Forschen, damit die Meere nicht weiter vermüllen

Ob als Plastikinsel oder auf dem Meeresgrund: Die Menge an Plastikmüll im Meer steigt immer weiter. Das soll sich ändern: Das Bundesforschungsministerium startet mit zehn EU-Staaten ein Forschungsprogramm, damit die Meere nicht zur Müllkippe werden.  

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka mit Melanie Bergmann (links) vom Alfred-Wegener-Institut und Antje Boetius (rechts) von der Universität Bremen. © BMBF

Trinkflaschen, Tüten, Cremes und Kleidung – alles aus Plastik. Und was der Mensch nicht mehr braucht, landet erst im Mülleimer und dann im Meer. Etwa 270 000 Tonnen Müll schwimmen als Plastikinseln auf den Meeren. Der Müllteppich im Nordpazifik hat heute schon die Größe von Deutschland und Frankreich zusammen. Ein Teil des Plastikmülls zerfällt durch Sonneneinstrahlung und den ständigen Wellenschlag in immer kleinere Stücke. Viele Fische und andere Meerestiere nehmen diesen Mikroplastik in sich auf – zum Beispiel auch Heringe, Krabben oder Krebse. Ob Mikroplastik auch eine gesundheitliche Gefährdung für den Menschen darstellt, ist bisher unklar.

“Mikroplastik im Meer ist ein grenzüberschreitendes Problem, das ein international abgestimmtes Vorgehen erfordert. Umso wichtiger ist diese gemeinsame europäische Initiative. Unser Ziel ist es, mögliche Gefahren für die Meere und den Menschen zu erforschen und ihnen dadurch wirksam begegnen zu können“, sagte Bundesforschungsministerin Johanna Wanka.

Das Meer immer mitbedenken

Wanka hatte zwei Meeresforscherinnen zur Konferenz eingeladen. Sie haben von ihrer Arbeit in der Tiefsee berichtet. Antje Boetius von der Universität Bremen und Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven unternehmen regelmäßig Forschungsreisen in einen Lebensraum, der schützenswert ist – für Mensch und Tier.

„Meere sind wie eine Lunge für unseren Planeten“, sagte Antje Boetius, Meeres- und Polarforscherin an der Universität Bremen. Die Meere nehmen das CO2 aus unserer Atmosphäre auf. Die Algen wandeln das Kohlendioxid durch Fotosynthese wieder in Sauerstoff um. „Ozeane haben eine ganz entscheidende Rolle für unser Klima, deshalb muss man das Meer bei allem, was wir tun, immer mitdenken“, sagte Boetius.

Europaweites Forschungsprogramm

Daher hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung ein europaweites Forschungsprogramm zum Thema Mikroplastik initiiert. In Zusammenarbeit mit neun weiteren Mitgliedsstaaten (Belgien, Frankreich, Irland, Italien, Niederlande, Norwegen, Portugal, Schweden, Spanien), startet im Februar erstmalig eine gemeinsame Förderbekanntmachung über alle zehn Länder hinweg zu  „Mikroplastik in marinen Systemen“, mit einer Gesamtfördersumme von über 7 Millionen Euro („Ecological aspects of marine microplastics“ der Joint Programming Initiative on Healthy and Productive Seas and Oceans). Das Bundesforschungsministerium unterstützt damit deutsche Forschungsorganisationen, sich an der Erforschung bisher unbeantworteter Fragen zum Mikroplastik zu beteiligen.

Fragen – davon gibt es derzeit noch sehr viele. Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut forscht am Tiefsee-Observatorium „Hausgarten“ in der Arktis. Sie hat durch eine Langzeitbeobachtung herausgefunden, dass sich die Menge an Plastikmüll auf dem Meeresgrund ihres Forschungsgebiets „Hausgarten“ zwischen 2002 und 2011 verdoppelt hat. Sie hat jährlich 800 Aufnahmen der arktischen Tiefsee gemacht und miteinander verglichen. Die Folgen dieser Vermüllung sind bedenklich: „Mikroplastik ist so klein, dass die Teilchen sehr gut von Fischen und anderen Meeresbewohnern aufgenommen werden können. Bisher konnte in 172 Tierarten Mikroplastik nachgewiesen werden“, sagt Bergmann. Zum Beispiel auch in Arten, die der Mensch zu sich nimmt wie Heringe, Langusten oder Kaisergranat. „Welche Auswirkungen Plastikteilchen für Mensch und Tier haben, kann bisher niemand genau sagen. Soweit ist die Forschung noch nicht“, so Bergmann.

Die zunehmende Vermüllung der Meere durch Plastik ist auch eines der Themen des diesjährigen G7-Gipfels in Deutschland. Geplant ist, dass die Ergebnisse aus den geförderten Projekten in einen gemeinsam formulierten Aktionsplan der G7-Wissenschaftsministerkonferenz zu Forschung und Innovation gegen Meeresvermüllung münden.

Wo kommt der Müll eigentlich her?

Etwa 80 Prozent des Plastikmülls im Meer stammt vom Festland. Beispielsweise kann der Wind Müll von küstennahmen Müllkippen wegtragen oder Touristen lassen ihr Leergut am Strand liegen. Auch die Überschwemmung von Abwasserkanälen kann zur Vermüllung des Ozeans führen. Nicht zu vergessen, sind auch Waschgänge mit Textilien, die synthetische Fasern enthalten. Sie werden in der Waschmaschine aus den Kleidungsstücken gewaschen. Kläranlagen können diese Partikel nicht herausfiltern. So gelangen die kleinen Plastikteile in den Wasserkreislauf. Die restlichen 20 Prozent des Mülls stammen aus der Fischerei. Hier handelt es sich zum Beispiel um den Müll, den Schiffe auf hoher See ins Meer kippen, aber auch um Abschürfungen von Fangnetzen, die über den Meeresgrund geschliffen werden.