer guten Beratung auch einer entsprechenden Infrastruktur, wie z.B. das DESY „Innovation Village“, welches Räumlichkeiten für eine erste Gründungsphase anbietet. Und der Erfolg gibt DESY recht: Das „Innovation Village“ ist bereits vollständig belegt!

Daher hat der Bund 95 Mio. Euro für ein integriertes Technologie- und Gründerzent-rum bereitgestellt. Erste Schritte zur Realisierung sind bereits im Gange. Ich bin überzeugt, dass dieses Geld für den Wissens- und Wirtschaftsstandort Deutschland gewinnbringend angelegt ist und zukünftig neue Unternehmen mit völlig neuartigen Produkten am Markt starten werden.

Glücklicherweise hat DESY nicht damit begonnen, sich auf derartigen Lorbeeren auszuruhen, sondern sich bereits Gedanken dazu gemacht, was auf einem Festakt zum 70. oder 80 Jubiläum Gegenstand sein könnte:

DESY hat letztes Jahr seine Strategie 2030 vorgestellt und seine Schwerpunkte in Wissenschaft und Innovation sowie in der Weiterentwicklung der großen Forschungsanlagen festgelegt. Hierbei ist für mein Haus vor allem entscheidend, was durch diese Neuerungen erreicht werden soll!

Welche Erkenntnisse wären mit den neuen Forschungsanlagen möglich? Welche Auswirkungen hat dies auf die Felder des gesellschaftlichen Bedarfs, wie z. B. Gesundheit oder Umweltschutz? Solche Erklärungen sind notwendig, um die Akzeptanz zu steigern und auch, um im Wettbewerb zu bestehen.

Sie sind auf dem richtigen Weg! Verfolgen Sie die Strategie 2030 konsequent weiter und adressieren Sie entsprechend die Felder des gesellschaftlichen Bedarfs – auf dass DESY zukünftig noch erfolgreicher sein wird, als es heute schon ist.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.