Fluchen für die Wissenschaft: Aktion „Sche1sstyp“ läuft an

Für die Behandlung von Diabetes Typ 1 gibt es einen bahnbrechenden neuen Ansatz. Bald können Kinder direkt nach der Geburt präventiv behandelt werden. Doch kaum jemand weiß das. Eine neue, provokante Kampagne soll das ändern.

Präsentation an der Spree: Deutschlandweit werden die provokanten Plakate zu sehen sein.

© Deckbahr/Helmholtz Zentrum München

Diabetes Typ 1 ist eine hinterhältige Krankheit. Sie schleicht sich langsam und unerkannt an, viele Menschen bemerken sie erst, wenn es schon fast zu spät ist: in der Notaufnahme. Typ-1 lässt einen nie in Ruhe, die Krankheit sorgt 24 Stunden am Tag für Stress. Bei jeder Kugel Eis, bei jeder spontanen Anstrengung kommt die Frage auf: Was ist mit dem Blutzuckerspiegel?

Das Immunsystem bekämpft bei Diabetes Typ 1 die körpereigenen Zellen, die Insulin produzieren. Ohne das Hormon aber kann keine Nahrung verarbeitet werden, ohne Behandlung ist das tödlich. Rund 150.000 Mal müssen sich Erkrankte in ihrem Leben deshalb Insulin spritzen. Aber selbst wenn die Therapie erfolgreich verläuft, sterben Typ-1-Diabetiker meistens früher. Um bis zu 18 Jahre senkt die Krankheit die Lebenserwartung.

Jedes 250. Kind unter 18 Jahren erkrankt daran, damit ist sie die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindes- und Jugendalter. Wie schön wäre also eine Welt ohne Diabetes Typ 1. Und genau das hat sich eine Forschungsgruppe des Helmholtz Zentrums München vorgenommen. Der Plan ist ambitioniert: Innerhalb der kommenden Jahrzehnte soll die Krankheit so gut wie ausgerottet werden. „A World Without 1“ heißt das Programm, das unter anderem vom Bundesforschungsministerium unterstützt wird.

Pulver wird mit der Nahrung eingenommen

Möglich macht das eine vollkommen neue Behandlungsmethode, die auf Prävention setzt. Zwar kann eine Erkrankung an Typ-1-Diabetes noch immer nicht geheilt werden. Dafür können die Forschenden aber mit einem Gentest schon bei Säuglingen ein erhöhtes Risiko für eine spätere Erkrankung erkennen. Wer eine mindestens 25-fache Wahrscheinlichkeit hat, die Krankheit später zu entwickeln, kann sofort präventiv behandelt werden.

Die Kinder bekommen Insulin, allerdings nicht in Spritzen, sondern als Pulver. Das Hormon soll auch nicht, wie sonst üblich, den Blutzuckerspiegel senken – denn es gibt ja noch keine offensichtlichen Beschwerden. Vielmehr soll der Stoff in einer niedrigen Dosierung helfen wie eine Hyposensibilisierung: Der Körper gewöhnt sich an das Insulin und akzeptiert es, anstatt es zu bekämpfen. Diabetes bricht gar nicht erst aus. Der Effekt wurde in einer breiten Studie in Bayern, Niedersachsen und Sachsen beobachtet. Alleine in Sachsen wurden bereits 35.000 Neugeborene untersucht. In Bayern beteiligen sich schon mehr als 600 Kinderärzte.

Das Pulver wird den Kindern einfach mit der normalen Nahrung verabreicht. Nebenwirkungen sind noch keine bekannt. Doch bislang wissen nur Experten oder bereits Betroffene von der neuen Methode. Um das zu ändern, hat das Helmholtz Zentrum München eine neue, provokative Kampagne gestartet. „Sche1sstyp“ lautet der Name des Projekts, das jetzt in Berlin vorgestellt wurde. Deutschlandweit werden die Plakate in den kommenden Wochen zu sehen sein. Sie sollen auch unbeteiligte Menschen dazu bringen, sich mit der Krankheit zu befassen.

„Eine Welt ohne Diabetes Typ 1 ist eine realistische Vision“, sagt Annette-Gabriele Ziegler, die das Institut für Diabetesforschung am Helmholtz Zentrum München leitet. „Ich bin zuversichtlich, dass wir den Durchbruch schaffen können.“ Ziegler verlangt, dass mehr über die Krankheit gesprochen werden muss. Denn: „Je früher die Therapie ansetzt, desto größer ist die Chance.“