Flugchaos zur Ferienzeit? Muss nicht sein!

In den Ferien arbeiten viele Flughäfen jenseits der Kapazitätsgrenze. Spritverschwendung und Ärger am Boden sind die Folge. IT-Experte Junge spricht über ein vom BMBF gefördertes Projekt, das die Flughäfen besser vernetzen und Abhilfe schaffen soll.

Ein Flugzeug setzt zur Landung in Berlin-Schönefeld an. Zur Ferienzeit wird es an deutschen Flughäfen wieder voll. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Herr Junge, nicht nur in Berlin gibt es Probleme mit den Flughäfen, überall kommt es zu Ferienbeginn zu massiven Verspätungen, Ausfällen und ganz viel Frust. Was könnte man dagegen tun?

Jörg Junge: Viele Prozesse könnten effizienter, aber vor allem auch sicherer gestaltet werden – davon würden die Fluggäste also profitieren. Es handelt sich um ein Zusammenspiel von Flugleitung, den verschiedenen Flughäfen und Flugsicherungen. Zwischen diesen Akteuren werden schon jetzt große Datenmengen ausgetauscht – aber noch längst nicht genug.

Warum ist das so?

Weil jedes System, das sich für einen Datenaustausch öffnet, auch offen ist für Angriffe von außen. Sie müssen sich das vorstellen wie einzelne Inseln. Jeder Flughafen hat viele Jahre lang sein eigenes Ding gemacht, da kommen zum Teil Konzepte zum Einsatz, die mehr als 50 Jahre alt sind. Durch ihre bewiesene Zuverlässigkeit werden diese Konzepte aber auch in den nächsten 20 Jahren nicht verschwinden. Diese Technologien sind nach einer Verbindung untereinander jedoch im Vergleich mit aktuellen Technologien einfacher zu überwinden.

Das war bislang kein Problem, weil sie eben nur für sich als Insel standen. Wenn Sie jetzt aber anfangen eine Brücke zu bauen, kann potentiell auch von außerhalb Zugriff genommen werden. In Europa klappt der Datenaustausch übrigens schon ganz gut, da wird viel kommuniziert. Die Behörde Eurocontrol stellt aber dafür eine eigene, abgeschottete Infrastruktur bereit.

Was macht die genau? Können Sie ein Beispiel nennen?

In Europa herrscht ein sehr dichter Flugverkehr. Mit dem Datenaustausch können an den Flughäfen die Abstände zwischen den startenden und landenden Flugzeugen möglichst gering gehalten werden. Vor allem wird vermieden, dass Flugzeuge unterwegs schneller als nötig fliegen, nur um dann am Zielort Warteschleifen drehen zu müssen, weil kein Slot für die Landung verfügbar ist. Dadurch wird nicht nur Stress vermieden, sondern auch unnötiger Lärm und Spritverschwendung.

Lassen sich auch die Kapazitäten der Flughäfen generell erhöhen?

Grundsätzlich ja. Je enger man den Abstand zwischen den Maschinen gestalten kann, desto mehr Menschen können landen und abfliegen. Aber natürlich nur, wenn am Boden auch die entsprechende Infrastruktur besteht.

IT-Experte Jörg Junge will die Abläufe an Flughäfen effizienter und sicherer machen.
IT-Experte Jörg Junge will die Abläufe an Flughäfen effizienter und sicherer machen. © Jörg Junge

Lässt sich denn am Boden durch Vernetzung auch noch etwas verbessern?

Da ist ehrlich gesagt nicht mehr viel Verbesserung möglich – jedenfalls nicht mehr im Bereich Effizienz. Hier geht es vor allem darum, die Systeme dauerhaft sicher zu halten. Einzig das Boarding des Flugzeugs könnte man potentiell mit modernen Technologien noch etwas beschleunigen – nehmen Sie sich das berührungslose Zahlen an Supermarktkassen als Beispiel. Schon heute nutzen ja viele Flugreisende eine Smartphone App an Stelle eines Tickets.

Welche Art oder welchen Grad an Vernetzung wünschen Sie sich?

Zum Beispiel im Bereich der lokalen Wetterdaten über den Ozeanen liegt noch einiges an Potenzial. Wenn den Piloten lokale  Wetterbedingungen frühzeitig übermittelt werden, können sie diese umfliegen, oder positive Wetterbedingungen besser nutzen – wie zum Beispiel optimale Strömungen, sozusagen „Rückenwind“. Es gibt erste Versuche, dass sich die Flugzeuge untereinander „absprechen“, aber das steckt noch in den Kinderschuhen. Um ein solches System wirklich effizient zu nutzen, müssten auf jeden Fall auch der Start- und Zielflughafen miteinbezogen werden.

Sie wollen den Datenaustausch sicher machen. Wie gehen Sie dabei vor?

Am Anfang steht eine Analyse der Schwächen. Wir schauen, wo sich die Betreiber vielleicht noch gar nicht um Sicherheit gekümmert haben. Anschließend schauen wir uns an, auf welchen Wegen ein Flughafen mit der Außenwelt Kontakt hat, wo er vielleicht im offenen Internet aktiv ist. Besonders achten wir auch auf das Spannungsfeld zwischen Betriebssicherheit und IT-Sicherheit…

…was ist da genau der Unterschied?

Vereinfacht gesagt: Wenn im Bereich eines Flughafens neue Komponenten installiert werden, dürfen diese danach eigentlich nicht mehr verändert werden, damit die Betriebssicherheit gewährleistet ist. Ein System des Stillstands  widerspricht aber natürlich der Sicht der IT-Sicherheit, hier muss im Gegenteil ständig weiterentwickelt werden. Da beißt sich die Katze, wie man so schön sagt, in den Schwanz. Wir entwickeln jetzt eine Entscheidungsmatrix, die wir den Betreibern an die Hand geben können, die ihnen bei dieser schwierigen Balance hilft.

Warum treten diese Schwierigkeiten vor allem im Bereich der Flugsicherung auf?

Ganz einfach: Weil es um hunderte Menschenleben geht! Wenn die Betriebssicherheit nicht mehr gewährleistet ist, kann das fatale Folgen haben. Sollten bei den vorgegebenen rigorosen Tests oder bei Simulationen  nur ein einziger später real eintretender Betriebszustand vergessen worden sein, kann das zu schweren Konsequenzen führen. Deshalb wird ein System, das einmal abgenommen ist und sich bewährt hat, im Regelfall nicht wieder angefasst. Sowohl die Betreiber, die Hersteller solcher Systeme und die Aufsichtsbehörden unternehmen alles menschenmögliche, um eine bestmögliche Betriebssicherheit zu gewährleisten, nicht umsonst ist das Flugzeug das sicherste Verkehrsmittel überhaupt.

Herr Junge, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Projekt

Jörg Junge ist IT-Experte bei der FREQUENTIS COMSOFT GmbH, die das Projekt zusammen mit dem FZI Forschungszentrum Informatik in Karlsruhe, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) in Köln und der Gesellschaft für Raumfahrtanwendungen mbH (DLR GfR) in Weßling betreut. Das BMBF fördert das Vorhaben bis 2022 mit rund 1,4 Millionen Euro.