"Förderung hilft uns dabei, über Ländergrenzen hinweg zu forschen"

Melanie Bergmann, Meeresforscherin am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, über die Auswirkungen von Mikroplastik auf unseren Planeten und darüber, warum die internationale Zusammenarbeit gerade beim Problem "Plastik" so wichtig ist.

Melanie Bergmann, Meeresforscherin am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven © Alfred-Wegener-Institut /Sina Löschke

Frau Bergmann, welche Rolle haben die Meere für unseren Planeten?

Die Ozeane sind eine wichtige CO2-Senke. Das bedeutet, dass die Algen in den Meeren das Kohlendioxid aufnehmen und neuen Sauerstoff an die Atmosphäre abgeben. In Zeiten des fortschreitenden Klimawandels sind die Ozeane deshalb besonders wichtig.

Welche Auswirkungen kann Plastik auf diese wichtige Funktion haben?

Das können wir derzeit noch nicht sagen. Auch nicht, ob es überhaupt einen Einfluss auf diese Funktion haben wird. An Süßwasseralgen hat man nachgewiesen, dass Nanoplastik die Photosynthese senkt. Es könnte sein, dass es bei Meeresalgen ähnlich ist. Hier haben wir allerdings noch keine Forschungsergebnisse, die eine solche These stützen.

Was bedeutet Mikroplastik für Fische und andere Meeresbewohner?

Die Plastikpartikel sind so klein, dass Meerestiere sie besser als größere Müllstücke über die Atemwege oder die Nahrung aufnehmen. In 172 Tierarten hat man schon Mikroplastik nachweisen können. Unter anderem auch in Heringen, Kaisergranat, Muscheln und Nordseekrabben. Letztere werden im Ganzen verzehrt, inklusive Magen-Darm-Trakt. Ob eine gesundheitliche Gefährdung für den Menschen besteht, ist noch unklar.

Die Initiative JPI Oceans (Joint Programming Initiative "Productive and Healthy Seas and Oceans") ist ein europäisches Gemeinschaftsprojekt, an dem sich zehn europäische Staaten beteiligen. Die Forschung beginnt zum Ende des Jahres 2015.

Sind die Partikel denn giftig?

Teilweise ja. Hier muss man differenzieren. Vielen Kunststoffen werden bereits bei der Produktion zum Teil bedenkliche Zusatzstoffe hinzugefügt, um bestimmte Eigenschaften zu erreichen, zum Beispiel Weichmacher, oder Stoffe, die die Flammbarkeit verringern. Aufgrund ihrer polaren Oberfläche bieten Mikroplastiks Giftstoffen aus dem Oberflächenwasser des Meeres eine willkommene Oberfläche, an die sie sich anhaften und eventuell anreichern. Wenn Meerestiere diese Partikel aufnehmen, dann nehmen sie auch die Giftstoffe mit auf. Was im Organismus passiert, wissen wir noch nicht.

Warum ist es wichtig, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Förderprogramm „Mikroplastik in marinen Systemen“ gestartet hat?

Wir sind sehr dankbar, dass unsere Forschung unterstützt wird. Sehr viele Fragen sind noch unbeantwortet. Die Förderung hilft uns dabei, über Ländergrenzen hinweg mit anderen Forschern zusammenzuarbeiten. Gerade bei der dringend erforderlichen Standardisierung der Messmethoden und Validation bereits gesammelter Ergebnisse ist es immens wichtig, dass sich viele Institute beteiligen, um sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene einheitliche Methoden entwickeln zu können. Und diese brauchen wir dringend, wenn wir die Verbreitung von Mikroplastik erfassen wollen. Dieses Wissen und auch Ergebnisse, zu den Auswirkungen auf Meeresorganismen und Mensch ist wiederum notwendig, um die Politik und Industrie zu überzeugen, die nötigen Schritte zu einer Reduktion des Eintrages zu unternehmen.

Der Weg des Plastiks - so gelangt der Müll in die Meere
Der Weg des Plastiks - so gelangt der Müll in die Meere © Projektträger Jülich im Auftrag des BMBF