Fonds für attraktive Ortszentren

Aus neuen Fonds finanzieren Kommunen lebendige Ortszentren. Die Budgets erfanden sie gemeinsam mit Forschenden. Zwei Beispiele, wie sich denkmalgeschützte Fachwerkhäuser, ungenutzte Gebäude oder Brachflächen zu attraktiven Lebensräumen wandeln.

Fachwerkhäuser
Die Bürgergenossenschaft Mündener Altstadt hat ein marodes Fachwerkhaus saniert. (Das Bild zeigt Fachwerkhäuser in Schwäbisch-Hall) © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Das „9mal24-Stunden-Haus“ mitten in Hann.Münden ist ein saniertes Fachwerkhaus mit roten Holzbalken und weißem Putz, in dem Künstlerinnen und Künstler leben, arbeiten und ihre Mitmenschen zur Kultur laden. Das Zahlenspiel im Namen erzählt seine Geschichte. In neunmal 24 Stunden – neun Tage am Stück – sanierten Menschen aus ganz Deutschland das marode Gebäude aus dem 17. Jahrhundert. Menschen zwischen acht und 80, die sich bis dahin nicht kannten, arbeiteten gemeinsam und unentgeltlich. „Die Verkäuferin arbeitete neben dem Kriminalbeamten, die Journalistin neben dem Hotelier“, erzählt Friedhelm Meyer, der Vorstand der Bürgergenossenschaft Mündener Altstadt. Der Genossenschaft gehört das Haus im Zentrum der niedersächsischen Kleinstadt Hann.Münden, sie rief die Aktion „9mal24-Stunden“ ins Leben.

Ein Fonds für bürgerschaftliches Engagement

Nach dem Nonstop-Arbeitseinsatz feierten alle Richtfest im historischen Gemäuer. Es entstand eine „grandiose, dauerhafte Gemeinschaft“, so Meyer, die sich fortan um weitere marode Häuser in der Innenstadt kümmert. Von ihren Ideen profitieren nun auch andere Initiativen im ganzen Land. Die Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler um Friedhelm Meyer brachten ihre Erfahrungen in den neuen „Bürgerfonds“ ein, den die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Fachwerkstädte gemeinsam mit der gemeinnützigen Stiftung trias entwickelte. Dieser „Bürgerfonds“ unterstützt bundesweit bürgerschaftliches Engagement für denkmalgeschützte Gebäude. Gefördert vom Bundesforschungsministerium, startete der Fonds nach dreijähriger Forschungs- und Erprobungsphase zum Jahresbeginn.

Ein Fonds für kommunale Zusammenarbeit

36 zusammen ergibt ein gemeinsames Ganzes. So lautet, um im Zahlenspiel zu bleiben, die Rechnung des Landkreises Nienburg/Weser, des zweiten Beispiels für neue Fonds. 36 Städte und Gemeinden, der Landkreis und sein Nachbarkreis Gifhorn schlossen sich zum Forschungsprojekt „Kommunaler Innenentwicklungsfonds (KIF)“ zusammen – für eine gemeinsame Zukunft und für lebendige Ortszentren. Daraus entstand ein freiwilliger KIF-Fonds, der ebenfalls zum Jahresanfang 2020 startete. Dient der „Bürgerfonds“ aus dem ersten Beispiel dem bürgerschaftlichen Engagement, so ist „KIF“ eine Finanzquelle für die Kommunen selbst. „Die Gemeinden entwickeln damit ihre Region gemeinsam – über Gemeindegrenzen und Standortdenken hinaus.“, beschreibt Projektleiterin Marta Jacuniak-Suda den solidarischen Gedanken von „KIF“. Wohnen, Soziale Infrastruktur, Lokale Wirtschaft und Frei- und Grünflächen – diese Bereiche sollen mit gemeinsamen Geldern in den Ortszentren neu gestaltet werden. Dafür hat Umweltwissenschaftlerin Jacuniak-Soda u.a. mit Partnerinnen und Partnern aus den Gemeindeverwaltungen, dem Landkreis, der Georg-August-Universität Göttingen entsprechende Kriterien erstellt. Das Bundesforschungsministerium hat auch dieses innovative Finanzierungsmodell ermöglicht.

Was braucht die Region für ihre Bürgerinnen und Bürger, was soll wo gestärkt werden? Diese übergreifenden Fragen standen am Beginn von „KIF“. In Interviews und Workshops für die kommunalen Köpfe erhielten diese Themen konkrete Gestalt. Dann entstanden das Fondsmodell und seine Bewertungskriterien. In einem Planspiel erprobten die zuständigen „KIF“-Kolleginnen und Kollegen dann ihre künftige Arbeit. „Das war ein echter Meilenstein“, sagt Jacuniak-Suda. Es zeigte sich: Die Theorie funktioniert auch in der Verwaltungspraxis.

Die finanziellen Details

Wie funktionieren die beiden Fonds nun im Detail? Der „Bürgerfonds“, an dem die Hann.Mündener Genossenschaft des „9mal24 Stunden-Hauses“ mitarbeitete, fördert bürgerschaftliche Gruppen mit wenig Eigenkapital. Mit den Fonds-Geldern kauft die gemeinnützige Stiftung trias die betreffenden Grundstücke, die Gruppen brauchen nur die Gebäude zu kaufen. Diese Aufteilung bietet den ehrenamtlichen Initiativen neben dem finanziellen Rückenhalt auch Planungssicherheit. Sie erhalten zum Beispiel unkomplizierter Kredite für die Sanierung, können sich zudem darauf verlassen, dass das Grundstück langfristig im Stiftungsbesitz bleibt – und sie ihr Gebäude dauerhaft für Wohnen, Kultur oder Begegnung nutzen können. Sie können sich damit gesichert auf ihre Gebäude selbst und deren neues Leben konzentrieren – ähnlich der Hann.Mündener Genossenschaft, die mittlerweile vier Häuser besitzt.

„Wir brauchen diese Initiativen, um historische Innenstädte zu erhalten,“ begründet Forschungskoordinator Manfred Gerner von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Fachwerkstädte die Idee des „Bürgerfonds“, „sie sind eine starke Kraft in den Kommunen“. Die Gelder für den Fonds sollen aus unterschiedlichen Quellen stammen, kommunalen wie privaten. Als revolvierender Fonds soll er selbst auch Einnahmen für weitere Projekte erwirtschaften.

In den zweiten neuen Fonds, den „KIF“, zahlen die Gemeinden und der Landkreis Gelder ein, anteilig nach einem speziellen Schlüssel. Und auch die Landesregierung Niedersachsens will Mittel beisteuern. Gefördert werden ausschließlich Projekte in der Region, die Gebäude oder Flächen in den oft historisch gewachsenen Zentren neu beleben, statt außerhalb der Gemeindegrenzen neue Flächen zu versiegeln. Die Kommunen bewerben sich im Wettbewerb um die Gelder. Wer die gemeinsame kommunale Jury überzeugt, bekommt finanzielle Zuschüsse aus dem Fonds. Im Wettbewerb sind derzeit u.a.: Ein kultureller Begegnungsort in einem ehemaligen Molkereigebäude - mit Museum, einer Markthalle für regionale Produkte und einem Veranstaltungsraum. Eine Filteranlage für einen Stall, damit in der Nachbarschaft neue Wohnungen im Ortszentrum entstehen können. Ein neuer Sportplatz am Standort des alten.

Kommunen innovativ

Der „Bürgerfonds“ und „KIF“ entstanden in der Fördermaßnahme „Kommunen innovativ“ – einem Engagement des Bundesforschungsministeriums vor allem für Städte und Gemeinden in ländlichen Regionen. Beide Fonds sind unkonventionelle Budgets für lebendige, vielfältige Innenstädte. Damit sind sie deutschlandweit modellhaft.​