Fischsterben: „Der Mensch ist verantwortlich“

„Das aktuelle Fischsterben hat primär nichts mit der Hitze zu tun“, sagt Ökotoxikologe Thomas Meinelt vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei im Interview mit bmbf.de. Ursache seien die Eingriffe des Menschen in die Natur.

Derzeit sterben vermehrt Fische in deutschen Gewässern wie im Stausee Rötlen. Ein Grund dafür ist Sauerstoffmangel, der sich durch Eingriffe des Menschen in die Natur verschärft. © picture alliance/Jan-Philipp Strobel/dpa

Bmbf.de: Herr Meinelt, derzeit erlebt Deutschland eine Hitzewelle – und damit einhergehend vermehrtes Fischsterben. Wie kommt es dazu?

Das aktuelle Fischsterben hat primär nichts mit der Hitze zu tun. Die Ursache für den Tod der Tiere ist überwiegend Sauerstoffmangel – und der tritt vermehrt dort auf, wo der Mensch in die Gewässer eingreift. In natürlichen Gewässern gibt es kaum Probleme: Die Fische ziehen sich in tiefere Schichten zurück oder bleiben in schattigen Abschnitten von Bächen.

Aber die Hitze reduziert doch den Sauerstoffgehalt im Wasser…

Dr. Thomas Meinelt leitet die Arbeitsgruppe Fischpathologie, Ökotoxikologie und Stressökologie am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). © David Ausserhofer

Richtig. Steigt die Wassertemperatur, kann das Wasser weniger Sauerstoff aufnehmen. Wie gefährlich das für die Fische wird, ist jedoch vom Gewässertyp und der Tageszeit abhängig. In natürlichen Gewässern gibt es auch nachts einen geringen Sauerstoffeintrag durch Strömungen und Turbulenzen. In sogenannten staugeregelten Gewässern gibt es das nicht, sodass am frühen Morgen der Sauerstoffgehalt gegen Null gehen kann.

Warum?

Bei Sonnenlicht produzieren Pflanzen und Algen Sauerstoff. Über Nacht müssen Fische, Kleintiere und auch Pflanzen damit auskommen. Ist der Sauerstoff aufgrund der warmen Temperaturen ohnehin gering, ist die Zirkulation des wenigen Sauerstoffs lebenswichtig. Und damit kommen wir wieder zum Menschen: Der Mensch ist größtenteils für das Fischsterben verantwortlich. Denn er verbaut die Ökosysteme.

Kann die Wissenschaft etwas zum Schutz der Fische beitragen?

Wir erforschen sogenannte Stressoren – also alles, was die Fische stresst oder die Wasserqualität, das Fließverhalten oder die Struktur des Gewässers unnatürlich verändert. Letztlich können wir aber nur Empfehlungen abgeben. Und damit die Grundlage dafür legen, dass sich in der Gesellschaft etwas ändert.

Was müsste sich ändern?

Die natürliche Fließgewässerdynamik muss wiederbelebt werden – beispielsweise durch Strömung, Sand und Kiesbänke oder Totholz. Auch schattenspendende Pflanzen am Ufer können helfen. Zudem müssen Nährstoff- und Feinsedimenteinträge aus der Landwirtschaft reduziert werden! Das alles würde die Widerstandskraft der Wasserlebewesen fördern und deren Überleben nachhaltig sichern.

Macht Ihnen das aktuelle Fischsterben Sorgen?

Bisher ist noch alles normal: Hitze- und Dürreperioden kommen und gehen. Dabei werden immer wieder Fische sterben. Aber die Fischbestände werden sich rasch erholen. Vielmehr besorgt mich, dass der Mensch auch noch die letzten intakten Gewässer zerstören könnte. Um Wasserkraft zu erzeugen, wird verstärkt Wasser aufgestaut oder zurückgehalten. Das verschärft die Situation bei jeder weiteren Hitzeperiode. Wir tun also das genaue Gegenteil von dem, was zum Schutz der Fische nötig wäre.

Herr Meinelt, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Forschen für die Zukunft unserer Gewässer

Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) ist das bundesweit größte und eines der international führenden Forschungszentren für Binnengewässer. Dort arbeiten WissenschaftlerInnen aus Hydrologie, Chemie, Physik, Mikrobiologie, Limnologie, Fischökologie und Fischereibiologie unter einem Dach.

Die Vision des IGB ist das Verständnis aller grundlegenden Prozesse in Gewässern und deren Lebensgemeinschaften. Das Forschungswissen hilft, den globalen Umweltveränderungen zu begegnen und Maßnahmen für ein nachhaltiges Gewässermanagement zu entwickeln.